Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 17 › Seite 132

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-04-27, Seite 132

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kampf 9

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Richter war) und der Kaiſer in Religionsſachen
beſchließen werde. Darauf erwiderte der treue
Bekenner: „Wir wollen bei der Lehre und Be⸗
kenntniß, die wir zu Augsburg, neben unſerm
Vater, auch andere Fürſten und Städte, öffent⸗
lich übergeben, beſtändig verharren und lieber
die Kur, Land und Leute, auch den Hals darzu
hergeben, als von Gottes Wort uns abreißen
laſſen.“

Sollte ſolchem hochherzigen theuerwerthen Be⸗
kenntniſſe gegenüber die hieſige ſogenannte luthe⸗
riſche Generalſynode ſich nicht tief beſchämt füh⸗
len, daß ſie zwar lutheriſch, das iſt rechtgläubig,
ſein will und doch ſo loſe und leichtfertig ſelbſt
nicht einmal zu dieſer Augsburgiſchen Confeſſion,
geſchweige zu den andern Bekenntnißſchriften ſich
ehrlich und redlich bekennt, ſondern die Artikel
von den heiligen Sacramenten verwirft, ohne doch
den Beweis führen zu können, daß ſie nicht auf
Gottes Wort gegründet ſeien? Ja, hat nicht erſt
neulich der Hauptſtimmführer dieſer Afterluthera⸗
ner, Herr Dr. Schmucker, Profeſſor der Theo⸗
logie in Gettysburg, in ſeltener Unwiſſenheit oder
Frechheit, ſich nicht entblödet, zu behaupten, daß
die Lehre der Confeſſion von der leiblichen Gegen⸗
wart Chriſti im heiligen Abendmahl Ueberbleibſel
der römiſch⸗katholiſchen Kirche ſei?

Nicht minder bekenntnißtreu aber erzeigte ſich
Johann Friedrich bei Gelegenheit des ſogenannten
Augsburger Interim. Dieſes war nemlich
eine auf Befehl des Kaiſers von zwei katholiſchen
und einem ſogenannten lutheriſchen Theologen
(Agricola) zuſammengeſtoppelte Ordnung und
Form, wie es einſtweilen in Sachen der Re⸗
ligion im heiligen römiſchen Reiche bis zum Aus⸗
trag eines gemeinen Concils ſollte gehalten wer⸗
den. Es war aber dieſes Interim ſehr fein, liſtig
und verfänglich abgefaßt; denn obwohl den Evan⸗
geliſchen Manches darin zugeſtanden war, wie
z. B. die Prieſter⸗Ehe und die Communion unter
beiderlei Geſtalt, ſo waren doch ſelbſt dieſe Zuge⸗
ſtändniſſe nur als eine Art von Gunſt, bis zu
den Ausſprüchen des künftigen Concils, nicht
aber als das gute Recht der Proteſtanten betrach⸗
tet; und daneben wurden eine Menge papiſti⸗
ſcher Ceremonien als nothwendig wieder aufge⸗
richtet, die bereiis in den evangeliſchen Landſchaf—
ten gefallen und abgeſchafft waren. Summa, es
ſteckte dem Weſen nach das ganze Pabſtthum wie⸗
der in dieſem Interim verborgen, und hätten die
Evangeliſchen es alle angenonnnen, ſo wäre es um
ihr Bekenntniß und deſſen gottesdienſtliche Aus⸗
übung geſchehen geweſen.

Da nun der damals vollkommen ſiegreiche und
mächtige Kaiſer auf allerlei Weiſe, bald mit Ver⸗
ſprechungen, bald mit Drohungen unaufhörlich
auf die Lutheriſchen eindrang, dieſes Interim an⸗
zunehmen, ſo fielen nicht Wenige dahin und nur
Wenige blieben ſtandhaft. Zu dieſen aber ge⸗
hörte der hochherzige Herzog von Sachſen Johann
Friedrich.

Schon vor Zuſammenſtoppelung des Interim
ließ ihn der Kaiſer zu München vor ſich kommen
und verlangte von ihm, „er ſolle von ſeinem Irr⸗
thum abſtehen und ſich dem Concilium unterwer⸗

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fen, dann wolle er ſein gnädiger Herr ſein und
ſeinen erlittenen Schaden ergänzen, daß er ſolle
zufrieden ſein.

Der Herzog, deſſen Glaubensmuth und Be⸗
kenntnißtreue bei allem Wechſel der äußern Um⸗
ſtände bisher unerſchüttert geblieben war, gab auch
hier dem Kaiſer eine Antwort, die von ſolcher Ge⸗
ſinnung ein kräftiges Zeugniß ablegte. Es war
dieſe: „Allergnädigſter Kaiſer! Ich ſtehe hier vor
Ew. Kaiſerl. Majeſtät als ein armer gefangener
Mann; ich leugne nicht, daß ich habe die Wahr⸗

heit bekannt und darob Hab und Gut, Weib und

Kind, Land und Leute, kurzum Alles, was mir
Gott in dieſer Welt gegeben und verliehen hat,
verlaſſen, und habe nicht mehr, denn dieſen gefan⸗
genen Leib, der doch nicht in meiner, ſondern in
Ew. Kaiſerl. Majeſtät Macht und Gewalt ſteht,
und dieweil ich vor aller Welt bloß ſtehe und ſoll
dazu das Ewige auch verlaſſen durch meinen
Widerruf, dafür wolle mich Gott behüten, denn
ich meinen höchſten Troſt darein geſetzt, daß ich ge⸗
wiß weiß, ob ich ſchon dieſen armen Leib ſammt
dem Leben darob verlieren muß, daß mir Gott
Beſſeres geben wird. Mir ſtünde auch übel an,
daß ich durch meinen freventlichen Widerruf viel
tauſend Menſchen in groß Aergerniß führen ſollte,
dieweil ich ſo lange die Wahrheit bekannt und auf
das Letzte davon fallen ſollte. Derhalben Aller⸗
gnädigſter Kaiſer, Ew. Kaiſerl. Majeſtät hat mich
in ihrer Gewalt, mögen mit mir handeln, wie
mit einem Gefangenen; bei der erkannten Wahr⸗
heit aber will ich bleiben und den Andern zu einem
Exempel darob leiden, was mir Gott und Ew.
Kaiſerl. Majeſtät auflegt.“

Der Kaiſer mußte den Nachdruck dieſer Rede
und das Edle in dem ganzen Betragen des Her⸗
zogs auch gefühlt haben; denn er war nicht im
Stande, deſſen Blick länger zu ertragen, ſondern
wendete ſich weg, ohne ihm eine Silbe zu ant⸗
worten.

Nach der Bekanntmachung des Interim bei dem
Reichstäg ſchickte der Kaiſer ſeine vornehmſten
Miniſter mit dem Auftrage an den Herzog: „er
ſolle dieſes Interim Kaiſerl. Majeſtät zu unter⸗
thänigſtem Gehorſam erſtlich ſelbſt annehmen und
dann auch bei ſeinen Söhnen ein Gleiches beför⸗
dern und verſchaffen, daß es bei ihren Untertha⸗
nen gehalten werde.“

Die Kaiſerlichen Miniſter ſetzten mit Drohun⸗
gen und Verſprechungen in ihn, dem Befehl des
Kaiſers Genüge zu leiſten; er blieb aber gegen
Beides unempfindlich und erklärte ihnen zu wieder⸗
holten Malen, daß er von der Augsburger Con⸗
feſſion nicht weichen werde.

Um deſto gewiſſer zu ſein, daß ſie dem Kaiſer
ſeine wahre Meinung hinterbrächten, brachte er
ſeine Antwort in deuiſcher und lateiniſcher Sprache
zu Papier und erſuchte ſie, dem Kaiſer dieſelbe
unfehlbar einzuhändigen. Er ſagt darin Folgen⸗
des: „Dieweil Kaiſerl. Majeſtät jetzo wiederum
ernſtlich bei uns ſuchen laſſen, in das Interim zu
willigen, ſo müſſen wir in unterthänigſter Demuth
anzeigen, daß wir von Jugend auf alſo unterrich⸗
tet worden, auch durch fleißige Nachforſchung der
prophetiſchen und apoſtoliſchen Schriften erlernt

haben, und in unſerm Gewiſſen, wie wir vor Gott
bezeugen, ohne alles Wanken dafür halten, daß
die Artikel der Augsburger Confeſſion, und was
dem anhängig, die wahre chriſtliche reine Lehre,
in der heiligen Schrift alſo gegründet, daß nichts
Erhebliches dawider aufgebracht werden könne,
daher ſich auch weiland unſer lieber Herr und Va⸗
ter ſammt uns und andern derſelben Confeſſion,
bis auf Erkenntniß eines allgemeinen, freien,
chriſtlichen Concilii anhängig gemacht. Weil wir
denn von der unvergänglichen Wahrheit Gottes

in unſerm Gewiſſen beſtändiglich überzeugt, ſo

ſind wir auch ſchuldig, Gott für ſolche unaus⸗
ſprechliche Gnade gehorſam und dankbar zu ſein
und davon nicht abzufallen, ſo lieb uns die ewige
Seligkeit zu ererben, und das ewige hölliſche Ver⸗
dammniß zu meiden.“

„Wenn wir nun das Interim für chriſtlich und
gottſelig annehmen ſollten, ſo müßten wir die
Augsburger Confeſſion und was wir bisher vom
Cvangelio IEſu Chriſti geglaubt, in vielen treff⸗
lichen Artikeln, daran die Seligkeit gelegen, wider
unſer Gewiſſen vorſätzlich verdammen und mit
dem Munde billigen, was wir im Herzen glaub⸗
ten, daß es der heiligen Schrift ganz und gar zu⸗
wider wäre; und folglich den Namen Gottes
jämmerlich mißbrauchen und grauſamlich verlä⸗
ſtern, auch Beides die hohe Majeſtät Gottes im
Himmel und unſre weltliche Obrigkeit auf Erden
mit gefärbten Worten betrligen, welches die rechte
Sünde wider den Heiligen Geiſt ſein würde, von
welcher Chriſtus gedrohet, daß ſie weder in dieſer
noch in jener Welt vergeben werden ſollte. Da
wir nun in unſerm Gewiſſen alſo gefangen, ſo
bitten wir in aller Unterthänigkeit, Kaiſerl. Ma⸗
jeſtät wollten es zu Ungnaden nicht aufnehmen,
daß wir in das Interim nicht willigen können,
ſondern bei der Augsburgiſchen Confeſſion endlich
verharren und allein dahin ſehen, wie wir nach
dieſem elenden Leben der ewigen Freude theilhaf⸗
tig werden mögen. Dabei bezeugen wir vor dem
Angeſicht Gottes, daß wir nichts Anderes ſuchen,
denn die göttliche Ehre und wie wir zu einem
Erben des ewigen Lebens mögen aufgenommen
werden. Was dagegen äußerliche Sachen be⸗
langet, ſind wir allwege begierig geweſen, Kaiſerl.
Majeſtät unterthänigſten Gehorſam mit allen
Treuen zu leiſten, als Gott weiß, und wollen
auch ferner ohnverbrüchlich halten, was wir Kai⸗
ſerlicher Majeſtät zugeſagt, gelobt und geſchworen.“

Die Kaiſerlichen Miniſter überlieferten jedoch
dieſes herrliche Bekenntniß dem Kaiſer nicht, ſon⸗
dern gaben ihm nur mündlichen Bericht, daß der
Kurfürſt ſich entſchieden weigere, das Interim
anzuerkennen, ohne jedoch, wie es ſcheint, die
ehrenwerthen Gründe ſeiner Weigerung und ſeine
ſonſtige Demuth und Ergebenheit dem Kaiſer zu⸗
gleich zu melden. In Folge deß geſchah es nun,
daß man ihm alle ſeine Bücher, ſogar auch die
Bibel wegnahm; nur den Pſalter und Luthers
Hauspoſtille behielt er noch übrig, weil ſie einer
ſeiner Bedienten verſteckt hatte. Bei dieſer Ge⸗
legenheit ſagte er denn ganz gelaſſen: „Oh ſie mir
ſchon meine Bücher nehmen, ſollen ſie mir doch,
was ich daraus gelernt habe, nicht aus dem

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