Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 7 › Seite 50
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-11-24, Seite 50
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Miſſion 32
ſeine Helfershelfer um Euch her und in Eurer
eigenen Mitte ſteht, umgürtet Eure Lenden mit
der himmliſchen Wahrheit, und angezogen mit
dem Krebs der Gerechtigkeit IEſu Chriſti. Vor
allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glau⸗
bens, mit welchem Ihr auslöſchen könnt alle
feurigen Pfeile des Böſewichts. Und nehmet den
Helm des Heils und das Schwert des Geiſtes,
welches iſt das Wort Gottes. Und betet ſtets,
betet ſtets in allem Anliegen, mit Bitten
und Flehen im Geiſte. Und wachet, wachet
dazu mit allem Anhalten und Flehen für alle
Heiligen, und auch für mich, Deine geringere,
ſchwächere, kleinere Schweſter, auf daß auch mir
gegeben werde, gleichwie Dir, das Wort mit
freudigem Aufthun meines Mundes, daß ich
möchte kund machen allen meinen Kindern das
Geheimniß des Evangelii, und daß von mir
der ſüße Geruch des HErrn möchte ausgehen zu
den Heiden umher zu meines HErrn und Königs
Namens Ehre.
So rufe ich Dir zu, meine Schweſter, und bitte
Dich nun von ganzem dringenden Herzen, Du
wolleſt meine dargebotene Hand ergreifen, in Liebe
ſtärken, meinem Zurufe Dein Herz leihen und
mit ſchweſterlichem Briefe, Gruß und ernſtlichem
Zurufe erwiedern und mein Herz dadurch ſtärken
und tröſten.
Damit du aber wiſſeſt, wer Dir dieſen Brief,
Gruß und Zuruf ſchickt, und wer es iſt, der von
Dir ein Gleiches ſehnlich erbittet, ſo höre:
Vor 150 Jahren war ich noch nicht. Als aber
Friedrich IV. von Dänemark, durch ſeinen Hof⸗
prediger Lütkens ermuntert, für ſein Tranquebar
aus Frankens Waiſenhauſe ſich Miſſionare er⸗
bat, und Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich
Plütshau im Namen des HErrn Ja ſagten, und
am 9ten Juli 1706 hier an Tranquebars Ge⸗
ſtaden landeten, da kam ich nahe zur Geburt.
Und als am 15ten September 1707 die erſten
Heiden in der neuen Miſſionskirche Jeruſalem
getauft wurden, da war ich geboren.
Meine erſte Kindheit und Jugend war lieblich
und ſchön. Mein Vater in Chriſto, Ziegenbalg,
und mit ihm und nach ihm meine anderen hoch⸗
geliebten Väter Gründler, Schulze, Dal, Preſſier
pflegten und gängelten mich, gaben mir ſüßen
Honig zu eſſen und reine lautere Milch zu trin⸗
ken. So wuchs ich heran, und wurde eine feine
Dirne, und ward größer und nahm zu und brei⸗
tete mich aus, und gar bald hatte mein HErr und
Bräutigam nicht allein auf dem alten Däniſch⸗
Tranquebarſchen Gebiete, ſondern, inſonderheit
durch meines Vaters Benjamin Schulze Be⸗
mühungen und viele Reiſen, auch über die Gren⸗
zen dieſes Gebietes hinaus, bis Madras hin, ja
über Madras hinaus meinen Namen ausgebreitet
und der Kinder Menge mir zugeführt. Das
ganze Wort meines HErrn, der lieblichen Lieder
meiner deutſchen Mutter nicht wenige, ſowie
manche andere heilſame Bücher voll Lehre und
Troſt in meiner eigenen Tamuliſchen Sprache
mir wiederzugeben, waren die Väter von Anfang
an hoch befliſſen. Und noch mehr: Nicht, daß
ich ein Kind bleiben ſollte, war der Gedanke und
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die Abſicht der Väter über mir, ſondern ich ſollte,
nachdem ich in den Anfang meiner dreißiger Jahre
gekommen war, nun auch beginnen, ein ſelbſt⸗
ſtändiges Leben führen zu lernen. Ich ſollte ler⸗
nen, aus meinen eigenen Kindern mir Väter er⸗
wachſen zu ſehen, die mich weideten auf der Aue
des Evangeliums, und ſollte der Pflege der
Fremden, die, wenn auch theure hochgeliebte Väter
in Chriſto, doch meiner innerſten Nationalität
fremd waren, nach und nach entwachſen und mich
deren entwöhnen. Die erſten Männer, welche ſo
aus Kindern mir Väter wurden, waren Aaron
und Diogo, welche in den vierziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts die heilige Weihe empfin⸗
gen. Auf ihren Dienſt in den Gemeinden, auf
ihre Sorge für die Seelen, auf ihre Reiſen in die
Ferne, wo das Wort des Evangeliums noch nicht
gekannt war, auf ihr Rufen und Sammeln hat
der HErr Seinen Segen in reichem Maße gelegt,
und die Namen Aaron und Diogo ſind noch jetzt
von den Lippen der ſpäten Enkel geſegnet. Ihnen
folgten andre eingeborne Prediger. Und durch
den Segen, den der HErr auf ihre und der wei⸗
ßen Väter Arbeit legte, iſt es gekommen, daß in
der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die
lutheriſche Kirche hier ſich weit über das Tamu⸗
lenland, vom tieferen Süden bis nördlich über
Madras hinaus ausdehnte. Die drei Namen
Schwarz, Fabricius und Guericke ſind es, welche
die Glanzperiode meines Lebens und Beſtehens
im vorigen Jahrhundert repräſentiren. Schwarz
in Tanjore und Tritſchinopoli, ein Freund von
Königen und Erzieher königlicher Prinzen, ſeiner
großen Perſönlichkeit wegen geſucht von eingebor⸗
nen und engliſchen Großen, ſeines mächtigen
Einfluſſes wegen eine Stütze der Gemeinden und
der Bedrängten in allerlei Verfolgungen und An⸗
fechtungen. Fabricius in Madras, ein ſtilles
ſanftes Licht mit mildem erquickendem Scheine,
Vollender der Bibelüberſetzung, des Geſangbuches,
ein Vater, der die Kinder mit großer Dringlichkeit
und Innigkeit zu IEſu Chriſto und zu einem
heiligen Wandel in Ihm rief und ermahnte.
Guericke, der nach langem Dienſte noch am
Ende ſeines Lebens durch reiche geſegnete Bekeh⸗
rungen im tieferen Süden dem HErrn dort ein
Haus bauete und eine Stätte gründete, wo Sei⸗
nes Namens Ehre wohnen konnte.
Aber mein Mund, der bis hieher die Gnade
des HErrn über mir beſungen und beſchrieben
hat, warum muß doch der nun ſich aufthun zu
Klageliedern und Weinen? Die Hand, die bis
hieher den Preis der alten Väter Dir verkündigt
hat, geliebte Schweſter, warum muß doch die
nun ſich wenden zu Klagen über ſie? Geſtatte
es der, die in Loben und Preiſen ausführlich
war, ihre Trauer in wenigen Zeilen Dir zu
klagen.
Des Jammers erſter Urſprung lag darin, daß
die Väter in Halle gebildet herauskamen und
Halleſche Unkirchlichkeit, Halleſche pietiſtiſche Be—
fangenheit, Halleſchen Indifferentismus mit⸗
brachten, die älteſten Väter in geringerem Grade,
die ſpätern in immer ſteigendem Maße. Und
da ſind denn in der zweiten Hälfte des vorigen
Jahrhunderts die Engländer immer mächtiger in
dieſen Gegenden geworden, und viele gläubige
Engländer und auch die älteren engliſchen Miſ⸗
ſionsgeſellſchaften haben ſich gefreuet über das
Werk des HErrn hier im Tamulenlande und
haben die Hände der Väter mit vielem Gelde
geſtärkt; und die Väter haben das Geld mit
Dankſagung genommen und wiedergenommen,
und nach und nach hat der eine und der andere
es mit ſeinem Gewiſſen vereinbar gefunden, in
den Dienſt der älteren engliſchen Miſſionsgeſell⸗
ſchaften zu treten, und es iſt der engliſche Katechis⸗
mus nach und nach hie und da in die Gemeinden
eingeführt.
mit dem Miſſionar Geiſter, welcher zuerſt jenen
Katechismus in ſeinen Gemeinden einführte, keine
Gemeinſchaft mehr haben und auch nicht mehr
mit ihm eſſen wollte, ſo war doch Schwarz in der
Abendmahlslehre völlig reformirt geſinnt, und
von den Hirten breitete ſich auch in den Gemein⸗
den der völligſte confeſſionelle Indifferentismus
in Bezug auf reformirtes Weſen aus. So wurde
das möglich, was wirklich geſchehen iſt, nemlich,
daß nach und nach alle alten lutheriſchen Ge⸗
meinden im Tamulenlande, welche außerhalb des
däniſchen Territoriums lagen, durch die Verblen⸗
dung der Väter und die Schuld der Zeiten in die
Hände der reformirten Engländer gerathen ſind.
Und ich ſelbſt nun, die alte, ihrer Kinder beraubte
Mutter, zurückgeworfen auf das einzige kleine
Tranquebar, mußte es anſehen, wie auch hier,
wo vor hundert Jahren mir ſüße liebliche Wie⸗
genlieder geſungen worden waren, wie auch hier
in meine Geburtsſtadt der Wolf einzog, nicht eng⸗
liſcher Calvinismus, ſondern Rationalismus, der
auch hieher ſeinen Weg fand und ſeine zerſtörende
Thätigkeit auch hier in großer Verwüſtung aus⸗
übte. Die Namen John und inſonderheit Cäm⸗
merer (geſtorben 1837) repräſentirten die Zeit
des Rationalismus in Tranquebar.
Damit war aber der höchſte Gipfel des Elends
erreicht. Aller Kinder war ich beraubt, und ich
ſelbſt vom Wolfe zerbiſſen und zerriſſen lag hülf⸗
los und verblutend auf dem Boden. Da ging
der HErr vorüber und erkannte in mir jene lieb⸗
liche Magd, an der vor Zeiten Sein Auge Wohl⸗
gefallen gehabt hatte. Und die Eingeweide Sei⸗
ner Barmherzigkeit regten ſich über mir und Er
ſprach: „Du ſollſt leben.“ Und Er nahm mich
in Seine Pflege und ſandte mir wieder Sein rei⸗
nes Wort aus dem Munde rechtgläubiger Lehrer
und reichte mir wieder Seine Sacramente in
rechtem Brauch. Er wuſch mich rein von allem
Schmutze durch Sein Blut und goß in meine
Wunden Oel und Wein, und in meine Adern
und meine Gebeine neues Leben; ſo daß ich
wieder anfing mich zu regen, auf meinen Füßen
zu ſtehen, zu gehen, Seinen Namen wieder zu
preiſen und Seinen Ruhm unter den Heiden zu
verkündigen, wie in vorigen Zeiten. Und weiter
hat Er Seine Gnade groß gemacht über mir und
wieder angefangen, aus den Heiden ringsumher
mir neue Kinder zuzuführen, hat in dicht bevöl⸗
kerten Heidendiſtrieten mir Anhaltspunkte gegeben
zur Predigt an die Heiden. Ja Er hat ſogar
Und obgleich noch der alte Fabricius
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