Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 29 › Seite 214

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-28, Seite 214

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die ſehr großen und wichtigen (daher die Todes⸗
ſtrafen auf die einen Arten derſelben in Gottes
Volke); und der ſo ſehr gewöhnliche Mangel der
Einſicht derſelben iſt einer der auffallendſten Be⸗
weiſe der traurigen Unwiſſenheit der Menſchen in
Dingen, welche doch viel mehr zu bedeuten haben,
als die ſie etwa ſonſt zu wiſſen pflegen. Des⸗
halb haben wir vornehmlich noch den Blick zu
werfen auf die zweite Seite des göttlichen Natur⸗
geſetzes für die blutsverwandtſchaftlichen Ehegrade,
deren Uebertretung oft von nicht minder ſchreck⸗
lichen Folgen begleitet iſt. Es werden durch die⸗
ſelbe die Seiten⸗ oder Collaterallinien geſetzt, ſo⸗
wohl die gleiche, welche Geſchwiſter zu Einem
Blute und Geſchlechte zuſammenknüpft, aber auch
die Geſchwiſterkinder ꝛc. (nur nicht in Bezug auf
Ehe zunächſt) mit einrechnet, als die ungleiche
(ſogenannt, weil in der Seitenverwandtſchaft
auf⸗ und abſteigend), die ſich auf ſolche Perſonen
bezieht, deren eine um einen oder mehrere Grade
dem gemeinſchaftlichen Stammvater näher iſt als
die andere. Die letztere erwähnten wir oben
vorübergehend, und ſie begreift z. B. Oheim und
Neffe, Tante und Nichte, Großonkel, Groß⸗
neffe ꝛc. in ſich, während die gerade auf- und ab⸗
ſteigende Linie als die grundlegende, unverletz⸗
lichſte, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Kinder,
Enkel, Urenkel ꝛc. umfaßt. Da Mann und Weib
durch das geſchlechtliche Verhältniß und die ehe⸗
liche Liebe Ein Fleiſch werden, ſo ſtehen den leib⸗
lichen Geſchwiſtern in der Seitenlinie gleich die
Geſchwiſter des Ehegatten, ja auch des Verlobten
und der Braut, da Eheverlöbniß ſchon wie die
Ehe ſelbſt die vorher getrennt geweſenen Familien
einander nähert. Ebenſo gelten Stiefmutter als
des Vaters Fleiſch und Stiefvater gleich der
Mutter eignem Leib, Stiefkinder als die Kinder
eignen Bluts, ſowie die Schwiegereltern und
Schwiegerkinder die Stellung wirklicher Eltern,
Kinder und Geſchwiſter behaupten. Denn aus
dem Weſen der Ehe geht hervor, mit welcher Un⸗
bedingtheit die durch Heirath aufgenommenen
Glieder des Hauſes ein enges Verhältniß be⸗
gründen, weit weniger andere Formen der Auf⸗
nahme, z. B. die Adoption, oder gar Jünger⸗
ſchaft, Hausdienſt ꝛe. In dem Maße, als die
Verwandtſchaftsgrade das Naturleben eines In⸗
dividuums berühren, ſind ſie mehr oder minder
ſittlich für die Ehe unzuläſſig.

Es iſt aber der Wille Gottes — zwar ohne
eine beſondere geſchichtliche Manifeſtation des
göttlichen Geſetzes erkennbar, aber auch ohne die⸗
ſelbe viel eher in der menſchlichen Bruſt zu ver⸗
finſtern und bis zur Empfindungsloſigkeit abzu⸗
ſchwächen, daß der Familiengeiſt die heranwach⸗
ſenden Geſchlechter der Menſchen mit einander
verbinde, daß in dem bürgerlichen Leben die ehe⸗
liche Gemeinſchaft die entfernten und geſchiedenen
Familien mit einander in Beziehung ſetze, daß
der Segen, den als ſelbſtvergeſſende, erziehende
Liebe und als aufopfernde Hülfsleiſtung und
Sorge unter einander die Menſchheit in der Fa⸗
milie und kraft derſelben erfahren ſoll, durch ein
ſie näher und näher umſchlingendes Band der
Gemeinſchaft bedingt ſei. Eine unendlich höhere

5

Bedeutung gewinnt ſolches Naturverhältniß durch
die Vorausſicht und um des Himmelreichs willen,
ohne welches jede irdiſche Verbindung unheilig
iſt, das einem Sauerteige gleich die Weltreiche
durchdringen und die Völker und Staaten zu
einer heiligen Familie, in Gottes Staat und Volk
auf der höchſten Stufe der Theokratie umwan⸗
deln ſoll. In dem Maße nun, in welchem dieſe
Ordnung und Abſicht des allerhöchſten Regierers
über das Menſchengeſchlecht willkürliche Verletz⸗
ung erfährt, treten leibliche und geiſtige Ge⸗
richte Gottes ein, die ſie an den Völkern und
Geſchlechtern rächen, ahnden. Die allmähliche
Ausbreitung der Menſchen überhaupt, wie in
einem beſondern Volke, und die entſchiedene Ver⸗
werfung aller Ehen innerhalb der nächſten Fami⸗
lienkreiſe ſollen darum gehen Hand in Hand,
weil die Möglichkeit anderweitiger Verheirathung
gegeben wird; und es iſt, wenn widernatürlich, ſo
gegen die göttliche Beſtimmung des Menſchen,
die Fortpflanzung ſeiner Art auf beſtehende Ge⸗
ſchlechter zu beſchränken, und irdiſcher Beruf des
Einzelnen, anßerhalb der perſönlichen Familien⸗
verwandtſchaft zu ehelichen. Es iſt widernatür⸗
lich, wider das Geſetz der Natur, nicht an ſich,
ausgenommen die Heirathen in der geraden auf⸗
und abſteigenden Linie, welche als ſchändliche zu
meiden unabänderliches Gebot iſt, weil es bei
Setzung einer Welt, wo Kinder von Eltern ge⸗
zeugt werden, nicht anders ſein kann; ſondern es
iſt eine beziehungsweis (auf die fernere Entwick⸗
lung des Menſchengeſchlechts hin) geſetzte Pflicht,
die ehelichen Verbindungen auf die weiten Kreiſe
des Erdenlebens auszudehnen, und zwar, wenn
wir den zufälligen Weltzuſtand in Betracht neh⸗

men, geboten ſchon durch die um der Sünde

willen nothwendig geheiſchte und darum göttlich
ſanctionirte Entſtehung bürgerlicher Vereine und
Geſellſchaften in Staatsform, für die es einer
der wichtigſten Vortheile iſt, wenn die dazu ge⸗
hörigen Familien einander, ſo weit es möglich iſt,
genähert werden und gleichſam organiſch durch⸗
dringen, vom Zweck der allgemeinen Sicherheit
und leiblichen Wohlfahrt“) gefordert; dann aber

*) Daß die Staaten in ihrem gegenwärtigen äußerlichen
Begriff, (nicht nach der durch die nationalen Bildungen ſich
hindurchziehenden Naturbeſtimmtheit und der Idee, welcht
alle Rechtsformen irdiſcher Gemeinſchaft umfaßt,) keine
nothwendige Entwicklung dieſer geſchaffenen Welt, wie die
Philoſophen wollen, ſondern eine zufällige ſeien, hat ſchon
Auguſtin auseinandergeſetzt und auf den Urſprung derſelben
durch die Kainiten aufmerkſam gemacht. (De eiv. Dei 15,
20.) Den ihnen Gleichgeſinnten gegenüber war es des
himmliſchen Regenten Wille, daß, wenn nicht vor, doch
nach der Sündfluth, als Nimrod u. A. m. die friedlichern
Familien beunruhigten, Seine in Schutz und Ahndung
waltende Gerechtigkeit im menſchlichen Gemeinleben ſich
verkörperte, und ſonach jede beſtehende Volksgemeinſchaft,
auf die man die Nothwehr übertrug und in welcher dit
Menſchen ſich durch Geſetz und geſetzliche Machtübung ban⸗
den, Erſcheinung göttlicher Ordnung auf Erden ward.
(Vgl. 1 Petri 2, 13. mit Röm. 13, 1.) Daher bilden auch
die verſchiedenen Staatsformen in der Welt nur ſo und ſo
viele Annäherungsweiſen an einen vollen Typus der über
allen ſtehenden und ihre Geſchicke allmächtig lenkenden Re⸗
gierung Gottes, die eine näher, die andere ferner von dem
göttlichen Urbilde, das Chriſtus, deſſen Statthalter die
Götter auf Erden find, im Reich der Herrlichkeit vor Sei⸗
nem Vater darſtellen wird. (1 Korinth. 15, 24. ff. Offenb.

auch vorzugsweiſe durch die Beſtimmung, die ja
für alle Menſchen und Völker gilt, in das Reich
der erlöſenden Liebe durch IEſum Chriſtum, den
König aller Könige, aufgenommen zu werden
(Daniel 7, 14.).

Und gerade daß mit der Beſchränkung des al⸗
ten Volkes Iſrael auf einen kleinen Raum, auf
ein Zuſammenwohnen in engen Grenzen, die
ſtrengſte geſetzliche Beſtimmung hinſichtlich der
Ehegrade poſitiv gegeben ward (3 Moſ. 18, 20.),
zeugt, wenn es auch nicht ſchon aus der Strafe
Gottes über die dem Untergang geweihten frühern
Bewohner Kanaans erhellte (3 Moſ. 18, 24. ff.),
offenbar für das Naturgeſetz, inſofern es hier um
ſo mehr unrecht war, ſich gegen dasſelbe zu ver⸗
ſündigen, je leichter dieſes Meſſiasvolk, das dem
HErrn den Weg zu den übrigen Heiden anbah⸗
nen ſollte und eben von ihnen zu ſolchem Ende
abgezäunt wurde, die Heirath unter ſich durch
das ganze Land bewerkſtelligen konnte. Freilich
wird aber auch aus der Wahrnehmung, daß im
Alten Teſtament nicht alle Ehen der verbotenen
Verwandtſchaft gleiches Laſter verwirkten, noch
die zeitlich- geſetzlichen Strafen mit gleicher
Schärfe ſie trafen; daß die Leviratsehe, da der
nächſte Bruder des Verſtorbenen hinterlaſſene
Wittwe, wenn ſie ohne Kinder von dem erſten
Manne war, um der Fortpflanzung des Ge⸗
ſchlechts des letztern willen ehelichen mußte
(5 Moſ. 25, 5. Matth. 22, 24. ff.), den ſonſt
ungeſetzlichen Grad (3 Moſ. 18, 16. 20, 21.),
Niddah benannt, zum geſetzlichen erhob; ja daß
die Kinder und erſten Nachkommen des urmenſch⸗

St. Joh. 21, 23. ff. 22, 3. ff.) Allein das Recht der Na⸗
tur im Sinne der Socialiſten gibt nichts als eine Theorie
des Zwangs durch bürgerliche Strafgeſetze uind ſcheidet den
Zuſammenhang der Gerechtigkeit äußerer Handlungen
gegen Andere von der einen geraden Linie menſchlicher
Lebensrichtung, die ſich durch die Kunde vom Höchſten im
Gewiſſen offenbart. Und daß die Form der obrigkeitlichen
Macht, das Wie ihrer Geſchichte — nicht ihr Sein an ſich,
ihre Exiſtenz überhaupt, nach welcher ſie Gottes Geſchöpf
und Stiftung bleibt — auf freien menſchlichen Handlungen
und Verträgen beruht, nimmt ihr jedoch von der unverletz⸗
lichen Würde nichts, welche Gott den Trägern der Maje-
ſtät, ſo lange ſie es ſind, verliehen hat. Nur die blutigen
Revolutionsgreuel einer ſogenannten Volksſouverainetät
ohne Gottes Gnaden und Berechtigung, die eine contra-
dictio in adjecto und darum Lüge iſt, wie der Götze eines
auf bloße Menſchenwillkühr gegründeten politiſchen Abſolu⸗
tismus ſind die unverträglichen Gegenſätze, welche durch
ihre gewaltſame Trennung individueller Freiheit von der
Unterwerfung unter Allgemeines nichts weiter als Emph⸗
rungen wider die Natur und derſelben göttliche Autorität
zu heißen verdienen. Unrecht von oben weckt das gefähr⸗
lichere Unrecht von unten und wühlt auf neue unheimlichere
Gewalten, „denn das iſt der Fluch der böſen That, daß ſie
fortzeugend immer Bbſes muß gebären“; und in ſolchem
allgemeinen Verderben führen ſich aus die Gerichte des
Allerhöchſten, in welchen die ſchuldbeladenen Vollſtrecker
derſelben durch den wilden Strom des aus ſeinem Bett ge⸗
tretenen Volksgeiſtes den Rachetagen nicht entrinnen wer⸗
den. Luther hatte ein Herz für die Noth des deutſchen Un⸗
terthanen wie Keiner; aber in der Zornesangſt, ſeine reine
Sache mit dem mörderiſchen Bauernaufruhr in Süd⸗
deutſchland vermengt zu ſehen, gebot er die Raub⸗ und
Brandſtifter kodtzuſchlagen wie tolle Hunde. Seine Lehre
iſt nicht Freiheit vom Geſetz, das iſt hölliſche Sclaverei;
ſondern im Geſetz, der Friede des Gewiſſens, den die Gott⸗
loſen nicht haben, denn ſie ſind wie ein ungeſtümes Meer,
das nicht ſtille ſein kann, und ſeine Wellen Koth und Un⸗
flath auswerfen.

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