Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 3, Nummer 13 › Seite 72

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-02-23, Seite 72

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Sie haben ſich zwar verhaßt genug gemacht in
den Zeiten, wo ſie ſchamlos genng waren, ihre
Grundſätze der Welt zu enthüllen, aber von
römiſcher Seite bietet man alles auf, dieſe
„Wölfe“ als „Lämmer“ den armen Proteſtan⸗
ten darzuſtellen, um dieſelben in ihren Zauber—
kreis zu locken; ja ſelbſt proteſtantiſche Judas⸗
brüder arbeiten daran, ihre Brüder dieſen
Wölfen vorzuwerfen. Um die Jeſuiten ken—
nen zu lernen, dazu dient inſonderheit das
Studium der Moral (Sittenlehre), die ſie
aufgeſtellt haben. Darüber wollen wir nun un—
ſern Leſern etwas mittheilen; und zwar ent—
nehmen wir hierzu eine Stelle aus dem großen
Werke des Herrn Karl von Raumer:
„Geſchichte der Pädagogik,“ die im Jahr 1843
in Stuttgart herausgekommen iſt. Darin
ſchreibt der Verfaſſer u. a. Folgendes:

„Der Mann, welcher zuerſt über die Jeſui—
tenmoral der Welt die Augen öffnete, wiewohl
der Orden dieſelbe mit unerhört frecher und
ruchloſer Dreiſtigkeit längſt in vielen Druck—
ſchriften publieirt hatte, der Mann war Pas-
cal. *) Eine dogmatiſche Streitigkeit (über
Glaubenslehren) veranlaßte ihn, unter dem
Namen Louis de Montalte das Buch Provin-
ciales zu ſchreiben. Es ſind Briefe, die drei
erſten dogmatiſchen Inhalts, der vierte macht
den Uebergang zu einer Darſtellung der Jeſui⸗—
tiſchen Moral, welche bis zum zehnten Briefe
fortgeſetzt wird. Er ſtellt ſich hierbei, als ſei
er, der Briefſchreiber, unbekannt mit jener
Moral, wendet ſich daher an einen alten Jeſui—
ten und läßt ſich von ihm über eine Menge
Gewiſſensfälle belehren. Ganz piano beginnt
er mit Fragen über geringere Verſündigungen,
wie z. B. gegen das Faſten, (um den Jeſuiten
kirre zu machen, daß er mit der Sprache ganz
frei herausgehe). Im Verfolg thut er aber
Fragen über immer ſchwerere Uebertretungen.
Sein Jeſuit weiß in allen Fällen durch Ent⸗
ſcheidung anerkannter Moraliſten des Jeſuiten⸗
ordens auszuhelfen, um, wie der ſaubere Je—
ſuit meint, mit gutem Gewiſſen ſämmtliche
zehn Gebote zu umgehen, oder ſie ohne Weite⸗
res zu übertreten. Ja, der alte Jeſuit weiſ't
nach: jene Moraliſten hätten den Menſchen
(durch ihre kluge Eutſcheidung von Gewiſſens-—
fällen) auch von der peinlichen Pflicht, Gott
wirklich zu lieben, entbunden. Hier reißt dem
Briefſchreiber die Geduld und mit heiligem
Zorn ſagt er dem Pater über ſo greuliche
Grundſätze ſeine Meinung, mit welcher er bis
dahin zurückgehalten hatte.“

„Zur Darſtellung des eigentlichen Weſens
der Jeſuiten-Moral möge hier nur ein, aus
Pascals neuntem Briefe entnommenes Bei—
ſpiel ſtehen. „„Ich will Ihnen jetzt, ſagt der
alte Jeſuit, die bequeme Weiſe angeben, die
wir den Menſchen verſchafft haben, damit ſie die
Sünden im Verkehr mit Menſchen und in den
Welthändeln vermeiden können.f) Eins, was

*) Pascal, geboren zu Clermont in Frankreich 1623, ge⸗
ſtorben 1662, blieb in der römiſch katholiſchen Kirche bis an
ſeinen Tod; ſchrieb unter andern das berühmite Buch: „Ge⸗
danken über die Religion,“ gegen die Atheiſten, das auch in
deutſcher Sprache wiederholt aufgelegt worden iſt. D. H.

) Der Jeſuit meint, er wolle zeigen, wie man ſündigen,
aber den Schein der Sünde klüglich vermeiden und Ent⸗

hier mit am meiſten in Verlegenheit ſetzt, iſt
das Vermeiden (des Scheins) der Lüge, haupt—
ſächlich, wenn man die Leute gern etwas Un⸗
wahres glauben machen will. Dazu dient nun

vortrefflich unſere Lehre von der Z weſideu⸗

tigkeit, nach welcher des erlaubt iſt, ſich dop—
pelſinniger Worte zu bedienen, indem man
macht, daß die Leute ſie in einem andern Sinne
verſtehen, als in welchem man ſie ſelbſt nimmt,'
wie der Jeſuit Sanchez ſagt.““

„„Ich weiß das, guter Vater,““ ſprach ich.

„„Wir haben es ſo viel bekannt gemacht,
fuhr er fort, daß am Ende alle Welt es wiſſen
muß; aber wiſſen Sie auch, wie man verfah—
ren muß, wenn man keine zweideutigen Worte
findet? 2½½

„„Nein, ehrwürdiger Vater.““

„„Das dachte ich wohl, ſagte er, das iſn neu,
es iſt die Lehre vom heimlichen Vor⸗
behalt' (restrictiones seu reservationes
mentales), die der Jeſuit Sanchez am ange—
führten Orte gibt. Man darf, ſagt er, ſchwö⸗
ren, daß man etwas, was man wirklich gethan
hat, nicht gethan habe an einem gewiſſen Tage
oder ehe man geboren war oder indem man ir⸗
gend einen andern ähnlichen Umſtand dar—
unter verſteht, ohne daß die Worte, deren man
ſich bedient, irgend einen Sinn hätten, der es
verrathen könnte. Das iſt ſehr bequem in vie—
len Fällen und immer ſehr recht, wenn es nö—
thig oder dienlich iſt für die Geſundheit, Ehre
oder Habe.““

„„Wie? Und iſt das nicht eine Lüge und ſo⸗
gar ein Meineid?““

„„Nein, antwortete der Pater, Sanchez be—
weist das an derſelben Stelle und unſer Pater
Filiutius deßgleichen, weil', ſagt er, die Ab—
ſicht den Werth der Handlung beſtimmt.“
Er gibt noch ein anderes, ſichereres Mittel,
die Lüge zu vermeiden, daß man nämlich, wenn man ganz laut geſagt hat, ich ſchwöre, daß
ich das nicht gethan habe, ganz leiſe hinzu⸗
ſetze, heute, oder wenn man ganz laut geſagt
hat, ich ſchwöre, ganz leiſe ſpreche: daß
ich ſage,' und dann ganz laut fortfahre, daß
ich das nicht gethan habe.“ Sie ſehen klar,
daß man ſo die Wahrheit ſagt.““

„„Das gebe ich zu, ſprach ich, aber man
dürfte vielleicht finden, ſo werde die Wahr⸗
heit ganz leiſe und eine Lüge ganz laut
geſagt. Ueberdies möchte ich befürchten, daß
nicht viele Menſchen genug Gegenwart des
Geiſtes hätten, um ſich dieſer Methode bedie—
nen zu können.““

„„Unſere Väter, erwiederte er, haben an
derſelben Stelle zum Beſten derer, welche dieſe
Vorbehalte nicht anzuwenden wiſſen, gelehrt,
daß es für ſie genug ſei, um nicht zu lügen,
(d. i. um ſich weis machen zu können, man
lüge nicht,‚) einfach zu ſagen, ſie haben das
nicht gethan, was ſie gethan haben, ſo fern ſie
im Allgemeinen die Abſicht haben, ihrer Rede
den Sinn zu geben, welchen ein kluger Mann
ihr geben würde. Geſtehen Sie, es ſind Ih—
nen ſchon viele Fälle vorgekommen, wo Sie

ſchuldigungen auffinden könne, durch die man ſein Gewiſſen
über die offenbarſten Sünden beruhigen möge.

in Verlegenheit waren, weil Sie dieſe Lehre
nicht kannten?““

„„Bisweilen,““ ſagte ich.

„„Und werden Sie nicht eben ſo zugeben,
fuhr er fort, daß es oft ſehr bequem ſein würde,
wenn man im Gewiſſen nicht verbunden wäre,
ſein gegebenes Wort zu halten?““

„„Das würde die größte Bequemlichkeit von
der Welt ſein.““

„„Hören Sie denn die allgemeine Regel, die
der Jeſuit Escobar gibt. Ein Verſprechen

bindet nicht, wenn man, indem man es gibt,

nicht die Abſicht hat, ſich zu binden. Nun
geſchieht es ſelten, daß man die Abſicht hat,
ſobald man es nicht durch einen Schwur oder
einen Vertrag bekräftigt; alſo, wenn man
einfach bloß ſagt, Ich werde es thun,' ſo
verſteht man darunter, daß man es thun werde,
wenn man nicht ſeinen Sinn ändert, denn man
will ſich dadurch nicht ſeine Freiheit rauben.“
Er gibt noch andere Regeln, die Sie ſelbſt
noch nachleſen können, und ſagt zuletzt: alles
das iſt aus Molina und unſern andern Schrift—
ſtellern und daher kaun man nicht daran zwei⸗
feln.““

„„Das wußte ich nicht, ſprach ich, daß das
Dirigiren der Abſicht die Kraft hat, die Ver—
ſprechungen nichtig zu machen.““

„„Sie ſehen darin eine große Erleichterung
für den Verkehr mit der Welt.““

„Man traut ſeinen Augen kaum, wenn man
liest, daß die angeſehenſten jeſuitiſchen Mora—
liſten ſchamlos ſolche Lehren drucken ließen,
Moraliſten eines Ordens, dem vorzugsweiſe
der Beichtſtuhl anvertraut war. Unbegreiflich
erſcheint es auf den erſten Blick, daß der Or—
den auch ſtrenge Moraliſten hatte; man fragt:
wie war das möglich, ohne daß er ſich in ſei—
nen verſchiedenen Gliedern widerſprochen hätte.
Pascals alter Jeſuit gibt hierüber die klarſte
Auskunft. „„Die Menſchen, ſagt er, ſind
heut zu Tage ſo verderbt, daß wir zu ihnen
gehen müſſen, da wir ſie nicht bewegen können,
zu uns zu kommen. Sonſt würden ſie uns
verlaſſen, ja! ſich ganz gehen laſſen. Um ſie
nun zurückzuhalten, haben unſere Caſuiſten
(Gewiſſens⸗-Berather) die Laſter, zu denen die
Menſchen in allen Ständen am meiſten geneigt
ſind, in Berathung gezogen, und dann, ohne
der Wahrheit zu nahe zu treten (dem Schein
nach), Grundſätze aufgeſtellet, ſo milde, daß
man ſehr krittlich ſein müßte, wäre man nicht
mit ihnen zufrieden. Denn das Hauptziel,
welches unſere Geſellſchaft zum Beſten der (Rö⸗
miſchen) Religion ins Auge gefaßt hat, iſt,
Niemanden zurückzuſtoßen, damit keiner ver⸗
zweifele. So haben wir denn Grundſätze für
Menſchen aller Art, für Pfründebeſitzer, Prie⸗
ſter, Mönche, Edelleute, Dienſtboten, Reiche,
Kaufleute, Heruntergekommene, Dürftige,
fromme und nicht fromme Frauen, Verheira—
thete, Liederliche; kurz, nichts iſt ihrer Vor—
ſicht entgangen.““ *)

„Man kann denken, welch ein Aufſehen die

*) Hieraus iſt es erklärbar, daß die Jeſuiten ſo viele zum
Uebertritt zur päbſtlichen Religion verleiten, da ſie ihre Lehre
auch dem Laſterhafteſten und Verworfenſten anzupaſſen und
beq uem zu machen wiſſen.

English translation AI translation

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They have, to be sure, made themselves hated enough in the times when they were shameless enough to reveal their principles to the world, but from the Roman side every effort is now made to present these "wolves" as "lambs" to the poor Protestants, in order to lure them into their magic circle; indeed, even Protestant Judas-brothers are working to throw their own brethren to these wolves.

To become acquainted with the Jesuits, the study of the morality (ethical teaching) they have set up serves especially well. We now wish to share something on this with our readers; and for this we take a passage from the great work of Mr. Karl von Raumer: "History of Pedagogy," which appeared in Stuttgart in 1843. There the author writes, among other things, the following:

"The man who first opened the world's eyes to Jesuit morality—although the order itself had long since published it in many printed writings with unheard-of brazen and shameless audacity—that man was Pascal.* A doctrinal controversy (concerning articles of faith) prompted him to write, under the name Louis de Montalte, the book Provinciales. These are letters; the first three are of doctrinal content, the fourth makes the transition to a portrayal of Jesuit morality, which continues through the tenth letter. In this he pretends that he, the letter-writer, is unacquainted with that morality, and therefore turns to an old Jesuit and has himself instructed by him on a multitude of cases of conscience. Quite gently he begins with questions about lesser transgressions, such as against fasting (in order to put the Jesuit at ease, so that he would speak quite freely). But as it proceeds he asks about ever graver transgressions. His Jesuit knows in every case how to find a way out through the decisions of recognized moralists of the Jesuit order, so that, as the fine Jesuit supposes, one may with good conscience evade all ten commandments, or transgress them outright. Indeed, the old Jesuit demonstrates that these moralists had, through their clever resolution of cases of conscience, even released men from the burdensome duty of actually loving God. At this point the letter-writer's patience runs out, and with holy anger he tells the priest his opinion of such abominable principles, which he had until then withheld."

"To illustrate the actual essence of Jesuit morality, let just one example, taken from Pascal's ninth letter, stand here. 'I will now tell you,' says the old Jesuit, 'the convenient way we have provided for men, so that they may avoid sins in their dealings with people and in worldly affairs.† One thing that here causes the most embarrassment is avoiding (the appearance of) lying, especially when one wishes people to believe something untrue. For this our doctrine of equivocation serves admirably, according to which it is permitted to make use of ambiguous words, so contriving that people understand them in a different sense than the one in which one takes them oneself, as the Jesuit Sanchez says.'

"'I know that, good Father,' I said.

"'We have made this so widely known,' he continued, 'that in the end all the world must know it; but do you also know how one must proceed when one can find no ambiguous words?'

"'No, reverend Father.'

"'I thought as much,' he said, 'that is new; it is the doctrine of secret mental reservation (restrictiones seu reservationes mentales), which the Jesuit Sanchez gives at the place cited. One may, he says, swear that one has not done something one has actually done, on a certain day, or before one was born, or understanding thereby some other similar circumstance, without the words one uses having any sense that could betray it. This is very convenient in many cases, and always quite proper, when it is necessary or useful for one's health, honor, or property.'

"'What? And is that not a lie, and even perjury?'

"'No,' answered the Father, 'Sanchez proves that in the same passage, and our Father Filiutius likewise, because,' he says, 'the intention determines the worth of the act.' He gives yet another, surer means of avoiding a lie: namely, that when one has said quite loudly, 'I swear that I have not done that,' one adds quite softly, 'today,' or when one has said quite loudly, 'I swear,' one speaks quite softly, 'that I say,' and then continues quite loudly, 'that I have not done that.' You see clearly that in this way one speaks the truth.'

"'I grant that,' I said, 'but one might perhaps find that in this way the truth is spoken quite softly and a lie quite loudly. Besides, I would fear that not many people would have enough presence of mind to be able to make use of this method.'

"'Our Fathers,' he replied, 'have taught in the same place, for the benefit of those who do not know how to apply these reservations, that it is enough for them, in order not to lie (that is, in order to be able to convince themselves that they are not lying), simply to say that they have not done what they have done, provided that in general they have the intention of giving their speech the sense that a prudent man would give it. Confess, have there not already been many cases where you were embarrassed because you did not know this doctrine?'

"'Sometimes,' I said.

"'And will you not likewise admit,' he continued, 'that it would often be very convenient if one were not bound in conscience to keep one's given word?'

"'That would be the greatest convenience in the world.'

"'Hear, then, the general rule given by the Jesuit Escobar. A promise does not bind if, in making it, one does not intend to bind oneself. Now it seldom happens that one has this intention unless one confirms it by an oath or a contract; thus, when one simply says, "I will do it," one understands thereby that one will do it if one does not change one's mind, for one does not wish thereby to rob oneself of one's freedom.' He gives still other rules which you may look up yourself, and says finally: all this is from Molina and our other writers, and therefore one cannot doubt it.'

"'I did not know,' I said, 'that directing one's intention had the power to nullify promises.'

"'You see in this a great relief for dealing with the world.'

"One can hardly believe one's eyes when one reads that the most respected Jesuit moralists shamelessly had such doctrines printed—moralists of an order to which the confessional was preeminently entrusted. It seems incomprehensible at first glance that the order also had strict moralists; one asks: how was that possible without the order contradicting itself among its various members. Pascal's old Jesuit gives the clearest account of this. 'Men,' he says, 'are so corrupt nowadays that we must go to them, since we cannot move them to come to us. Otherwise they would abandon us—indeed, would let themselves go entirely. In order to hold them back, our casuists (counselors of conscience) have taken under consideration the vices to which men of every rank are most inclined, and then, without coming too close to the truth (in appearance), have set up principles so mild that one would have to be very fault-finding not to be satisfied with them. For the chief aim which our society has kept in view, for the good of the (Roman) religion, is to repel no one, so that none should despair. Thus we have principles for men of every kind: for holders of benefices, priests, monks, noblemen, servants, the rich, merchants, the fallen-on-hard-times, the needy, pious and impious women, married people, the dissolute; in short, nothing has escaped their foresight.'"*)

"One can imagine what a sensation the...

* Pascal, born at Clermont in France in 1623, died 1662, remained in the Roman Catholic Church until his death; wrote, among other things, the famous book "Thoughts on Religion," against the atheists, which has also been repeatedly published in the German language. D. H.

† The Jesuit means that he wishes to show how one may sin, yet cleverly avoid the appearance of sin, and find excuses by which one may quiet one's conscience even over the most manifest sins.

*) From this it is explicable that the Jesuits entice so many to conversion to the papal religion, since they know how to adapt and accommodate their doctrine even to the most vicious and depraved.