Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 1, Nummer 9 › Seite 33
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1844-12-22, Seite 33
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Luther 1
Der Lutheraner.
„Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“
Herausgegeben von C. F. W. Walther.
Jahrgang 1.
St. Louis, Mo., den 28. December 1844.
No. 9.
Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar fünf und zwanzig Cents für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 6¼ Cents verkauft.
Lebensgeschichte Dr. Luthers.
(Eingesandt von Pastor G. W. Keyl, in Perry Co., Mo.)
Dr. Luther, dieses auserwählte Werkzeug Gottes, durch welches endlich die vor Menschen-Augen unmöglich scheinende Reformation der Kirche zu Stande kam und wodurch so viele tausend Christen aus der Finsterniß seelenverderblicher Menschenlehre errettet und zu dem Lichte des alleinseligmachenden göttlichen Wortes gebracht wurden, dieser theure Reformator, nach dessen Namen die rechtgläubige Kirche nun schon dreihundert Jahre lang genannt worden ist, dessen ganzes Leben ein lautes Zeugniß ist, daß die Hand des HErrn mit ihm war, der auch nach seinem Tode noch lebt in den großen Thaten, die Gott durch ihn gethan und deren Frucht er bis auf unsre Zeit erhalten hat, der auch jetzt noch zu uns redet in seinen zahlreichen Schriften — er verdient es gewiß vor tausend andern, daß seiner nimmermehr vergessen werde und sein Name für und für bleibe.
Da nun viele, die sich lutherisch nennen, aus dem Leben Luthers leider nicht viel mehr wissen, als einzelne Erzählungen, oder dasselbe nur aus solchen Beschreibungen kennen, worin oft gerade das Wichtigste verschwiegen, entstellt und verdächtig gemacht wird, so daß Luther darinn ganz anders erscheint, als er wirklich war, so soll hiermit den Lesern dieser luth. Zeitschrift ein kurzer, aber wahrhafter Bericht von dem Leben des theuren Mannes Gottes, Dr. Luthers, gegeben werden. Es ist derselbe größtentheils aus der Lebensbeschreibung des sel. Mathesius genommen, welche deshalb als eine der zuverlässigsten anzusehen ist, weil der Verfasser derselben nicht nur ein offenbar wahrheitsliebender, treuherziger Mann war, sondern auch 17 Jahre lang in naher Bekanntschaft mit unserm Luther gestanden hat.
Am 10. November des Jahres 1483 wurde Luther in Eisleben geboren und am folgenden Tage, als dem Gedächtnißtage des Bischofs Martinus, erhielt er die heil. Taufe und dabei den Namen Martin. Seine Eltern waren arme*), aber gottesfürchtige Leute aus dem Bauernstande, die jedoch später durch den Bergbau unter Gottes Segen immer wohlhabender wurden und viel auf fromme Prediger und Schullehrer hielten. Ihr Söhnchen, Martin, war noch sehr klein, als sie ihn in Mansfeld, wohin sie gezogen waren, zur Schule schickten oder vielmehr tragen ließen. Da lernte er fleißig und bald die heil. zehn Gebote, die drei Artikel des Glaubens, das Vaterunser und christliche Lieder. In seinem vierzehnten Jahre sandte ihn sein Vater nach Magdeburg und im folgenden Jahre nach Eisenach in die Schule, wo er sein Brod kümmerlich durch Singen vor den Thüren verdienen mußte, bis ihn am letzteren Orte eine fromme Frau, Namens Cotta, die den kleinen Luther um seines andächtigen Singens willen liebgewonnen hatte, mit an ihren Tisch nahm. Durch die ihm von Gott verliehenen Gaben, sowie durch seinen Fleiß zeichnete er sich vor allen seinen Mitschülern aus, so daß er schon in seinem achtzehnten Jahre die Universität zu Erfurt beziehen konnte. Hier studirte er anfangs mit großem Ernst die Philosophie (Weltweisheit) und dann auch eine Zeit lang Jura (die Rechte) und hielt sich dabei immer nach seinem Wahlspruch: Fleißig gebetet, ist über die Hälfte studirt. Als er einmal auf der Bibliothek die Bücher durchsah und darunter eine Bibel fand, verwunderte er sich sehr, daß darin weit mehr stand, als die gewöhnlichen Texte, die in den Kirchen vorgelesen wurden, und als er darinn gerade an die Geschichte von der Hanna und ihrem Sohn Samuel kam (1 Sam. C. 1 bis 3.), las er sie eilends und mit herzlicher Lust und wünschte nun, Gott wolle ihm dereinst auch ein solches Buch bescheeren.
*) „Die Mutter — sagt er — hat ihr Holz auf dem Rücken getragen, damit sie uns Kinder erzog. Sie haben sichs lassen blutsauer werden.“
Nachdem er nun so fleißig studirt hatte, daß er selbst Vorlesungen zu halten anfangen durfte, so erhielt gegen Ende des Jahres 1505 sein Lebensgang plötzlich eine andere Wendung. Als er von einem Ferienbesuche bei seinen Eltern zurückkehrte, überraschte ihn bei Erfurt ein Gewitter, der Blitz schlug neben ihm nieder und er selbst stürzte betäubt zu Boden; ein anderer Bericht sagt auch, daß der Blitz an seiner Seite seinen Freund Alexius erschlagen habe. Dies alles erfüllte Luthern damals mit großer Furcht vor Gottes Zorn und dem jüngsten Gericht und er that daher in seiner Angst sogleich das erzwungene Gelübde, ein Mönch zu werden, um mit klösterlicher Heiligkeit die ewige Seligkeit zu erlangen; also keinesweges aus Faulheit und Ungeschicklichkeit oder um guter Tage willen. Doch that Luther dies Gelübde ohne Wissen und Willen seines Vaters, der die merkwürdigen Worte zu ihm sagte: „Gott gebe, daß es nicht ein Betrug, noch teuflisch Gespenst sei! — und hast du nicht gehört, daß man Eltern soll gehorsam sein?“ Solche Worte seines Vaters lagen ihm während der ganzen fünfzehn Jahre seines Klosterlebens im Sinne und erpreßten ihm manchen Seufzer; allein nach dieser Zeit konnte er seinem Vater schreiben: „Gott, dessen Barmherzigkeit keine Zahl ist und dessen Weisheit kein Ende ist, hat aus solchem Irrthum und Sünden allen wunder viel größere Güter geschaffet. Es hat aber Gott gewollt (wie ich nun sehe), daß ich der hohen Schulen Weisheit und der Klöster Heiligkeit aus eigner gewisser Erfahrung, das ist, aus vielen Sünden und gottlosen Werken erführe, daß das gottlose Volk nicht wider mich, ihren zukünftigen Widerpart, zu prangen hätte, als der unbekannte Dinge verdammete.“
Im Augustiner-Kloster zu Erfurt studirte nun Luther mit höchstem Fleiß die Bibel (die er hier, an einer Kette angelegt, fand) und daneben auch die Schriften der Kirchenväter, insonderheit des Augustinus. Dabei beobachtete er genau alle Regeln seines Ordens und führte ein so strenges Leben, daß er später offen bekennen durfte: „Ist je ein Mönch gen Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich auch hinein kommen sein; denn ich hätte mich (wo es lange gewähret hätte) zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Arbeit.“ Bei alle dem aber, daß er so heilig zu werden ängstiglich trachtete, empfand er doch wegen seiner Sündhaftigkeit große Angst, suchte vergeblich nach Frieden des Herzens und hatte viel Bekümmernisse. Jeden bösen Gedanken, der sich in ihm regte — das erzählt er selbst im Commentar zum Galaterbriefe — wollte er mit Gewalt niederkämpfen; fastend*) und betend, unter den schwersten Kasteiungen
*) „Er war aber — erzählt von ihm Melanchthon in der Vita Lutheri — von Natur von wenigem Essen und Trinken. Ich hab gesehen, daß er zu Zeiten in vier ganzen Tagen, wenn er schon gesund war, nichts gegessen oder getrunken hat. So habe ich auch sonst oft gesehen, daß er täglich nur mit wenig Brod und einem Häring begnügt gewesen, und das zu Zeiten viele Tage lang.“ Dies zur Nachricht für die, welche noch immer so unverschämt sind, Luthern dem Volke als einen Schwelger darzustellen, um dasselbe von Lesung seiner kostbaren geistvollen Schriften abzuhalten. Wohl ist es wahr,
English translation AI translation
I
Der Lutheraner.
"God's Word and Luther's teaching shall pass away neither now nor evermore."
Published by C. F. W. Walther.
Volume 1.
St. Louis, Mo., December 28, 1844.
Terms: The Lutheraner appears once every two weeks, at a subscription price of one dollar and twenty-five cents for out-of-town subscribers, who must pay half of this in advance and bear the postage themselves. — In St. Louis, each single issue is sold for 6¼ cents.
The Life Story of Dr. Luther.
(Submitted by Pastor G. W. Keyl, of Perry Co., Mo.)
Dr. Luther — this chosen instrument of God, through whom the reformation of the Church, which had seemed impossible in human eyes, was finally brought about, and through whom so many thousand Christians were rescued from the darkness of soul-destroying human teaching and brought to the light of the divine Word that alone bestows salvation; this precious Reformer, after whose name the true-believing Church has now already been called for three hundred years, whose whole life is a loud testimony that the hand of the Lord was with him, who even after his death still lives on in the great deeds which God accomplished through him and whose fruit he has preserved down to our own time, who even now still speaks to us in his numerous writings — he surely deserves, before a thousand others, that he never be forgotten and that his name endure forever and ever.
Since many who call themselves Lutheran unfortunately know little more of Luther's life than a few scattered anecdotes, or know it only from such accounts as often conceal, distort, and cast suspicion on precisely what is most important, so that Luther appears in them quite different from what he really was, a brief but truthful account of the life of that precious man of God, Dr. Luther, shall here be given to the readers of this Lutheran periodical. It is taken for the most part from the biography written by the late Mathesius, which is to be regarded as one of the most reliable, because its author was not only evidently a truth-loving, sincere man, but had also stood for seventeen years in close acquaintance with our Luther.
On November 10 of the year 1483, Luther was born in Eisleben, and on the following day, the memorial day of Bishop Martin, he received holy Baptism and with it the name Martin. His parents were poor*) but God-fearing people of the peasant class, who however later, through mining, under God's blessing, became ever more prosperous, and set great store by godly preachers and schoolteachers. Their little son Martin was still quite small when they sent him — or rather had him carried — to school in Mansfeld, where they had moved. There he diligently and soon learned the holy Ten Commandments, the three articles of the Faith, the Lord's Prayer, and Christian hymns. In his fourteenth year his father sent him to Magdeburg, and in the following year to school in Eisenach, where he had to earn his bread meagerly by singing before people's doors, until in that latter place a devout woman named Cotta, who had grown fond of the young Luther for his devout singing, took him in at her own table. Through the gifts granted him by God, as well as through his own diligence, he distinguished himself above all his fellow pupils, so that already in his eighteenth year he was able to enter the University of Erfurt. Here he studied at first with great earnestness philosophy (worldly wisdom), and then for a time also law (jurisprudence), holding always to his motto: to have prayed diligently is more than half of having studied. Once, as he was looking through the books in the library and found among them a Bible, he was greatly astonished that it contained far more than the customary texts read aloud in the churches, and when in it he came upon the story of Hannah and her son Samuel (1 Samuel 1–3), he read it eagerly and with heartfelt delight, and wished that God would one day grant him such a book of his own.
After he had now studied so diligently that he himself was permitted to begin giving lectures, his course of life suddenly took a different turn toward the end of the year 1505. As he was returning from a visit to his parents during a vacation, he was overtaken near Erfurt by a thunderstorm; the lightning struck down beside him and he himself fell stunned to the ground — another account also says that the lightning struck dead, at his side, his friend Alexius. All this filled Luther at the time with great fear of God's wrath and of the Last Judgment, and in his terror he immediately made the forced vow to become a monk, in order through monastic holiness to attain eternal salvation — by no means, then, out of laziness and incompetence, or for the sake of an easy life. Yet Luther made this vow without the knowledge or consent of his father, who said to him the memorable words: "God grant that this be not a deception, nor a devilish apparition! — and have you not heard that children are to obey their parents?" These words of his father remained in his mind through the whole fifteen years of his monastic life and wrung many a sigh from him; yet after that time he could write to his father: "God, whose mercy is beyond number and whose wisdom has no end, has out of such error and sin nevertheless wrought wonderfully greater goods. For God willed it so (as I now see), that I should learn the wisdom of the universities and the holiness of the monasteries from my own sure experience — that is, from many sins and godless works — so that the godless people should have no ground to boast against me, their future opponent, as one who condemned things unknown to him."
In the Augustinian monastery at Erfurt, Luther now studied the Bible (which he found here chained to its place) with the utmost diligence, and alongside it also the writings of the Church Fathers, especially Augustine. In doing so he observed exactly all the rules of his order and led so strict a life that he could later openly confess: "If ever a monk got to heaven by monkery, I too would have gotten in that way; for I would have tortured myself to death — had it lasted long enough — with watching, praying, reading, and other labor." Yet for all that he anxiously strove to become so holy, he nevertheless felt great anguish on account of his sinfulness, sought in vain for peace of heart, and had much distress of mind. Every evil thought that stirred within him — as he himself relates in his Commentary on Galatians — he sought to beat down by force; fasting*) and praying, under the severest mortifications,
*) "The mother," he says, "carried her firewood on her own back, so that she might raise us children. They let themselves sweat blood for it."
he wrestled at times for several days on end, shutting himself into a cell; but in vain! — the temptations returned with ever renewed force.
Im Auguſtiner-Kloſter zu Erfurt ſtudirte nun Luther mit höchſtem Fleiß die Bibel [continuation of this passage was translated above and does not repeat here]