Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 15 › Seite 113

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-20, Seite 113

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Uuion · Union 10

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Peligirt von C. E. W. Walther.

Qer Lutheraner.

„Gottes Mort und uthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“

Herausgegeben von der deutſchen evangeliſch⸗lutheriſchen Syuode von Miſſouri, Ohio und anderen Staaten.

Hahrgang 5.

Ht. JLouis, Mo., den 20. März 1849.

No. 15.

Bedingungen: Der Lutheraner erſcheint alle zwei Wochen einmal für den jährlichen Subſcriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterſchreiber, welche denſelben

ö vorauszubezahlen und das Poſtgeld zu
EE Nur die Briefe, welche Mi

tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft.
ittheilungen für das Blatt *Valteon ſind an den Redacteur, alle anderen aber, welche Geſchäftliches, Beſtellungen, Abbeſtellungen, Gelder ꝛc.
enthalten, unter der Adreſſe: Mr. F. W. Barthel, care of C. F. W

Walther, St. Louis, Mo., anher zu ſenden.

(Eingeſandt.)
Geehrter Herr Lutheraner!
Meine Großmutter ſeliger hat oft das Sprich⸗
wort im Munde geführt: „Je gelehrter, je ver⸗
kehrter“, und das meiſtens, wenn die Rede auf

unſern neuen Herrn Pfarrer kam, in den die jun⸗

gen Leute ganz vernarrt waren, und den ſie nicht
ohne Thränen, die Alten nicht ohne Kopfſchütteln
hören konnten. Iſt mirs doch, als ſähe ich die
alte Frau noch vor mir, wenn ſie Sonntags⸗
Nachmittags die große Bibel, mit den Kurfürſten
drinnen, wiſſen Sie wohl, aufſchlug, und dann
nu dem jungen Volke, meinen älteren Geſchwiſtern,
ſagte: „Da ſeht's ſelbſt! da ſteht's ja ganz an⸗
ders, und im Katechismus Lutheri ſteht's auch
anders, und im „„Wahren Chriſtenthum““
ſteh's auch anders, und hier“, auf ihr Herz zei⸗
gend, „ſteht's, Gott ſei Dank, auch anders, gerade
ſo, wie in der alten Bibel, im Katechis mus und
Johann Arndt.“

Wenn dann die jungen Leute ſagten: „Ja,
liebe Großmutter, jetzt und vor Zeiten! das iſt
auch ein Unterſchied! nun hat man ja viel mehr
Bücher geſchrieben, und die Herren Pfarrer ſind
nun viel gelehrter“ u. ſ. w. Dann nahm ſie ihre
Brille von der Naſe, und legte ſie in die große
Bibel, und ſeufzte: „Ja, Gott ſei's geklagt! Aber
ſo iſt's: je gelehrter, je verkehrter!“ und dann rief
ſie mich zu ſich und mußte ihr den Katechismus
aufbeten, und die feinen alten Geſänge, von denen
ich meinte, die Großmutter hätte ſie ſelber ge⸗
macht, weil ich ſie nirgends im Geſangbuche fand,
ich hab' ſie aber nun hier in unſerm „lutheriſchen
Geſangbuch“ wieder gefunden und weiß nun
wohl, wo ſie die alte Großmutter her hatte.
Wenn ich damit fertig war, legte ſie mir wohl
die Hände auf mein Haupt, und ſah mich ſo
wunderlich tief an, ſo ganz tief in die Augen hin⸗
ein, und ſprach: „Hans, du bleibſt mir, will's
Gott, beim lieben Heiland IEſus Chriſtus, und
läßt dir den Katechismus und die Liederverſe
nicht abdisputiren, und wenn du ein braver Bub
willſt ſein, ſo kriegſt du die große Bibel, und da
lies mir fleißig drin, und halt' ſie mir hübſch in
Ehren.“

Nun, Herr Lutheraner, die liebe alte Großmut⸗
ter iſt nun ſchon lange heimgegangen, aber ihr
Segen iſt mir geblieben, Gott ſei Dank, und noch
an meinem Hauſe zu ſpüren; aber das wollte
ich ja eigentlich gar nicht ſchreiben, bin nur ſo
hinein gekommen, wie mir's allzeit geht, wenn ich
auf die liebe alte Großmutter komme.

Ich wollte nur ſchreiben, daß ich mir fleißig den
Spruch meiner Großmutter ſeliger gemerkt habe,
ja ich kann wohl ſagen, ich bin ein rechter Märty⸗
rer dafür geworden; denn da der Herr Schulinei⸗
ſter, oder „Perceptor“, wie wir ihn nennen muß⸗
ten, auch einen Gelehrten aus mir machen wollte,
und mir allerhand krauſe Dinge beibringen, mit
gar „furgoſen“ Namen dabei, da hab' ich nichts
lernen können und wollen. Da ward der Schul⸗
meiſter bös, nahm den Stock und ſprach:
priori will's mit dem Hans nicht gehen, ich
muß's a posteriori verſuchen.“ Was das heißen
ſollte, konnt' ich nicht ſagen, aber fühlen konnt'
ich's recht gut, denn dann gab's gar tüchtige
Schläge auf den Rücken, und bin auch immer der
„dumme Hans“ titulirt. Ich dachte aber: Macht
nur zu; meine Großmutter wird's wohl wiſſen,
und ihr ſollt mich nun einmal nicht zu einem Ge⸗
lehrten machen; ihr mögts anfangen, wie ihr
wollt, a priori oder posteriori; ſie haben's auch
nicht gekonnt; aber den Katechismus und die
Liederverſe haben ſie mir auch nicht aus dem
Kopf und dem Herzen bringen können.

Aber das wollte ich auch eigentlich nicht ſchrei⸗
ben, ſondern das wollt ich ſchreiben, wie ſich doch
die Welt ſo umgedreht hat, und es doch ganz an⸗
dere Zeiten ſind, als früher, und ich denke, die
Schläge und die Furcht vor dem Gelehrtwerden
ſind ganz umſonſt geweſen, denn nun iſt es ja
ganz anders; damals waren die Gelehrten ver⸗
kehrt, nun ſind's Handwerker und gemeine Kir⸗
chenboten, die doch gar nicht gelehrt ſind, auch
ſchon, und haben's den Gelehrten ſchon abgelernt,
und unſer Herr Pfarrer, der, glaube ich, ein
grundgelehrter Mann iſt, denn ich ſah oft gar
dicke Bücher auf ſeinem Tiſch und ihn darin leſen,
mit wunderlichen Buchſtaben drin, er ſagt, s'iſt
griechiſch und hebräiſch, der iſt gar nicht verkehrt,

ſondern iſt gerade wie meine liebe Großmutter,
und kommen wir beiden gut mit einander fort,
obgleich ich, wie geſagt, gar nicht gelehrt bin. Ich
denke, das wird wohl der „Fortſchritt der Zeit“
ſein, wo die Leute ſo viel Weſens von machen, und
ich habe nicht gewußt, was denn eigentlich die
Leute damit gemeint haben.

Die Sache iſt die, Herr Lutheraner. In Nr.
2. des ſogenannten Lutheriſchen Kirchenboten hat
ein Mann gewaltig auf die Altlutheraner losge⸗
zogen — er nennt ſich K—t; und ſagt im Grunde,
ſie, alſo auch der ſelige Luther, und Johann Arndt
und Scriver und der liebe Paul Gerhardt, und
wie die lieben alten Leute ſonſt noch heißen mö⸗
gen, auch meine alte Großmutter, ſeien nicht viel
beſſer, als die Papiſten und Heiden, „weil wir die

a Liebe nicht hätten“, und uns nicht mit Krethi und

Plethi zuſammen thun, und allerlei Glauben nicht
wollten gut ſein, und Alles mit einander zum hei⸗
ligen Abendmahl gehen laſſen. Nun, bequemer
wäre es, das muß ich ſagen, wenn ſo Lutheriſche
und Reformirte, und Baptiſten u. ſ. w. alle Eine
Gemeinde ausmachten; der Pfarrer könnte dann
ja auch zuweilen den Meßrock anziehen und Meſſe
halten, und wenn er nicht zu alt und ſteif wäre,
ſo würd's auch noch eben keine Hererei ſein, das
Jumpen und Springen zu lernen, und da hätte
man denn Alles hübſch bei einander. Der Pfar⸗
rer könnte bequemer und beſſer leben, denn er
kriegte mehr Geld, und die Gemeindeglieder könn⸗
ten ſich's auch bequemer machen, denn ſie brauch⸗
ten nicht ſo viel zu bezahlen, wenn man Alles ſo
hübſch mit einander in Einen Stall bringen
könnte, und könnten das Uebrige in die Wirth⸗
ſchaft ſtecken. Es wäre auch ſonſt noch dem Fleiſch
angenehmer, denn dann gäbe es doch nicht ſo viel
Streit, was einem doch mitunter recht hart wird,
wenn man ſo mit manchem Menſchen zuſammen⸗
ſtößt, mit dem man lieber zuſammen den HErrn
loben möchte, als ſich herum disputiren. Aber
in den Kopf wollte mir's doch nicht recht. Da
kam mir aber der Mann zu Hülfe, und ſage,
wir ſollten nur hübſch demüthig ſein, und die
Briefe Pauli leſen, da würden wir's finden.
Nun, ich muß es gerade herausſagen, mit der

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