Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 29 › Seite 215
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-28, Seite 215
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lichen Paars mit einander, ſelbſt Abraham noch,
wie aus 1 Moſ. 20, 12. zu ſchließen iſt, mit ſei⸗
ner Stiefſchweſter (nach Andern mit ſeines Bru⸗
ders Harans Tochter, Fiſka-Sarai, gleichwie
Nahor mit der ältern Schweſter derſelben, Milka,
K. 11, 29.) geſchlechtlich ſich verbanden — aus
Wahrnehmung und Betracht dieſer Umſtände,
ſage ich, wird als unbeſtritten hervorgehen müſſen,
daß die Einzelbeſtimmungen über alle derartigen
Verhältniſſe mit der Verfaſſung eines Volkes
und dem Zuſtande menſchlichen Geſchlechtes
überhaupt zuſammenhängen. Ohgleich alſo or—
dentlicher Weiſe keine Heirath zwiſchen Geſchwi⸗
ſtern und Verſchwägerten (der erſten Gattung)
Statt finden dürfte: ſo können doch außergewöhn⸗
liche Rückſichten hier eine Ausnahme herbeirufen;
woraus denn weiter mit Recht zu folgern iſt,
1. daß zwar in unſemnichriſtlichen Volksleben die
Verwerflichkeit ſolcher Ehen ſich kund thun müſſe,
ja es nicht wider das fromme Bewußtſein ſei,
wenn in Gemeinweſen, wie ſie aus der europäiſch⸗
abendländiſchen Kirche bis auf die neuern Zeiten
ſich herausgeſtaltet haben, auch manche Grade
obrigkeitlich verpönte (und darum dispenſable)
ſeien, die ſonſt gar kein Hinderniß darbieten kön—
nen; 2. daß aber auch einmal geſchloſſene Ehen
zwiſchen ſolchen Verwandten, wie Verſchwägerte,
Bruder und Bruders Tochter ꝛc. unaufgelöſ't zu
laſſen gerathener ſei (vgl. 3 Moſ. 20, 20. 21.),
außer zwiſchen Bruder und Schweſter und Stief⸗
geſchwiſtern um des gar zu nahen Blutes und
des Aergerniſſes willen (ogl. 3 Moſ. 20, 17.
5 Moſ. 27, 22.); und 3. daß endlich, wenn auch
der Einzelne ſich willig dem zu unterwerfen hat,
was das bürgerliche Recht ſagt, doch niemals
dieſes zu weit gehen und in ſolchem Uebermaß
Verbote feſtſetzen dürfe, wie es die Römiſch⸗
katholiſchen thun, nicht des gemeinen Beſtens
halber, ſondern um eine geiſtliche Gewiſſensknecht⸗
ſchaft aufzurichten. Uebrigens kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß ſchon, wie auch die
alten Hebräer lehren, um ſowohl den Verdacht als
die ungeheure Gefahr der Unzucht bei ſo nahem
gegenſeitigen Umgang zu verhüten, die Sorge für
das Wohl des Einzelnen es erheiſche, alle oben⸗
genanuten Ehen nur als für die Nothfälle zuläſ⸗
ſig anzuerkennen und als Grundlage auch ihres
Verbots 1 Moſ. 2, 24. gelten zu laſſen; und was
gleichwohl im Alten Teſtament wirklich dagegen
geſündigt ward, iſt, wie die Polygamien der
Stammväter des jüdiſchen Volks, nur der natür⸗
liche Ausfluß einer herrſchenden Geſinnung ge⸗
weſen, die, wenigſtens bei den letztern, nicht arge
Luſt zu büßen, ſondern die Kindererzeugung zum
Behufe des der Bundesverheißung zu erhaltenden
Geſchlechts ſuchte, und daher von Gott, nicht ge⸗
billigt, aber in Wechſelwirkung ſeiner Gnade mit
menſchlicher Schwachheit überſehen und getragen
ward.
Wenn wir demnach die Ableitung der verbote—
nen Ehegrade aus dem in aller Menſchen Gewiſ⸗
ſen bezeugten und beſchriebenen göttlichen Geſetz
der Natur als feſtſtehendes Reſultat, wie es ſchon
von dem Kirchenvater Auguſtin, auch ſelbſt von
Plutarch, angedeutet ward, gewonnen haben: ſo
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ſind wir aufs Erſte genöthigt, mit Ernſt der gott⸗
loſen Meinung entgegenzutreten, als gehörten
jene Verbote zu den Particulargeſetzen der iſraeli⸗
tiſchen Theokratie, die nach Aufhebung der vor-
bereitenden göttlichen Oekonomie im Neuen Bunde
nicht mehr gültig ſeien. Ebenſowenig aber kön⸗
nen wir denjenigen Theologen beiſtimmen, welche
ſie als poſitive allgemein-gültige Offenbarung
göttlichen Willens von der natürlichen durch das
Gewiſſen weſentlich unterſcheiden; denn jede all⸗
gemeinſittliche Beſtimmung in dem vom Paradieſe
an bis auf Sinai ſich vollendenden Geſetz des
Alten Bundes muß auch aus dem Naturgeſetz er⸗
klärt werden können, wenn die Heiden darnach
gerichtet werden (Röm. 2, 14. 15. 12. 16. 1, 32.
vergleiche Corinther 5, 1.), und ſie in Chriſto
IEſu, dem gottmenſchlichen Urbild, durch den
Glauben an Ihn in uns, ſich hat erfüllen ſollen
(Möm. 3, 31. 8, 4.). Inſofern die Verwandt⸗
ſchaftsgrade das göttliche Inſtitut der Ehe voraus—
ſetzen, können wir den darauf bezüglichen Inhalt
des Naturgeſetzes unter die hypothetiſchen Pflich⸗
ten mit begreifen. Vor Allem aber werden wir
durch die bisherige Unterſuchung darauf ohne
Widerſpruch geführt, daß die Eheverbote 3 Moſ.
18. — deren Grundgeſetz Vers 6 in folgenden
Worten nach der hebräiſchen Bedeutung ausge—
drückt iſt: Niemand unter euch nahe ſich zu ir—
gendeiner Perſon, die zu ſeinem Fleiſch
gehört, ſich geſchlechtlich mit ihr zu einigen (in
und außer der Ehe), denn ich bin der HErr —
nicht etwa bloß auf die dem Buchſtaben nach an⸗
gezeigten, ſondern auch auf die nicht benannten
Perſonen gleichen Grades gehen. Wiewohl von
den Lehrern und Kirchenordnungen der meiſten
evangeliſchen Länder dieſe Regel einer ertenſiven
Auslegung hier beobachtet worden iſt: ſo haben
doch einige nach Vorgang der Rabbinen, durch
Luthers Auctorität bewogen, ſie verlaſſen in der
Meinung, daß eine ſo namentliche Angabe ihren
guten Grund in der göttlichen Offenbarung ha—
ben und man die verbotenen Ehen auf die darin
verzeichneten beſchränken müſſe. Was nun zu⸗
vörderſt Luthern betrifft, ſo iſt es unſchwer über—
haupt, Ungleichheiten bei ihm in mannigfacher
Hinſicht nachzuweiſen, wie er denn auch in den
uns vorliegenden Punkten die Heirath mit der
Braut oder der Frauen Schweſter nach dem Tode
der erſtern (und mit des Bruders Wittwe)
1522 für zuläſſig, 1535 aber für naturwidrig
erklärte und ſelbſt der Scheidung unterwarf, dem⸗
gemäß auch von dem Wittenberger Konſiſtorium
ein Urtheil zu Luthers Lebzeiten mit den beſtimm—
teſten Worten gefällt, ſogar dem Pfarrer, der
ſolchem Fall nicht gewehrt hatte, achttägige Ge⸗
fängnißſtrafe zuerkannt ward; ingleichen Luther
(1530) eine Ehe mit des verſtorbenen Vetters
(Vaters Bruders) Weib wiederum zu trennen
rieth (gegen 3 Moſ. 20, 20., vergleiche Gerhardi
locc. theol. VII. p. 1084), die gleichen Grades
mit des Bruders oder Schweſter Tochter aber,
ſowie die mit des Vaters Stiefſchweſter nach ſei⸗
nem oben angeführten Grundſatz für gar nicht
wider das Wort Gottes hält. Jedoch was hat
dieß Alles mit dem göttlichen Berufe Luthers zu
thun, nach welchem er ein auserwähltes Rüſtzeug
Gottes war, im Himmel, auf Erden und in der
Hölle bekannt? Können abgeſchmackte Vorwürfe
und beſchränkte Rechtfertigungen einen Mann
verdunkeln, deſſen Glaubensgröße und begeiſterte
Liebeskraft (nicht zu zerſtören, ſondern aufzuer⸗
bauen) ſeinen Brennpunkt in der grundherzlichen
Zuverſicht hatte, daß Gott alltäglich zehn D.
Martinos erſchaffen könne? Während er mit
volksthümlicher Beredtſamkeit ohne Gleichen das
Evangelium vom Kreuze dem antichriſtlichen Ge⸗
ſetzeszwang des Pabſtthums gegenüberſtellte, und
im Vertrauen auf die alleinige Macht des Wor⸗
tes dem Sturm der Zeiten in die Zügel fiel; ſind
die ungeheuren Gegenſätze, in die ihn ſein Jahr⸗
hundert, an deſſen Spitze er ſtand, gedrängt, als
Widerſchein ſchroff in ſeine nach dem Einen hohen
Ziele ringende Lebensbewegung gefallen. In
ihm vereinigte ſich eine heilige Gluth und
Flamme, am Feuer der göttlichen Liebe entzündet,
mit tief-inniger und ſchöpferiſch⸗-reicher Gedanken⸗
fülle, aber die Feſtſtellung und Vollendung deſſen,
wozu er die Bahn gebrochen und den Grund ge⸗
legt, war ihm nicht verliehn. Luther iſt ein
Mann, aus deſſen Schriften faſt (wie aus der
Bibel, thöricht zu reden) alle Ketzereien zu bewei⸗
ſen ſind, denen er doch ſelbſt in der Geſinnung
ſpinnefeind war. Man vergleiche nur die fort⸗
bildende Concordienformel mit den erſtern. Es
iſt daher bisweilen nicht wohlgethan, auf Luthers
Auctorität hin ohne gewiſſenhafte Prüfung ande⸗
rer gewichtiger Stimmen und Zeugen der Kirche
Etwas anzunehmen, und die eigne göttliche Ge⸗
wißheit davon aus dem Worte Gottes hintenan⸗
zuſetzen.)
) So iſt namentlich, wenn wir unbefangen Luthers
Beruf zur Reformation der Kirche würdigen, das Haupi⸗
moment desſelben in die Gabe der Weisſagung im weiteren
Sinne, als dem Range nach die erſte (Röm. 12, 7., ver⸗
gleiche 1 Corinther 12, 28. Kap. 14.), nicht aber in das
klybernetiſche Charisma zu ſetzen. Vielmehr findet ſich, wenn
wir dit hiſtoriſche Wahrheit nicht verhehlen ſollen (im Ver⸗
gleich zu Luthers Einſicht und Verkündigung der Geheim⸗
niſſe des Himmelreichs) ein tieferer Grad des letztern an
ihm. Dieſer geht auch aus ſeiner Behandlung aller auf
Rechtsverhältniſſe und Verfaſſungsweſen ſich beziehender
Artikel nicht undeutlich hervor. In der Demuth Chriſti
bekennt er ſelbſt, daß er mehr der Gewiſſen, denn der Jura
halben ſchreibe, und bezeugt ſeine große Achtung vor der
Böhmen Kirchenzucht und Ordnung. Es iſt auch ganz der
Natur der Sache gemäß. Wir finden die Gaben der Kirche
durch die ganze Geſchichte hindurch immer auf dreifache
Weiſe vertheilt: 1. eine hervorragende Produktivität voll
innerlicher Kraft und Leben, verbunden mit entweder ſchwa⸗
cher überhaupt oder, wenn ſtarker, doch energiſch⸗heftiger
und derber Wirkſamkeit nach außen, da der Ordnung Griſt
als Orakel im Innern erſcheint und gleich dem Strahl des
Blitzes ſich den Platz erobert; 2. eine ausgezeichnete Wirk⸗
ſamikeit nach außen, bloß Gegebenes, bereits Gepflanztes
mit würdevoller Gewandtheit zu organiſiren und den Ver⸗
ſtand hierdei verſtändig zu gebrauchen, ohne der letzterwähn⸗
ten tiefeindringende Schärfe und Klarheit des Gedankens
zu beſitzen, gleichwie dieſe nicht gemacht ſind, in die Zu-
ſammenſetzung der äußeren Formen beugſamer ſich zu finden
und unter dem Drang der Umſtände ſie geſtaltend auszu⸗
wickeln, wohl aber tüchtig ſammt jenen, um deſſen willen,
den ihre Seele liebt, ſich Jedermann zu Knechten zu machen,
allenthalben Etliche zu gewinnen und den Seelen vom Tode
zu helfen; 3. eine mehr im Mittelmaß ſich haltende Durch⸗
dringung und Gleichgewicht der beiden Gaben, ohne daß
die eine überwiegend vor der andern hervorſtäche. Und die
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