Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 3 › Seite 20

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-29, Seite 20

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— 20——

mel. — So weit hat, in den angegebenenStücken,
die Reformirten der Bernu uftgeiſt verführt,
daß ſie nicht glauben wollen, was ſie nicht be⸗
greifen können. Solcher Vernunftgeiſt iſt aus
der reformirten Kirche auch in unſere Kirche ein⸗
gezogen, und hat Geiſtlichkeit und Gemeinden
ſo eiugenommen, daß nichts als traurige Unge⸗
wißheit ſich findet, und beinahe ſo viel Glau⸗
bensmeinungen als Leute ſind. Wider dieſen
falſchen Vernunftgeiſt wollen wir Zeugen ſein,
die wir Glieder der Kirche Augsburgiſcher Con-
feſſion, evangeliſch⸗lutheriſch heißen, und die
Herrlichkeit und Majeſtät des Wortes Gottes
rühmen.

Ja mögen auch die Männer des Zeitgeiſtes,
von denen leider unſre Kirche voll iſt, noch ſo ſehr
mit hohen Worten daher fahren — wir laſſen

mns nicht von falſchem Schimmer blenden — wir

wiſſen, Gottlob! was wir haben, und wir laſ⸗
ſen uns unſer Kleinod weder durch Liſt noch Ge⸗
walt entreißen. Wir wiſſen, daß eine Kirche
nur dann „würdig, kraftvoll, Zutrauen er⸗
regend ihren Freunden, Achtung gebietend ihren
Gegnern,“ vaſtehen kann, wenn ſie ſich auf
ein bibelgemäßes Bekenniniß grün⸗
det! — Darum wiederholen wir in einem an⸗
demn Sinne als die Prediger des Zeitgeiſtes:
Auf, ihr tvangeliſch-lutheriſchen Brüder, und
ſchaart euch um eure ehrwürdige Augsbur—
giſche Confeſſion! Jeder, er ſei Geiſtlicher
oder Laie, helfe bauen an den verfallenen Mauern

Icruſalems! Jeder ſchwinge muthig das Schwert
des Geiſtes und laſſe die Feinde wiſſen, daß

derrechte Gott ſei zu Zion! Er, der die
Herzen lenket wie Waſſerbäche, wird unſerer
Kirche treue Kinder wecken.

SSsSv=.:en:wrp wiſ.,,:e,
(Eingeſandt.)

Die Kirchen⸗Geſangbücher.)

Lieber Andreas.

Es iſt bereits ſchon mehr als ein Jahr verfloſ⸗
ſen, ſeitdem ich mit Dir durch die Briefe über
das „gemeinſchaftliche Geſangbuch“, welche du
im fünften Jahrgang des „Lutheraners“ an Dei—
neu Bruder Jakob geſchrieben haſt, Bekanntſchaft
machte, und ich habe mich in der That ſehr ge—

freut über die Gabe der Prüfung, die Dir durch

Gottes Gnade in Bezug auf Beurtheilung des
„gemeiuſchaftlichen Geſangbuchs“ verliehen iſt;
und ich hoffe, daß Dein Bruder Jakob unter-⸗
deſſen zur völligen ÜUberzeugung der Wahrheit ge—
konnwen ſei.

Allein, ich muß dir zu wiſſen thun, daß Deine
Briefe für piele andere wahrheitsliebende Luthe⸗
raner eine Anleitung waren, nach der Wahrheit
zu forſchen; und Deine Mühe, die Du Dir
nahmſt, wurde bei Vielen reichlich geſegnet; al⸗
ſo, daß nun unterdeſſen das „rein lutheriſche“
St. Lonis Geſangbuch in viele — vormals in
Dunkelheit und Gleichgültigkeit dahin tappen⸗
den — Glaubensbrüder, Familien und Gemein⸗—
den gekommen iſt, deren viele über dasſelbe ſich

*) Dieſer Brief iſt uns von einem uns perſönlich unbe⸗
kannten, zu unſerer Synode nicht gehörenden Leſer des Lu⸗
theraner zugeſendet worden. D. R.

ſehr freuen. Und in der That, welcher rechtgläu⸗
bige Lutheraner ſollte ſich nicht freuen, wenn man
gewahrt, welche Macht die Wahrheit in ſich hat,
im Kampf mit Irrthum und Finſterniß. Glück⸗
lich können wir uns ſchätzen, daß wir hier im
Abendlande Amerika wiederum ſingen können die
herrlichen Lieder unſerer geliebten luther. Kirche,
welche da iſt unſere geiſtliche Mutter, in welcher
wir durch das Waſſerbad im Wort von Sün⸗
den gewaſchen, aus Waſſer und Geiſt wiederge⸗
boren wurden; und durch das gnadenreicheEvan⸗
gelium erleuchtet, geſtärkt, getröſtet und befeſtiget
werden im Glauben an das theure vollgültige
Verdienſt unſers Herrn und Heilandes Jeſu
Chriſti, mit deſſen Gerechtigkeit wir bekleidet ſind
im Glauben; mit deſſen wahrem Leib und Blut
wir geſpeiſet und getränket werden im h. Altars⸗
Sacramente. Und, o! wie herrlich iſt es jetzt
wieder in vielen lutheriſchen Gemeinden, wo bei
der Predigt des göttlichen Worts das Geſetz von
dem Evangelio rechtſchaffen getheilt und geſchie—
den wird; wo ein rechtgläubiger lutheriſcher Pfar—
rer auch zugleich im Stande iſt ein ſolches Lied,
welches mit ſeiner Predigt in Harmonie ſteht, ſin
gen zu laſſen! Wie wohl iſt jetzt manchem
Pfarrer ums Herz, wenn er aus dem reichen
Schatz der reinſten Kernlieder ohne Mühe ein
Lied auswählt, welches auf den Sonntag in der
Kirche geſungen werden ſoll! Hinweg ſind nun
die Seufzer, die früher bei dem aus Noth ge—
brauchten „gemeinſchaftlichen Geſangbuche“ aus
dem Herzen der Pfarrer empor ſtiegen, wenn ſie
gern ein Lied zur Predigt wählen wollten, und
dennoch endlich keines vorfanden. Wie herrlich
ſind doch die Lieder der Kirche, ſie ſchmecken jetzt
ſüßer wie Honig und Honigſeim; ich meine, ſie
leuchten jetzt manchem heller als vormals, da
man ſie im alten Baterlande — an mehren Or—
ten als Antiquitäten betrachtete, — als Bücher,
die für unſere aufgeklärte Zeit nicht mehr paß—
ten; aber es iſt Gottlob bei Vielen ein beſſeres
Licht aufgegangen; alſo, daß man hungert und
dürſtet nach reinen unverfälſchten Kirchenliedern,
bei deren Gebrauch die Herzen voll heiliger Freude
in Paradieſes-Wonne bis zum Himmel entzückt
werden. Wie ſchön, herrlich und klar iſt z. B.
das Lied: „Es iſt das Heil uns kommen her,
aus Gnad und lauter Güte,“ und oft, wenn ich
es ſinge, fällt es mir ein, wie einſt Dr. M. Luther
Freudenthränen vergoß, als er es zum erſtenmal
von einem Bettelmann vor ſeiner Hausthüre ſin⸗
gen hörte, und begehrte, der Bettelmann möchte
es ihm doch noch einmal vorſingen. Wie klar
und deutlich iſt da Geſetz und Evangelium ge—
ſchieden, wie rein apoſtoliſch-pauliniſcher und
—laß michs reden — alt lutheriſcher Geiſt leuch⸗
tet da einem entgegen; anderer herrlichen Lieder
ähnlichen Inhalts nicht zu gedenken; und aber⸗
mal ſage ich, freuen muß man ſich, wenn man
gewahrt, wie durch der Wahrheit Glanz der
ſchwarze Schleier vor den Augen weichen muß.
Wahrlich! Chriſtus unſer Herr, der uns durch
ſeinen Gehorſam und Blutvergießen von Sünde,
Tod, Teufel und Hölle erlöſet hat, hat ſeine
wahre Kirche in Gnaden heimgeſucht, mögen wir
nur dieſe gnadenreiche Heimſuchung nicht verſäu⸗

men, auf das uns nicht ſiebenmal dickere Finſter⸗
niß überfalle. O! möchten die Buſchbewohner
deutſchen Geblüts insbeſondere zu Herzen neh—
men den „Zuruf aus der Heimath an die Luthe—
raner Amerikas“, welche herrliche Schrift im
Namen vieler Lutheraner Deutſchlands durch den
ehrwürvigen Pfarrer Löhe in Baiern an uns ge—⸗
ſchrieben wurde, welcher Zuruf uns ſo väterlich
ermahnt, zu ſingen die alten unverfälſchten Lie⸗
der der lutheriſchen Kirche. Fürwahr, werden
wir auf die Stimmen der Wahrheitszeugen mer⸗
ken, ſo wird gewiß der lutheriſchen Kirche noch
von vielen Seiten her Heil und Licht wiederfaͤh—
ren; indem bekannt iſt, daß mehrere Synoden
Amerikas dahin ſtreben, zurückzukehren zur alten
Wahrheit, zur Reformations-Zeit. — Schon
längſt freute ich mich, daß auch die alte Pennſyl⸗
vaͤniſche Synode ſich veranlaßt ſah, ein „luthe⸗
riſches Geſangbuch“ herauszugeben, welches,
dachte ich, dem Alt-Pennſylvaniſch-Lutheriſchen,
von dem ehrwürdigen Mühlenberg herausgege⸗
benen, ähnlich ſein ſollte. Allein, wie ſchrecklich
iſt man getäuſcht, daß, obwohl eine bedeutende
Anzahl alter Kernlieder ſich in dem bereits neu
herausgebenen „Deutſch lutheriſchem Geſang—
buch“ vorfinden, namentlich das alte „Guſtav
Adolfs Lied: Verzage nicht du Häuflein klein“,
— welchesLied ſelbſt im St.Louis Geſangbuch fehlt,
— dennoch viele andere Hauptlieder nicht daſelbſt
zu finden ſind, ſondern ein Miſchmaſch von der—
ſelben Sorte, wie man ſie bereits ſchon zuvor im
„Gemeinſchaftlichen Geſangbuche“ hatte. — In
dieſem „neuen lutheriſchen“ Pennſylvaniſchen
Geſangbuch befiudet ſich auch wiederum das Tu—
gendlied: „Nicht daß ichs ſchon ergriffen hätte,
die beſte Tugend bleibt noch ſchwach ꝛc.“ Ja,
ſelbſt in der daſelbſt ſich befindenden Rubrik:
„Das Vaterland“, findet ſich ein Lied, welches,
wie es ſcheint, dem „Washington“ gewidmet
ſein ſoll. Es heißt daſelbſt unter anderem: „Es
lebe fort der Väter Geiſt, des theuren Mannes
allermeiſt“ ꝛc.; — ich denke, da muß Washing—
ton gemeint ſein; und nach meiner Anſicht wäre
das wohl ein Lied zu ſingen in Wirthshäuſern,
und auf den Straßen von Freiheitsbrüdern —
oder für Odd⸗Fellows in der Freimaurer-Loge,
— aber nicht in der Kirche, von rechtgläubigen
Chriſten und wahren Lutheranern. — Und, wie
ſchändlich iſt daſelbſt Luthers Lied: „Chriſt un—
ſer Herr zum Jordan kam“, entſtellt und ver⸗
krüppelt. Dieſes kraftvolle Lutherlied hat im
alten Geſangbuch ſieben Verſe, im neuen Penn—
ſylvaniſchen nur drei — verfälſchte; und das
Lied: „Durch Adams Fall iſt ganz verderbt
menſchlich Natur und Weſen“, kennt man bei⸗
nahe gar nicht mehr; alle Verſe verändert; ſo
ſehr haben die, wie es in der zum Geſangbuche
gemachten Vorrede heißt, „ſchonenden Hände“
dieſes herrliche Lied, worauf die lutheriſche Kir—
che im Concordienbuche im Artikel: Vom freien
Willen, aufmerkſam macht, verzerrt und ver⸗
fälſcht. Dieſes herrliche Lied, welches, wie ge—
ſagt, durch die herrliche Concordienformel als
ſymboliſch von der lutheriſchen Kirche anerkannt
wird; und dennoch rühmen ſich die Herausgeber
ein Recht zu ihrer Lieder-Verfälſchung zu haben,

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