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Der Lutheraner Frankfurt am Main — Januar 1950, Seite 4
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Seite 4 Januar 1950 Nummer 1
Zum Heimgang von Kirchenrat Lic. Dr. Ernst Ziemer
Es war am Abend des 6. Oktober. Die Heilige Kreuzkirche in Berlin-Wilmersdorf war zur Trauerfeier für den entschlafenen Kirchenrat Ziemer bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor dem würdig geschmückten Altar, an dem der Verstorbene manchesmal amtiert hatte, stand der Sarg. Feierlich zogen mit den Leidtragenden der Familie die Mitglieder des Oberkirchenkollegiums und fast 30 Pastoren der Ostzone in die Kirche ein, unter ihnen auch Amtsbrüder aus der schwesterlichen Freikirche. Als Vertreter des Berliner Bischofs D. Dibelius nahm Generalsuperintendent D. D. Jacobi an dem Trauergottesdienst teil. Die alten Sterbelieder der lutherischen Kirche mit ihrem Trost und ihrer Ewigkeitsfreude, von der Gemeinde und dem Kirchenchor im Wechsel gesungen, füllten das weite Gotteshaus und trugen die Herzen empor. Ansprachen hielten Superintendent Grube, Präses Petersen, Superintendent Wottrich und Kirchenrat Lic. Schulz. In ihnen kam außer unsrer Gesamtkirche Altpreußens die Evangelisch-lutherische Freikirche und besonders die zersprengte ehemalige Breslauer Gemeinde sowie die Berliner Westgemeinde, deren Glied der Entschlafene zuletzt gewesen, zu Worte, Gottes Gnade, die sich an dem Vollendeten verherrlicht hatte, denkbar rühmend.*)
*) Die Ansprachen sind im Druck beim Verlag Herrmann in Zwickau erschienen.
Über dem wahrhaft erfüllten Leben des Siebenundsiebzigjährigen steht wie ein Stern das Verheißungswort des Herrn an Abraham: „Ich will dich segnen und sollst ein Segen sein". Davon wissen besonders die Lutheraner aus Breslau, von denen manche herbeigereist waren, um ihrem toten Hirten das letzte Geleit zu geben. Hat er doch den größten Teil seines Lebens, fast ein halbes Jahrhundert, in ihrem Dienst verbracht. Im Alter von 36 Jahren wurde er nach Breslau berufen, nachdem er über zehn Jahre die ausgedehnte Parochie Glogau mit der ersten Liebe eines jungen Hirten verwaltet hatte. Dort hatte er sich mit seiner Braut Karoline Braungart verheiratet. Aus der Ehe entsprossen vier Söhne und zwei Töchter. Die große Breslauer Gemeinde war damals noch ungeteilt in der Katharinenkirche vereint. Es folgte, wie er selbst sagte, „eine schöne Zeit" harmonischer Zusammenarbeit mit Kirchenrat Hinz, dem er als zweiter Pastor besonders für den Norden der Stadt zur Seite stand. Nach dessen Heimgang wurde er 1921 Pastor der Gemeinde Breslau-Süd in der schönen, großen, wenige Jahre zuvor erbauten Christuskirche. Seiner Wirksamkeit dort machte erst der Zusammenbruch 1945 ein schmerzliches Ende.
Mit dankbarer Freude denken die Breslauer noch an die köstlichen Gottesdienste mit den warmen, herzandringenden Predigten ihres Pastors. Es war ihm, dem erfahrenen Hymnologen, auch um die Pflege der Musica Sacra zu tun, die nun zu rechter Blüte kam. Mit großer Treue ging er den in der Großstadt und ihren Außenorten verstreuten Gemeindegliedern als Seelsorger nach. Ein besonderes Band wußte er mit seinem gemütvollen Gemeindeblatt um alle zu schlingen. Es wurde ein wirklicher „Hausfreund". Wie eng Kirchenrat Ziemer mit seiner alten Gemeinde verbunden war, das zeigte sich auch in den schweren Jahren nach dem Kriege. Wie viel Trost und Stärkung brachten seine Rundbriefe und viele Einzelschreiben den heimatlos Gewordenen in der Fremde! An ihn als ihren geistlichen Vater wandten sie sich immer wieder mit ihren äußeren und inneren Nöten — und niemals vergeblich.
Aber neben dem Pfarramt hatte der Verewigte noch zwei wichtige Arbeitsgebiete. Schon bald nach seiner Übersiedlung in die schlesische Hauptstadt wurde er Dozent an dem Theologischen Seminar unserer Kirche.
[Bildnis: Kirchenrat Lic. Dr. Ernst Ziemer]
Neben der Theologie hatte er auch mit großem Interesse orientalische Sprachen studiert, besonders bei Professor Friedrich Delitzsch. In seiner Doktorarbeit hatte er fünfzig babylonische Kontrakte in Keilschrift entziffert und ausgewertet. Den Grad eines Lizentiaten der Theologie hat er sich in Erlangen mit einer Arbeit in lateinischer Sprache über den Erzvater Abraham erworben. Daß er unter anderem das Lied, Müde bin ich, geh zur Ruh' ins Hebräische übersetzte, zeigt, wie er diese Sprache beherrschte. Über 25 Jahre hat er des ihm so lieb gewordenen Amtes als Lehrer des Alten Testaments an dem theologischen Nachwuchs unsrer Kirche gewaltet. — Im Jahre 1917 wurde er auch in die Kirchenleitung berufen und als Geistlicher Rat des Oberkirchenkollegiums kooptiert.
Das dreifache Amt in Breslau legte eine schwere Last auf Kirchenrat Ziemer. Aber es war, als wenn seine Arbeitskraft immer wüchse. Auch in anderer Weise ging seine Tätigkeit über die Grenzen seiner Gemeinde hinaus. Zu dem Reformationsjubiläum 1917 gab er seine Schrift „Die Herrlichkeit der Lutherischen Kirche" heraus. Eine eingehende Geschichte der Anfänge unsrer Kirche in Breslau unter dem Titel „Vor 100 Jahren" erschien 1930.
Durch mehrere Jahrgänge schrieb er die „Sonntagsgedanken" für das Wochenblatt „Gotthold". Zahlreiche wertvolle Artikel im „Kirchenblatt" und in den „Mitteilungen" der Jünglingsvereine entstammen seiner Feder.
Der Heimgegangene, der zeitlebens in dankbarer Erinnerung den Geist seines frommen Elternhauses gerühmt hat, wußte um den Wert einer christlichen Erziehung. Davon schrieb er in seinem Heft „Erziehung und Christentum". Das trieb ihn auch zu eifriger Mitarbeit in dem Bund „Haus und Schule" mit zahlreichen Vorträgen und Aufsätzen.
Seine entschiedene lutherische Haltung und seine volkstümlich-herzliche Art zu sprechen, gewann ihm Achtung und viele Freunde. Ihm eignete eine besondere evangelistische Gabe der Verkündigung. So hielt er lange Zeit in der Gemeinde seines Bruders in Radevormwald Jahr für Jahr eine Evangelisationswoche. Einmal führte ihn eine solche Vortragsreise bis nach Kopenhagen. Auch dem „Christlichen Verein junger Männer" diente er gern mit Vorträgen.
Vor allem gehörte sein Herz auch der Mission, sowohl unter Israel wie unter den Heiden. An vielen Missionsfesten wirkte er mit seinem Wort mit. Die engen Beziehungen zu der Leipziger Mission, die einst von unsrer Kirche mit gegründet worden ist, schilderte er in seinem bekannten Buch „Die Missionstätigkeit der Ev.-luth. Kirche in Preußen".
Kirchenrat Ziemers Christentum war ein tieffröhliches, weil es in aufrichtiger Demut und einem kindlich-gläubigen Gottvertrauen wurzelte. Er hat es in schweren Heimsuchungen bewähren dürfen. Wie traf ihn mit den Seinen der Verlust des auch im Pfarramt stehenden Sohnes Hans, der an der Front in Italien fiel! Und dann kam der bittere Abschied von Breslau. Trotz vielen Mahnens und Bittens hatte er sich geweigert, seine Gemeinde zu verlassen, wenn es nicht unbedingt sein müßte. Erst als der Befehl kam, daß alle Männer über 60 Jahre aus der bedrohten Stadt zu weichen hätten, ging er mit seiner Gattin. Zurück ließ er sein ganzes Hab und Gut, seine geliebte Kirche und das Pfarrhaus, die bald darauf der Zerstörung verfielen. Kurze Zeit blieb er in Guben. Dann ging er nach der Priegnitz in der Mark Brandenburg, um den verwaisten Gemeinden seines Sohnes in Jabel, Neuruppin und Krempendorf noch zu dienen. Schon im Jahre 1939 hatte er seine Versetzung in den Ruhestand erbeten und erhalten. Die Gemeinde in Breslau hatte einen neuen Pfarrer gewählt. Für den Emeritus war schon die Wohnung in Trebnitz bereit. Da brach der Krieg aus. So hat denn der schon Müdegewordene noch fast 6 Jahre in Breslau und 2 Jahre als Nachfolger seines Sohnes im heiligen Amt gestanden. Und sein Gott und Herr hat das Prophetenwort Jesaia 40, 31 an ihm wunderbar erfüllt: „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde wer-
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Page 4 January 1950 Number 1
On the Passing of Kirchenrat Lic. Dr. Ernst Ziemer
It was on the evening of October 6. The Heilige Kreuzkirche in Berlin-Wilmersdorf was filled to the last seat for the memorial service for the departed Kirchenrat Ziemer. Before the worthily adorned altar, at which the deceased had sometimes officiated, stood the coffin. Solemnly, together with the mourning family, the members of the Oberkirchenkollegium and nearly 30 pastors from the Eastern Zone processed into the church, among them also brother ministers from the sister Free Church. As representative of the Berlin bishop D. Dibelius, Generalsuperintendent D. D. Jacobi took part in the memorial service. The old funeral hymns of the Lutheran Church, with their comfort and their joy of eternity, sung alternately by the congregation and the church choir, filled the spacious house of God and lifted hearts on high. Addresses were given by Superintendent Grube, Präses Petersen, Superintendent Wottrich, and Kirchenrat Lic. Schulz. In addition to our Old Prussian Church as a whole, the Evangelical Lutheran Free Church had its say in these addresses, and especially the scattered former Breslau congregation as well as the Berlin West congregation, of which the departed had most recently been a member — praising, as fully as words could convey, the grace of God that had glorified itself in the one now perfected.*)
*) The addresses have appeared in print, published by Verlag Herrmann in Zwickau.
Over the truly fulfilled life of the seventy-seven-year-old stands, like a star, the Lord's word of promise to Abraham: "I will bless you, and you shall be a blessing." Of this, the Lutherans from Breslau know especially well, many of whom had traveled here to give their departed shepherd a final escort. For he had spent the greater part of his life, nearly half a century, in their service. At the age of 36 he was called to Breslau, after having administered the extensive parish of Glogau for over ten years with the first love of a young shepherd. There he had married his bride, Karoline Braungart. Four sons and two daughters were born of the marriage. The large Breslau congregation was at that time still undivided, united in the Katharinenkirche. There followed, as he himself said, "a beautiful time" of harmonious cooperation with Kirchenrat Hinz, whom he assisted as second pastor, especially for the northern part of the city. After the latter's passing, he became in 1921 pastor of the Breslau-Süd congregation in the beautiful, large Christuskirche, which had been built only a few years before. It was only the collapse of 1945 that brought his work there to a painful end.
With grateful joy, the people of Breslau still recall the precious worship services, with their pastor's warm, heart-stirring sermons. As an experienced hymnologist, he was also concerned with the cultivation of Musica Sacra, which now came into proper flower. With great faithfulness he pursued his pastoral care of the congregation members scattered throughout the big city and its outlying districts. With his warm-hearted parish newsletter he knew how to weave a special bond around them all. It became a real "family friend." How closely Kirchenrat Ziemer remained bound to his old congregation was shown also in the hard years after the war. How much comfort and strength his circular letters and many individual letters brought to those who had become homeless, far from home! They turned to him again and again as their spiritual father with their outward and inward troubles — and never in vain.
But alongside his pastoral office, the deceased had two other important areas of work. Soon after his move to the Silesian capital, he became a lecturer at the Theological Seminary of our Church.
[Portrait: Kirchenrat Lic. Dr. Ernst Ziemer]
Alongside theology, he had also studied Oriental languages with great interest, especially under Professor Friedrich Delitzsch. In his doctoral dissertation he had deciphered and evaluated fifty Babylonian contracts written in cuneiform. He earned the degree of Licentiate of Theology in Erlangen with a work in Latin on the patriarch Abraham. That he translated, among other things, the hymn "Müde bin ich, geh zur Ruh'" ["I Am Weary, Let Me Rest"] into Hebrew shows how well he had mastered that language. For over 25 years he carried out the office, which had become so dear to him, of teacher of the Old Testament to the theological students of our Church. — In 1917 he was also called into the church leadership and co-opted as a Geistlicher Rat of the Oberkirchenkollegium.
The threefold office in Breslau placed a heavy burden on Kirchenrat Ziemer. But it was as though his capacity for work only kept growing. In other ways too, his activity extended beyond the bounds of his congregation. For the Reformation Jubilee of 1917 he published his tract "Die Herrlichkeit der Lutherischen Kirche" ["The Glory of the Lutheran Church"]. A detailed history of the beginnings of our Church in Breslau, titled "Vor 100 Jahren" ["A Hundred Years Ago"], appeared in 1930.
For several years he wrote the "Sonntagsgedanken" ["Sunday Thoughts"] for the weekly paper "Gotthold." Numerous valuable articles in the "Kirchenblatt" ["Church Paper"] and in the "Mitteilungen" ["Bulletins"] of the young men's associations came from his pen.
The departed, who throughout his life gratefully praised the spirit of his devout parental home, knew the value of a Christian upbringing. Of this he wrote in his pamphlet "Erziehung und Christentum" ["Education and Christianity"]. This also drove him to zealous participation in the association "Haus und Schule" ["Home and School"], with numerous lectures and essays.
His resolute Lutheran stance and his plain, warm-hearted manner of speaking won him respect and many friends. He possessed a special evangelistic gift for proclamation. Thus for a long time he held an evangelization week year after year in his brother's congregation in Radevormwald. Once such a lecture tour took him as far as Copenhagen. He also gladly served the "Christlicher Verein Junger Männer" ["Christian Association of Young Men"] with lectures.
Above all, his heart also belonged to missions, both among Israel and among the heathen. At many mission festivals he took part with his own words. He described the close relations with the Leipzig Mission, which had once been co-founded by our Church, in his well-known book "Die Missionstätigkeit der Ev.-luth. Kirche in Preußen" ["The Mission Work of the Evangelical Lutheran Church in Prussia"].
Kirchenrat Ziemer's Christianity was a deeply joyful one, because it was rooted in sincere humility and a childlike, believing trust in God. He was permitted to prove it in heavy trials. How it struck him and his family, the loss of his son Hans — himself a pastor — who fell at the front in Italy! And then came the bitter parting from Breslau. Despite much urging and pleading, he had refused to leave his congregation unless it were absolutely necessary. Only when the order came that all men over 60 years of age were to leave the threatened city did he depart, together with his wife. He left behind all his possessions, his beloved church, and the parsonage, which soon afterward fell victim to destruction. For a short time he stayed in Guben. Then he went to the Prignitz in the Mark Brandenburg, in order to still serve the orphaned congregations of his son in Jabel, Neuruppin, and Krempendorf. Already in 1939 he had requested and been granted his transfer into retirement. The congregation in Breslau had elected a new pastor. For the Emeritus, the dwelling in Trebnitz already stood ready. Then war broke out. So he who had already grown weary stood nevertheless for almost 6 more years in Breslau, and 2 years as successor to his son, in the holy office. And his God and Lord wonderfully fulfilled in him the prophetic word of Isaiah 40:31: "But they that wait upon the LORD shall renew their strength; that they shall mount up with wings as eagles; that they shall run and not grow weary; that they shall walk and not grow wea…" [text cuts off at page edge]