Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 1, Nummer 5 › Seite 18
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1844-11-02, Seite 18
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Chriſtentum. .— 3 · Erkenninisquelle · Feinde 3 · Vernunft 7 · Vernunft 10 · Kirchengemeinſchaften 3 · Schrift 4
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die Schwäche und Unhaltbarkeit seiner Gründe dem nachdenkenden Leser verräth, und niemanden lächerlich und verächtlich macht, als sich selbst. —
Der stärkste Grund, den die Ungläubigen unserer Tage wider die Göttlichkeit der heiligen Schrift und die daraus geschöpfte christliche Religion vorbringen, ist, wie sie meinen, dieser: Wer die Bibel für wahr halten wolle, müsse seine Vernunft mit Füßen treten, Dinge nehmlich glauben, die sich selbst widersprechen. Wie? rufen sie aus, ist es möglich, daß Gott dem Menschen erst die Vernunft gegeben und eine Offenbarung nachgesendet haben sollte, durch welche die Vernunft, die erste Gabe Gottes, eine Lügenstimme würde? Nein, sagen sie, was unserer Vernunft widerspricht, das können und dürfen wir nicht glauben. Hinweg daher mit der Bibel! sie will haben, daß wir unvernünftig werden; hinweg mit den Pfaffen! sie predigen Unsinn als seligmachende Wahrheit und haben nichts andres im Sinne, als die Welt in der alten Blindheit und im Aberglauben einer finstern Vorzeit zu erhalten und noch immer mehr zu verdummen, damit sie solche verfinsterte Seelen zu ihren eigennützigen schändlichen Zwecken, wie sie es gelüstet, gebrauchen und sie zu ihren Sclaven machen können.
Das ist das große Goliathsschwert, womit unsere Spötter heutzutage wider den Herrn der Heerschaaren aufgezogen kommen. Statten sie nun diese Beweisführung noch mit allerhand lächerlichen Darstellungen und Verdrehungen der biblischen geoffenbarten Geheimnisse aus, so singen sie nicht nur selbst schon im voraus Siegeslieder, sondern ein ganzer Troß von Menschen, die dies lesen, aber nicht gewohnt, noch willig, noch fähig sind, über Gegenstände der Religion ernstlich nachzudenken und gründlich zu urtheilen, fällt diesen Spöttern in blindem Köhlerglauben zu, spricht in bewunderungswürdiger Geduld zu allem, was ihnen vorgeredet wird, ein bedeutungsvolles Ja und meint, wer auch die Worte nachbeten könne: „O göttliche Vernunft!“ der gehöre auch zu den Aufgeklärten und Mündigen des neunzehnten Jahrhunderts, die die schmachvollen Pfaffenketten endlich von sich geworfen hätten.
Allen diesen Vernunfthelden legen wir nun zuerst die Frage vor: Sind denn die Urtheile eurer Vernunft wirklich so zuverlässig, als ihr vorgebt? — Wir reden hier nicht von irdischen zeitlichen Dingen, nicht von der Kunst, dem Lande seine Früchte abzugewinnen, Häuser zu bauen, Staaten zu regieren, Kriege zu führen, Zahlenverhältnisse aufzufinden, die Bahnen und Fernen der Himmelskörper zu verfolgen und zu messen, die Kräfte und Wirkungen der Natur aufzusuchen und zu bestimmen ꝛc., denn hier, wo sich die Vernunft auf Erfahrung stützt, geht sie oft ganz sicher. Wir reden aber hier von ganz andern Dingen; hier fragt es sich: Welche Urtheile der Vernunft sind untrüglich, die das Wesen und den Willen Gottes, den Ursprung der Welt, die Bestimmung des Menschen und sein Schicksal nach dem Tode betreffen? Wir sind damit nicht zufrieden gestellt, daß ihr immer nur ruft: „Vernunft! Vernunft! o himmlisches Licht!“ Mit solchen leeren Exclamationen mag denen gedient sein, die euer Evangelium darum für wahr halten, weil sie wünschen, es möchte wahr sein; uns hingegen ist damit nicht gedient. Ihr wollt uns die Bibel nehmen, wir haben daher ein Recht, euch zu fragen: was wollt, was könnt ihr uns denn an ihrer Statt bieten? Wir begehren aber runden und reinen Bescheid; antwortet: welchen gewissen, sicheren, festen, unwiderleglichen, in Noth und Tod bestehenden Grund der Ueberzeugung gibt denn die Vernunft von jenen höchsten Gegenständen, womit sich der menschliche Geist beschäftigen kann, und über die er nach Wahrheit und Klarheit dürstet? Ihr Ungläubigen sprecht immer von Finsterniß, die ihr zerstreuen, und von Licht, das ihr verbreiten wollt? Besteht es in unwidersprechlichen Wahrheiten? — oder vielleicht in Zweifeln? in Aufgaben, die erst noch zu untersuchen sind? Ist es das Letztere, so sprecht nur nicht ferner von eurem Licht; so bringt ihr ja Finsterniß!
Doch laßt uns, liebe Leser, nicht warten, bis unsere jetzigen Ungläubigen selbst antworten. Die Geschichte der Weltweisheit hat unsere Fragen längst klar beantwortet. Denn was sind die Ergebnisse, zu welchen bisher die größten und berühmtesten Philosophen in ihren Untersuchungen über die wichtigsten Fragen des Menschen vermittelst ihrer Vernunft gekommen sind?
Pythagoras lehrt, daß wir zum Viehe werden;
Socrates: daß er nichts wisse;
Plato: daß wir keine persönliche Fortdauer haben;
Aristoteles: daß die materielle Welt ewig sei;
Spinoza: daß er kaum etwas von Gott erkenne;
Kant: daß wir von Gott gar nichts wissen können;
Die Atheisten lehren, daß es gar keinen Gott gebe; alles, was da sei, sei nothwendig;
Die Materialisten: daß der Mensch eine bloße Maschine sei;
Die Idealisten: daß Gott gar keine Existenz (Dasein) habe, [Fichte];
Die Pantheisten: daß alles, was sei, Gott sei [Hegel].
Doch damit niemand meine, wir wollten weiter ausgeführte Resultate der Vernunftforschung verschweigen, so setzen wir noch hinzu alle die Sätze, auf welche der berüchtigte Materialist, Julien Offrey de la Mettrie, endlich bei alleinigem Gebrauch seiner Vernunft gekommen ist. Sie lauten in seinen bekannten kleinen Schriften folgendermaßen: „Es ist kein Gott; die Welt dagegen ewig. Seele und Geist sind Töne, mit welchen sich kein Begriff verknüpfen läßt. Das, was man Seele nennt, ist ein Hirnmark, das aus Mist und Koth entstanden ist. Der Mensch ist nur eine aufgezogene körperliche Maschine, die in ihrem Laufe aufhört; oder eine Pflanze. Alle Glückseligkeit des Menschen hängt allein von einem gesunden und starken Leibe ab und besteht in angenehmen sittlichen Empfindungen. Diesen muß ein jeder nachzuhängen suchen und sich durch nichts darin stören lassen. Alles, wohin sich die Leibesmaschine nur drehen mag, ist erlaubt; indem dieses ein Mittel zur Glückseligkeit ist. Wer in der Liebe und Wollust oder in sonst etwas, nach der Anlage des Körpers, seine Glückseligkeit und Ergötzung sucht, wenn es gleich anderen Menschen höchst nachtheilig wäre, hat um seiner selbst willen ein Recht, dieses alles für erlaubt zu halten, und sich damit zu sättigen. Vernunft und Wissenschaft gereichen zur Qual und legen unseren Vergnügungen zu viel Hindernisse. Gewissen, Tugend und Billigkeit sind Erdichtungen, die uns nicht lange die Ergötzungen genießen lassen, und wovon man um des Pöbels willen nur den Schein an sich haben darf.“
Das ist also das Licht, welches die Vernunft bisher der Menschenwelt gebracht hat und das ihr Ungläubigen uns anstatt des Lichtes der göttlichen biblischen Offenbarung bringt und anbietet; und worin besteht es? — Theils in baarem Unsinn, theils in dem unverhohlensten Eingeständniß, daß man nichts wisse und nichts Gewisses antworten könne auf die wichtigsten Fragen des menschlichen Herzens. Was dünkt euch, ihr Christen? Habt ihr wöhl Lust, euch auf dem Wege nach der Wahrheit einer Führerin anzuvertrauen, die die Welt zu einem solchen Ziele gebracht hat? Gelüstet es euch, für jenes Zeug, welches die, von allen groß sein wollenden Geistern angestaunten und gepriesenen, größten Philosophen mit Hülfe ihrer Vernunftssonne ausgebrütet haben, das hinzugeben, was euch JEsus Christus und seine heiligen Apostel und Propheten lehren? Kann es euch wohl in eurem verspotteten Glauben an Christum, der sich den Weg, die Wahrheit und das Leben nennt, irre machen, wenn ihr hört: Das war es, was bisher die scharfsinnigsten Köpfe in der Welt durch ihr bloßes Vernunftlicht erkannt und aus den Schächten ihres Geistes zu Tage gefördert haben? Könnt ihr euch nun wundern oder daran stoßen, wenn die Spötter unserer Tage allen ihren Witz aufbieten, die ganze biblische Offenbarung in eine Comödie, in eine Posse umzuarbeiten, und sie dem Gelächter eines leichtsinnigen Publikums, das über nichts nachdenkt, Preis zu geben? Bedenket, so müssen die Spötter handeln, weil sie wohl wissen, daß sie bei ernster Abwägung der Gründe und bei unpartheiischer Vergleichung der Vernunftweisheit und der göttlichen Offenbarung das Spiel verlieren würden. Sie müssen durch Ausgeburten eines Afterwitzes ihre Leser und Hörer von der Prüfung ihrer Fehlschlüsse abzulenken suchen, wie ein Taschenspieler seine Zuschauer von seinen geheimen Handgriffen durch allerhand Harlekinaden.
Euch aber, ihr Ungläubigen, die ihr jene Weisheit der Philosophen, welche ein wohlunterrichtetes Christenkind belacht, anstaunet, fragen wir: Wenn die Vernunft wirklich ein so großes Licht ist, wenn sie wirklich eine so untrügliche Richterin ist, deren Aussprüchen sich jeder Sterbliche, ja selbst der unsterbliche Gott
English translation AI translation
the weakness and untenability of his own arguments to the thoughtful reader, and makes no one appear ridiculous and contemptible but himself. —
The strongest ground which the unbelievers of our day bring forward against the divinity of Holy Scripture and the Christian religion drawn from it is, as they suppose, this: whoever wishes to hold the Bible to be true must trample his reason underfoot — must, that is, believe things that contradict themselves. What, they cry, is it possible that God should first have given man reason and then have sent after it a revelation through which reason, God's first gift, should become a lying voice? No, they say, what contradicts our reason we cannot and may not believe. Away, then, with the Bible! it wants us to become unreasonable; away with the priests! they preach nonsense as saving truth and have nothing else in mind than to keep the world in the old blindness and superstition of a dark former age, and to make it ever more foolish still, so that they may use such benighted souls for their own selfish, shameful purposes, however it pleases them, and make them their slaves.
That is the great sword of Goliath with which our scoffers nowadays come marching up against the Lord of Hosts. And if they dress up this line of argument further with all sorts of ridiculous portrayals and distortions of the revealed mysteries of Scripture, then not only do they themselves already sing songs of victory in advance, but a whole rabble of people who read this — people neither accustomed nor willing nor able to think seriously and judge thoroughly about matters of religion — fall in with these scoffers in blind charcoal-burner's faith, and with admirable patience say a meaningful "yes" to everything told them, imagining that whoever can even parrot the words "O divine reason!" thereby belongs among the enlightened and the coming-of-age of the nineteenth century, who have at last thrown off the shameful chains of priestcraft.
To all these heroes of reason we now first put the question: Are the judgments of your reason really as reliable as you claim? — We do not speak here of earthly, temporal things, not of the art of winning fruits from the land, building houses, governing states, waging wars, discovering numerical relations, tracking and measuring the paths and distances of the heavenly bodies, seeking out and determining the forces and effects of nature, etc. — for here, where reason rests upon experience, it often proceeds quite securely. But we speak here of quite different things; here the question is: which judgments of reason are infallible concerning the being and will of God, the origin of the world, the destiny of man, and his fate after death? We are not satisfied when you only ever cry, "Reason! Reason! O heavenly light!" Such empty exclamations may serve those who hold your gospel to be true simply because they wish it were true; but they do not serve us. You wish to take the Bible from us; we therefore have a right to ask you: what do you want, what can you offer us in its place? But we demand a plain and honest answer: tell us, what certain, sure, firm, irrefutable ground of conviction — one that holds up in distress and death — does reason give concerning those highest matters with which the human spirit can occupy itself, and for which it thirsts after truth and clarity? You unbelievers always speak of darkness which you would dispel, and of light which you would spread abroad. Does it consist of irrefutable truths? — or perhaps of doubts? of problems still to be investigated? If it is the latter, then speak no more of your light; for then you bring only darkness!
But let us not wait, dear readers, for our present-day unbelievers to answer for themselves. The history of worldly wisdom has long since clearly answered our questions. For what are the results at which, up to now, the greatest and most famous philosophers have arrived, by means of their reason, in their inquiries into the most important questions concerning man?
Pythagoras teaches that we become beasts;
Socrates: that he knows nothing;
Plato: that we have no personal continuance;
Aristotle: that the material world is eternal;
Spinoza: that he scarcely knows anything of God;
Kant: that we can know nothing at all of God;
The atheists teach that there is no God at all; that everything that exists, exists of necessity;
The materialists: that man is a mere machine;
The idealists: that God has no existence (being) at all [Fichte];
The pantheists: that everything that exists is God [Hegel].
But lest anyone think we mean to pass over in silence the more fully developed results of the researches of reason, we here add all the propositions at which the notorious materialist Julien Offray de La Mettrie finally arrived by the sole use of his reason. In his well-known short writings they run as follows: "There is no God; the world, on the other hand, is eternal. Soul and spirit are mere sounds, with which no concept can be connected. What is called the soul is a marrow of the brain that has arisen out of dung and filth. Man is only a wound-up bodily machine that stops in the course of its running down; or else a plant. All the happiness of man depends solely upon a sound and strong body, and consists in agreeable moral sensations. Everyone must seek to indulge these and let nothing disturb him in doing so. Whatever direction the bodily machine may turn itself toward is permitted, since this is a means to happiness. Whoever seeks his happiness and delight in love and lust, or in anything else, according to the disposition of his body — even if it should prove highly harmful to other people — has, for his own sake, a right to consider all this permissible, and to satisfy himself with it. Reason and science serve only as torment and place too many obstacles before our pleasures. Conscience, virtue, and fairness are fictions which do not let us long enjoy our delights, and of which, for the sake of the common herd, one need only keep up the appearance."
This, then, is the light which reason has hitherto brought to the world of men, and which you unbelievers bring and offer to us in place of the light of divine, biblical revelation; and what does it consist of? — Partly in sheer nonsense, partly in the most undisguised admission that one knows nothing and can give no certain answer to the most important questions of the human heart. What think you, Christians? Do you really have any desire to entrust yourselves, on the way toward truth, to a guide that has brought the world to such a goal? Do you have any wish to give up, for the sake of that stuff which the greatest philosophers — admired and praised by all spirits wishing to seem great — have hatched out with the help of their sun of reason, what Jesus Christ and his holy apostles and prophets teach you? Can it really unsettle your derided faith in Christ, who calls himself the way, the truth, and the life, when you hear that this is what, up to now, the sharpest minds in the world have recognized by the mere light of their reason, and have brought up to the light of day out of the mineshafts of their spirit? Can you then wonder at it, or take offense, when the scoffers of our day summon all their wit to rework the whole of biblical revelation into a comedy, into a farce, and to hand it over to the laughter of a frivolous public that thinks about nothing? Consider that the scoffers must act this way, because they know very well that, in a serious weighing of the arguments and an impartial comparison of the wisdom of reason with divine revelation, they would lose the game. By the monstrous offspring of a base wit they must seek to divert their readers and hearers from examining their false conclusions, just as a conjuror diverts his onlookers from his secret sleight of hand by all manner of harlequinades.
But to you, unbelievers, who stand in awe of that wisdom of the philosophers which a well-instructed Christian child laughs at, we ask: if reason is really so great a light, if it is really so infallible a judge, to whose pronouncements every mortal — indeed, even the immortal God himself —