Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 1, Nummer 7 › Seite 27

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1844-11-30, Seite 27

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wurde u. a. im October 1522 das ganze Au⸗
gustinerkloster zu Antwerpen allein deshalb zer⸗
stört, weil die Mönche dieses Klosters, durch
Schriften Luthers zur Erkenntniß gebracht, die
evangelische Wahrheit sämmtlich bekannten.
Doch mit der Niederreißung der Klostermauern
war zugleich die gefängliche Einziehung der
gewesenen Augustiner verbunden. Mehrere lie⸗
ßen sich zwar dadurch, so wie durch allerhand
Drohungen, zum Widerruf bewegen; eine
Anzahl jedoch blieb fest und unbeweglich. Zu
diesen gehörten zwei noch sehr junge Mönche,
Namens Heinrich Voes und Johan⸗
nes Esch, welche unumwunden erklärten,
lieber sterben, als Gottes ewiges Wort ver⸗
leugnen zu wollen. Man brachte sie nach
Brüssel und hier wurden sie vorerst vor ein
geistliches Gericht gestellt, um von diesem doch
zum Widerruf bewegt zu werden. Alles war
jedoch vergeblich; nichts konnte sie zum Wan⸗
ken bringen; sie blieben standhaft bei dem Be⸗
kenntnisse der lutherischen Lehre. Für ihre
verdammlichsten Irrthümer erklärte man, daß
sie aussagten: „Es könne aus der heil. Schrift
für den Pabst und die übrigen Prälaten keine
andere Macht oder Gewalt erwiesen werden,
als daß sie Diener seien am Worte Gottes.
Christus habe den Pabst nicht zu seinem Statt⸗
halter über alle Lande verordnet, sondern
nur dazu, daß er predigen und die Schafe
Christi weiden solle. Der wahre katholische
Glaube könne von der Liebe und den guten
Werken nicht getrennt werden, weil die Liebe
eine Frucht des Glaubens sei.“ Als der ge⸗
genwärtige Ketzermeister, Hochstraten, hier⸗
auf von ihnen forderte, kurz zu sagen, was sie
glaubten? antworteten sie: „Wir glauben die
12 Stücke des christlichen Glaubensbekennt⸗
nisses, die biblischen Bücher mit den evangeli⸗
schen Schriften, auch eine heilige christliche
Kirche, aber nicht die Kirche, die ihr glaubt.“
Da man ihnen vorrückte, man sehe wohl, sie
seien von Luther verführt, so gestanden sie ein:
„Ja, wir sind von ihm verführt, wie die Apostel
von Christo.“ So erfolgte denn das Urtheil,
sie seien des Todes schuldig.

Schnell wurde hierauf eine hohe Bühne mit
einem Altar vor dem Rathhause zu Brüssel
errichtet, auf welcher die Verurtheilten in vol⸗
ler Priesterkleidung erscheinen mußten; hier
wurde ihnen nun mit größter Feierlichkeit vor⸗
erst die priesterliche Weihe genommen, und sie
sodann dem Henker überliefert, der sie an einem
Stricke hinweg führte. Ein Augenzeuge erzählt,
daß bei allen diesen Verhandlungen an ihnen
auch nicht das geringste Merkmal einer Ban⸗
gigkeit zu entdecken gewesen sei, hingegen habe
man Fassung und Geringachtung des Todes,
verbunden mit Sanftmuth und Bescheidenheit,
deutlich in ihren Zügen lesen können.

Von vier Beichtvätern begleitet, traten sie
nun den Gang nach dem Scheiterhaufen an,
der sich mitten auf dem großen Markte von
Brüssel erhob. Sie bekannten unterwegs, dieß
sei der Tag, den sie längst erwartet hätten; und
lobten laut Gott, daß er ihnen die Gnade gege⸗
ben hätte, um seines Wortes willen zu sterben.
Apost. 5, 41. Weinend redeten die Begleiter
ihnen jetzt wieder zu, sie sollten doch ihr Leben
bedenken und jetzt widerrufen; ihre Antwort
war: „Weinet nicht über uns, sondern über
eure Sünde (Luc. 23, 28.), daß ihr die göttli⸗
che Gerechtigkeit so verfolget.“ Am Execu⸗
tionsplatz angekommen, tröstete einer den an⸗
dern, und indem sie sich gegenseitig selbst zur
Beharrlichkeit ermunterten, bestiegen sie beide
freudig den Holzstoß. Sie umfingen, wie der
Berichterstatter sagt, den in der Mitte hervor⸗
ragenden Pfahl mehr selbst, als daß sie daran
gebunden wurden. Mit Erstaunen gewahrte die
große umstehende Menge, wie ihr Antlitz hier⸗
bei von einer Heiterkeit funkelte, daß sie zu
lächeln schienen.

Jetzt fragten sie die Beichtväter noch einmal:
„Ob sie zum christlichen Glauben zurückkehren
wollten?“ Sie riefen: „Wir glauben an Gott,
auch eine katholische Kirche, aber eure Kirche
glauben wir nicht.“ Da schrieen ihnen die
Pfaffen zu: „Bekehret euch, oder ihr fahret
zum Teufel und werdet auch in des Teufels
Namen sterben.“ Sie antworteten wie im Ju⸗
bel: „Wir wollen um der evangelischen Wahr⸗
heit willen sterben als fromme Christen.“ So
wurde denn das Feuer langsam angezündet.
Die theuren Bekenner sprachen: „Mit euren
Flammen und glühenden Kohlen streut ihr uns
Rosen,“ und fingen hierauf an, mitten im
Feuer wechselsweise das apostolische Symbolum
und das Kirchenlied: HErr Gott, dich loben
wir ꝛc. laut und inbrünstig zu beten, daß es
den Umstehenden Mark und Bein durchdrang.
Als die Gluth immer mehr überhand nahm,
riefen sie wiederholt aus: „O IEsu, du Sohn
Davids, erbarme dich unser!“ Doch der HErr
hatte beschlossen, diese Jünglinge recht auser⸗
wählt zu machen, sie zu dem lautersten Golde
zu schmelzen und sich durch ihre Glaubenstreue
auch bei den furchtbarsten Qualen zu verherr⸗
lichen. Es geschah daher, daß die Flamme so
hell brannte, daß die Stricke, mit welchen sie
angebunden gewesen waren, eher von ihren
Leibern abbrannten, ehe sie erstickten. Als der
eine sich so vom Pfahle gelöst sah, fiel er auf
seine Kniee mitten in die rauchenden Feuer⸗
brände hinein, seufzte noch einmal mit gen
Himmel gerichtetem Antlitz: „O JEsu, JEsu,
du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ und
in wenig Minuten waren beider Leiber in Asche
verwandelt.

Tief und erschütternd war der Eindruck,
welchen dieses schreckliche Schauspiel auf ganz
Brüssel machte, aber keinesweges von der Art,
wie es die mordsüchtigen Pfaffen beabsichtiget
hatten. Es bewährte sich vielmehr auch hier⸗
bei der bekannte Ausspruch Tertullians: „Wir
(Christen) werden unser desto mehr, je öfter
man uns abmäht; das Christenblut ist ein
Saame.“ (Apol. c. 49.) Auch das Blut der
heil. Märtyrer, Heinrich Voes und Johannes
Esch, war ein solcher fruchtbarer Saame, aus
welchem wieder viele Bekenner der Wahrheit
hervorwuchsen; ihre Ermordung öffnete vielen
die Augen, die es klar erkannten, daß die
wahre Kirche immer die verfolgte und
nur die falsche eine blutdürstige Verfol⸗
gerin sei. Daß dieß damals der Erfolg
gewesen sei, dieß bezeugt selbst der sonst den
Lutheranern so abholde Erasmus. Dieser
schrieb u. a. im Jahre darauf an Herzog Georg:
„Es ist nicht billig, daß man einen bloßen Irr⸗
thum mit Feuer bestrafe. Wegen der Macht
und Gewalt des Pabstes sind die Theolo⸗
gen zu Paris in vielen Artikeln ganz anderer
Meinung, als die Theologen in Italien, und
ein Theil muß nothwendig irren; keine Parthei
aber begehrt doch die andere deßhalb zu ver⸗
brennen. Ich fürchte sehr, die Mittel, die
man insgemein vornimmt, die Leute zu einem
Widerruf zu nöthigen, in Gefängnisse zu wer⸗
fen, und gar zu verbrennen, werden das Uebel
nur ärger machen. Zu Brüssel hat man zwei
Augustiner verbrannt, und darauf hat die ganze
Stadt eine Liebe zu Luthero gewonnen.“ An⸗
derwärts schreibt derselbe: „Der Bullenträger
Aleander kam mit einer fürchterlichen päbstli⸗
chen Bannbulle und wollte jedermann mit
Drohungen erschrecken. Auch Hochstraten
hat das Schwert in die Hände bekommen und
das Würgen hat angefangen. Endlich hat
man auch zu Brüssel drei *) Augustiner öffent⸗
lich hingerichtet. Was war aber der Ausgang?
Jn der Stadt, die vorher ganz rein in der
(päbstlichen) Lehre gewesen, haben sich die
Jünger Lutheri hervorgethan, und deren nicht
wenige.“

Danke daher Gott, lieber lutherischer Christ,
daß du zu einer Kirche gehörst, die sich nie mit
dem Blute weder angeblicher noch wirklicher
Ketzer befleckte, wohl aber mit dem Märtyrer⸗
blute vieler ihrer redlichsten Glieder herrlich
geschmückt ist. Danke Gott, daß er dich hin⸗
gegen errettet hat aus der Gemeinschaft einer
Kirche, auf welcher unzählige Blutschulden
hingerichteter Zeugen der Wahrheit lasten, die
fort und fort zu dem Rächer der Unschuld um
Rache schreien.

Ich theile dir nun hier das meisterhafte Lied
mit, in welchem der sel. Luther den heiligen
Tod jener Märtyrer besungen hat.

Ein Lied von den zweien Märtyrern
Christi zu Brüssel,
von den Sophisten von Löwen verbrannt,
geschehen im Jahre 1523, den 1. Juli.

Ein neues Lied wir heben an,
Das walt Gott unser HErre,
Zu singen, was Gott hat gethan
Zu seinem Lob und Ehre;
Zu Brüssel in dem Niederland
Wohl durch zween junge Knaben
Hat er sein Wunder macht bekannt,
Die er mit seinen Gaben
So reichlich hat gezieret.

Der erst recht wohl Johannes heißt —
So reich an Gottes Hulden —,
Sein Bruder Heinrich nach dem Geist,
Ein rechter Christ ohn Schulden,
Von dieser Welt geschieden sind;

*) Nicht lange nach der Verbrennung des Voes und Esch
erlitt nehmlich der Augustiner Lambertus Thorn,
der sich erst Bedenkzeit genommen hatte, dasselbe Schicksal
mit gleichem Heldenmuth.

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among other things, the entire Augustinian monastery at Antwerp was destroyed in October 1522 for the sole reason that the monks of this monastery, having been brought to understanding through Luther's writings, all confessed the evangelical truth. But along with the tearing down of the monastery walls came also the imprisonment of the former Augustinians. Several of them were indeed moved to recant, both by this and by threats of every kind; a number, however, remained firm and unmoved. Among these were two still very young monks, named Heinrich Voes and Johannes Esch, who declared without reservation that they would rather die than deny God's eternal Word.

They were brought to Brussels, where they were first brought before an ecclesiastical court, so that this court might yet move them to recant. All was in vain, however; nothing could shake them; they remained steadfast in their confession of Lutheran doctrine. As their most damnable errors it was declared that they had testified: "No other power or authority for the pope and the remaining prelates can be shown from Holy Scripture than that they are servants of the Word of God. Christ did not appoint the pope to be his vicar over all lands, but only that he should preach and feed the sheep of Christ. The true catholic faith cannot be separated from love and good works, because love is a fruit of faith." When the presiding inquisitor, Hochstraten, then demanded of them to say briefly what they believed, they answered: "We believe the twelve articles of the Christian creed, the biblical books together with the evangelical writings, also one holy Christian Church — but not the church that you believe in." When it was charged against them that it was plain they had been led astray by Luther, they confessed: "Yes, we have been led astray by him, just as the apostles were led astray by Christ." Thereupon the verdict was pronounced, that they were guilty and deserving of death.

A high platform with an altar was then quickly erected before the town hall at Brussels, on which the condemned men had to appear in full priestly vestments; here, with the greatest solemnity, their priestly ordination was first taken from them, and they were then handed over to the executioner, who led them away by a rope. An eyewitness relates that throughout all these proceedings not the slightest sign of fear could be detected in them; rather, one could clearly read in their features composure and disdain for death, joined with gentleness and modesty.

Accompanied by four confessors, they now set out on the way to the pyre, which stood in the middle of the great market square of Brussels. On the way they declared that this was the day they had long awaited, and they loudly praised God for having granted them the grace to die for the sake of his Word. Weeping, their escorts now urged them again

Acts 5:41.

"seed."

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to consider their lives and now recant; their answer was: "Weep not for us, but for your own sin (Luke 23:28), that you so persecute divine justice." Having arrived at the place of execution, each comforted the other, and as they encouraged one another to steadfastness, both joyfully climbed the pyre. As the reporter states, they embraced the stake standing in the middle more of their own accord than were bound to it. With astonishment the large surrounding crowd observed how their faces sparkled with such cheerfulness that they seemed to smile.

Now the confessors asked them once more: "Whether they wished to return to the Christian faith?" They cried: "We believe in God, and also in a catholic Church, but your church we do not believe in." Then the priests shouted at them: "Convert, or you will go to the devil and die also in the devil's name." They answered as if in jubilation: "We will die for the sake of evangelical truth, as devout Christians." So the fire was then slowly kindled.

The dear confessors said: "With your flames and glowing coals you strew roses upon us," and thereupon began, in the midst of the fire, to pray aloud and fervently, alternately, the Apostles' Creed and the hymn "Lord God, we praise thee" (Herr Gott, dich loben wir), etc., so that it pierced the marrow and bone of the bystanders. As the blaze increasingly gained the upper hand, they repeatedly cried out: "O Jesus, thou Son of David, have mercy upon us!" But the Lord had resolved to make these young men truly chosen ones, to refine them into the purest gold, and to glorify himself through their faithfulness even amid the most fearful torments. It happened, therefore, that the flame burned so bright that the ropes with which they had been bound burned off their bodies before they were suffocated. When one of them found himself thus loosed from the stake, he fell upon his knees in the midst of the smoking firebrands, and, with his face turned once more toward heaven, sighed once again: "O Jesus, Jesus, thou Son of David, have mercy upon me!" and within a few minutes both their bodies had been turned to ashes.

Deep and shattering was the impression that this terrible spectacle made on all of Brussels, but by no means of the kind that the murderous priests had intended. Rather, the well-known saying of Tertullian proved true here as well: "We [Christians] become more numerous the more we are mown down; the blood of Christians is a seed" (Apol. c. 49). The blood of the holy martyrs Heinrich Voes and Johannes Esch was likewise such a fruitful seed, out of which many confessors of the truth again sprang up; their murder opened the eyes of many, who clearly recognized that the true Church is always the persecuted one, and that only the false church is a bloodthirsty persecutor. That this was indeed the outcome at that time is testified even by Erasmus, who was otherwise so unfavorably disposed toward the Lutherans. He wrote, among other things, the following year to Duke George: "It is not right that a mere error should be punished with fire. Concerning the power and authority of the pope, the theologians at Paris are of an entirely different opinion in many articles than the theologians in Italy, and one side must necessarily be wrong; yet neither party desires on that account to burn the other. I greatly fear that the means commonly employed to compel people to recant — casting them into prisons, and even burning them — will only make the evil worse. At Brussels two Augustinians were burned, and thereupon the whole city gained a love for Luther." Elsewhere the same man writes: "The bull-bearer Aleander came with a fearsome papal bull of excommunication and sought to frighten everyone with threats. Hochstraten, too, has taken the sword into his hands, and the slaughter has begun. At last three*) Augustinians were also publicly executed at Brussels. But what was the outcome? In the city that had previously been entirely pure in the (papal) doctrine, the disciples of Luther have distinguished themselves, and not a few of them."

Therefore give thanks to God, dear Lutheran Christian, that you belong to a Church which has never stained itself with the blood of heretics, whether alleged or real, but which is gloriously adorned instead with the martyr's blood of many of its most upright members. Give thanks to God that he has, by contrast, rescued you from the fellowship of a church upon which rest countless blood-debts of executed witnesses to the truth, which cry out again and again to the Avenger of innocence for vengeance.

I now share with you here the masterful hymn in which the late Luther sang of the holy death of those martyrs.

A HYMN CONCERNING THE TWO MARTYRS OF CHRIST AT BRUSSELS, BURNED BY THE SOPHISTS OF LOUVAIN, WHICH TOOK PLACE IN THE YEAR 1523, ON THE FIRST OF JULY.

A new song now we lift up,
This God, our Lord, ordains,
To sing of what God has done,
To his praise and honor;
At Brussels in the Netherlands,
Through two young boys indeed,
He has made his wonders known,
Whom he with his own gifts
Has so richly adorned.

The first is rightly named Johannes —
So rich in God's favor —,
His brother Heinrich in the same spirit,
A true Christian without fault,
Have departed from this world;

*) Not long after the burning of Voes and Esch, the Augustinian Lambertus Thorn — who had at first taken time to consider — suffered, namely, the same fate with equal heroism.