Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 1 › Seite 2

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-04, Seite 2

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirche 30 · Zeremonien 2 · Kirchengemeinſchaften · Kirchengemeinſchaften. 4„99 · Luther 5 · Luther 6 · rutheriſche ainche 2 · Miſſouriſynode 7 · Offenbarung. — 6 · Anhang 8 · Tanz 9

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gultig, welche äußere Form die Kirchenregierung
hat; viel weniger ſind wir gleichgültig dagegen,
auf welcher Lehre vom Predigtamt und Kirchen⸗
regiment die angenommene Kirchenverfaſſung fußt,
aber wir ſind weit entfernt, eine Gemeinſchaft
deswegen von der wahren Kirche ausſchließen zu
wollen, das heißt, derſelben den Charakter der
wahren Kirche abzuſprechen, weil ſie keine Epis⸗
kopal⸗, oder Presbyterial⸗, oder Synodal⸗, oder
Conſiſtorial⸗, oder Communalverfaſſung hat, oder
nicht völlig independent (unabhängig von andern
Geme inden) daſteht. Während die reformirte
Kirche von Anfang an ſich ein Gewiſſen gemacht
hat, nicht zur angeblich apoſtoliſchen Kirchenver—
faſſung, als der einzig rechten, zurückzukehren, ſo
gehört es vielmehr zum eigenthümlichen Charakter
der lutheriſchen Kirche, daß dieſelbe bei lebendigem
Bewußtſein ihrer Freiheit am liebſten das Vor⸗
handene bewahrt und davon nur das, was wider
Gottes Wort war, ausgeſchieden hat. Einen
ſchlagenden Beweis dafür, wie die lutheriſche
Kirche das Weſen der wahren Kirche ſo gar nicht
in der Verfaſſung ſucht, liefert die Erklärung in
der Apologie: „Wir haben uns etlichemal auf
dieſem Reichstage hören laſſen, daß wir zum höch⸗
ſten geneigt ſind, alle Kirchenordnung und der
Biſchöfe Regiment, das man nennet Canonicam
politiam, helfen zu erhalten, ſo die Biſchöfe un⸗
ſere Lehre dulden und unſere Prieſter annehmen
wollten.“ (Ib. S. 196.)

Wir Lutheraner wollen ferner nichts wiſſen
von dem falſch excluſiven Charakter derjenigen
Gemeinſchaften, welche gewiſſe Ceremonien
an ſich für nöthig achten und daher andere
wegen Mangels derſelben von der wahren Kirche
ausſchließen, wie denn u. a. die Baptiſten oder
Wiedertäufer das Untertauchen bei der heiligen
Taufe zu einem nothwendigen Kennzeichen der
wahren Kirche machen, zuweilen auch die Refor⸗
mirten das Brodbrechen im heiligen Abendmahle;
der Papiſten ganz zu geſchweigen. So ſireng
und genau es die lutheriſche Kirche mit den un⸗
ſchuldigſten und an ſich unbedeutendſten Ceremo⸗
nien nimmt, wenn mit Annahme oder Verwer⸗
fung derſelben das Bekenntniß der Wahrheit
gekränkt und geſchwächt werden könnte, wie denn
die wahre Kirche eine ſolche Strenge immer be—
wieſen und hauptſächlich darum ſo viele Märtyrer
hat (vergl. 2 Macc. 6, 21.ff.): ſo ſchließen doch
die Lutheraner keine Kirche von der wahren des⸗
wegen aus, weil ſelbige die oder jene Ceremonie
habe oder nicht habe. Sie bekennen vielmehr
öffentlich und feierlich, im 7. Artikel der Augs⸗
burgiſchen Confeſſion: „Dieſes iſt genug zu wah⸗
rer Einigkeit der chriſtlichen Kirchen, daß da ein—
trächtiglich nach reinem Verſtand das Evangelium
gepredigt und die Sacramente dem göttlichen
Wort gemäß gereicht werden. Und iſt nicht noth
zu wahrer Einigkeit der chriſtlichen Kirchen, daß
allenthalben gleichförmige Ceremonien, von den
Menſchen eingeſetzt, gehalten werden.“ (Ib. S. 27.)

Wir Lutheraner ſind ferner nicht falſch exeluſiv
im donatiſtiſchen Sinne. Die Donatiſten
(eine im 4. Jahrhundert ſich entwickelnde Secte)
lehrten nemlich, eine Kirche, welche Böſe unter

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ſich dulde, gehe damit des Charakters der
wahren Kirche verluſtig; die wahre Kirche ſei
rein und heilig, und beſtehe nur aus Wieder⸗
gebornen und Bekehrten, widrigenfalls ſei die
Kirche eine falſche, wenn auch in ihr die reine
Lehre im Schwange gehe: falſch exeluſive Grund⸗
ſätze, welche jetzt offenbar von allen unſeren
ſchwärmeriſch eifrigen Secten mehr oder minder
geltend gemacht werden. Ob nun zwar in un⸗
ſeren Symbolen deutlich gelehrt wird, daß die
Kirche die Gewalt der Schlüſſel und daher auch
das Recht und die Pflicht habe, den rechten chriſt—
lichen Bann auszuüben, „daß man“, wie es in
den Schmallaldiſchen Artikeln heißt, „offenbar⸗
liche, halsſtarrige Sünder nicht ſoll laſſen zum
Sacrament oder andere Gemeinſchaft der Kirchen
kommen, bis ſie ſich beſſern und die Sünde mei⸗
den“ (Ib. S. 311.): ſo werden doch zugleich in
unſeren Bekenntniſſen die Donatiſten ausdrücklich
verworfen (Augsb. Conf. Art. 8.), ja folgender
Grundſatz der Schwenkfeldianer als irrig
verdammt: „daß keine rechte chriſtliche Ge⸗
meine ſei, da kein vöffentlicher Ausſchluß oder
ordentlicher Prozeß des Bannes gehalten werde,
und daß der Diener der Kirche andere Leute nicht
nützlich lehren oder rechte wahrhaftige Sacra⸗
mente reichen könne, der nicht für ſeine Perſon
wahrhaftig verneuert, gerecht und fromm ſei“.
(Ib. S. 655.)

Wir Lutheraner ſind femer nicht falſch excluſiv
im methodiſtiſchen Sinne. Die Metho⸗
diſten ſehen nemlich nicht leicht jemanden für recht
bekehrt an, der nicht gerade in der Weiſe be—
kehrt worden iſt, wie ſie die Bekehrung der Leute
betreiben, und ſie erkennen nicht leicht irgendwo
ein Werk Gottes an, wenn es nicht gerade mit
gewiſſen Geberden zu Tage kommt, an denen
ſie es allein zu erkennen vermeinen. In der
Vorrede zu unſern ſymboliſchen Büchern wird
hingegen mit Nachdruck bezeugt: „Sintemal wir
uns ganz und gar keinen Zweifel machen, daß
viel frommer unſchuldiger Leute auch in den
Kirchen, die ſich bisher mit uns nicht allerdings
verglichen, zu finden ſind, welche in der Einfalt
ihres Herzens wandeln.“ (Ib. S. 13.) Ja,
Luther ſchreibt, und alle wahre Lutheraner un⸗
terſchreiben es von ganzem Herzen: „Müſſen
wir doch bekennen, daß die Schwärmer die
Schrift und Gottes Wort haben in andern Ar⸗
tikeln und wer es von ihnen hört und gläubt, der
wird ſelig, wiewohl ſie unheilige Ketzer und
Läſterer Chriſti ſind.“ (Siehe: Luthers Brief
von der Wiedertaufe vom Jahre 1528. Werke.
Hall. XVII, 2675.)

Wir Lutheraner ſind aber endlich auch nicht
falſch exeluſtev im montaniſtiſchen und
ſwedenborgianiſchen Sinne. Die Monta⸗
niſten, eine im 2. Jahrhundert eniſtandene Secte,
behaupteten nemlich, daß Gott zu gewiſſen Zeiten
der Kirche neue Offenbarungen gebe und dadurch
die Kirche fortentwickele bis zu ihrer männlichen
Vollendung, und daß Montan, ihr Stifter, ein
ſolcher Prophet ſei, den der Heilige Geiſt unmit⸗
telbar erleuchtet habe, deſſen Lehren daher gleiches
Anſehen mit der heiligen Schrift hätten. Aehn⸗

lich die Swedenborgianer. Dieſe im letzten
Drittel des vorigen Jahrhunderts entſtandene
Secte behauptet nemlich, daß Swedenborg, ihr
Stifter, von Gott neue Offenbarungen erhalten
habe, um eine neue Kirche zu ſtiften, und daß
daher ſeine Schriften neben der heiligen Schrift
auch eine Regel und Richtſchnur des Glaubens“
ſeien. Kein Vorwurf trifft uns weniger als der
einer ſolchen falſchen Exeluſivität. Wir glauben
nicht, daß die Kirche vor Luthern ausgeſtorben
geweſen ſei und daß daher Luther eine neue Kirche
habe ſtiften müſſen. Die Lutheraner haben viel⸗
mehr wiederholt ihren Zuſammenhang mit der
alten Kirche nachgewieſen und gezeigt, daß alle
ihre Lehren von der wahren Kirche aller Zeiten
gelehrt worden ſind. Schon die erſten lutheriſchen
Bekenner beriefen ſich getroſt auf die alte, ja,
ſelbſt auf die römiſche Kirche. Sie ſchreiben im
21. Artikel der Augsburgiſchen Confeſſion: „So
denn dieſelbige“ (nemlich lutheriſche Lehre) „in 1
heiliger Schrift klar gegründet, und dazu auch
gemeiner chriſtlicher, ja, römiſcher Kirchen, ſo viel
aus der Väter Schrift zu vermerken, nicht zu⸗
wider noch entgegen iſt, ſo achten wir auch, unſere
Widerſacher können in obengezeigten Artikeln nicht
uneinig mit uns ſein.“ (Concordienbuch, S.349
Was nun Luthern ſelbſt betrifft, ſo achten wir
allerdings ſeine Schriften höher, als die irgend
eines anderen Kirchenlehrers nach den Zeiten der
Apoſtel, aber wir ſtellen ihn keinem Apoſtel, und
ſeine Schriften der heiligen Schrift durchaus nicht
gleich. Wir halten ihn nicht für einen unmittel⸗
bar erleuchteten Mann, der nicht hätte irren oder
der etwas Neues, was in der Bibel nicht ſieht,
hätte lehren können. Wir achten Luthern und
ſeine Schriften vielmehr allein darum ſo hoch,
weil er trotz des hohen Reichthums ſeines Geiſtes
mit ſo unerſchütterlicher Treue und wahrhaft!
kindlicher Einfalt bei der heiligen Schrift gebli J
ben iſt; ſo eruſtlich, wie keiner, in die heilige
Schrift hineintreibt, und alle ſeine Lehren ſo klar
und offenbar aus der heiligen Schrift begründet
hat, daß ein chriſtliches Gewiſſen durch ihn zu
einem feſten, gewiſſen, göttlichen Grunde ſeines
Glaubens gebracht wird. Hierzu kommt, daß
Gott Luthern offenbar auch durch unvergleichliche
Gaben der Gnade und des Amtes, und durch
einen unvergleichlich herrlichen Erfolg ſeiner Ar⸗
beit das Siegel aufgedrückt hat, daß derſelbe von
ihm zum Werk der Reformation feiner Kirche be⸗
rufen geweſen ſei. Gott ſelbſt iſt es daher, den
wir in Luthern ehren; und die Zeit einer über⸗
ſchwänglich gnadenvollen Heimſuchung Gottes
iſt es, die wir nicht verkennen, verachten und ver⸗
ſäumen wollen, wenn wir auf die lutheriſche Rů⸗
formation als auf die der Kirche in der letzten
Zeit wieder aufgegangene Sonne zurückſchauen.
Es iſt freilich wahr, daß es wohl nach den Apo⸗
ſteln keinen Lehrer gegeben hat, deſſen Schriften
von anderen ſo begierig geleſen und deſſen Aus⸗
ſprüche ſo hoch gehalten worden wären, als Lu⸗
thers von den eifrigen Lutheranern, aber wir
glauben Luthern in Glaubensſachen auch nicht!
ein Wort, weil Er es geſagt hat, ſondern darum,
weil er alles ſo ſchön aus Gottes Wort beweiſt.

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