# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 09 04_S2 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) gultig, welche äußere Form die Kirchenregierung hat; viel weniger ſind wir gleichgültig dagegen, auf welcher Lehre vom Predigtamt und Kirchen⸗ regiment die angenommene Kirchenverfaſſung fußt, aber wir ſind weit entfernt, eine Gemeinſchaft deswegen von der wahren Kirche ausſchließen zu wollen, das heißt, derſelben den Charakter der wahren Kirche abzuſprechen, weil ſie keine Epis⸗ kopal⸗, oder Presbyterial⸗, oder Synodal⸗, oder Conſiſtorial⸗, oder Communalverfaſſung hat, oder nicht völlig independent (unabhängig von andern Geme inden) daſteht. Während die reformirte Kirche von Anfang an ſich ein Gewiſſen gemacht hat, nicht zur angeblich apoſtoliſchen Kirchenver— faſſung, als der einzig rechten, zurückzukehren, ſo gehört es vielmehr zum eigenthümlichen Charakter der lutheriſchen Kirche, daß dieſelbe bei lebendigem Bewußtſein ihrer Freiheit am liebſten das Vor⸗ handene bewahrt und davon nur das, was wider Gottes Wort war, ausgeſchieden hat. Einen ſchlagenden Beweis dafür, wie die lutheriſche Kirche das Weſen der wahren Kirche ſo gar nicht in der Verfaſſung ſucht, liefert die Erklärung in der Apologie: „Wir haben uns etlichemal auf dieſem Reichstage hören laſſen, daß wir zum höch⸗ ſten geneigt ſind, alle Kirchenordnung und der Biſchöfe Regiment, das man nennet Canonicam politiam, helfen zu erhalten, ſo die Biſchöfe un⸗ ſere Lehre dulden und unſere Prieſter annehmen wollten.“ (Ib. S. 196.) Wir Lutheraner wollen ferner nichts wiſſen von dem falſch excluſiven Charakter derjenigen Gemeinſchaften, welche gewiſſe Ceremonien an ſich für nöthig achten und daher andere wegen Mangels derſelben von der wahren Kirche ausſchließen, wie denn u. a. die Baptiſten oder Wiedertäufer das Untertauchen bei der heiligen Taufe zu einem nothwendigen Kennzeichen der wahren Kirche machen, zuweilen auch die Refor⸗ mirten das Brodbrechen im heiligen Abendmahle; der Papiſten ganz zu geſchweigen. So ſireng und genau es die lutheriſche Kirche mit den un⸗ ſchuldigſten und an ſich unbedeutendſten Ceremo⸗ nien nimmt, wenn mit Annahme oder Verwer⸗ fung derſelben das Bekenntniß der Wahrheit gekränkt und geſchwächt werden könnte, wie denn die wahre Kirche eine ſolche Strenge immer be— wieſen und hauptſächlich darum ſo viele Märtyrer hat (vergl. 2 Macc. 6, 21.ff.): ſo ſchließen doch die Lutheraner keine Kirche von der wahren des⸗ wegen aus, weil ſelbige die oder jene Ceremonie habe oder nicht habe. Sie bekennen vielmehr öffentlich und feierlich, im 7. Artikel der Augs⸗ burgiſchen Confeſſion: „Dieſes iſt genug zu wah⸗ rer Einigkeit der chriſtlichen Kirchen, daß da ein— trächtiglich nach reinem Verſtand das Evangelium gepredigt und die Sacramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und iſt nicht noth zu wahrer Einigkeit der chriſtlichen Kirchen, daß allenthalben gleichförmige Ceremonien, von den Menſchen eingeſetzt, gehalten werden.“ (Ib. S. 27.) Wir Lutheraner ſind ferner nicht falſch exeluſiv im donatiſtiſchen Sinne. Die Donatiſten (eine im 4. Jahrhundert ſich entwickelnde Secte) lehrten nemlich, eine Kirche, welche Böſe unter 2 ſich dulde, gehe damit des Charakters der wahren Kirche verluſtig; die wahre Kirche ſei rein und heilig, und beſtehe nur aus Wieder⸗ gebornen und Bekehrten, widrigenfalls ſei die Kirche eine falſche, wenn auch in ihr die reine Lehre im Schwange gehe: falſch exeluſive Grund⸗ ſätze, welche jetzt offenbar von allen unſeren ſchwärmeriſch eifrigen Secten mehr oder minder geltend gemacht werden. Ob nun zwar in un⸗ ſeren Symbolen deutlich gelehrt wird, daß die Kirche die Gewalt der Schlüſſel und daher auch das Recht und die Pflicht habe, den rechten chriſt— lichen Bann auszuüben, „daß man“, wie es in den Schmallaldiſchen Artikeln heißt, „offenbar⸗ liche, halsſtarrige Sünder nicht ſoll laſſen zum Sacrament oder andere Gemeinſchaft der Kirchen kommen, bis ſie ſich beſſern und die Sünde mei⸗ den“ (Ib. S. 311.): ſo werden doch zugleich in unſeren Bekenntniſſen die Donatiſten ausdrücklich verworfen (Augsb. Conf. Art. 8.), ja folgender Grundſatz der Schwenkfeldianer als irrig verdammt: „daß keine rechte chriſtliche Ge⸗ meine ſei, da kein vöffentlicher Ausſchluß oder ordentlicher Prozeß des Bannes gehalten werde, und daß der Diener der Kirche andere Leute nicht nützlich lehren oder rechte wahrhaftige Sacra⸗ mente reichen könne, der nicht für ſeine Perſon wahrhaftig verneuert, gerecht und fromm ſei“. (Ib. S. 655.) Wir Lutheraner ſind femer nicht falſch excluſiv im methodiſtiſchen Sinne. Die Metho⸗ diſten ſehen nemlich nicht leicht jemanden für recht bekehrt an, der nicht gerade in der Weiſe be— kehrt worden iſt, wie ſie die Bekehrung der Leute betreiben, und ſie erkennen nicht leicht irgendwo ein Werk Gottes an, wenn es nicht gerade mit gewiſſen Geberden zu Tage kommt, an denen ſie es allein zu erkennen vermeinen. In der Vorrede zu unſern ſymboliſchen Büchern wird hingegen mit Nachdruck bezeugt: „Sintemal wir uns ganz und gar keinen Zweifel machen, daß viel frommer unſchuldiger Leute auch in den Kirchen, die ſich bisher mit uns nicht allerdings verglichen, zu finden ſind, welche in der Einfalt ihres Herzens wandeln.“ (Ib. S. 13.) Ja, Luther ſchreibt, und alle wahre Lutheraner un⸗ terſchreiben es von ganzem Herzen: „Müſſen wir doch bekennen, daß die Schwärmer die Schrift und Gottes Wort haben in andern Ar⸗ tikeln und wer es von ihnen hört und gläubt, der wird ſelig, wiewohl ſie unheilige Ketzer und Läſterer Chriſti ſind.“ (Siehe: Luthers Brief von der Wiedertaufe vom Jahre 1528. Werke. Hall. XVII, 2675.) Wir Lutheraner ſind aber endlich auch nicht falſch exeluſtev im montaniſtiſchen und ſwedenborgianiſchen Sinne. Die Monta⸗ niſten, eine im 2. Jahrhundert eniſtandene Secte, behaupteten nemlich, daß Gott zu gewiſſen Zeiten der Kirche neue Offenbarungen gebe und dadurch die Kirche fortentwickele bis zu ihrer männlichen Vollendung, und daß Montan, ihr Stifter, ein ſolcher Prophet ſei, den der Heilige Geiſt unmit⸗ telbar erleuchtet habe, deſſen Lehren daher gleiches Anſehen mit der heiligen Schrift hätten. Aehn⸗ lich die Swedenborgianer. Dieſe im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts entſtandene Secte behauptet nemlich, daß Swedenborg, ihr Stifter, von Gott neue Offenbarungen erhalten habe, um eine neue Kirche zu ſtiften, und daß daher ſeine Schriften neben der heiligen Schrift auch eine Regel und Richtſchnur des Glaubens“ ſeien. Kein Vorwurf trifft uns weniger als der einer ſolchen falſchen Exeluſivität. Wir glauben nicht, daß die Kirche vor Luthern ausgeſtorben geweſen ſei und daß daher Luther eine neue Kirche habe ſtiften müſſen. Die Lutheraner haben viel⸗ mehr wiederholt ihren Zuſammenhang mit der alten Kirche nachgewieſen und gezeigt, daß alle ihre Lehren von der wahren Kirche aller Zeiten gelehrt worden ſind. Schon die erſten lutheriſchen Bekenner beriefen ſich getroſt auf die alte, ja, ſelbſt auf die römiſche Kirche. Sie ſchreiben im 21. Artikel der Augsburgiſchen Confeſſion: „So denn dieſelbige“ (nemlich lutheriſche Lehre) „in 1 heiliger Schrift klar gegründet, und dazu auch gemeiner chriſtlicher, ja, römiſcher Kirchen, ſo viel aus der Väter Schrift zu vermerken, nicht zu⸗ wider noch entgegen iſt, ſo achten wir auch, unſere Widerſacher können in obengezeigten Artikeln nicht uneinig mit uns ſein.“ (Concordienbuch, S.349 Was nun Luthern ſelbſt betrifft, ſo achten wir allerdings ſeine Schriften höher, als die irgend eines anderen Kirchenlehrers nach den Zeiten der Apoſtel, aber wir ſtellen ihn keinem Apoſtel, und ſeine Schriften der heiligen Schrift durchaus nicht gleich. Wir halten ihn nicht für einen unmittel⸗ bar erleuchteten Mann, der nicht hätte irren oder der etwas Neues, was in der Bibel nicht ſieht, hätte lehren können. Wir achten Luthern und ſeine Schriften vielmehr allein darum ſo hoch, weil er trotz des hohen Reichthums ſeines Geiſtes mit ſo unerſchütterlicher Treue und wahrhaft! kindlicher Einfalt bei der heiligen Schrift gebli J ben iſt; ſo eruſtlich, wie keiner, in die heilige Schrift hineintreibt, und alle ſeine Lehren ſo klar und offenbar aus der heiligen Schrift begründet hat, daß ein chriſtliches Gewiſſen durch ihn zu einem feſten, gewiſſen, göttlichen Grunde ſeines Glaubens gebracht wird. Hierzu kommt, daß Gott Luthern offenbar auch durch unvergleichliche Gaben der Gnade und des Amtes, und durch einen unvergleichlich herrlichen Erfolg ſeiner Ar⸗ beit das Siegel aufgedrückt hat, daß derſelbe von ihm zum Werk der Reformation feiner Kirche be⸗ rufen geweſen ſei. Gott ſelbſt iſt es daher, den wir in Luthern ehren; und die Zeit einer über⸗ ſchwänglich gnadenvollen Heimſuchung Gottes iſt es, die wir nicht verkennen, verachten und ver⸗ ſäumen wollen, wenn wir auf die lutheriſche Rů⸗ formation als auf die der Kirche in der letzten Zeit wieder aufgegangene Sonne zurückſchauen. Es iſt freilich wahr, daß es wohl nach den Apo⸗ ſteln keinen Lehrer gegeben hat, deſſen Schriften von anderen ſo begierig geleſen und deſſen Aus⸗ ſprüche ſo hoch gehalten worden wären, als Lu⸗ thers von den eifrigen Lutheranern, aber wir glauben Luthern in Glaubensſachen auch nicht! ein Wort, weil Er es geſagt hat, ſondern darum, weil er alles ſo ſchön aus Gottes Wort beweiſt.