Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 15 › Seite 117
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-20, Seite 117
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Schutze des HErrn und dachte immer an das
Heer glänzender Trabanten um den Wagen her,
und als ich denn glücklich und wohlbehalten in
der Nacht hier ankam, noch mehr, als ich am an⸗
dern Abend erfuhr, daß derſelbe Wagen bei ſeiner
Rückkehr umgeſtürzt wäre und etliche Perſonen
dabei Arme und Beine gebrochen hätten, — da
wurde mir der angeführte Vers noch einmal ſo
wichtig und ich pries den, der mich mit ſeinen
Fittigen bedeckte und deſſen ſtarke Engel mir zur
Seite ſtanden.
Doch noch mehr preiſe ich den HErrn darüber,
daß er mir in dieſen Gegenden alsbald eine Thür
Raufthat und, wie es ſcheint, meine Arbeit mit
ſeinem Segen begleitete. Von meinem Lands⸗
manne in Burlington, deſſen ich im vorigen
Briefe erwähnte, war ich an ſeinen Bruder em⸗
pfohlen, der hier Aufſeher in einer Dampfmühle
iſt. Sobald derſelbe hörte, daß ich aus Nürn⸗
berg und lutheriſcher Prediger ſei und bereits
ſchon bei ſeinem Bruder geweſen wäre, ließ er
Arbeit und Alles ſtehen, führte mich in ſein Haus
und ſodann zu mehreren lutheriſchen Familien in
der Stadt. Ich vernahm zwar bei dieſen Be⸗
ſuchen, daß die Zahl der lutheriſchen Familien
ſich auf etwa nur zwölf belaufe; doch als ich
weiter hörte, daß im Buſche, nicht weit von der
Stadt, noch etliche bairiſche Familien wohnten,
die ſich nach einem Prediger ſehr ſehnten; ferner,
daß fünf Meilen den Fluß abwärts auf der Illi⸗
nois⸗Seite das Städtchen War ſaw liege, wo⸗
ſelbſt eine große Anzahl predigerloſer Lutheraner
ſich befände — da faßte ich guten Muth und ent⸗
warf ſogleich einen Plan meiner Arbeit. Den
Nachmittag desſelben Tages — es war Donners⸗
tag — beſtimmte ich zu einem Beſuche im Buſche,
den Freitag Abend zu einer Predigt in Keokuk,
den Sonnabend und Sonntag-Morgen zu einem
Beſuche und einer Predigt in Warſaw, und den
Sonntag⸗Nachmittag zu einer Predigt in Keokuk.
Nach einigem Irregehen fand ich eine der Fa⸗
milien im Buſche, und wenige Augenblicke reich⸗
ten hin, mich daſelbſt heimathlich zu fühlen. Die
Art und Weiſe, mit der mein Gruß erwiedert
wurde, der Dialekt, die Tracht, die Küchengeräthe
— alles verrieth mir ſogleich, daß ich unter Land⸗
leuten aus der Gegend von Nürnberg mich be⸗
fände, und wie groß war nicht meine Freude, als
ich hörte, daß dieſe Leute einſt einer Gemeinde in
Deutſchland angehörten, mit deren Pfarrer ich
perſönlich ſehr wohl bekannt bin. Da gab's denn
freilich viel Fragens und Erzählens, aber auch
Klagens und Thränen, als ich das Geſpräch auf
die geiſtlichen Segnungen der alten Heimath
lenkte und auf die geiſtliche Noth, in der ſich dieſe
Leute mit ſo vielen ihrer Glaubensgenoſſen in
Amerika befänden. Das Letztere beſtätigten ſie
durch ihre eigenen Erzählungen. Sie, wie die
Lutheraner in Keokuk, ſind ſchon ſeit langer Zeit
aller geiſtlichen Pflege beraubt. Früher nahm
ſich ihrer ein lutheriſcher Prediger aus Würtem⸗
berg an, welcher dermalen in Fort Madiſon, einer
am Miſſiſſippi zwiſchen Burlington und Keokuk
liegenden Stadt, ſich aufhält. Derſelbe kam
jährlich ein paar Mal hierher, predigte und hielt
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Abendmahl, ſah ſich aber durch die gar zu weite
Entfernung und ſeine viele Amtsarbeit genöthigt,
ſeine Beſuche gänzlich einzuſtellen. Darauf wur⸗
den ſie von den Methodiſten hart bedrängt, und
als ſie denſelben erklärten, ihrer lutheriſchen Kirche
treu bleiben zu wollen, wurde alſo zu ihnen ge⸗
ſagt: „Ihr ſeid nun ſchon mehrere Jahre da, lebt
ohne Gottes Wort ſo hin und euere Kirche fragt
nichts darnach und ſendet euch keinen Previger.
Wir Methodiſten hingegen kommen zu euch,
ſcheuen keine Mühe und Beſchwerde, fordern auch
kein Geld für unſere Mühe — wer meint es nun
wohl beſſer mit euren Seelen, euere Glaubens⸗
genoſſen oder wir Methodiſten? Wie wollt ihr
doch noch länger einer Kirche treu bleiben, die ſo
gar nicht wie eine Mutter an euch handelt?“
Die Leute geſtanden mir, daß ſolche Rede ihnen
Anfechtung machte, und nur das fleißige Leſen
in ihren Erbauungsbüchern, beſonders in ihren
Poſtillen, hätte ſie immer wieder ſtandhaft erhal⸗
ten. Wir, lieber Bruder, wiſſen wohl, was wir
von der Liebe der Methodiſten zu unſern Glau⸗
bensgenoſſen zu halten haben; aber was wollen
wir zu dem Vorwurf ſagen, den ſie uns machen?
Sollten wir in ihm nicht eine dringende Mah⸗
nung erkennen, die von dem HErrn durch der
Feinde Mund an uns ergeht, alles Ernſtes nach
den verlaſſenen Kindern der Kirche uns umzu⸗
ſehen und Tag und Nacht auf ihre Hülfe zu den⸗
ken? Wie mancher der Unſern mag ſich durch
ſolche Rede wohl ſchon haben verleiten laſſen, an
der Liebe ſeiner Kirche zu verzweifeln und zu
fallen „von des rechten Glaubens Troſt“! — Bei
einer dieſer Familien blieb ich über Nacht und
hielt am andern Morgen im Hauſe meines Wirths
den vier Familien, die ich kennen gelernt hatte,
eine Predigt, verkaufte nach dem Schluſſe des
Gottesdienſtes Katechismen und hatte die Freude,
daß mich drei Familienväter erſuchten, einem
jeden von ihnen den „Lutheraner“ zuzuſen⸗
den, wozu ſie mir den Betrag auch ſogleich ein⸗
händigten. Hierauf begab ich mich zu Fuße
wieder in die Stadt zurück und predigte vor einer
kleinen Verſammlung in der Kirche der hieſigen
Presbyterianer, welche mir dieſelbe auf mein An⸗
ſuchen herzlich gerne öffneten, beſonders da einer
der Truſtees, der etwas deutſch verſtand, Dein
Empfehlungsſchreiben geleſen hatte.
Als ich mich am Sonnabend-Mittag zu mei⸗
ner beabſichtigten Tour nach Warſaw anſchicken
wollte, kamen zu mir zwei der Familienväter aus
dem Buſche und fragten mich, ob ich ihnen wohl
erlauben wolle, mich begleiten zu dürfen? Ich
fragte nach der Urſache und erhielt zur Antwort:
„Wir möchten keine der Predigten verlieren, die
Sie in dieſen Gegenden halten; dann haben wir
auch viele Bekannte in Warſaw, die wir gerne
bereden möchten, ſich mit uns zur Berufung eines
Pfarrers zu vereinigen.“ Gegen ſolche Gründe
hatte ich natürlich nichts einzuwenden.
Kurz vor Sonnenuntergang kam ich in War⸗
ſaw an. Theils durch meine Begleiter, theils
durch Andere war in einem Nu meine Ankunft
überall kund geworden und ſchon nach einer hal⸗
ben Stunde erging an mich diem Aufforderung,
noch denſelbigen Abend, wie auch am nächſien
Morgen in der Presbyterianerkirche zu predigen.
Wie war ich erfreut, als ich ſchon am Abend eine
bedeutende Anzahl von Zuhörern hatte und die⸗
ſelbe am Sonntag⸗-Morgen noch vergrößert ſah!
Nach geſchloſſenem Morgengottes dienſte ſtellte ich
den Leuten vor, wie leicht ſie mit den Lutheranern
zu Keokuk einen Prediger ſich halten könnten, und
zu meiner Freude wurde alsbald eine Subſcrip⸗
tion für einen Pfarrgehalt eröffnet und für den
Nachmittag eine Verſammlung zur Beſprechung
dieſer Angelegenheit angeſagt.
Dieſer Verſammlung konnte ich nicht mehr bei⸗
wohnen, da ich ſchon um drei Uhr wieder in Keo⸗
kuk erwartet wurde. Nachdem ich daher noch eine
Haustaufe verrichtet hatte, machte ich mich mit
meinen Begleitern auf den Rückweg. Bei mei⸗
ner Zurückkunft hatte ich gerade noch ſo viel Zeit,
um meine durch den Regen naß gewordenen Klei⸗
der mit trockenen zu vertauſchen, dann eilte ich
zur Kirche, wo man meiner ſchon harrte. Die
Nachricht, daß man in Warſaw bereit ſei, zu einer
lutheriſchen Gemeinde zuſammenzutreten, erregte
in Keokuk nicht wenig Freude und rief hierſelbſt
einen gleichen Entſchluß hervor. Dankend und
mit fröhlichem Geſichte nahmen meine Begleiter
von mir Abſchied und eilten heim zu den Ihrigen,
um ihnen die frohe Botſchaft zu bringen, daß ſie
nun bald wieder des Worts und Sacraments
theilhaftig werden ſollten.
Kommt es nun mit der Bildung einer Ge⸗
meinde an beiden Orten zu Stande, wie ich es
denn nicht anders hoffe, ſo können dieſelben vor⸗
läufig durch Einen Mann verſorgt werden und
zwar ſo, daß Warſaw der Pfarrſitz und Keo⸗
kuk die Filiale würde. Warſaw kommt um ſei⸗
ner vortheilhaften Lage willen immer mehr empor
und iſt bereits ſchon von einer ziemlichen Anzahl
Deutſcher bewohnt, darunter allein ſchon etwa
vierzig Familien Lutheraner ſich befinden ſollen;
Keokuk hingegen läßt keinen bedeutenden Anwachs
erwarten, wenigſtens ſo lange nicht, als ein alter
Prozeß nicht zu Ende iſt, der zwiſchen zwei Par⸗
theien um die Lotten der Stadt und die Lände⸗
reien der Umgebung geführt wird, in deſſen Folge
kein zuverläſſiger Deed derzeit zu erhalten iſt.
Mein Vorhaben, Quincy noch zu beſuchen,
habe ich aufgegeben. Ich höre von verſchiedenen
Perſonen, die noch vor Kurzem daſelbſt waren,
daß dort bereits zwei „lutheriſche“ Prediger ſich
befänden, ein gewiſſer Prediger Jung, der ſchon
länger da iſt, und einer von der Generalſynode,
Namens Kuhl, der erſt ſeit etlichen Monaten
von einer kleinen Anzahl Lutheraner berufen wor⸗
den iſt. Was ſoll ich nun als ein dritter dort
thun, zumal, da zwiſchen den beiden Gemeinden
und ihren Predigern ein heftiger Streit obwal⸗
ten ſoll!
Und ſo erhältſt Du denn hiermit meinen letzten
Brief. Bald eilt dankend und lobend der theuren
Heimath zu
Dein
Dich liebender
Lochner.
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