Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 2, Nummer 26 › Seite 102

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1846-08-17, Seite 102

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dem sie mehr ihre Form einer strengen gesetzlichen Zucht im Auge hatten, das Wesentliche der Kirchenzucht, wie sie bereits von Luther geübt zu werden anfing, verkannten. Auch Luther schien in dieser Periode eine weniger günstige Meinung von ihnen gefaßt zu haben. Als aber 1532 die böhmischen Brüder eine Apologie ihrer Lehren und Gebräuche ausgehen ließen, gab sie Luther im folgenden Jahre mit einer schönen Vorrede heraus. Darin leugnete er nicht, daß die böhm. Brüder ihm eine Zeit lang verdächtig gewesen seien, als ob sie die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmahle leugneten, aber aus mündlicher Unterredung mit ihnen (also scheinen die Brüder um diese Zeit wieder bei Luther gewesen zu sein) habe er gefunden, daß sie glauben, Christi Leib und Blut sei im Abendmahl, nur daß sie andere Redensarten brauchten, die verdächtig klängen und die er auch nicht billigen könnte; doch wolle er sie nicht übereilen und dringen, nach seiner Weise zu reden, so sie nur in der Sache eins seien und bleiben, bis Gott weiter schicke nach seinem Willen. Derhalben, so schließt er, befehle ich dies Büchlein zu lesen und zu urtheilen allen frommen Christen und bitte, daß sie mit uns allesammt beten zu Gott unserm Vater um Einträchtigkeit der Lehre und des Glaubens, und ob jemand wäre, dem nicht genugsam in diesem Büchlein geschehen sei, der wolle das ansehen, wie sie sich demüthiglich erbieten, und wenn sie schon nichts anders damit verdienen, so ists doch billig, daß man sie das gebrochene Rohr und glimmende Tocht sein lasse, denn wir alle selbst auch nicht so ganz und vollkommen sind. 1535 übergaben die böhmischen Brüder ein ausführliches Bekenntniß ihres Glaubens dem König Ferdinand; dies ließ Luther mit einer Vorrede drucken, worin er ihnen das treffliche Zeugniß gibt: „Die Wand, so sonst zwischen uns und ihnen war, ist nun abgebrochen, daß wir eine Heerde worden, ob sie gleich noch wegen der Ceremonien und des Cölibats mit uns nicht in allem gleichgesinnt sind.“ Von dieser Zeit an blieb eine beständige Freundschaft zwischen den böhmischen Brüdern und Luther bis an seinen Tod. 1536 besuchten sie ihn wieder, um besonders über Kirchenzucht und Kirchenregiment, darauf sie, wie schon erwähnt, ein überwiegendes Gewicht gelegt zu haben scheinen, mit ihm zu verhandeln. Luther soll nach dem Berichte der Abgesandten es beklagt haben, daß es bei den Seinen noch an guter Kirchenzucht mangele, und soll gewünscht haben, eine der Brüder ähnliche eingeführt zu sehen. 1542 besuchten ihn die Brüder zum letzten Male: es war der oberste ihrer Prediger, Johann Augusta, mit einem andern Prediger und einer vom böhmischen Adel. Sie wurden aufs freundlichste in Wittenberg aufgenommen und berichteten, wie die hussitischen Gemeinden in Böhmen und Mähren allmählig zum Lutheranismus übergingen, leider aber bloß die Lehre des Evangelii annähmen, ohne zugleich auch Eifer eines christlichen Lebens zu beweisen, und wie dies den Kirchen der Brüder zum großen Nachtheil gereiche. Sie glaubten, daß dieser so große Mißbrauch des Evangelii nicht länger zu dulden sei. Luther soll in Gegenwart des ganzen Professorcollegiums geantwortet haben: Das Pabstthum habe nicht anders erschüttert werden können, als durch Umstürzung alles dessen, was nach menschlichem Aberglauben und Gewissenszwang geschmeckt habe; jetzt da die Welt ins andere Extrem stürze, müsse man allerdings widerstehen und Kirchenzucht herstellen. Sie wollten die Sache in ernste Ueberlegung nehmen. Als endlich die Gesandten nach einem vertraulichen Zusammensein von fast 14 Tagen wieder abreisen wollten, lud sie Luther noch zu einem Gastmahl ein und sprach beim letzten Abschied in Gegenwart vieler Professoren der Universität diese denkwürdigen Worte: „Seid ihr die Apostel der Böhmen, ich und die Meinen wollen die Apostel der Deutschen sein. Treibt ihr Christi Werk dort, wie sich euch die Gelegenheiten darbieten, wir wollen dasselbe hier thun, wie sie sich uns hier dabieten.“ Einige Monate später schrieb Luther an genannten Johann Augusta unter andern: Weiter ermahne ich euch im HErrn, daß ihr mit uns bis in den Tod beharrt in der Einigkeit des Geistes und der Lehre, wie ihr angefangen habt, und kämpfet mit uns durch Wort und Gebet wider die Pforten der Hölle.

Ermunternd und lehrreich ist diese Geschichte und stellt uns an den böhmischen Brüdern in ihrem ämsigen Fleiß, die Einigkeit des Geistes mit andern rechtgläubigen Kirchen zu pflegen, an Luther aber in seiner die Gebrechlichkeit der Schwachen tragenden Liebe, ein nachahmungswerthes Muster vor Augen. Man hat Luther der Parteilichkeit beschuldiget, daß er gegen die böhmischen Brüder weit glimpflicher verfahren sei, als gegen die Schweizer (Zwinglianer). Aber nicht in Parteilichkeit, sondern in der Verschiedenheit der Personen ist der Grund von Luthers Gelindigkeit gegen die böhmischen Brüder und der Schärfe gegen die Schweizer zu suchen, wie auch St. Paulus zwei ganz verschiedene Regeln gibt: Die Schwachen im Glauben nehmet auf, Röm. 14, 1., und: Einen ketzerischen Menschen meide, Tit. 3, 10. Die Schweizer waren nicht als Schwache zu betrachten, sondern waren hartnäckige Vertheidiger ihres Irrthums und breiteten ihn aus, so weit sie nur konnten; diesen stellte Luther eine diamantene Festigkeit entgegen und wich ihnen nicht eine Stunde, auf daß die Wahrheit des Evangelii bestünde, wie auch Paulus gethan hat. Gal. 2, 5. Jene aber waren ungelehrte Leute, strauchelten in der Erkenntniß noch vielfältig, doch hatten sie für die Wahrheit offene Herzen, hatten nicht einen dünkelhaften Wohlgefallen an ihrem Irrthum, sondern erboten sich, sich eines bessern belehren zu lassen; darum nimmt Luther die Schwachen im Glauben auf, hat eine Zeitlang Geduld mit ihren Gebrechen, ohne sie gut zu heißen, dient ihnen mit seiner Gabe der Erkenntniß und erlebt so den herrlichen Sieg, sie für die volle Wahrheit zu gewinnen.

Amtsniederlegung.

Schon in No. 23. unseres Blattes wurde in den Mittheilungen aus Sachsen berichtet, daß sich unter den jüngst in Leipzig erschienenen Schriften befinde eine:

„Wehklage eines abgehenden Predigers oder Schrift- und erfahrungsmäßiges Bedenken, ob ein evangelischer Lehrer im Königreich Sachsen gegenwärtig ein geistliches Amt antreten und verwalten könne, ohne sein Gewissen zu verletzen.“

Diese Schrift liegt jetzt vor uns. Sie ist eine Abschiedspredigt, gehalten bei der freiwilligen Niederlegung zweier Pfarrämter am 21. Sonntage nach Trin., den 12. Octbr. 1845, und mit nöthigen Anmerkungen herausgegeben von Ernst Fridrich Höpfner, Licentiaten der Theologie, gewesenem Pfarrer in Remse und Weidensdorf bei Waldenburg im Fürstenthum Schönburg, Königreich Sachsen.

Wir können nicht unterlassen, unsern Lesern Einiges aus dieser Predigt mitzutheilen. Wir hoffen, daß nicht nur Sachsen das Mitgetheilte mit Interesse lesen werden, sondern auch diejenigen, die aus andern Gegenden Deutschlands eingewandert sind, da der kirchliche Zustand Sachsens der in Deutschland überhaupt herrschende ist.

Hr. Licentiat Höpfner gibt in der vorliegenden Predigt drei Hauptgründe an, um welcher willen es „gegen sein Gewissen“ sei, länger ein Pfarramt im Königreich Sachsen zu führen. Der erste Grund ist: „Daß Geistliche, da sie zuerst Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse sein sollen, gegenwärtig vielmehr Diener des Staates oder Werkzeuge der weltlichen Macht geworden sind.“ Hr. H. zeigt in der Ausführung, daß man nach dem 28. Artikel der von ihm beschwornen Augsburgischen Confession „die zwei Regiment, das geistliche und weltliche, nicht in einander mengen und werfen, sondern unterscheiden soll,“ daß aber in Sachsen durch die neue Verfassung die Kirche zu einer Anstalt des Staats gemacht worden sei und daß daher ein Kirchendiener sich verbindlich machen müsse, in der Kirche nach den Vorschriften der weltlichen Obrigkeit zu handeln. „Alle Geistliche, schreibt er, müssen beim Antritt ihres Amtes geloben, daß sie den bestehenden bürgerlichen Gesetzen Gehorsam leisten wollen, unangesehen, ob diese mit dem Worte Gottes zusammenstimmen oder nicht, unangesehen, ob ihnen die nöthige Gewissensfreiheit in ihrem Berufe gelassen oder genommen werde, unangesehen, daß diese neue Gesetzgebung, in so fern sie den beschwornen Unterschied zwischen weltlichem und geistlichem Regiment aufhebt, schon einen Eidbruch in sich schließt. — Tritt jetzt in der Amtsführung eines Predigers ein schwerer Gewissensfall ein, wo er den Anordnungen der weltlichen Macht nicht folgen zu können glaubt, und wendet sich an seinen Superintendenten und spricht etwa: „Was soll ich in diesem Falle thun? Die Sache ist doch wider Gottes Wort?“ so erhält er die Antwort: als Diener der Staatskirche müssen Sie es thun, denn so

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-ing to recognize the essential nature of church discipline as it had already begun to be exercised by Luther. Luther, too, seems to have formed a less favorable opinion of them during this period.

But when, in 1532, the Bohemian Brethren issued an apology (defense) of their doctrines and practices, Luther published it the following year with a fine preface. In it he did not deny that the Bohemian Brethren had for a time been suspect to him, as though they denied the presence of the body and blood of Christ in the Lord's Supper; but from personal conversation with them (so it seems the Brethren had again been with Luther around this time) he had found that they do believe Christ's body and blood are present in the Lord's Supper, only that they used different expressions, which sounded suspect and which he could not approve either; yet he did not wish to rush or press them to speak in his manner, so long as they were and remained one in the matter itself, until God should further direct according to his will. Therefore, he concludes, I commend this little book to be read and judged by all godly Christians, and ask that they join with us all in praying to God our Father for unity of doctrine and faith; and should there be anyone for whom this little book does not do full justice, let him consider how humbly they offer themselves, and even if they deserve nothing else by it, it is nevertheless only fair that one should let them be a bruised reed and a smoldering wick, for none of us ourselves are so entirely whole and perfect either.

In 1535 the Bohemian Brethren presented a detailed confession of their faith to King Ferdinand; Luther had this printed with a preface, in which he gives them this excellent testimony: "The wall that formerly stood between us and them is now torn down, so that we have become one flock, even though they are not yet of one mind with us in every respect concerning ceremonies and celibacy." From this time on a lasting friendship remained between the Bohemian Brethren and Luther until his death.

In 1536 they visited him again, in order to confer with him especially about church discipline and church government, matters on which, as already mentioned, they seem to have placed a predominant weight. According to the report of the delegates, Luther is said to have lamented that good church discipline was still lacking among his own people, and to have wished to see one similar to that of the Brethren introduced.

In 1542 the Brethren visited him for the last time: it was the foremost of their preachers, Johann Augusta, together with another preacher and a member of the Bohemian nobility. They were received most cordially in Wittenberg and reported how the Hussite congregations in Bohemia and Moravia were gradually going over to Lutheranism, but unfortunately were adopting only the doctrine of the Gospel without at the same time showing a corresponding zeal for a Christian life, and how this was proving greatly detrimental to the churches of the Brethren. They believed that so great an abuse of the Gospel could no longer be tolerated. In the presence of the entire faculty of professors, Luther is said to have answered: The papacy could not have been shaken except by the overthrow of everything that savored of human superstition and compulsion of conscience; now that the world was rushing into the opposite extreme, one must indeed resist and re-establish church discipline. They wished to give the matter serious consideration. When at last, after a confidential gathering of almost fourteen days, the envoys wished to depart again, Luther invited them once more to a banquet, and at the final parting, in the presence of many professors of the university, spoke these memorable words: "You are the apostles of the Bohemians; I and my people will be the apostles of the Germans. Carry on Christ's work there, as opportunities present themselves to you; we will do the same here, as they present themselves to us."

A few months later Luther wrote to the aforementioned Johann Augusta, among other things: Further I exhort you in the Lord that you persevere with us, even unto death, in the unity of the Spirit and of doctrine, as you have begun, and that you fight with us through word and prayer against the gates of hell.

This history is encouraging and instructive, and sets before us, in the Bohemian Brethren, an example worthy of imitation in their diligent zeal to cultivate unity of spirit with other orthodox churches, and in Luther, an example worthy of imitation in his love that bore with the weaknesses of the weak. Luther has been accused of partiality, in that he dealt far more leniently with the Bohemian Brethren than with the Swiss (the Zwinglians). But the reason for Luther's mildness toward the Bohemian Brethren and his severity toward the Swiss is to be sought not in partiality but in the difference between the persons involved, just as St. Paul likewise gives two entirely different rules: Receive him who is weak in the faith (Romans 14:1), and: A man that is a heretic, after the first and second admonition, reject (Titus 3:10). The Swiss were not to be regarded as weak, but were stubborn defenders of their error and spread it as far as they possibly could; against these Luther set an adamant firmness and did not yield to them for a single hour, so that the truth of the Gospel might stand fast, just as Paul also did (Galatians 2:5). The Bohemians, however, were unlearned people who still stumbled in many ways in their understanding, yet they had open hearts for the truth; they took no conceited pleasure in their error but offered themselves to be instructed better. Therefore Luther receives the weak in faith, has patience for a time with their infirmities without approving them, serves them with his gift of understanding, and so experiences the glorious victory of winning them over to the full truth.

Resignation from Office.

Already in No. 23 of our paper it was reported, in the communications from Saxony, that among the writings recently published in Leipzig there was one entitled: "Lament of a Departing Preacher, or a Scripture- and Experience-Based Consideration of Whether an Evangelical Teacher in the Kingdom of Saxony Can at Present Assume and Administer a Pastoral Office without Violating His Conscience."

This writing now lies before us. It is a farewell sermon, preached at the voluntary resignation of two pastoral offices on the 21st Sunday after Trinity, October 12, 1845, and published with necessary notes by Ernst Friedrich Höpfner, Licentiate of Theology, formerly pastor in Remse and Weidensdorf near Waldenburg in the Principality of Schönburg, Kingdom of Saxony.

We cannot refrain from communicating something from this sermon to our readers. We hope that not only Saxons will read what is shared here with interest, but also those who have immigrated from other regions of Germany, since the ecclesiastical condition of Saxony is the same as that prevailing in Germany generally.

Mr. Licentiate Höpfner gives, in the sermon before us, three main reasons for which it would be "against his conscience" to continue holding a pastoral office in the Kingdom of Saxony any longer. The first reason is: "That clergy, since they are meant first of all to be servants of Christ and stewards of the mysteries of God, have at present rather become servants of the state, or tools of secular power." Mr. H. shows, in developing this point, that according to Article 28 of the Augsburg Confession, which he himself has sworn to uphold, "the two governments, the spiritual and the temporal, are not to be mixed and confounded with one another, but are to be distinguished"; but that in Saxony, through the new constitution, the church has been made into an institution of the state, and that a minister of the church must therefore obligate himself to act within the church according to the prescriptions of the secular authority. "All clergy," he writes, "must vow, upon entering their office, that they will render obedience to the existing civil laws, regardless of whether these agree with the Word of God or not, regardless of whether the necessary freedom of conscience in their calling is left to them or taken from them, regardless of the fact that this new legislation, insofar as it abolishes the sworn distinction between the temporal and the spiritual government, already contains within itself a breach of oath. — If now, in the discharge of a preacher's office, a grave case of conscience arises in which he believes he cannot comply with the orders of the secular power, and he turns to his superintendent and says, for instance: 'What am I to do in this case? The matter is surely against God's Word?' — he receives the answer: as a servant of the state church you must do it, for so