# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 11 02_S18 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 18 die Schwäche und Unhaltbarkeit seiner Gründe dem nachdenkenden Leser verräth, und niemanden lächerlich und verächtlich macht, als sich selbst. — Der stärkste Grund, den die Ungläubigen unserer Tage wider die Göttlichkeit der heiligen Schrift und die daraus geschöpfte christliche Religion vorbringen, ist, wie sie meinen, dieser: Wer die Bibel für wahr halten wolle, müsse seine Vernunft mit Füßen treten, Dinge nehmlich glauben, die sich selbst widersprechen. Wie? rufen sie aus, ist es möglich, daß Gott dem Menschen erst die Vernunft gegeben und eine Offenbarung nachgesendet haben sollte, durch welche die Vernunft, die erste Gabe Gottes, eine Lügenstimme würde? Nein, sagen sie, was unserer Vernunft widerspricht, das können und dürfen wir nicht glauben. Hinweg daher mit der Bibel! sie will haben, daß wir unvernünftig werden; hinweg mit den Pfaffen! sie predigen Unsinn als seligmachende Wahrheit und haben nichts andres im Sinne, als die Welt in der alten Blindheit und im Aberglauben einer finstern Vorzeit zu erhalten und noch immer mehr zu verdummen, damit sie solche verfinsterte Seelen zu ihren eigennützigen schändlichen Zwecken, wie sie es gelüstet, gebrauchen und sie zu ihren Sclaven machen können. Das ist das große Goliathsschwert, womit unsere Spötter heutzutage wider den Herrn der Heerschaaren aufgezogen kommen. Statten sie nun diese Beweisführung noch mit allerhand lächerlichen Darstellungen und Verdrehungen der biblischen geoffenbarten Geheimnisse aus, so singen sie nicht nur selbst schon im voraus Siegeslieder, sondern ein ganzer Troß von Menschen, die dies lesen, aber nicht gewohnt, noch willig, noch fähig sind, über Gegenstände der Religion ernstlich nachzudenken und gründlich zu urtheilen, fällt diesen Spöttern in blindem Köhlerglauben zu, spricht in bewunderungswürdiger Geduld zu allem, was ihnen vorgeredet wird, ein bedeutungsvolles Ja und meint, wer auch die Worte nachbeten könne: „O göttliche Vernunft!“ der gehöre auch zu den Aufgeklärten und Mündigen des neunzehnten Jahrhunderts, die die schmachvollen Pfaffenketten endlich von sich geworfen hätten. Allen diesen Vernunfthelden legen wir nun zuerst die Frage vor: Sind denn die Urtheile eurer Vernunft wirklich so zuverlässig, als ihr vorgebt? — Wir reden hier nicht von irdischen zeitlichen Dingen, nicht von der Kunst, dem Lande seine Früchte abzugewinnen, Häuser zu bauen, Staaten zu regieren, Kriege zu führen, Zahlenverhältnisse aufzufinden, die Bahnen und Fernen der Himmelskörper zu verfolgen und zu messen, die Kräfte und Wirkungen der Natur aufzusuchen und zu bestimmen ꝛc., denn hier, wo sich die Vernunft auf Erfahrung stützt, geht sie oft ganz sicher. Wir reden aber hier von ganz andern Dingen; hier fragt es sich: Welche Urtheile der Vernunft sind untrüglich, die das Wesen und den Willen Gottes, den Ursprung der Welt, die Bestimmung des Menschen und sein Schicksal nach dem Tode betreffen? Wir sind damit nicht zufrieden gestellt, daß ihr immer nur ruft: „Vernunft! Vernunft! o himmlisches Licht!“ Mit solchen leeren Exclamationen mag denen gedient sein, die euer Evangelium darum für wahr halten, weil sie wünschen, es möchte wahr sein; uns hingegen ist damit nicht gedient. Ihr wollt uns die Bibel nehmen, wir haben daher ein Recht, euch zu fragen: was wollt, was könnt ihr uns denn an ihrer Statt bieten? Wir begehren aber runden und reinen Bescheid; antwortet: welchen gewissen, sicheren, festen, unwiderleglichen, in Noth und Tod bestehenden Grund der Ueberzeugung gibt denn die Vernunft von jenen höchsten Gegenständen, womit sich der menschliche Geist beschäftigen kann, und über die er nach Wahrheit und Klarheit dürstet? Ihr Ungläubigen sprecht immer von Finsterniß, die ihr zerstreuen, und von Licht, das ihr verbreiten wollt? Besteht es in unwidersprechlichen Wahrheiten? — oder vielleicht in Zweifeln? in Aufgaben, die erst noch zu untersuchen sind? Ist es das Letztere, so sprecht nur nicht ferner von eurem Licht; so bringt ihr ja Finsterniß! Doch laßt uns, liebe Leser, nicht warten, bis unsere jetzigen Ungläubigen selbst antworten. Die Geschichte der Weltweisheit hat unsere Fragen längst klar beantwortet. Denn was sind die Ergebnisse, zu welchen bisher die größten und berühmtesten Philosophen in ihren Untersuchungen über die wichtigsten Fragen des Menschen vermittelst ihrer Vernunft gekommen sind? Pythagoras lehrt, daß wir zum Viehe werden; Socrates: daß er nichts wisse; Plato: daß wir keine persönliche Fortdauer haben; Aristoteles: daß die materielle Welt ewig sei; Spinoza: daß er kaum etwas von Gott erkenne; Kant: daß wir von Gott gar nichts wissen können; Die Atheisten lehren, daß es gar keinen Gott gebe; alles, was da sei, sei nothwendig; Die Materialisten: daß der Mensch eine bloße Maschine sei; Die Idealisten: daß Gott gar keine Existenz (Dasein) habe, [Fichte]; Die Pantheisten: daß alles, was sei, Gott sei [Hegel]. Doch damit niemand meine, wir wollten weiter ausgeführte Resultate der Vernunftforschung verschweigen, so setzen wir noch hinzu alle die Sätze, auf welche der berüchtigte Materialist, Julien Offrey de la Mettrie, endlich bei alleinigem Gebrauch seiner Vernunft gekommen ist. Sie lauten in seinen bekannten kleinen Schriften folgendermaßen: „Es ist kein Gott; die Welt dagegen ewig. Seele und Geist sind Töne, mit welchen sich kein Begriff verknüpfen läßt. Das, was man Seele nennt, ist ein Hirnmark, das aus Mist und Koth entstanden ist. Der Mensch ist nur eine aufgezogene körperliche Maschine, die in ihrem Laufe aufhört; oder eine Pflanze. Alle Glückseligkeit des Menschen hängt allein von einem gesunden und starken Leibe ab und besteht in angenehmen sittlichen Empfindungen. Diesen muß ein jeder nachzuhängen suchen und sich durch nichts darin stören lassen. Alles, wohin sich die Leibesmaschine nur drehen mag, ist erlaubt; indem dieses ein Mittel zur Glückseligkeit ist. Wer in der Liebe und Wollust oder in sonst etwas, nach der Anlage des Körpers, seine Glückseligkeit und Ergötzung sucht, wenn es gleich anderen Menschen höchst nachtheilig wäre, hat um seiner selbst willen ein Recht, dieses alles für erlaubt zu halten, und sich damit zu sättigen. Vernunft und Wissenschaft gereichen zur Qual und legen unseren Vergnügungen zu viel Hindernisse. Gewissen, Tugend und Billigkeit sind Erdichtungen, die uns nicht lange die Ergötzungen genießen lassen, und wovon man um des Pöbels willen nur den Schein an sich haben darf.“ Das ist also das Licht, welches die Vernunft bisher der Menschenwelt gebracht hat und das ihr Ungläubigen uns anstatt des Lichtes der göttlichen biblischen Offenbarung bringt und anbietet; und worin besteht es? — Theils in baarem Unsinn, theils in dem unverhohlensten Eingeständniß, daß man nichts wisse und nichts Gewisses antworten könne auf die wichtigsten Fragen des menschlichen Herzens. Was dünkt euch, ihr Christen? Habt ihr wöhl Lust, euch auf dem Wege nach der Wahrheit einer Führerin anzuvertrauen, die die Welt zu einem solchen Ziele gebracht hat? Gelüstet es euch, für jenes Zeug, welches die, von allen groß sein wollenden Geistern angestaunten und gepriesenen, größten Philosophen mit Hülfe ihrer Vernunftssonne ausgebrütet haben, das hinzugeben, was euch JEsus Christus und seine heiligen Apostel und Propheten lehren? Kann es euch wohl in eurem verspotteten Glauben an Christum, der sich den Weg, die Wahrheit und das Leben nennt, irre machen, wenn ihr hört: Das war es, was bisher die scharfsinnigsten Köpfe in der Welt durch ihr bloßes Vernunftlicht erkannt und aus den Schächten ihres Geistes zu Tage gefördert haben? Könnt ihr euch nun wundern oder daran stoßen, wenn die Spötter unserer Tage allen ihren Witz aufbieten, die ganze biblische Offenbarung in eine Comödie, in eine Posse umzuarbeiten, und sie dem Gelächter eines leichtsinnigen Publikums, das über nichts nachdenkt, Preis zu geben? Bedenket, so müssen die Spötter handeln, weil sie wohl wissen, daß sie bei ernster Abwägung der Gründe und bei unpartheiischer Vergleichung der Vernunftweisheit und der göttlichen Offenbarung das Spiel verlieren würden. Sie müssen durch Ausgeburten eines Afterwitzes ihre Leser und Hörer von der Prüfung ihrer Fehlschlüsse abzulenken suchen, wie ein Taschenspieler seine Zuschauer von seinen geheimen Handgriffen durch allerhand Harlekinaden. Euch aber, ihr Ungläubigen, die ihr jene Weisheit der Philosophen, welche ein wohlunterrichtetes Christenkind belacht, anstaunet, fragen wir: Wenn die Vernunft wirklich ein so großes Licht ist, wenn sie wirklich eine so untrügliche Richterin ist, deren Aussprüchen sich jeder Sterbliche, ja selbst der unsterbliche Gott