Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 29 › Seite 213
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-28, Seite 213
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wenn nicht die allgemeine Erfahrung es lehrte,
daß unaufhörlich gegen das göttliche Geſetz hier⸗
für geſündigt würde! Zwar kann nicht in Ab⸗
rede geſtellt werden, daß in der Entwicklung des
Menſchengeſchlechts, je nach ſeinen Zuſtänden
und denen einer Volks⸗ oder anderen Gemein⸗
ſchaft, die Ordnung Gottes hierbei verſchiedene
Formen annehme, während ihr weſentlicher In⸗
halt unter allen Umſtänden erkennbar und un⸗
verletzlich heilig bleibt. Aus dieſer durch die
Art und Weiſe der Fortpflanzung, Ausbreitung
und Erziehung der Menſchen geforderten Wan⸗
delbarkeit der Form, d. i. der einzelnen Anwen⸗
dung und Erſcheinung des Geſetzes, iſt es auch
nur erklärlich, wie über die Bedeutſamkeit des⸗
ſelben ein ſo unleugbares Schwanken unter den
namhafteſten Theologen und Kirchenrechtsleh⸗
rern auch aus den Gläubigen ſich findet, und wie
manche derſelben in nicht zu verbergendem Wi⸗
derſpruche mit dem Bekenntniß evangeliſcher
Freiheit eines unbegründeten Rigorismus und
Annäherung an kanoniſche Menſchenſatzungen
ſich ſchuldig machen. Aber immer iſt es doch
weit vorzuziehen, wenn ein zu ſtarrer Zaun um
die Familienverwandtſchaften in Hinſicht der ge⸗
ſchlechtlichen Vermiſchung gezogen wird, als
wenn die Obrigkeiten, wie heutzutage nur zu oft
geſchieht, ganz ohne Noth naturwidrige Ehen,
welche die perſönliche Ueber⸗oder Unterordnung
und wechſelſeitige Verknüpfung von Natur ver⸗
letzen, mit der unverantwortlichſten Gleichgültig⸗
keit im Volke ſchließen laſſen. Freilich was die
eine Seite des göttlichen Naturgeſetzes für die
ſogenannten Ehegrade betrifft, die auf dem Ver⸗
hältniß der Erzeuger zu den Gezeugten, der
Großeltern zu den Enkeln ꝛc., und auf der ſchul⸗
digen Ehrerbietung der jungen gegen die ältern
Familienverwandten beruht, und dieſe vor der
ganz umſtürzenden Gleichſtellung durch gegen⸗
ſeitiges Heirathen bewahren ſoll: ſo iſt ſie mit
Ausnahme weniger der roheſten zum Thier
herabgeſunkenen Völker ſo tief in dem einge⸗
bornen ſittlichen Gefühl gegründet, daß ſie nur
von ſtarken Geiſtern, namentlich den überaus
verdorbenen Trägern der geiſtigen und politiſchen
Umwälzungen der eignen innerlichen Empfin⸗
dung philoſophiſch abgeſprochen worden iſt. Auch
mag der Einwand nichts gelten, daß ja der
Mann des Weibes Haupt bleibe und darum nur
das Weib die Jüngere zu ſein brauche, um die
Ehe naturgemäß zu machen: denn es wird die
Schande des eignen Bluts dadurch nicht aufge⸗
hoben, und nur innerhalb der Beſtimmung der
Geſchlechter für einander, innerhalb der eheli⸗
chen Gemeinſchaft iſt des Weibes Beruf die
Unterthänigkeit, die Gemeinſchaft aber ſelbſt als
der die Gatten umſchränkende Kreis eine voll⸗
kommene Gleichheit beider, da jeder Theil zur
Hingabe an den andern unauflöslich mit Leib
und Geiſt gebunden iſt. Gerade das iſt das höchſt
Verwerfliche einer Ehe, wenn an die Stelle
perſönlicher Ausgleichung durch geſchlechtlich—
geiſtige Liebe die unberechtigte Herrſchaft der
Selbſtſucht im Beſitz des andern als eines die—
nenden Werkzeugs tritt.
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Im Innerſten unſers Bewußtſeins thut ſich
die Sprache eines Geiſtes (Gottes) kund, die, der
chaotiſchen Tiefe der Menſchenherzen kreatürlich
zu eigen geblieben, deren innere Waſſer (das
Gefühlsleben) bewegt, damit ſie vom eignen Ich
und der Welt weg auf ein Höheres gewieſen wer⸗
den, das allein der wahre Grund und die Erfül⸗
lung ihres Daſeins ſei. Es iſt eine Grundbe⸗
ſtimmtheit in unſrer Seele nach der Stimme jenes
Geiſtes, der uns trägt und auch den Herzſchlag
eines Ihm gefälligen Lebens in uns erneuert,
hin — ein rein-geiſtiges Organ, das den ur—
ſprünglichen Zuſammenhang mit Gott zu ver⸗
mitteln und zu Eindrücken und Regungen fähig
war, welche jetzt durchaus nur unabhängig vom
Wollen der Perſon entſtehen können. Seitdem
der Wandel in göttlichem Gehorſam der ſelbſtiſchen
Neigung des Menſchen zuwider und entgegenge⸗
ſetzt iſt, derſelbe zwar als freie Kreatur das Stre⸗
ben fortbehält, über das hinauszugehn, was er
in irgend einem Momente ſeines Daſeins iſt,
aber die dem Geſchöpfe mögliche Gemeinſchaft
Gottes mit ihm, welche die zielgemäße Entwick⸗
lung ſeines Ichs bedingt, aufgehört hat: lautet
das Innewerden dieſes zerriſſenen Bandes ſchuld⸗
einfordernd, als unerfüllte Mahnung: Du ſollſt.
Der Menſch iſt nicht mehr im Stande, den, wo⸗
hin die Grundkraft ſeines Weſens, ſein Grund⸗
verlangen deutet, in ſeiner Wahrheit zu begehren,
ſondern Willkührliches an die Stelle desſelben
ſetzend, wird er, dem Tod anheimgefallen, ſo oft
ſich auch der Gewiſſenstrieb als unbefriedigt
äußere, dem Leben aus Gott immer abgeneigter
und entfremdeter. Obſchon nun zwar der Wille
böſe, die Erkenntniß blind und unempfänglich,
das Gefühl abgeſtumpft und ruchlos iſt: ſo bleibt
doch ihnen gegenüber auf dem Gemüthsgrund
als Widerſchein und Abbild des, was heilig iſt,
die Regel oder die Idee der Vollkommenheit, im
Anfang der Schöpfung dazu mitgetheilt, daß ſie
als menſchliches Wiſſen des Wahren und Guten
ſich abſpiegle, d. h. das Bewußtſein an der Wir⸗
kung ihres Grundtriebes erwache, dem allgemei⸗
nen Inhalt des poſitiven göttlichen Geſetzes im
Weſentlichen gleich, nur daß der Menſch, der ein⸗
mal in die verkehrte Richtung gerathen, die fried⸗
loſe Entzweiung zwiſchen ſich und der Gewiſſens⸗
ſprache muthwillig zu verkennen gewohnt wird,
und die geiſtige Kraft der Seele auf ſie zu hören
ſich verhärtet. Es gibt dieſelbe Stimme Zeugniß
von einer Schuldigkeit oder Verpflichtung zur
Ehrfurcht gegen den, von welchem unſer Daſein
dependirt — den als den Anfänger und Urheber
aller Dinge das Auge der Vernunft, den ſinn⸗
lichen Verſtand zur lebensvollen Einheit nöthi⸗
gend, in der Schöpfung uns zu finden lehrt, —
und daß in der ſelbſtbewußten Beziehung alles
Geſchöpflichen zu dem HErrn der Heerſchaaren die
wahre Sittlichkeit begriffen ſei, die in Gehorſam
und Liebe der vernünftigen Kreatur gegen den
großen Gott und Schöpfer aufgehende Lebensbe⸗
ſtimmung, zu harmoniſcher Verbindung mit dem
durch das ganze Weltall zurückgegebenen Ausdruck
des heiligen Endzwecks, daß Alles ſeiner weſent⸗
lichen Vollkommenheit gemäß ſei und entſprechend
wirke. Da ſich aber nun auch eine Abhängigkeit
des Daſeins zwiſchen Eltern und Kindern findet,
wiefern nemlich dieſe jenen ihr Leben zu danken
haben: ſo breitet ſich ganz von ſelbſt das Gefühl
der Schändlichkeit einer unehrerbietigen Auffüh⸗
rung als nothwendige Folge des Abhängigkeits⸗
gefühles gegen Gott auch auf die menſchlichen
Erzeuger aus, die ſchon nach dem Lichte der
Natur Gottes Bild an ſich tragen. (Ganz
anders geſtalten ſich die Verhältniſſe zum welt⸗
lichen und geiſtlichen Regiment, von denen weder
das eine noch das andere auf dem Stand der
Natur urſprünglich beruht, ſondern dieſes die
geiſtliche Wiedergeburt vermittelt, jenes auf die
göttliche Sanction des Staats ſich gründet.) Und
man erkennt daraus, wie weſentlich auf Seiten
Gottes die Anerſchaffung eines ſolchen Triebes
in der Menſchen Gemüthern ſei, durch welchen
ſich ein natürlicher Abſcheu gegen die Blutſchande
zwiſchen Eltern und Kindern, überhaupt der ge⸗
raden auf⸗ und abſteigenden Verwandtſchaftslinie
im Ganzen reget. Die Anwendung auch auf
die Heirathen mit den Geſchwiſtern der Eltern ꝛc.
oder den hinterlaſſenen Ehegatten derſelben Per⸗
ſonen, auf welche der Reſpectus gegen die Eltern
übergeht, ergibt ſich ebenſo daraus, nur daß dieſe
Ehen, als zur Seitenlinie gehörig, auch mehr die
andere Seite der geſetzlichen Beziehung, auf
welche wir jetzt kommen, betreffen und daher durch
die gebieteriſche Nothwendigkeit entſchuldigt wer⸗
den können. Zugleich folgt aus dem vorher
Geſagten, daß es den Obrigkeiten, die zwar nicht
für das Reich des Gewiſſens, aber doch für das
Geſetz als Regel und Richtſchnur der äußerlichen
Pflichten Sorge zu tragen haben, dieſes ihres
Amts wegen zukomme, alle Ehen, die an ſich
wider die Natur ſind, d. h. ohne daß ſie Fälle der
Zulaſſung erleiden dürfen, die alſo niemals, in
keinem Wege je zu geſtatten ſind, wenn ſie bereits
vollzogen worden, unwiderruflich, ohne Aus⸗
nahme alsbald zu trennen, gänzlich aufzuheben.
(Vergl. Speners theol. Bedenken II. S. 555.)
Das geoffenbarte göttliche Wort iſt es, das
hier die genaueſte Erläuterung des durch die
Sünde verdunkelten menſchlichen Gefühles gibt
und es mit ſeinem hellen Licht beſtrahlt. Das
göttliche Grundgeſetz, daß Alles, was bereits
Eines Fleiſches ſei, auch nicht fleiſchlich wiederum
ſich vermiſchen dürfe, iſt in demſelben klar und
deutlich ausgeſprochen. In dem Plan des gro⸗
ßen Liebeswerkes, das Jehovah durch die Schö⸗
pfung angefangen und durch den Sieg des Men⸗
ſchenſohnes über den Zerſtörer in die Ewigkeiten
fortführt, iſt das menſchliche Geſchlecht ein Haupt—
ſtück und wiederum bei dieſem für die gegenwär⸗
tige Welt das Syſtem der Zeugung, die Ehe,
Familie und Auferziehung. Das Beſondere die⸗
ſes Planes kann nur die Offenbarung lehren, die
aber auch urſprünglich allgemein geweſen iſt und
nur da fehlt, wo ſie die Menſchen haben unter⸗
gehn laſſen oder gar noch dazu ſich gegen ihre
Herſtellung wehren. Alle Verbrechen nun,
welche dem göttlichen Plane, inſonderheit der in
demſelben geforderten Entwicklung des Menſchen
und ſeiner Geſchichte entgegen ſind, gehören unter
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