Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 6 › Seite 45

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-11-13, Seite 45

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Saufen · Saufen 2 · Temperänz 8

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zu dem Tage.

*

Vam Branntweintrinken.

Manches kurz, kräftig und ſinnreich geſagte
Wort iſt vom Branntweintrinken vernommen
worden, doch möchte dies Wort, wo nicht das
beſte, gewiß eins der nächſtbeſten ſein: Mäßigkeit
führt zur Unmäßigkeit.

Hierwider treten allerdings die vielen Exempel
auf, daß Menſchen ihr Leben lang tagtäglich
Branntwein trinken und bleiben gleichwohl ihr
Leben lang mäßig. Das wird zugeſtanden, all⸗
ein dafür wird das Zugeſtändniß auch wieder ge⸗
fordert: Wenn nicht alle, doch die allermeiſten,
welche unmäßige Trinker geworden ſind, die ſind
vorher mäßige Trinker geweſen; aus einem Glas
täglich ſind zwei, drei, vier Gläſer geworden und
wohl noch darüber in vier und zwanzig Stunden
(Ebenlied, Etmal,“) ſagt unſere reichere Landes⸗
ſprache), denn die Nacht nimmt der Unmäßige mit
Das iſt die Wahrheit.

Dem obigen Worte: Mäßigkeit führet zur Un⸗
maͤßigkeit, fügen wir ein anderes an, dieſes:
Aus Selten wird Oft. Hierwider treten aller⸗
dings die vielen Erempel auf, daß Menſchen ihr
Leben lang dann und wann, alle Jahr Einmal,
alle halbe, alle Vierteljahr, alle Monat Einmal
ſich betrinken, oder wie eben eine beſondere äußer⸗
liche Verreizung eintritt, und laſſen es dabei,
machens nicht öfter. Das wird zugeſtanden, all⸗
ein dafür wird das Zugeſtändniß auch wieder ge⸗

fordert: Wenn nicht alle, daß doch die allermei⸗

ſten, welche ſich oft betrinken, früher ſich ſelten
betrunken, aus alle Jahr, alle halbe Jahr, alle
Quartal Einmal alle Monat, alle Wochen, alle
Tage Einmal gemacht haben, und Einige zwei⸗
mal jeden Tag, d. h. immer betrunken ſind, mit
Ausnahme der einzigen halben Stunde, der wü⸗
ſten, die zwiſchen dem Ausſchlafen und dem aber⸗
maligen Eingießen vergeht, während welcher man
auch dieſe Säufer nicht nüchtern nennen kann.
Das iſt die Wahrheit.

Eine gewiſſe Dame hat mit einigen Tropfen
Liqueur Mittags nach ſchweren Speiſen zu trin⸗
ken angefangen und hat mit Rum Tag und Nacht
bei ſich im Bett zu trinken aufgehört. In dieſen
kurzen Worten hat der Leſer eine lange Geſchichte.

Wie man den Branntwein macht, iſt nicht un⸗
ſere Frage, ſondern wir fragen, wie ſich der Menſch
zu einem Säufer macht. Eine dritte Antwort iſt
dieſe: Der Müßiggang iſt ein Lehrer des Trin⸗
kens und die Unthätigkeit iſt eine Schule der Völ⸗
lerei. Denn kein Menſch vermag es, die Laſt
eines leeren Lebens zu tragen. Die Tanzgelage
aber ſind die Turnplätze für dieſe Sünde wie für
andere Sünden.

Wie man den Branntwein macht, iſt nicht un⸗
ſere Frage, ſondern wir fragen, wie ſich der Menſch
zu einem Säufer macht. Eine vierte Antwort iſt

dieſe: Aus Großthuerei. Der Knabe will trin⸗

ken können wie ein junger Burſch, ein junger wie
ein alter und wie ein Mann. Das leidige Lob:
er könne viel vertragen, das lautet in ſeinen
Ohren und ſoll unter gewiſſen Leuten auch wirk⸗

*) Bedeutet in niederdeutſcher Mundart eben einen
Zeitraum von 24 Stunden.

— 45 —

lich ſoviel heißen als: er iſt ein rechter Kerl. Eine
fünfte Antwort: Seine Fröhlichkeit will der Menſch
beflügeln, ſeine Traurigkeit will er zügeln. Das
iſt auch eine Unmäßigkeit, wenn der Fröhliche,
der es iſt, noch fröhlicher ſein will; ſie findet ſich
vornehmlich in den jüngeren Jahren, in den ſpä⸗
teren Jahren aber wird es häufiger geſehen, daß
Menſchen ihre traurigen Gedanken hemmen wol⸗
len durch das Getränke. Und allerdings, der
Branntwein leiſtet den einen wie den andern
Dienſt, allein wie!

Es giebt keinen größern Lügner in der Welt
als den Branntwein, und der Vater aller Lügen,
der es von Anfang iſt, hat an dieſem Getränk
einen Sohn bekommen, daß er in ſeiner Hölle ſich
über ihn freuen muß, wie der auch kann.

Dem Fröhlichen verſpricht er eine erhöhete
Fröhlichkeit und er hält Wort — einige Stunden,
dann aber giebt er Scham, Verdruß, Reue und
nicht ſelten Reu' über eine That, die nimmermehr
wieder gut zu machen iſt. Dem Traurigen hilft
er, aber durch das Thor einer kurzen Freude führt
er ihn in eine vermehrte Traurigkeit. Die herein⸗
getrunkene Kraft wird Schwachheit, der hereinge⸗
trunkene Reichthum macht die Armuth größer, der
hereingetrunkene Verſtand ſpült weg, was noch
an Verſtand da war, wie denn ſchon, während er
vermeintlich hell glänzt, alle Nüchternen um ihn
her mit Inbegriff der Kinder über den Narren
lachen und ſeiner ſpotten. Ach, man ſollte über
ihn weinen.

Ein gewiſſes griechiſches Leſebuch hat zu An⸗
fang einen Satz, welcher deutſch heißt: Betrun⸗
kenſein iſt auf eine kurze Zeit wahnſinnig ſein.

Iſt's erlaubt, ſich ums Leben zu bringen? So
wenig iſt es erlaubt, ſich ſelber um den Verſtand
zu bringen.

Ein Freiherr Johann von Schwarzenberg —
ein Mann mit dieſen Worten von Luther gelobet:
Siehr dich um nach feinen, frommen Edelleuten,
als Herr Hanns von Schwarzenberg, an denſel⸗
bigen labe und tröſte dich — der hat oft geſagt,
er wollt' lieber, daß ihm ſeiner Söhne einer ehr⸗
lich erſchlagen, denn durch Wein alſo erfüllt, daß
er nicht gehen könnt, entgegengetragen würde.

Einen Branntweinfabrikanten hat der Schrei⸗
ber dieſes von ſeinem Fabrikat ſagen hören:
Möchte man doch bald die Erfindung machen, den
Spirit als Oel zu brennen! Denn es iſt beſſer,
ihn in die Lampen als in die Mägen zu gießen;
von da machte er das Haus hell, von hier macht
er das Haus dunkel.

Ja wahrlich, eines Trunkenboldes Geſtalt und
Weſen, nemlich das braunrothe Geſicht, die trü⸗
ben Augen, die ſchwere Zunge, das dumme Zeug,
das er ſpricht, ſeine heiſere Stimme, ſein taumeln⸗
der Gang — ſollte wohl abſchrecken, und die
Schmach wie der Kummer, den er über die un⸗
ſchuldigen Seinen bringt, ſollte wohl warnen,
und die Wahrnehmung, daß aus dieſer Hölle von
Tauſenden kaum Einer erlöſet wird, ſollte wohl
vorſichtig machen.

Alles aber, was hier vom Branntwein geſagt
iſt, das gilt von Rum ganz, von Grog und
Punſch dreiviertel, vom Thee- und vom Kaffee⸗

punſch, da derſelbige ſeine Heimath hat, auch
dreiviertel, und vom Weine gilt es halb.

Und alles, was man ſagt, daß einige Men⸗
ſchen durchaus etwas Spirituöſes haben müßten,
um geſund und bei Kräften zu bleiben, das iſt
falſch, und was man ſagt von dem Nutzen, den
ein mäßiges Trinken hätte, damit geht man über
das Maß der Wahrheit.

So bleibet es nun dabei: Wer einen Menſchen
zum Branntweintrinken auffordert, der thut etwas
Bedenkliches, und wer einen Menſchen verreizt,
ſich zu betrinken, der thut etwbas Böſes. Merken
ſich alle Leute das, inſonderheit alle Schenkwirthe
und Ehefrauen. Claus Harms.

Die Schwarmgeiſter erklären das Lutherthum

für ein Pabſtthum, die Papiſten für
Schwarmgeiſter.

Gott hat mich, ſchreibt Luther, alſo geſetzt, daß
ich meiner Mutter Liedlein ſingen muß: Mir
und dir iſt niemand huld, das iſt unſer beider
Schuld. Ich bin der Meiſter einer, der's kann,
was die Leute verdreußt. So ſchreien die Wie⸗
dertäufer: Es ſeien zween falſche Propheten,
der Pabſt und der Luther. Doch ſei der Luther
ärger, weder der Pabſt. Alſo gehet mirs: wer
unter dem Pabſt kann aus dem Luther den ärg⸗
ſten Rottengeiſt machen, ſo die Sonne beſchienen
hat, der hat's troffen. Wiederum, wer mich
unter den Rottengeiſtern kann zwiefältigen Papi⸗
ſten und ärger, weder den Pabſt, machen, der
kann nicht fehlen. Und doch, wo der Luther
nicht hätte geſchrieben, ſo würde kein Rottengeiſt
wiſſen, was der Pabſt ſei, und kein Papiſt wider⸗
ſtehen können einigem Rottengeiſt (ohne mit Fre⸗
vel, Feuer und Schwerdt); aber meine Lehre
iſt das Ziel, von Gott geſteckt, zu dem al les
muß ſchießen. Doch wird der Zweck von ihnen
allen ungetroffen bleiben und müſſen eitel Fehl⸗
ſchüſſe thun, auch über und neben den Wall hin,
daß jedermann zuletzt, wer zuſiehet, ihr lachen
muß, wie der ander Pſalm verkündiget. (Siehe
Vorrede auf Regii Widerlegung der Münſteri⸗
ſchen Wiedertäufer Bekenntniß von 1535. Werke.
Hall. A. XIV, 324.)

2—

Der Mürtyrertod des Biſchofs Polykarpus.

Polykarpus, ein Schüler des heiligen Apo⸗
ſtels Johannes, war Biſchof der chriſtlichen Ge⸗
meinde zu Smyrna in Aſien. Viele Schriftaus⸗
leger halten dafür, daß er derjenige Engel der
Gemeinde zu Smyrna ſei, an welchen das Schrei⸗
ben des Apoſtels Johannes, Offenbarung 2,
8—11., gerichtet iſt. Er verwaltete ſein Amt mit
muſterhafter Treue, bewies großen Eifer, die
chriſtliche Glaubenslehre rein und unverfälſcht zu
erhalten und fortzupflanzen, und zeigte den größ⸗
ten Ernſt und Abſcheu gegen alle Ketzereien,
die ſchon zu ſeiner Zeit im Schwange gingen.
So oft er von neuen Ketzereien hoͤrte, ſeufzte er:
„O gütiger Gott, was für Zeiten
läſſeſt du mich erleben, in welchen ich
ſolche Dinge hören muß!“ Sein uner⸗

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