# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 03 20_S119 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Lichnowsky aufs grauſamſte hingeſchlachtet wur— den: ihr Pöbel fiel ihnen zu mit Haufen wie Waſſer und es ward klar, wie tief wir geſunken, wie alles moraliſche Gefühl im Volke erſtorben, wie die größten Schändlichkeiten nicht mehr im Stande waren, einen edeln Zorn in den Herzen zu erwecken, nein, man jauchzte ihnen vielfältig zu. Dagegen wurden die edelſten Männer, die in den frühern Zeiten des Despotismus ſich vor den Riß geſtellt, die geredet hatten für Freiheit und Recht, während ihre jetzigen Verkleinerer und Verdäch⸗ tiger feige ſchwiegen, die Amt und Wohlſtand und Ehre geopfert hatten, während jene hündiſch we⸗ delten, der Verachtung und dem allgemeinen Miß⸗ trauen preisgegeben, weil ſie abermal für Frei⸗ heit und Recht ſtanden, aber nicht mehr gegen die Fürſten, gegen die es nicht mehr nöthig war, ſon⸗ dern gegen die Wühler und Conventsmänner und gegen den ſouveränen Pöbel. Und merkwürdig, gerade diejenigen, denen um ihrer Exiſtenz und ihres Fortkommens willen am meiſten daran ge⸗ legen ſein mußte, daß Ruhe, Ordnung und Sicher⸗ heit wiederkehre und dadurch wiederum Stetigkeit in den geſtörten Geſchäftsgang komme, die Leute der mittlern Bürgerklaſſen waren es hauptſächlich, die in jenes wühleriſche Geſchrei einſtimmten, die jevem neuen Ton des Mißtrauens und der Auf⸗ regung immer wieder neuen Beifall gaben und ihn von Mund zu Munde trugen, nicht ahnend, wie ſie dadurch die Maſſe der Proletarier immer mehr aufrührten, und wie ſie es ſein würden, gegen die jene Springfluth, wenn ſie einmal den Damm durchbrochen, zuerſt losbrechen und ſie ſammt dem Ihren hinwegſpülen würde. Und ſagte mans ihnen, ſie glaubtens nicht, die wohlfeile Republik wollten ſie, wo es keine Civilliſten mehr gebe. Vergeblich, daß man auf Frankreich wies, wo be⸗ reits der Bauer in der wohlfeilen Republik unter der Laſt von doppelten und dreifachen Steuern ſeufzte, wo plötzlich das Proletariat losbrach und nur durch eine furchtbare Schlacht in den Straßen von Paris überwältigt und gebändigt werden konnte, wo auf einmal faſt alle „Errungenſchaften“ der Freiheit (das Verſammlungsrecht, die Preß⸗ freiheit, das Waffenrecht ꝛc.) unter der nothwendig gewordenen „Herrſchaft des Säbels“ verſchwunden waren: man wollte dennoch die Republik, man achtete nicht darauf, was bereits gegeben war, man wollte mehr, man wollte, was man ſchon hatte, denn man traute denen nicht, die es gegeben hatten und die jedermann gewähren ließen, man traute den Männern des eigenen Vertrauens nicht, die man den Fürſten zu Miniſtern aufgedrungen hatte, denn dieſe Männer zeigten ſich nicht als Linke, nicht als Zerſtörer, ſondern als Erhalter, nicht als Revolutionäre, ſondern als Reformer, ſo betitelte man ſie Reactionäre. Und wie irgend einer das Wort ausſprach: das iſt Reaction; da ſchrie alles nach: Reaction! Reaction! und aus wars mit Vernuuft und Vernehmen, mit Beſinnung und Beſinnen. Es war ein Taumelkelch ausgegoſſen über Hohe und Niedere. Die Großen wußten ſich nicht zu faſſen, begingen einen Mißgriff um den andern, die Kleinen wußten auch nicht, was ſie wollien, aber nicht wie jene aus Beſtürzung, 119 ſondern aus Uebermuth; man ſah der traurigſten Zukunft entgegen, wenn es ſo fort ging, wenn der HErr nicht in Gnaden darein ſah und dem Wüthen und Wühlen ein Ziel ſetzte. Hin und wieder athmete man wohl leichter und fühlte ſich freudig erhoben in Hoffnung, aber oft brachte ſchon der andere Tag oder die kommende Woche wieder eine Nachricht, die um ſo nieder⸗ ſchlagender wirkte und alles wieder in Frage ſtellte. So war es ein wohlthätiger Eindruck, den die Wahl des Reichsverweſers Erzherzogs Johann allenthalben hervorbrachte, und alle deutſchen Her⸗ zen fühlten ſich einig in ihm, der republikaniſche Rauſch war in etwas darüber verflogen. Da kam der Malmöer Waffenſtillſtand mit den Dänen, bei dem Preußen ſeine Vollmacht der Form nach ver⸗ letzt, der Sache nach aber dennoch beobachtet hatte, der eben deswegen vom Reichsminiſterium, wenn auch nicht gebilligt, doch anerkannt war, für den ſich auch die Mehrheit der Reichsverſammlung unter einigen verbeſſernden Bedingungen erklärt hatte. Da war nun Feuer wieder an allen Enden, ein wildes freſſendes Feuer, das gar nicht zu löſchen war, das durch das Blut des Frankfurter Barrikadenkampfes und Deputirtenmordes nur noch mehr angefacht wurde, und das beſonders durch die Clubbs, die ſich allenthalben gebildet hatten, genährt wurde. Der Erfolg zeigte zwar, daß die Mehrheit der Reichsverſammlung richtig entſchieden hatte, aber darnach fragte der ſouve⸗ räne Pöbel nicht, man ſchickte den einzelnen Abge⸗ ordneten Mißtrauensadreſſen und forderte ſie auf, heimzukehren und beſſern Leuten Platz zu machen, und da dieſe nicht folgten, weil ſie niemand das Recht zugeſtanden, ſie abzuberufen, auch jene Adreſſen nicht von der Geſammtheit oder Mehr⸗ zahl ihrer Wähler, ſondern von den Clubbs aus⸗ gegangen waren, ward des Läſterns und Ver⸗ achtens immer mehr. (Schluß folgt.) Ein Wort Luthers gegen unberufene Prediger. (Kirchenpoſtille, Predigt über das Ev. Matth. 3, 13—17.) Chriſtus war Gottes Sohn, er hatte alle Dinge in ſeiner Gewalt; noch wollte er ſich nichts unter⸗ winden: er predigte nicht, ließ ſich mit keinem Worte hören vor den dreißig Jahren, daß er der geiſtreiche Mann wäre, der allen Menſchen ſollte helfen: thut nicht, wie wir Geſellen, wenn wir nur ein Wörtlein leſen, ſo wird uns der Bauch zu groß, können uns nicht enthalten, müſſen heraus mit dem Stücklein, es muß alle Welt hören, nur Ohren ber, wo kriegen wir ſie, die es hören? Alſo befleißen ſich unſere Rottengeiſter, daß ſie etwas neues auf die Bahn bringen, daß man ſie höre; vergeſſen, daß hier Chriſtus hat mit ſeinem Exempel gelehret, daß man zum Predigtamt nicht ſoll unberufen treten. Sie haben dieſe Jahre gnug angerichtet, daß man ſich wohl mag vor ihnen ſcheuen, ſie gedenken nicht einmal hinter ſich, ob ſie auch die Stimme und den Befehl Gottes haben. Sie ſprechen wohl, ſie haben den Geiſt Gottes, der ſagt's uns. Lieber Geſell, ich halte gleich alſo viel von deinem Geiſt, als von deinem Fleiſch, an dem Ort; es gehöret mehr dazu, denn dein Geiſt. Der Menſch Chriſtus war mehr denn ein Geiſt, nämlich Gott ſelber, und aller geiſtlichen Güter voll, er ſteckt und ſchwebt voll Geiſtes: er fähret aber nicht zu, wie unſere tolle Geiſter, ſondern harret auf den Befehl des Vaters, bricht nicht heraus, bis er höret vom Vater: Das iſt mein lieber Sohn. Darum ſollen wir nicht plötzlich zufallen und den Geiſtern glauben, die nichts anders können, denn den Geiſt rühmen, ſprich zu ihnen: Ich kenne deinen Geiſt nicht. Willſt du aber, daß ich dir glaube, ſo gib ein öffentlich Zeugniß von dir, dadurch fromme Leute dich prüfen, wie Johannes von Chriſto, der die Stimme vom Himmel hörete; ſonſt glaube ich dir nicht. Wo das nicht geſchieht, ſondern will etwas neues auf den Platz, ſo ſchleuß nur friſch hin, daß ers aus des Teufels Geiſt thue. In der erſten Corinth. 2, 4. ſtehet auch von dem Geiſt, er ſpricht aber in Beweiſung des Geiſtes. Es iſt ein ander Ding, den Geiſt haben, und den Geiſt beweiſen. Wenn ich nicht eine Beweiſung hätte des Geiſtes, ſo wollte ich nimmermehr predigen. Das iſt nun meine Be⸗ weiſung, nicht, daß ich durch ein Geſicht Gottes berufen ſei zum Predigtamt, ſondern daß ich dazu gezwungen werde durch andere Leute, und muß es um anderer Leute willen thun. Alſo babe ich die Beweiſung des Geiſtes der Liebe, die nicht das Ihre ſuchet, ſondern fleißiget ſich anderer Leute Nutzens. Ich habe nichts davon, denn Unruhe, ich wollte lieber daheim bleiben in meinem Stüb⸗ lein; aber ich bin es ſchuldig und verpflicht aus dem Geiſt der Liebe. Und ob ich gleich keinen an⸗ dern Geiſt hätte, und ein Bube in der Haut wäre, ſoll ichs doch thun um der Liebe willen, und denen helfen, die es bedürfen, und von mir begehren. Das iſt nun mein Trotz. Aber das iſt ihr Trotz, darauf ſtolziren ſie ſo ſehr, daß ſie der Geiſt habe gelehret. Wer hat euch aber darum gebeten, daß ihr uns lehren und predigen ſollt? Das möchteſt du aber wohl thun: wenn du einen Geiſt fühleſt in dir, der dir etwas eingibt, ſo möchteſt du dich von demſelben mit einem an⸗ dern unterreden, ob es recht ſei und unſerm Glau⸗ ben und der Schrift gemäß, wie Johannes 1. Epiſtel 4, 1. ſpricht: Ihr ſollt die Geiſter bewähren oder prüfen, ob ſieaus Gott ſind. Und St. Paulus ſpricht zu den Römern Cap. 12, 7.: Hat jemand Weiſſagung, ſo ſei ſie dem Glauben ähnlich. Aber alſo herausplatzen, niemand darum fragen, und ſich ſelber wollen vertheidigen, ſich ſelber erklären, niemand unterworfen ſein, iſt gewiß der Teufel. Chriſtus iſt voller Geiſtes; noch redet er kein Wort, thut auch kein Werk, er ſei denn vorhin vom Vater verkläret; er will nicht von ſich ſelber in das Amt gehen, ſondern durch einen andern, nemlich durch den Vater. Nach der Verklärung aber greift er die Sache an, treibet ſein Amt, leh⸗ ret, predigt, thut Wunder, und da ging es auch von ſtatten. Was einem Theologen nöthig. Aus Scriv. Seel. Sch. 4 Th. S. 25 b. Ein frommer und durch viel Kreuz wohlgeübter Theolog pflegte von ſich ſelbſt zu erzählen, daß, als er noch jung zum Predigtamt berufen, an einem ſolchen Ort, da er ſein reichlich Auskommen haben konnte, und ſeiner Gelehrſamkeit, guten Gaben und Sitten halber von jedermann geliebt und geehrt worden, und ihm der Muth daher ziemlich gewachſen, und viel Welt- und Eigenliebe mit untergelaufen, er einmal in der Nachbarſchaft zu einem alten und gottſeligen Prediger geritten kommen, der ihn denn nicht nur mit Freuden auf⸗ genommen, ſondern auch die Nacht bei ſich behal⸗ ten und wohl bewirthet. Als er nun folgenden Tags nach eingenommenem Frühſtück reiſen wol⸗ len, und ſich auf ſein Pferd geſchwungen, habe der alte Prediger zu ihm geſagt: Mein lieber Herr Magiſter, ich muß zum Valet noch etwas erinnern, dabei ihr mein gedenket. Wiſſet ihr auch, was euch noch fehlet? Er antwortete: Mir feyhlt noch viel, gute Bücher, mehrere Gelehrſam⸗ keit, eine glückliche Heirath und dergleichen. Darauf