Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 29 › Seite 211

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-28, Seite 211

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theraner und Reformirten erſt ſo weit wären, daß
ſie mit gutem Gewiſſen eine fraternitas in
Ch. unter ſich anerkennen könnten, dann wäre die
wahre Union wirklich geſchehen. Oder kennt und
will man noch eine innigere Union, als die Ge⸗
meinſchaft in Chriſto? — Wie kann aber Herr
F. B. aus den eben angeführten Worten des
consensus den Schluß ziehen, „da erkannte man
alſo nicht die geringſte Einheit an“, in welchen
Worten liegt denn das? Es wird ja nur zwi⸗
ſchen den Bekennern der Augsburgiſchen Confeſſion
und den Reformirten, als ſolchen, die Gemein⸗
ſchaft in Chriſto geleugnet, und es kann ja, wenn
von Reformirten und Lutheranern in abstracto,
als abgeſchloſſenen Körperſchaften die Rede iſt,
weil und ſo lange ſie in ihren Bekenntniſſen wider
einander ſind, keine Gemeinſchaft ſtattfinden; in
concreto können hingegen einige Glieder der
reformirten Kirche, wenn ſie wahrlich an Chriſtum
glauben, mit den Lutheranern in der innigſten
Gemeinſchaft, in der Gemeinſchaft mit Chriſto
ſtehen, weil ſie mit dieſen dann zu der einen wah⸗
ren Kirche gehören, und in der That, wenn auch
unbewußt, vom reformirten Bekenntniß abgetre⸗
ten ſind. —

Die Art der Entſtehung des deutſchen, evange⸗
liſchen Kirchenvereins des Weſtens, wie dieſelbe
vom Correſpondent dargeſtellt wird, läßt uns
einen Blick thun in das Weſen des Vereins
ſelbſt, in ſeine charakterloſe Schwäche weil Ueber⸗
zeugungsloſigkeit. Correſpondent ſagt: „dennoch
pflanzten ſie das Panier der evangeliſchen Kirche
getroſt und freudig auf, nicht weil es etwa ihr
Lieblingspanier geweſen wäre, ſondern lediglich,‚
weil ſie ſahen, daß es Noth ſei.“ Alſo der Verein
pflanzte ſein Panier, ſein Glaubensbekenntniß
getroſt auf, nicht weil dasſelbe das des eigenen,
durch das Wort Gottes zu feſter, freudiger Ueber⸗
zengung gekommenen Herzens war, er ſein Be⸗
kenntniß darum liebte, ja, wenn der Correſpon⸗
dent ſo will, ſein „Lieblingspanier“ war, ſondern
„lediglich“ weil er ſah, „daß es Noth ſei“;
weil „ein großer Theil der den Weſte r bevöl kern⸗
den deutſchen Einwanderer aus unirten Landen
kam, und nach Lehrern desſelben Bekenntniſſes
begehrte“. Alſo die Nöthigung, die Berechtigung
des ganzen Vereins lag nicht in der durchs Wort
Gottes gewon nenen Ueberzeugung der Gründer,
ſondern im Begehren der Einwanderer. Man
baute mithin den Verein nicht auf den ewigen
Felſen des göttlichen Wortes, ſondern auf die
unſtäte Woge menſchlichen Begehrens; man
blickte bei der Gründung des Vereins nicht zuerſt
auf die Ehre des HErrn und Seines ausgeſpro⸗
chenen Willens, was doch allein Chriſten Art iſt
und ſein ſoll, ſondern auf die Noth des Volkes;
— und weil dieſes Volk nun „unleugbar wenig
äußerliches kirchliches und noch weniger inneres
chriſtliches Leben aus der alten Heimath mit—

Wunder, daß ſie darüber etwa ungleich antworlen.“ (Band
1, Seite 73.) Hier gibt uns der liebe Spener zugleich den
Schlüſſel zu den „ungleichen Antworten“, welche man hier
ſo oft von amerikaniſchen „Theologen“ auf dergleichen Be⸗
hauptungen erhält. Laßtuns daher, liebe Lutheraner, Ge⸗
duld haben! Die Red.

2

bringt“, wie der Verfaſſer ſelbſt geſteht, und des⸗
wegen, dem unioniſtiſchen Geiſte der Zeit und der
geizigen Sucht des verderbten Herzens ſchneller
unterliegend, Prediger verlangt, die der kirchlichen
Willkür nicht hemmend in den Weg treten und
ſich durch eine Vereinigung der Parteien am leich—
teſten unterhalten laſſen; ſo muß dieſem Begeh⸗
ren, dieſer Noth nachgekommen werden — und
das der noble Entſtehungsgrund des Vereins. —
Ja noch mehr, man gab ſogar die eigene „wohl⸗
berechtigte ULeberzeugung“ den Anforderungen jener
wenig kirchlichen und noch weniger chriſtlichen Ein—
wanderer Preis; was wir ſo nackt auszuſprechen
nicht wagen würden, wenn der Correſpondent
nicht ſelbſt ſagte: „Die Forderung, welche ein in
den evangeliſchen Einwanderern factiſch vorhan⸗
dener Theil der proteſtantiſchen Kirche an ſie
ſtellte, und das damit verknüpfte Heil der Seelen,
galt ihnen höher, als eigene, ſonſt wohl auch
noch ſo ſehr berechtigte Anſicht und Ueber—
zeugung.“ Weiß denn der Herr F. B. nicht,
daß es heißt: „ich glaube“ — habe eine wohlbe⸗
rechtigte Ueberzeugung, daß etwas Gott gefalle, —
„darum rede ich“; weiß er denn nicht, daß Alles,
was nicht aus dem Glauben, — aus der Ueber⸗
zeugung — kommt, Sünde iſt? —

Indem wir jetzt zu einem andern Punkte über⸗
gehen, zu dem ſogenannten „Bekenntniß des evan⸗
geliſchen Vereins“, ſo müſſen wir den Vorwurf,
„die evangeliſche Kirche habe kein Bekenntniß“,
der vom Correſpondent abgewieſen wird, wieder⸗
holen, und zwar aus dem einfachen Grunde,
weil derſelbe wahr iſt. Daß der evangeliſche
Verein kein eigenes, ihm eigenthümlich zuge—
hörendes Bekenntniß hat, wird er ſelbſt nicht leug⸗
nen können, aber auch ein fremdes hat er nicht,
ſondern nur ein Conwoſitum von zwei fremden,
andern Kirchen zugehörenden, welches aber in der
Wirklichkeit wieder nirgends exiſtirt, ſondern von
jedem Gliede des Vereins erſt geſucht, erſt heraus⸗
ſtudirt, erſt immer wieder von neuem ſelbſt ge⸗
macht werden muß, und von jedem, je nach dem
Maße der Erkeuntniß oder auch des Willens,
weiter oder enger geſtellt werden kann. Wenn
daher der evangeliſche Verein in ſeinen Statuten
Cap. I. § 1. ſagt: der evangeliſche Verein „be⸗
kennt ſich zu der Auslegung der heiligen Schrift,
wie ſie in den ſymboliſchen Büchern der lutheri⸗
ſchen und reformirten Kirche .. niedergelegt iſt, in⸗
ſofern dieſelben übereinſtimmen“, ſo ſpricht er da⸗
mit keineswegs ein Bekenntniß aus, ſondern gibt
nur den Weg an, auf dem man das Bekenntniß
des Vereins ſich bilden könne, und hat ſomit
ſtatt eines offenen, klaren Bekenntniſſes, ſtatt
eines Paniers, das deutlich ſeine Farben und
Zeichen entfaltet, ſo daß es ein jeder leicht erken—
nen und ihm folgen kann, nur einen Wegweiſer,
der aber nicht angibt, welchen Weg man gehen
ſoll, ſondern es einem jeden überläßt, balancirend
die mittlere Direction zu wählen zwſchen zwei

Wegen, die man nicht gehen ſoll. Oder ſteht

vielleicht der consensus der Bekenutnißſchriften
der reformirten und lutheriſchen Kirche feſt?
Warum iſt er denn noch nie ausgeſprochen, feſt—
geſetzt, formulirt? Weil die ganze Sache eine

Unmöglichkeit, ein Unſinn iſt. Dieſer consensus
kann nemlich entweder nur ein innerer, organi⸗
ſcher, oder ein äußerer, mechaniſcher, ſein. Der
innere consensus zwiſchen beiden Bekenntniſſen,
oder die wahre, organiſche Union beider iſt zwar
ſchon ſeit 300 Jahren oft genug geſucht, aber
noch nicht gefunden und kann auch nicht gefunden
werden, weil beide Bekenntniſſe in einigen Leh⸗
ren ſich widerſprechen und prineipiell von einan⸗
der geſchieden ſind, und dieſe vorliegenden, radi⸗
kalen Verſchiedenheiten wohl äußerlich zu Einem
ſcheinbar übertüncht werden, aber in Wahr⸗
heit nie zuſammengeſtimmt, nie zu einem wah⸗
ren consensus zuſammengeſchmolzen werden
können. Das ewige Wort Gottes ſelbſt trennt
auf ewig die lutheriſche Kirche von der refomir⸗
ten als ſolcher. Hat der evangeliſche Verein
nun unter ſeinem Bekenntniß dieſen innern orga⸗
niſchen consensus verſtanden, ſo hat er ſchr
naiver Weiſe etwas als allgemein bekannt und
gegeben vorausgeſetzt und als ſein Panier, ſein
Bekennungs⸗ und Erkennungszeichen aufge⸗
pflanzt, was noch gar nicht da iſt, erſt noch ge⸗
funden werden ſoll, aber ſeiner eigenen widerſpre⸗
chenden Natur nach nie gefunden werden kann,
alſo eine baare Unmöglichkeit iſt. Verſteht aber
der evangeliſche Verein unter dem „inſofern die⸗
ſelben übereinſtimmen“ ein äußeres Zuſammen⸗
geflicktes nur deſſen, worin die Belenntnißſchrif⸗
ten der lutheriſchen und reformirten Kirche über—
einſtimmen, alſo jenen äußern, mechaniſchen
consensus und bekennt er über das Nichtüber⸗
einſtimmende Nichts, ſo „gibt er nicht nur für den
Indifferentismus eine willkommene Herberge ab“,
ſondern iſt, da er Nichts bekennen will über den
Artikel von Gott, von der Perſon Chriſti, von der
Gnade, von der Taufe, vom Abendmahl, vom
Amt der Schlüſſel, von der Kirche u. ſ. w., denn
in dieſen Artikeln ſtimmen die lutheriſche und die
reformirte Kirche nicht überein, in der That der
„verzweifeltſte Indifferentismus“ ſelbſt, und ſein
Bekenntniß, weil es über die wichtigſten Artikel,
die zu bekennen ſind, Nichts bekennt, — ein
Unſinn. —

Wenn nun aber der Correſpondent dennoch
nachweiſen will, daß jener gonsensus dennoch
alle zur Seligkeit nothwendigen Punkte enthalte,
und darum ſagt: „Da nun Löhe ferner zugibt,
daß man auch in nichtlutheriſchen Kirchen ſelig
werden könne, ſo müſſen jene Stücke der Wahr⸗
heit, welche er andern Kirchen nicht abzuſprechen
ſo freundlich iſt, doch weſentliche Stücke ſein,
durch deren Feſthalten man zur Seligkeit gelan⸗
gen kann. Es müſſen alſo ſelbſt nach den Wor⸗
ten eines der ſtrengſten Lutheraner in den Be⸗
kenntniſſen der reformirten und lutheriſchen Kirche
ſehr viele, nemlich alle zur Seligkeit nothwendigen
Punkte übereinſtimmen“; ſo müſſen wir dieſe
Argumentation eine durchaus verfehlte nennen.
Denn man kann in der katholiſchen, wie über—
haupt jeder chriſtlichen Secte auch ſelig werden;
das kommt aber nicht daher, weil jede chriſtliche
Secte auch „alle“ zur Seligkeit nothwendigen
Punkte hat, ſondern weil der Heilige Geiſt die er⸗
wählte, einfältige Seele bei dem „einen Kleinode,

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