Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 15 › Seite 119

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-20, Seite 119

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Paſtor 5

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Lichnowsky aufs grauſamſte hingeſchlachtet wur—
den: ihr Pöbel fiel ihnen zu mit Haufen wie
Waſſer und es ward klar, wie tief wir geſunken,
wie alles moraliſche Gefühl im Volke erſtorben,
wie die größten Schändlichkeiten nicht mehr im
Stande waren, einen edeln Zorn in den Herzen zu
erwecken, nein, man jauchzte ihnen vielfältig zu.
Dagegen wurden die edelſten Männer, die in den
frühern Zeiten des Despotismus ſich vor den Riß
geſtellt, die geredet hatten für Freiheit und Recht,
während ihre jetzigen Verkleinerer und Verdäch⸗
tiger feige ſchwiegen, die Amt und Wohlſtand und
Ehre geopfert hatten, während jene hündiſch we⸗
delten, der Verachtung und dem allgemeinen Miß⸗
trauen preisgegeben, weil ſie abermal für Frei⸗
heit und Recht ſtanden, aber nicht mehr gegen die
Fürſten, gegen die es nicht mehr nöthig war, ſon⸗
dern gegen die Wühler und Conventsmänner und
gegen den ſouveränen Pöbel. Und merkwürdig,
gerade diejenigen, denen um ihrer Exiſtenz und
ihres Fortkommens willen am meiſten daran ge⸗
legen ſein mußte, daß Ruhe, Ordnung und Sicher⸗
heit wiederkehre und dadurch wiederum Stetigkeit
in den geſtörten Geſchäftsgang komme, die Leute
der mittlern Bürgerklaſſen waren es hauptſächlich,
die in jenes wühleriſche Geſchrei einſtimmten, die
jevem neuen Ton des Mißtrauens und der Auf⸗
regung immer wieder neuen Beifall gaben und ihn
von Mund zu Munde trugen, nicht ahnend, wie
ſie dadurch die Maſſe der Proletarier immer mehr
aufrührten, und wie ſie es ſein würden, gegen die
jene Springfluth, wenn ſie einmal den Damm
durchbrochen, zuerſt losbrechen und ſie ſammt dem
Ihren hinwegſpülen würde. Und ſagte mans
ihnen, ſie glaubtens nicht, die wohlfeile Republik
wollten ſie, wo es keine Civilliſten mehr gebe.
Vergeblich, daß man auf Frankreich wies, wo be⸗
reits der Bauer in der wohlfeilen Republik unter
der Laſt von doppelten und dreifachen Steuern
ſeufzte, wo plötzlich das Proletariat losbrach und
nur durch eine furchtbare Schlacht in den Straßen
von Paris überwältigt und gebändigt werden
konnte, wo auf einmal faſt alle „Errungenſchaften“
der Freiheit (das Verſammlungsrecht, die Preß⸗
freiheit, das Waffenrecht ꝛc.) unter der nothwendig
gewordenen „Herrſchaft des Säbels“ verſchwunden
waren: man wollte dennoch die Republik, man
achtete nicht darauf, was bereits gegeben war, man
wollte mehr, man wollte, was man ſchon hatte,
denn man traute denen nicht, die es gegeben hatten
und die jedermann gewähren ließen, man traute
den Männern des eigenen Vertrauens nicht, die
man den Fürſten zu Miniſtern aufgedrungen hatte,
denn dieſe Männer zeigten ſich nicht als Linke,
nicht als Zerſtörer, ſondern als Erhalter, nicht als
Revolutionäre, ſondern als Reformer, ſo betitelte
man ſie Reactionäre. Und wie irgend einer das
Wort ausſprach: das iſt Reaction; da ſchrie alles
nach: Reaction! Reaction! und aus wars mit
Vernuuft und Vernehmen, mit Beſinnung und
Beſinnen. Es war ein Taumelkelch ausgegoſſen
über Hohe und Niedere. Die Großen wußten
ſich nicht zu faſſen, begingen einen Mißgriff um
den andern, die Kleinen wußten auch nicht, was
ſie wollien, aber nicht wie jene aus Beſtürzung,

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ſondern aus Uebermuth; man ſah der traurigſten
Zukunft entgegen, wenn es ſo fort ging, wenn
der HErr nicht in Gnaden darein ſah und dem
Wüthen und Wühlen ein Ziel ſetzte.

Hin und wieder athmete man wohl leichter und
fühlte ſich freudig erhoben in Hoffnung, aber oft
brachte ſchon der andere Tag oder die kommende
Woche wieder eine Nachricht, die um ſo nieder⸗
ſchlagender wirkte und alles wieder in Frage ſtellte.
So war es ein wohlthätiger Eindruck, den die
Wahl des Reichsverweſers Erzherzogs Johann
allenthalben hervorbrachte, und alle deutſchen Her⸗
zen fühlten ſich einig in ihm, der republikaniſche
Rauſch war in etwas darüber verflogen. Da kam
der Malmöer Waffenſtillſtand mit den Dänen, bei
dem Preußen ſeine Vollmacht der Form nach ver⸗
letzt, der Sache nach aber dennoch beobachtet hatte,
der eben deswegen vom Reichsminiſterium, wenn
auch nicht gebilligt, doch anerkannt war, für den
ſich auch die Mehrheit der Reichsverſammlung
unter einigen verbeſſernden Bedingungen erklärt
hatte. Da war nun Feuer wieder an allen Enden,
ein wildes freſſendes Feuer, das gar nicht zu
löſchen war, das durch das Blut des Frankfurter
Barrikadenkampfes und Deputirtenmordes nur
noch mehr angefacht wurde, und das beſonders
durch die Clubbs, die ſich allenthalben gebildet
hatten, genährt wurde. Der Erfolg zeigte zwar,
daß die Mehrheit der Reichsverſammlung richtig
entſchieden hatte, aber darnach fragte der ſouve⸗
räne Pöbel nicht, man ſchickte den einzelnen Abge⸗
ordneten Mißtrauensadreſſen und forderte ſie auf,
heimzukehren und beſſern Leuten Platz zu machen,
und da dieſe nicht folgten, weil ſie niemand das
Recht zugeſtanden, ſie abzuberufen, auch jene
Adreſſen nicht von der Geſammtheit oder Mehr⸗
zahl ihrer Wähler, ſondern von den Clubbs aus⸗
gegangen waren, ward des Läſterns und Ver⸗
achtens immer mehr.

(Schluß folgt.)

Ein Wort Luthers gegen unberufene

Prediger.
(Kirchenpoſtille, Predigt über das Ev. Matth. 3, 13—17.)

Chriſtus war Gottes Sohn, er hatte alle Dinge
in ſeiner Gewalt; noch wollte er ſich nichts unter⸗
winden: er predigte nicht, ließ ſich mit keinem
Worte hören vor den dreißig Jahren, daß er der
geiſtreiche Mann wäre, der allen Menſchen ſollte
helfen: thut nicht, wie wir Geſellen, wenn wir
nur ein Wörtlein leſen, ſo wird uns der Bauch zu
groß, können uns nicht enthalten, müſſen heraus
mit dem Stücklein, es muß alle Welt hören, nur
Ohren ber, wo kriegen wir ſie, die es hören?
Alſo befleißen ſich unſere Rottengeiſter, daß ſie
etwas neues auf die Bahn bringen, daß man ſie
höre; vergeſſen, daß hier Chriſtus hat mit ſeinem
Exempel gelehret, daß man zum Predigtamt nicht
ſoll unberufen treten. Sie haben dieſe Jahre
gnug angerichtet, daß man ſich wohl mag vor
ihnen ſcheuen, ſie gedenken nicht einmal hinter ſich,
ob ſie auch die Stimme und den Befehl Gottes
haben. Sie ſprechen wohl, ſie haben den Geiſt
Gottes, der ſagt's uns. Lieber Geſell, ich halte
gleich alſo viel von deinem Geiſt, als von deinem
Fleiſch, an dem Ort; es gehöret mehr dazu, denn
dein Geiſt. Der Menſch Chriſtus war mehr denn
ein Geiſt, nämlich Gott ſelber, und aller geiſtlichen
Güter voll, er ſteckt und ſchwebt voll Geiſtes:
er fähret aber nicht zu, wie unſere tolle Geiſter,
ſondern harret auf den Befehl des Vaters, bricht
nicht heraus, bis er höret vom Vater: Das iſt
mein lieber Sohn.

Darum ſollen wir nicht plötzlich zufallen und
den Geiſtern glauben, die nichts anders können,

denn den Geiſt rühmen, ſprich zu ihnen: Ich
kenne deinen Geiſt nicht. Willſt du aber, daß ich
dir glaube, ſo gib ein öffentlich Zeugniß von dir,
dadurch fromme Leute dich prüfen, wie Johannes
von Chriſto, der die Stimme vom Himmel hörete;
ſonſt glaube ich dir nicht. Wo das nicht geſchieht,
ſondern will etwas neues auf den Platz, ſo ſchleuß
nur friſch hin, daß ers aus des Teufels Geiſt
thue.

In der erſten Corinth. 2, 4. ſtehet auch von dem
Geiſt, er ſpricht aber in Beweiſung des
Geiſtes. Es iſt ein ander Ding, den Geiſt
haben, und den Geiſt beweiſen. Wenn ich nicht
eine Beweiſung hätte des Geiſtes, ſo wollte ich
nimmermehr predigen. Das iſt nun meine Be⸗
weiſung, nicht, daß ich durch ein Geſicht Gottes
berufen ſei zum Predigtamt, ſondern daß ich dazu
gezwungen werde durch andere Leute, und muß
es um anderer Leute willen thun. Alſo babe ich
die Beweiſung des Geiſtes der Liebe, die nicht
das Ihre ſuchet, ſondern fleißiget ſich anderer Leute
Nutzens. Ich habe nichts davon, denn Unruhe,
ich wollte lieber daheim bleiben in meinem Stüb⸗
lein; aber ich bin es ſchuldig und verpflicht aus
dem Geiſt der Liebe. Und ob ich gleich keinen an⸗
dern Geiſt hätte, und ein Bube in der Haut wäre,
ſoll ichs doch thun um der Liebe willen, und denen
helfen, die es bedürfen, und von mir begehren.
Das iſt nun mein Trotz. Aber das iſt ihr Trotz,
darauf ſtolziren ſie ſo ſehr, daß ſie der Geiſt habe
gelehret. Wer hat euch aber darum gebeten, daß
ihr uns lehren und predigen ſollt?

Das möchteſt du aber wohl thun: wenn du
einen Geiſt fühleſt in dir, der dir etwas eingibt,
ſo möchteſt du dich von demſelben mit einem an⸗
dern unterreden, ob es recht ſei und unſerm Glau⸗
ben und der Schrift gemäß, wie Johannes 1.
Epiſtel 4, 1. ſpricht: Ihr ſollt die Geiſter
bewähren oder prüfen, ob ſieaus Gott
ſind. Und St. Paulus ſpricht zu den Römern
Cap. 12, 7.: Hat jemand Weiſſagung,
ſo ſei ſie dem Glauben ähnlich. Aber
alſo herausplatzen, niemand darum fragen, und
ſich ſelber wollen vertheidigen, ſich ſelber erklären,
niemand unterworfen ſein, iſt gewiß der Teufel.
Chriſtus iſt voller Geiſtes; noch redet er kein
Wort, thut auch kein Werk, er ſei denn vorhin
vom Vater verkläret; er will nicht von ſich ſelber
in das Amt gehen, ſondern durch einen andern,
nemlich durch den Vater. Nach der Verklärung
aber greift er die Sache an, treibet ſein Amt, leh⸗
ret, predigt, thut Wunder, und da ging es auch
von ſtatten.

Was einem Theologen nöthig.
Aus Scriv. Seel. Sch. 4 Th. S. 25 b.

Ein frommer und durch viel Kreuz wohlgeübter
Theolog pflegte von ſich ſelbſt zu erzählen, daß,
als er noch jung zum Predigtamt berufen, an
einem ſolchen Ort, da er ſein reichlich Auskommen
haben konnte, und ſeiner Gelehrſamkeit, guten
Gaben und Sitten halber von jedermann geliebt
und geehrt worden, und ihm der Muth daher
ziemlich gewachſen, und viel Welt- und Eigenliebe
mit untergelaufen, er einmal in der Nachbarſchaft
zu einem alten und gottſeligen Prediger geritten
kommen, der ihn denn nicht nur mit Freuden auf⸗
genommen, ſondern auch die Nacht bei ſich behal⸗
ten und wohl bewirthet. Als er nun folgenden
Tags nach eingenommenem Frühſtück reiſen wol⸗
len, und ſich auf ſein Pferd geſchwungen, habe
der alte Prediger zu ihm geſagt: Mein lieber
Herr Magiſter, ich muß zum Valet noch etwas
erinnern, dabei ihr mein gedenket. Wiſſet ihr
auch, was euch noch fehlet? Er antwortete: Mir
feyhlt noch viel, gute Bücher, mehrere Gelehrſam⸗
keit, eine glückliche Heirath und dergleichen. Darauf

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