Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 2, Nummer 26 › Seite 101
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1846-08-17, Seite 101
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Der Lutheraner.
„Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“
Herausgegeben von C. F. W. Walther.
Jahrgang 2.
St. Louis, Mo., den 22. August 1846.
No. 26.
Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft.
(Eingesandt von Th. Brohm.)
Luther und die böhmischen Brüder.
Eine der anziehendsten, lieblichsten Partieen der Reformationsgeschichte ist Luthers wiederholter brüderlicher Verkehr mit den böhmischen Brüdern. Dies war ein Häuflein Christen in Böhmen und Mähren, die eben denselben Glauben bekannten, welchen der heilige Märtyrer Johann Huß zu Costnitz auf dem Scheiterhaufen mit seinem Blute versiegelt hat. Bald nach Hussens Tode gab die große Masse seiner Anhänger die geistliche Ritterschaft auf und wurden statt Streiter Christi ein Haufe wilder, gewaltthätiger Soldaten. Doch gab es unter den Hussiten auch etliche einfältige fromme Seelen, die in Glauben und Geduld das gute Erbtheil bewahrten, das Huß ihnen hinterlassen hatte. Später entstanden selbst unter ihnen Secten und Spaltungen, der HErr aber erhielt sich auch mitten in diesen Zerrüttungen und zum Theil unter harten Verfolgungen, die über sie ergingen, einen heiligen Samen, indem mitten in der Finsterniß des Pabstthums das Licht des Evangelii hell leuchtete. Der alte, treuherzige Amos Comenius, einer ihrer letzten Prediger, hat uns eine kurze Geschichte dieses Zweiges der wahren Kirche erhalten, aus der wir mit Hinzuziehung dessen, was sich in Luthers Schriften davon findet, Folgendes dem lieben Leser mittheilen.
Drei Jahre nach Luthers Geburt, 1486, hielten die böhmischen Brüder, die meist in den böhmischen und mährischen Gebirgen sich aufhielten, aber um diese Zeit an Zahl sehr zugenommen zu haben scheinen, eine Zusammenkunft, um zu berathen, wie sie, bei ihrer strengen, rechtmäßigen Scheidung von der falschen papistischen Kirche, sich gegen den Vorwurf verwahren sollten, als ob sie sich auch von einer wahren Kirche separirten. Sie wurden eins, 4 Männer auszusenden in die Länder der Christenheit, um zu erforschen, ob es irgendwo eine Gemeine gäbe, die Christo in Lauterkeit diente und der sie sich anschließen könnten. Nach langem Außenbleiben brachten sie die betrübende Kunde zurück, sie hätten nichts, als die äußerste Verdorbenheit der Christen in Lehre und Leben gefunden. Hierauf sandten die Brüder nocheinmal etliche Männer in die westlichen Länder Europas; diese fanden nun hie und da einen der alten Waldenser, der über die Tyrannei des Pabstthums klagte, aber aus Furchtsamkeit sich nicht mit seinem Bekenntniß heraustraute; einige Male waren sie Zeugen von Verbrennung sogenannter Ketzer, weil sie den Pabst für den Antichrist erklärt hatten. In großer Betrübniß hörten die Brüder diese Berichte an und faßten folgenden Beschluß, den sie zur Richtschnur für ihre Nachkommen auch schriftlich niederlegten: „Daß, wenn Gott irgendwo einen frommen Lehrer oder Kirchenreformator erwecken würde, sie sich mit ihm vereinigen wollten.“ Wie treu die Kinder jenen Beschluß ihrer Väter gehalten haben, bezeugt ihr Verhalten bei dem anbrechenden Lichte in Deutschland. Sobald sie von Luthers Beginnen und vom Fortgange der Reformation Kunde bekamen, sandten sie hoch erfreut zwei Männer zu Luther im Jahr 1522, den Johann Horn und Michael Weiß, um ihm zu dem Lichte der erkannten Wahrheit Glück zu wünschen. Wie sehr Luther durch diesen Besuch erfreut und erquickt worden ist, bekennt er in mehrern Briefen an seine Freunde. In demselben Jahre schrieb er auch einen Brief an die auf dem Landtage in Prag versammelten Böhmen; er gesteht ihnen, er habe sie ehedem für Ketzer gehalten, als er selbst noch in päbstlicher Finsterniß gesessen, seit er aber selbst durch Gottes Wort erleuchtet worden, habe er ihren Ungehorsam wider das Pabstthum gelobt und sich darum viel Haß zugezogen, er habe auch einmal selbst nach Böhmen kommen wollen, aus Begierde, sie zu sehen und ihren Glauben zu erlernen. Er ermahnt sie, ja nicht wieder zum Pabstthum zurückzufallen, wozu ein Theil geneigt zu sein schien; dadurch würden sie das heilige Blut Johann Hussens und des Hieronymus von Prag sammt ihrer Lehre verdammen; warnt sie vor Secten und Zwiespalt und daß sie nicht irre werden möchten, wenn nicht gleich alle Dinge in den Stand kommen sollten, wie es wohl sein sollte; spricht auch die Hoffnung aus, daß die Deutschen und Böhmen durchs göttliche Wort noch Einen Sinn und Namen überkommen würden, allein, daß sie indeß mit Geduld der Barmherzigkeit Gottes warteten, und, so einem Theile etwas mangelte, mittler Zeit dasselbe duldeten. Denn, setzte er hinzu, es mögen alle Dinge nicht in einem Hui, noch mit Gewalt verändert werden. Im folgenden Jahre schrieben die Brüder an Luther und da sie wahrscheinlich über die noch fehlende Kirchenzucht in Sachsen sich beschwert hatten, erwiederte Luther: Wir können es noch nicht dahin bringen, daß eine solche Uebung der Lehre und des Lebens zu Stande käme, wie wir von Euch hören. Die Sachen sind bei uns noch roh und gehen langsam von Statten. Aber bittet für uns. Um diese Zeit hatte Luther von den Waldensern (so nannte man auch die böhmischen Brüder) ein Büchlein, Apologia genannt, bekommen, darin sie manche anstößige Reden über mehrere Artikel sonderlich vom Abendmahl führten. Er richtete daher eine Schrift an sie: „Vom Anbeten des Sacraments.“
Er bekennt, daß er sie nicht mehr wie ehedem für Ketzer halte, geht ihre Lehrsätze durch, lobt, was zu loben ist, verschweigt auch nicht, was ihm mißfällt; bittet, sie möchten seine Ausstellungen gütig aufnehmen, wenn er aus Unkunde der böhmischen Sprache den Sinn ihrer Reden nicht ganz erreicht habe; ermahnt sie, die lateinische, griechische und hebräische Sprache nicht zu verachten, die für Prediger so nöthig seien, um des rechten Verstandes der heil. Schrift nicht zu fehlen; er lobt ihren äußerlichen, züchtigen Wandel; macht es ihnen zur Pflicht, auch ihm anzuzeigen, wo sie einen Mangel an ihm entdeckten, und versteht sich zu ihnen als Verständigen das Beste. Im Jahre 1524 richtete Luther seine herrliche Schrift: „Wie man Kirchendiener wählen und einsetzen soll“ an die Böhmen, und da er gehört hatte, daß sie im Sinne hätten, sich Priester von papistischen Bischöfen weihen zu lassen, so widerräth er es ihnen ernstlich und schreibt ihnen eine rechte Weihe vor, wie sie ohne Zuthun des Pabstes und papistischer Bischöfe sich selbst Diener des Wortes wählen und ordiniren sollten. Was diese Schrift für eine Wirkung gehabt, ist wohl schwer nachzuweisen, ohne daß Luthers Lehre in Böhmen immer allgemeinern Eingang fand. In diesem Jahre kam auch eine zweite Gesandtschaft aus eben denselben zwei Männern, Horn und Weiß, bestehend, nach Wittenberg, um die Kirchenzucht in der neu erwachenden Kirche genauer kennen zu lernen. Da sie aber, wie Comenius schreibt, sahen, daß man noch nicht darauf bedacht sei, Kirchenzucht zu handhaben, unterließen sie den Verkehr mit Luthern gegen 8 Jahre. Es ist wohl zu vermuthen, daß die guten Männer auf die äußere Zucht der Kirche ein allzugroßes Gewicht gelegt haben, und in-
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English translation AI translation
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Der Lutheraner.
"God's Word and Luther's teaching shall now and nevermore pass away."
Edited by C. F. W. Walther.
Volume 2.
St. Louis, Mo., August 22, 1846.
No. 26.
Terms: Der Lutheraner appears once every two weeks, at a subscription price of one dollar for out-of-town subscribers, who must pay half of this in advance and bear the postage themselves. — In St. Louis, each single issue is sold for 5 cents.
(Submitted by Th. Brohm.)
Luther and the Bohemian Brethren.
One of the most engaging, most delightful episodes in the history of the Reformation is Luther's repeated brotherly contact with the Bohemian Brethren. This was a small band of Christians in Bohemia and Moravia who confessed the very same faith that the holy martyr John Huss sealed with his blood at the stake in Constance. Soon after Huss's death, the great mass of his followers abandoned their spiritual knighthood and became, instead of soldiers of Christ, a band of wild, violent soldiers. Yet among the Hussites there were also a number of simple, pious souls who preserved in faith and patience the good inheritance Huss had left them. Later, sects and divisions arose even among these; but the Lord preserved for himself, even in the midst of these disruptions and, in part, under the harsh persecutions that came upon them, a holy seed, in that in the midst of the darkness of the papacy the light of the Gospel shone brightly. The old, sincere-hearted Amos Comenius, one of their last preachers, has preserved for us a brief history of this branch of the true Church, from which, together with what is found on the subject in Luther's writings, we communicate the following to the dear reader.
Three years after Luther's birth, in 1486, the Bohemian Brethren, who resided mostly in the mountains of Bohemia and Moravia but seem to have greatly increased in number by this time, held a gathering to deliberate how they, in their strict and lawful separation from the false papist church, should guard themselves against the reproach that they were also separating themselves from a true church. They agreed to send four men into the lands of Christendom to find out whether there was anywhere a congregation that served Christ in purity and to which they might join themselves. After a long absence, these men brought back the distressing news that they had found nothing but the utmost corruption of Christians in doctrine and life. The Brethren then sent out several men once more, into the western lands of Europe; these now found here and there one of the old Waldensians, who complained of the tyranny of the papacy but, out of fearfulness, did not dare to come forward openly with his confession; a few times they witnessed the burning of so-called heretics because these had declared the pope to be the Antichrist. In great sorrow the Brethren heard these reports and came to the following resolution, which they also set down in writing as a rule for their descendants: "That, if God should anywhere raise up a godly teacher or reformer of the church, they would unite themselves with him." How faithfully the children kept that resolution of their fathers is shown by their conduct at the dawning of the light in Germany. As soon as they received word of Luther's undertaking and of the progress of the Reformation, they joyfully sent two men to Luther in the year 1522, Johann Horn and Michael Weiss, to congratulate him on the light of the truth he had recognized. How greatly Luther was gladdened and refreshed by this visit he himself confesses in several letters to his friends. In the same year he also wrote a letter to the Bohemians assembled at the Diet in Prague; he confesses to them that he had formerly considered them heretics, when he himself still sat in papal darkness, but that since he himself had been enlightened by God's Word, he had come to praise their disobedience toward the papacy, and had thereby drawn upon himself much hatred; he says he had once even wished to come to Bohemia himself, out of a desire to see them and to learn their faith. He exhorts them by no means to fall back again into the papacy, to which a part of them seemed inclined; for by doing so they would be condemning the holy blood of John Huss and of Jerome of Prague, together with their teaching; he warns them against sects and discord, and that they should not be led astray if not all things should at once come into the condition in which they ought properly to be; he also expresses the hope that the Germans and the Bohemians would through the divine Word yet come to share one mind and one name, but that meanwhile they should wait with patience for the mercy of God, and, where one party lacked something, should for the time being bear with it. For, he added, all things cannot be changed in an instant, nor by force. In the following year the Brethren wrote to Luther, and since they had apparently complained about the church discipline still lacking in Saxony, Luther replied: We are not yet able to bring it about that such a practice of doctrine and life should come to pass as we hear exists among you. Things among us are still crude and proceed slowly. But pray for us. About this time Luther received from the Waldensians (as the Bohemian Brethren were also called) a little book called the Apologia, in which they expressed a number of offensive statements on several articles, particularly concerning the Lord's Supper. He therefore addressed a treatise to them: "On the Adoration of the Sacrament."
In it he acknowledges that he no longer regards them as heretics as he once did; he goes through their articles of doctrine, praises what is praiseworthy, and does not conceal what displeases him; he asks that they kindly accept his objections, in case, from lack of knowledge of the Bohemian language, he had not fully grasped the sense of their statements; he exhorts them not to despise the Latin, Greek, and Hebrew languages, which are so necessary for preachers if they are not to fail in the right understanding of Holy Scripture; he praises their outwardly chaste conduct; he makes it a duty for them likewise to point out to him wherever they discover a fault in him, and he expects the best of them as sensible men. In the year 1524 Luther addressed his splendid treatise, "How Ministers of the Church Should Be Chosen and Installed," to the Bohemians, and since he had heard that they had it in mind to have priests ordained by papist bishops, he earnestly advised them against this and prescribed for them a proper ordination, by which, without any involvement of the pope or of papist bishops, they should themselves choose and ordain ministers of the Word. What effect this treatise had is difficult to determine, apart from the fact that Luther's teaching found ever more general acceptance in Bohemia.
In this same year a second embassy also came to Wittenberg, consisting of the same two men, Horn and Weiss, in order to become more closely acquainted with the church discipline in the newly awakening church. But since they saw, as Comenius writes, that no thought was yet being given there to the maintenance of church discipline, they discontinued contact with Luther for about eight years. It may well be supposed that these good men placed too great a weight on the outward form of the church's discipline, thereby fail-