Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 1, Nummer 18 › Seite 72

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1845-05-03, Seite 72

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnis · Leutheriſce airhe · Spaltung 4

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Stimme eines Laien gegen den in No. 16 des „Theophilus" enthaltenen polemischen Artikel.

Der „Lutheraner" — und mit ihm die lutherische Kirche selbst, ist in obigem Blatte auf eine Weise angegriffen und geschmäht worden, die jeden, dem die Ausbreitung des Reichs Gottes Herzensangelegenheit ist, mit tiefer Betrübniß erfüllen muß. Hätte doch der Verfasser dieses Artikels, der ein Glied derjenigen Kirche ist, welche er selbst „die stille im Lande" nennt, die bis jetzt erschienenen Blätter des Lutheraners wenigstens erst mit stiller und ruhiger Prüfung durchgelesen und beherzigt, bevor er gegen ihn zu Felde zog. Vielleicht hätte er sich dann weniger schwer versündigt!

Jeder nicht in vorgefaßten Meinungen Befangene, welcher der christlichen Wahrheit nicht widerstrebt, sondern ihr Gehör geben will; Jeder, der — wenn auch nur in gewöhnlichem Grade — fähig ist, Wahrheit von Irrthum zu unterscheiden, wird bei angestellter Vergleichung des erwähnten Artikels mit dem, was in No. 1—2 dieser Blätter von dem Namen „Lutheraner," und weiter in No. 11—14 über die neue evangelische Kirche in Nordamerica gesagt worden, gewiß bald finden, auf welcher Seite die Wahrheit ist, und welche Bewandtniß es habe mit den, der lutherischen Kirche (von ihm Ultra-Lutherthum genannt) gemachten Beschuldigungen und beigemessenen falschen Lehren.

Für christliche Leser von der bezeichneten Beschaffenheit ist also eine ausführliche Widerlegung jenes Artikels etwas Unnöthiges und Ueberflüssiges. Aber ich fühle mich durch mein Gewissen gedrungen, gegen diese Beschuldigungen und Irrthümer auf's Bestimmteste und Entschiedenste zu protestiren, namentlich — um nur einige der gröbsten hervorzuheben —

1) Daß wir in demjenigen Sinne strenge Anhänger Luther's wären, als wollten wir ihn zu unserm Pabst machen und ein lutherisches Pabstthum aufrichten.

Ich kann mich nicht genug wundern, daß der Theophilus sich nicht scheut, diese Unwahrheit so dreist auszusprechen, nachdem doch in den vier ersten Nummern des Lutheraners gerade auf diesen Punct so gründlich geantwortet und klar und deutlich gezeigt worden ist, in welchem Sinne wir uns Lutheraner nennen und in welchem Sinne nicht.

2) Ist es unwahr und falsch, daß in unserer Kirche gelehrt werde: nur durch Annahme der symbolischen Schriften der lutherischen Kirche könne man selig werden; als ob die Seelen in der luth. Kirche „nicht bis zur lautern Quelle des Wortes Gottes, sondern nur bis zu den symbolischen Büchern geführt würden."

Auch gegen diesen ungerechten Vorwurf hat sich der Lutheraner schon in der ersten Nummer Seite 3 mit Anführung der klaren Stelle aus der Concordien-Formel sattsam verwahrt, und wer uns nur irgend verstehen will, und die herrlichen Bekenntniß-Schriften unserer Kirche gelesen hat, der wird wohl mit uns gern zugeben, daß die Form dieser Schriften allerdings menschlich, aber der Inhalt ewige göttliche Wahrheit sei, die man um seiner Seligkeit willen allerdings festhalten müsse, nicht insofern, sondern weil sie aus Gottes Wort genommen ist.

Gott helfe uns darum, daß wir Lutheraner Alle, die wir aus großer Gnade zur Erkenntniß solcher seligmachenden Wahrheit gekommen sind, dabei bis an unser Ende wider alle Verführung dieser letzten Zeit beharren mögen! Gott segne auch ferner diese Blätter des „Lutheraners" zu einem kräftigen Zeugniß jener Wahrheit an recht vielen Seelen in diesem Lande, die jetzt vielleicht noch wider uns sind, und lasse die Lehren mit vielem Segen geschmückt werden.

Ein Evang.-lutherischer Christ
in Perry County, Mo.

Nachbemerkung des Herausgebers. — Es gereicht uns zu großer Freude, das obige Zeugniß eines Laien mittheilen zu können, der darum redet, weil er von Herzen glaubt. Wir halten es für überflüssig, noch etwas hinzuzusetzen, da „der Theophilus," wie unser theurer Bruder erwähnt, eben bisher nur die Beschuldigungen gegen das Lutherthum erneuert hat, welche bereits im „Lutheraner" mit klaren Gründen abgewiesen worden sind. Da uns jedoch der „Theophilus" eine Vertheidigung der Union von dem mit der alten Theologie wohl vertrauten Hrn. Dr. Hengstenberg aus Berlin in den letzten Blättern entgegengestellt hat, die es allerdings verdient, in reichliche Erwägung gezogen zu werden, so werden wir nach völliger Erscheinung jener sehr scheinbaren Vertheidigung nicht verfehlen, dieselbe in unserm „Lutheraner" zu würdigen.

* * *

Der Separatist.

Einen Separatisten nennt man denjenigen, welcher sich von einer christlichen Gemeinde, die die rechte Lehre hat, darum absondert, weil ihm die Glieder derselben nicht heilig genug sind, oder weil er denkt, er bedürfe keines Predigers.

Ein solcher falscher Heiliger und Verächter des h. Predigtamtes kam einstmals zu einem rechtschaffenen lutherischen Prediger in Lübek und begehrte von diesem, sich mit ihm einige Stunden über vielerlei Scrupel zu unterreden, die er in Betreff des Predigers habe. Dieser erklärte dem Separatisten, daß er zwar bereit sei, mit ihm über seine Bedenken zu sprechen, aber jetzt sei eben die Stunde, in welcher er Amts halber in dem Lazareth erscheinen müsse; wenn er ihn in das Hospital begleiten wolle, könnten sie vielleicht unterwegs sogleich das Nöthigste besprechen. Der Scrupulant läßt sich das gefallen und geht mit dem Pastor bis in die Krankenstube, wo gerade mehrere Patienten lagen, welche mit höchst ekelhaften und ansteckenden Krankheiten behaftet waren. Der treue Seelenhirte nahte sogleich freundlich den Elenden, betete mit ihnen und erquickte sie in ihren großen Nöthen mit dem Trost des ewigen Lebens. Kaum hatte der Separatist einige Minuten zugehört, so zog er sein Schnupftuch aus der Tasche und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn, und öffnete das auf dem Tische liegende Balsam-Büchschen, sich anzustreichen, da er sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Endlich aber wendete er sich zu dem Prediger mit den Worten: „Ach, lieber Herr, ich kann es hier vor dem abscheulichen Gestanke unmöglich länger aushalten. Ich muß gestehen, ich habe nimmermehr geglaubt, daß es im Predigtamte also hergehe. Ich sehe, ich habe mich daran leider schwer versündigt. Es soll hinfort nicht weiter geschehen." — Von seiner gefährlichen Seelenkrankheit geheilt, verließ der Separatist das Spital und wurde nun eins der eifrigsten Glieder der Gemeinde, welche jener treue Knecht Gottes weidete.

* * *

Psalm 91, 15.

Als im Jahre 1548, zwei Jahre nach Luthers Tode, Kaiser Karl V. einen Religionsvergleich zwischen Protestanten und Papisten hatte aufsetzen lassen, das Interim genannt, wodurch er die getrennten Parteien wenigstens einigermaßen wieder zu vereinigen gedachte, so setzte sich insonderheit Johann Brenz mit großer Entschiedenheit dagegen. Der Kaiser, dem dies hinterbracht wurde, schickte hierauf einen Commissarius nach Schwäbisch-Hall, wo Brenz damals Prediger war, mit dem Befehl, ihn lebendig oder todt zu überliefern. Der Commissarius verbarg seine Absicht, berief den Rath zusammen und ließ diesen vorerst einen Eid ablegen, das zu verschweigen, was er ihnen sagen würde. Darauf eröffnete er ihnen seinen Auftrag unter vielen Drohungen. Alles gerieth in Bestürzung, denn Brenz genoß die Liebe und Achtung aller Versammelten. Doch ein Rathsherr war während der Eidesleistung noch nicht zugegen gewesen, und dieser kam nun unbemerkt hinzu. Derselbe schrieb daher sogleich einen Zettel an Brenz mit den Worten: „Fuge, fuge, Brenti, cito, citius, citissime," d. h., Brenz, fliehe, fliehe, so schnell als möglich! Dieser ging daher auch sogleich zum Thore hinaus. Vor dem Thore begegnete ihm der Commissar, und fragte ihn, wohin er ginge? Brenz antwortete: Zu einem Kranken vor der Stadt. Jener erinnerte ihn darauf, sich des anderen Tages versprochenermaßen bei ihm zum Mittagsmahl einzufinden, worauf Brenz nur sagte: so Gott will; und damit begab er sich zur Stadt hinaus, und ward errettet. — Bekenne darum nur immer freimüthig deinen Glauben, lieber christlicher Leser, und fürchte dich nicht vor dem Trotzen der Feinde und Verkehrer des Wortes Gottes und erschrecke nicht. (1 Pet. 3, 14.) Schon hier ist der HErr dein Schutz und dort wird dich dein Heiland, dessen Evangelium du hier trotz aller Schmach bekennest, wieder bekennen vor seinem himmlischen Vater.

Lehre und Wehre.

Ein Prediger muß nicht allein weiden, also, daß er die Schafe unterweise, wie sie rechte Christen sollen sein, sondern auch daneben den Wölfen wehren, daß sie die Schafe nicht angreifen und mit falscher Lehre verführen und Irrthum einführen. Wie denn der Teufel nicht ruhet. Nun findet man jetzund viel Leute, die wohl leiden mögen, daß man das Evangelium predige, wenn man nur nicht wider die Wölfe schreiet und wider die Prälaten predigt. Aber wenn ich schon recht predige, und die Schafe wohl weide und lehre, so ist's dennoch noch nicht genug der Schafe gehütet, und sie verwahret, daß nicht die Wölfe kommen, und sie wieder davon führen. Denn was ist das gebauet, wenn ich Steine aufwerfe, und sehe einem andern zu, der sie wieder einwirft? Der Wolf kann wohl leiden, daß die Schafe gute Weide haben; er hat sie desto lieber, daß sie feist sind; aber das kann er nicht leiden, daß die Hunde feindlich bellen. — Luther. Hall. IX. 818. 19.

Gedruckt bei Weber und Olshausen.

English translation AI translation

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The Voice of a Layman Against the Polemical Article Contained in No. 16 of the "Theophilus."

The "Lutheraner" — and with it the Lutheran Church itself — has been attacked and reviled in the above-named paper in a manner that must fill with deep sorrow anyone to whom the spread of the Kingdom of God is a matter of the heart. If only the author of this article, who is a member of that church which he himself calls "the quiet in the land," had at least first read through and taken to heart, with calm and quiet examination, the issues of the Lutheraner that have so far appeared, before he took the field against it. Perhaps he would then have sinned less grievously!

Anyone not caught up in preconceived opinions, who does not resist Christian truth but is willing to give it a hearing; anyone who is capable — even if only to an ordinary degree — of distinguishing truth from error, will, upon comparing the article mentioned with what was said in Nos. 1-2 of these pages concerning the name "Lutheraner," and further in Nos. 11-14 concerning the new evangelical church in North America, certainly soon find on which side the truth lies, and what is really behind the accusations made against the Lutheran church (which he calls "Ultra-Lutheranism") and the false doctrines ascribed to it.

For Christian readers of the sort just described, a detailed refutation of that article is therefore something unnecessary and superfluous. But I feel compelled in conscience to protest as definitely and decisively as possible against these accusations and errors — naming, if only to single out a few of the crudest:

1) That we are followers of Luther in the sense that we would wish to make him our pope and set up a Lutheran papacy. I cannot marvel enough that the Theophilus does not shrink from stating this untruth so boldly, seeing that in the first four issues of the Lutheraner this very point was answered so thoroughly, and it was shown clearly and plainly in what sense we call ourselves Lutherans, and in what sense we do not.

2) It is untrue and false that our church teaches that one can be saved only through accepting the symbolic writings of the Lutheran Church, as though souls in the Lutheran Church were "led not to the pure fountain of the Word of God, but only as far as the symbolic books." Against this unjust reproach, too, the Lutheraner has already sufficiently guarded itself in the very first issue, page 3, by citing the clear passage from the Formula of Concord; and whoever is willing to understand us at all, and has read the glorious confessional writings of our church, will surely be glad to grant, along with us, that the form of these writings is indeed human, but that their content is eternal, divine [72] truth, which one must indeed hold fast for the sake of one's salvation — not insofar as it is human, but because it is taken from God's Word.

God help us, therefore, that all of us Lutherans, who by great grace have come to the knowledge of such saving truth, may persevere in it until our end, against all the seduction of this last age! May God also continue to bless these pages of the "Lutheraner" to be a powerful testimony to that truth among a good many souls in this land who may perhaps still be against us now, and may he adorn the teaching with abundant blessing.

An Evangelical Lutheran Christian in Perry County, Mo.

Editor's Postscript. — It gives us great joy to be able to share the above testimony of a layman who speaks as he does because he believes from the heart. We consider it unnecessary to add anything further, since "the Theophilus," as our dear brother notes, has thus far merely renewed the accusations against Lutheranism that have already been rejected in the "Lutheraner" with clear grounds. Since, however, "the Theophilus" has, in its most recent issues, set against us a defense of the Union by Dr. Hengstenberg of Berlin, a man well versed in the old theology — a defense that certainly deserves to be given ample consideration — we will, once that quite plausible-seeming defense has fully appeared, not fail to give it its due assessment in our "Lutheraner."

The Separatist.

A separatist is the name given to one who separates himself from a Christian congregation that holds the right doctrine, because its members are not holy enough for him, or because he thinks he has no need of a preacher.

Such a false saint and despiser of the holy preaching office once came to an upright Lutheran preacher in Lübeck and asked him to spend a few hours discussing with him various scruples he had regarding the pastor. The preacher explained to the separatist that he was indeed willing to speak with him about his misgivings, but that just then was the hour in which his office required him to appear at the hospital; if the man wished to accompany him to the hospital, they might perhaps discuss the most pressing matters along the way. The scrupulous man agreed to this and went with the pastor into the sickroom, where several patients lay who were afflicted with most disgusting and contagious diseases. The faithful shepherd of souls at once went kindly to the wretched sufferers, prayed with them, and refreshed them in their great distress with the comfort of eternal life. The separatist had scarcely listened for a few minutes when he pulled his handkerchief from his pocket and wiped the sweat of anguish from his brow, and opened the little box of balsam lying on the table to rub on himself, feeling himself close to fainting. At last, however, he turned to the preacher with the words: "Ah, dear sir, I simply cannot bear it any longer here amid this dreadful stench. I must confess, I never would have believed that this is how things go in the preaching office. I see that I have, unfortunately, sinned gravely in this matter. It shall not happen again from now on." — Healed of his dangerous sickness of soul, the separatist left the hospital and became one of the most zealous members of the congregation which that faithful servant of God shepherded.

Psalm 91:18.

In the year 1548, two years after Luther's death, when Emperor Charles V had a religious settlement drawn up between the Protestants and the papists, called the Interim, by which he intended to reunite the divided parties at least to some degree, John Brenz in particular opposed it with great firmness. The Emperor, upon being informed of this, thereupon sent a commissioner to Schwäbisch Hall, where Brenz was then a preacher, with orders to deliver him up alive or dead. The commissioner concealed his purpose, convened the town council, and first had them take an oath to keep secret what he was about to tell them. He then disclosed his commission to them amid many threats. Everyone was thrown into consternation, for Brenz enjoyed the love and respect of all those assembled. However, one councilman had not yet been present during the taking of the oath, and he now came in unnoticed. He therefore at once wrote a note to Brenz with the words: "Fuge, fuge, Brenti, cito, citius, citissime" — that is, "Brenz, flee, flee, as quickly as possible!" Brenz thereupon at once went out through the town gate. Before the gate he met the commissioner, who asked him where he was going. Brenz answered: To a sick man outside the city. The commissioner then reminded him to come to him for the midday meal the next day, as promised, whereupon Brenz said only: "God willing" — and with that he went out of the city, and was saved. — Therefore, dear Christian reader, always confess your faith freely, and do not fear the defiance of the enemies and perverters of God's Word, and do not be afraid. (1 Peter 3:14.) Even here the Lord is your protector, and there your Savior — whose Gospel you confess here despite all reproach — will in turn confess you before his heavenly Father.

Teach and Defend.

A preacher must not only feed the flock, that is, instruct the sheep in how they are to be true Christians, but must also, besides this, ward off the wolves, so that they do not attack the sheep and lead them astray with false doctrine and bring in error. For the devil does not rest. Now, one finds nowadays many people who are quite willing to tolerate the preaching of the Gospel, so long as one does not cry out against the wolves and preach against the prelates. But even if I preach rightly, and feed and teach the sheep well, the sheep are still not sufficiently tended and guarded if the wolves are not kept from coming and leading them away again. For what use is it if I build up stones, while I stand by and watch someone else knock them down again? The wolf can well tolerate the sheep having good pasture; he likes them all the better for being fat; but what he cannot tolerate is the dogs barking fiercely at him. — Luther. Halle ed., IX, 818-19.

Printed by Weber and Olshausen.