Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 4 › Seite 26
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-10-13, Seite 26
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Urſprung nachweislich hiſtoriſch war, die viel⸗
leicht gar ſchon bei den vorchriſtlichen Inden ent⸗
ſtanden, oder vielleicht gar erſt von Aihanaſins
und Auguſtinus pecht begriffen worden waren?
Wozu dieſer Ballaſt und Subſtraten, wenn doch
Jeder, Religionslehrer und Zuhörer, die Tafel,
auf welcher das zur Seligkeit Nothwendige min⸗
deſtens auch geſchrieben ſtand, in ſeiner Vernunft
ſtets bei ſich rug? Endlich, die alte Kirche hatte
wohl gewußt, daß ſie das Argerniß der Juden
und das Thörichte vor der Welt predige; aber
ſie hatte auch gewußt, daß es die Thorheit Got—
tes ſei, daß dieſe göttliche Thorheit weiſer, als
die Menſchen iſt, daß ſie darum auch den Weiſe⸗
ſten der Weiſen zukonnne und daß man in dieſer
Thorheit Gottes reich und reif ſein kann und
braucht doch nur deſto mehr alle Tage der geiſtli—
Speiſung. Darum hatte ſie wohl für die Be⸗
handlung, aber nicht für den Inhalt der Predigt
Unterſchiede in der Gemeinde zwiſchen Gebilde—
ten und Ungebildeten, zwiſchen Mündigen und
Volk gekannt, ſondern hatte das eine Wort der
Buße und Vergebung im Namen Gottes gepre⸗
digt derg anzen Gemeinde, dem ganzen Volk. Und
in dieſer objectiven Haltung als eines von Gott
geſetzten Amtes hatte das Volk nicht die Perſo⸗
nen, aber das Amt geehrt. Wenn die Predigt
nicht mehr Mittheilung des Wortes Gottes, ſon⸗
dern Unterricht in den allgemeinen Vernunft—
wahrheiten war, konnte ſie da begehren, auch die—
jenigen, welche ſelbſt denken konnten, d. h. die
Gebildeten noch lehren zu wollen? Wer ſeinem
Herrn und Heiland eine ſpecifiſche Würde zuzu—
erkennen Bedenken trug, konnte der für ſein Pre⸗
digtamt irgend Ehre fordern? Mußte nicht das
Predigtamt ſich beſcheiden, Religionslehrer für
diejenigen, welche noch nicht denken konnten, für
die Kinder und das unmündige Volk zu werden,
bis ſie etwa auch aus der Schule liefen? So
war Vereinfachung, Verengung, Neduction auf
allen Seiten, die nothwendige Conſequenz.“
Wie ſcharf ſich dieß Alles in der Wirklichkrit
berausgebildet hat, das hat vielfach von äußern
Umſtänden abgehangen. Der Nationalismus
hat an einem Orte mehr, an einem andern weni⸗
ger Eiufluß auf Kirchenregiment und kirchliche
Geſetzgebung erlangt; auch waren ſeine Wir⸗
kungen bei zeinem früheren Auftreten in der zwei⸗
ten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch weit
verderblicher als ſpäter. Dennoch aber laſſen
ſich eine Reihe von Umgeſtaltungen des alten
Lehrweſens und der alten Lehrordnung nachwei—
ſon, welche ganz oder faſt allgemein geworden
ſind. Die Bibellectionen ſind ſchon längſt völ⸗
lis verſchwunden, denn man redete den Leuten
vor, daß namentlich das Alte Teſtament für uns
nur einen biſtoriſchen Werth habe und eigentlich
doch nur für die Juden gehöre; auch iſt der neu⸗
modiſche Geiſt ein vornehmer Geiſt, dem ſolch
einfaches Vorleſen und Zuhören ohne Gelegenheit
Neden zu halten und zu hören nicht zugemuthet
werdttz konnte; denſelben Weg iſt auch die Bi⸗
belauslegende Predigt gegangen und aus denſel⸗
ben Urſachen ſind die Predigten an den Apoſtel⸗
tagen, als angeblich katholiſch meiſt verſchwunden.
Von Predigten über die Evangelien kann in
dieſer Zeit um ſo weniger die Rede ſein, da ei⸗
nerſeits die Senſucht des Rationalismus nach
freier Textwahl oder nach Abwechslung zwiſchen
Evangelien und Epiſteln in ganzen Landeskir⸗
chen geſtillt worden iſt, und weil anderſeits die
ganze Predigtmethode darin beſtand, daß aus
dem Evangelio ein Lehrſatz nach eigner An—
ſicht, gewöhnlich ein moraliſches Thema gezo⸗
gen und ſolche Abhandlungsweiſe mit mehr oder
weniger oft auch ohne alle Beredtſamkeit durch—
geführt und auf ſolche Weiſe in allen Gottes⸗
dienſten verfahren wurde.
Der Katechismus, ſagt treffend Dr. Kliefoth,
ehedem das Laienſymbol, den Jungen gelehrt,
dem Volke vorgeſprochen, den Alten und Mün⸗
digen gepredigt, iſt zum Schulbuch geworden;
und wohl dem Chriſtenmenſchen, der ihn noch ge⸗
lernt hat, weil er das Glück hatte, einen noch
nicht mit der allgemeinen modernen Scheu vor
dem Gedächtnißwerk befallenen Lehrer zu treffen!
Wie jämmerlich und kümmerlich es an den meiſten
Orten inſonderheit mit der Katechismus⸗ oder
Kinderlehre in der Kirche geſtanden, dafür be—
darf es keiner weitern Nachweiſungen. Natür—
lich haben ſich unter ſolchen Umſtänden auch die
Katechismuspredigten verloren; denn, indem
man ſich auf die ſelbſtgemachten Krücken der
Glaubens- und Sittenlehre verließ, meinte man
keiner zuſammenhängenden Erklärung des Kate⸗
chismus zu bedürfen.
Es war auch natürlich, daß die Gottesdienſte
an Sonn- und Wochentagen, die urſprünglich
für Bibelauslegung oder Katechismus beſtinmnt
waren, immer weniger beſucht wurden; denn es
wurde darin nichts dieſem Zwecke gemäßes dar—
geboten, ſondern nur das, was man bei dem ge⸗
wöhnlichen Hauptgottesdienſte fand; deßhalb
fand ſich die Gemeinde lieber zu dieſen gelegenen,
als zu jenen ungelegenen Stunden ein, auch weil
auf dieſe Weiſe der Gottesdienſt für die ganze
Woche in etwas mehr als einem Stündchen ab—
gemacht werden konnte, und ſo ſind endlich die
meiſten jener außerordentlichen Gottesdienſte ein—
geſtellt worden und damit ſind auch die Stellen für
die an ſie geknüpftedehrformen verloren gegangen.
Wir haben bisher unſer Augenmerk nur auf
den Gang der verſchiedenen Richtungen in der
Kirche, ſo wie auf den Einfluß gerichtet, den ſie
auf die Umgeſtaltung der einzelnen Lehrformen
gehabt haben. Wir müſſen aber ſchließlich doch
noch einen Blick darauf richten, was unter dem
Einfluße diegſer Richtungen aus den Gemeinden
geworden iſt. Wenn wir die lutheriſche Kirche
im Ganzen betrachten und von einzelnen Aus—
nahmen abſehen, ſo hat es darin ſeit der Mitte
des 17. Jahrhunderts keine Überlieferung der
bibliſchen Geſchichte und ſeit der Mitte des 18.
keine feſte und unverkürzte Mittheilung der Lehre
mehr gegeben. Was das erſtere betrifft, ſo wird
Niemand läugnen können, daß die Kenntniß der
bibliſchen Geſchichte und der Hiſtorie des Chri—
ſtenthums in den Gemeinden ganz erloſchen iſt
mit alleiniger Ausnahme des noch nicht Vielen,
was an manchen Orten in neueſter Zeit durch
den Schulunterricht angepflanzt wurde, ſelbſt
hinſichtlich der noch eher bekannten Neuteſtament—
lichen Geſchichten wird es nicht gar viele Gemein⸗
deglieder geben, die nur die hauptſächlichſten, z.
B. die Weihnachts- und Oſterhiſtorie im Einzel⸗
nen und genau wiſſen. Dieſer Mangel aber iſt
von den ſchwerſten Folgen; man findet wenig
oder nichts von bibliſchem Stoff vor, worauf in
der Predigt fortgebaut werden könnte und dann
hat dieſe allgemeine Unkenntniß der Bibel und
namentlich des geſchichtlichen Inhalts derſelben,
immer mehr den Nichtgebrauch der Bibel ſelbſt
nach ſich gezogen, was in dem Kliefoth'ſchen Auf⸗
ſatz in folgenden beherzigungswerthen Worten
nachgewieſen wird: „Jeder der ſich tiefer um
dieſe Angelegenheit bekümmert hat, weiß, daß
von der h. Schrift in allen Klaſſen der Gemein⸗
den nur ein ſehr ſpärlicher Gebrauch gemacht
wird, daß ſelbſt die lebendigen Chriſten unſerer
Tage lieber andere Schriften als die Bibel leſen,
und daß ſie den Auffordernngen dazu wie aus
Einem Munde entgegen halten: Die Bibel ſei
ihnen zu fern, fremd und uuverſtändlich, und ſie
hielten ſich lieber an andere Erbauungsbücher,
welche ihnen den Schriftgehalt vermitteln und
näher brächten. Es hat das den ganz einfachen
Grund, daß ihnen, in der Jugend nicht mit bib⸗
liſcher Geſchichte bekannt geworden, immer wenn
ſie die Bibel aufſchlagen die geſchichtlichen Situa
tionen fremd und die Sprache ſchwierig erſcheint,
während andere Erbauungsbücher ihnen die Stoffe
mundrechter liefern. Aber daran knüpft ſich
auch jenes unſelige Durcheinanderleſen, alter
und neuer, kirchlicher und methodiſtiſcher, pieti⸗
ſtiſcher und myſtiſcher, proſaiſcher und poetiſcher
Erbauungsbücher, aus welcher gemiſchten Nah⸗
rung dann alsbald bei jenem Mangel an feſtem
Schriftgrund und Lehrgrund jene geiſtliche Ge—
nußſucht, jenes Haſchen nach Pikantem und Über⸗
reiztem und jene Empfänglichkeit für jegliche ſen⸗
timentale Schwärmerei reſultirt, an denen in
unſern Tagen ſo mancher chriſtliche Keim erſtirbt f
oder mindeſtens widerlich entartet.
Daß es aber mit der Erkenntniß der Lehre
ſelbſt noch weit mißlicher ſtehe, lehrt, leider die
Erfahrung; denn geſetzt, daß Einige noch den
Text des Katechismus und vielleicht auch die
Auslegung, ſo wie eine Anzahl Sprüche wiſſen,
ſo iſt doch dieſes Wiſſen ein Teig, der durch eine
Maſſe Sauerteig von allerlei falſcher oder ver—
fälſchter Lehre alſo durchſäuert iſt, daß man kaum
einige geſunde Brocken herausfinden kann, wovon
ſich Jeder überzeugen wird, der einmal genaue
Umfrage z. B. über die Lehre von Taufe und
Abendmahl, Beichte und Abſolution halten will.
Endlich ſind auch nicht zu überſehen die Maſ⸗
ſen von allerlei Vorurtheilen, welche ſo häufig
dem armen Chriſtenvolk von Kindheit auf gegen
bibliſche Geſchichte und Lehre beigebracht worden
ſind. Da hat mancher nur von einzeluͤen los⸗
geriſſenen Stücken der Bibel mit einem ſchaalen
läſterlichen Witzwort begleitet gehört, als daß
die Israeliten der Egypter Gefäße entwendet
haben, daß Bileams Eſelin geredet, daß die
Sonne auf Joſuas Wort ſtill geſtanden und
dergleichen; wenn man nun ſolche Leute auffor⸗
vert, doch ſelbſt einmal dieſe Geſchichten und die
Bibel im Zuſammenhange zu leſen, ſo bekommt
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