Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 2, Nummer 23 › Seite 91
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1846-07-11, Seite 91
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stenthume deutet drohend auf den Abfall von aller Religion, der hie und da schon seine Herolde gefunden hat. Die Verfassung unserer evangelisch-lutherischen Kirche soll umgestaltet werden; in welcher Absicht es größtentheils gewünscht wird, liegt am Tage. Die Bekenntnißschriften der Kirche sucht man außer Geltung zu setzen. Der Staat theilt das Geschick der Kirche, das Streben nach schrankenloser Freiheit hat sich wider die Grundfesten beider gewendet und sucht sie zu erschüttern. Die Verwirrung steigt täglich. Ein dumpfes, über dem Sturze des Bestehenden brütendes Grollen pflanzt sich weiter und weiter fort. Die Tagesblätter schüren die glühenden Kohlen: „Ein Ereigniß jagt das andere." Die protestantischen- oder Lichtfreunde treten mit einer größeren Kühnheit hervor. In fast allen namhaften Städten Sachsens halten sie Versammlungen. Feurige Reden werden gehalten, deren Thema ist: Licht, Freiheit, Reform, Fortschritt, die symbolischen Bücher — ein papierner Pabst u. s. w. Welchen unglaublichen Grad die Lehrwillkür und Frechheit unter den Predigern Sachsens erreicht hat, beweiset die öffentliche, aber vergebliche Klage eines Gliedes der ersten Kammer: Ein Geistlicher habe ein Kind getauft im Namen des Weltgeistes, des lebenden Geistes und des umschwebenden Geistes; als der Vater des Kindes sich beim Superintendenten beschwert habe, sei er abgewiesen worden. Ein anderer Geistlicher hat ein Kind getauft im Namen des großen Geistes. Aehnliche Dinge, sagt der Pilger, ließen sich noch mehre aufzählen. Der große Heuchler, Oberhofprediger von Ammon, der in seiner Fortbildung des Christenthums zur Weltreligion alle Artikel der Augsburgischen Confession untergräbt und den Glauben der Väter als eine Beschränktheit ihrer Zeit darstellt, sprach in der ersten Kammer über diesen von drei Kammermitgliedern angeführten und bestätigten Grenel seine höchste Ueberraschung aus — und das war es alles. Der jetzige Landtag in Sachsen wird mit Fluthen von Petitionen der Umwälzungspartei, zu der viele Prediger gehören, überschüttet, welche zum Theil offen und direct auf Sichtung der Glaubenslehren, Unterlassung des Amtseides der Prediger und Lehrer antragen, zum Theil auf Einführung einer Presbyterialverfassung mit der Befugniß, auch in den Glaubenslehren Aenderung zu treffen. Diese Partei hat besonders in der zweiten Kammer der Ständeversammlung eifrige Vertreter. Die sächsische Regierung hat bisher dem heftigen Andrängen derer, die auf Umsturz nicht bloß der Kirchenverfassung, sondern auch der Kirchenlehre hinarbeiten, gemessenen Widerstand entgegengesetzt. Man zweifelt aber, ob sie es auch ferner zu thun im Stand oder entschlossen ist. Seit dem December vor. Jahres geht das Gerücht, die Regierung wolle den Vorschlag machen, die künftig anzustellenden Geistlichen zu verpflichten: auf Gottes Wort und die Grundsätze unserer Kirche, wie sie in den symbolischen Büchern enthalten und bezeugt sind. Eine vieldeutige Formel, die zwar den Predigern die größte Lehrfreiheit, die Gemeinde aber der Willkühr der Prediger völlig Preis geben würde.
Ein bedeutungsvolles Ereigniß mitten in dieser verhängnißvollen Zeit ist die Amtsniederlegung des Consistorialraths und Superintendenten in Glaucha, Dr. Rudelbach, grade am Schlusse des vorigen Kirchenjahres. Er erklärt sich selbst in seiner gedruckten Abschiedspredigt, was ihn besonders zu diesem Schritt bestimmt habe. Nicht allein himmelschreiende Mißbräuche in unserer Kirche werden hier geduldet (welches evangelischen Lehrers Herz hätte nicht geblutet, wo er eine solche Zuchtlosigkeit vor Augen sahe, die ungebunden selbst das Wort und die Sacramente antastete!), sondern öffentliche Maßregeln werden vorgeschlagen und sind zum Theil schon durchgesetzt, um einer antichristlichen Partei unsere Kirche zu öffnen. Die Hand hätte mir verdorren müssen, sagt er, wo ich nur den geringsten Buchstaben solcher Maßregeln, die mit Blitzesschnelle sich entfalten werden, unterschrieben hätte, und ich wäre vermöge meiner Stellung berufen gewesen, sie in Ausführung zu bringen. Ich war gebunden durch einen heiligen, unverletzlichen Eid, das Bekenntniß unserer Kirche mit Wort und That, mit Leib und Leben, Gut und Blut zu schützen. Es blieb mir nur ein Protest übrig; der Protest ist meine Amtsniederlegung.
Ein anderer Prediger hat sein Amt gleichfalls niedergelegt. Unter den jüngst in Leipzig erschienenen Schriften befindet sich eine „Wehklage eines abgehenden Predigers oder schrift- und erfahrungsmäßiges Bedenken, ob ein evangelischer Lehrer im Königreich Sachsen gegenwärtig ein geistliches Amt antreten und verwalten könne, ohne das Gewissen zu verletzen."
Ein solch grauenhaftes Bild entwarfen obige beide Blätter, jedoch liefern sie auch Spuren eines für den alten Glauben hin und wieder in Sachsen neuerwachenden Eifers. Die gräßliche Gestalt des Unglaubens hilft manchem die Augen öffnen. In der sächsischen Lausitz haben 5000 Bauern eine Petition an die Ständeversammlung gebracht, sich zu verwenden, daß die Vereidung der Geistlichen und Verpflichtung der Schullehrer auf die Bibellehre, wie solche in der Augsburg. Confession, im kleinen Katechismus und den übrigen symbol. Büchern enthalten ist, auch künftig wie jetzt geschehe und an der bisherigen Fassung des Eides nicht das Geringste geändert werde. Diese Bauernpetitionen sollen einen gewaltigen Rumor gemacht haben. Auch unter den Predigern soll sich eine nicht ganz geringe Zahl wieder um das Panier der lutherischen Bekenntnisse schaaren und zu einem Kampfe der Leiden um desselben willen willig entschlossen sein. Zeugnisse davon sind zwei Predigten, die eine: Warum es uns gebührt, an dem allgemeinen Bekenntniß unserer evang. luth. Kirche festzuhalten? von Wildenhahn, Pastor in Bautzen; die andere: Unsere Bekenntnißschriften, köstliche Kleinodien der evangelisch luther. Kirche, von Apelt, Pastor zu Cunewalde bei Bautzen. Auch der Pilger von Sachsen scheint eine entschiednere Richtung angenommen zu haben.
Der Herausgeber Pastor Meurer schreibt: so wie die Bekenntnisse der Kirche öffentlich und förmlich angegriffen werden, daß der Amtseid der Prediger beseitiget und zu Null gemacht wird, dann muß eine große Scheidung vor sich gehen; die Getreuen werden fest stehen mit des HErrn Hülfe, die lutherische Kirche hört zwar auf, Landeskirche zu sein, aber das wird ein Segen, denn sie wird dann frei und die Wahrheit erhält den Sieg, wo sie zu unterliegen scheint.
Wir Sachsen in America sind allerdings auch der Ueberzeugung, daß eine solche Scheidung dort geschehen muß, ja längst schon hätte geschehen sollen; obwohl die Vereidung der Prediger auf die symbol. Bücher bisher noch in Sachsen geschah und die symbol. Bücher noch gesetzliche Gültigkeit hatten, so waren, unzähliger anderer Mißbräuche nicht zu gedenken, doch schon längst dem lutherischen Bekenntniß schnurstracks widersprechende Irrlehren besonders durch Agenden und Gesangbuch in der Kirche eingeführt worden, welche ein Prediger bei seinem Amtsantritt durch Annahme der Agende und des Gesangbuches billigen, oder doch stillschweigend gutheißen mußte, und nur unter dieser Bedingung konnte er ins Amt treten. Was that er also anders, als daß er gleich beim Antritt seines Amtes, vielleicht unbewußt, seinen Schwur auf die symbol. Bücher verletzte? Es ist schwer zu begreifen, wie das von den zum Lutherthum zurückkehrenden Predigern nicht erkannt wird. Fern sei es, ihnen eine wissentliche Untreue vorzuwerfen, aber es scheint, als würden ihnen gleichsam die Augen gehalten, daß sie diesen Widerspruch, in dem sie mit sich selbst stehen, noch nicht deutlich erkennen. Doch nur unbesorgt; Gott kann bald große Dinge thun. Nicodemus blieb nicht immer furchtsam, sondern ward ein Held da, wo alle Jünger flohen.
Uns aber will gebühren, nicht gleichgültige Zuschauer zu sein, sondern unsern Brüdern kämpfen zu helfen im Gebet. Wie nachlässig und lau mag diese Fürbitte für die jenseits zerstreuten Glaubensgenossen geschehen! Müssen wir nicht alle erröthen? Möchten diese Mittheilungen uns allen eine Ermunterung sein.
Th. Brohm.
(Mitgetheilt.)
Einweihung einer evangelisch-lutherischen Kirche.
Den 14. Juni d. J., als am ersten Sonntag nach dem Trinitatisfeste, hatte die deutsche evangelisch-lutherische Gemeinde an der Bonhommestraße in St. Louis County—Central Township, 12 Meilen nordwestlich von St. Louis—die Freude, ihr neuerbautes, wiewohl noch nicht vollständig ausgebautes, Kirchlein feierlichst einzuweihen. Zwei Jahre war die Gemeinde, welche sich von einer vereinigten, sogenannten evangelischen Gemeinde um des Bekenntnisses willen getrennt hatte, genöthigt gewesen, ihre gottesdienstlichen Versammlungen hin und her in Privathäusern unter mancherlei Störungen zu halten. An dem angege-
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threatens a falling away from all religion, which here and there has already found its heralds. The constitution of our Evangelical Lutheran Church is to be remade; in what direction this is for the most part desired lies plain to see. Attempts are being made to render the confessional writings of the Church null and void. The state shares the fate of the Church; the striving after unbounded freedom has turned against the foundations of both and seeks to shake them. Confusion increases daily. A dull rumbling, brooding over the downfall of what now exists, spreads further and further. The daily papers fan the glowing coals: "One event chases another." The Protestant, or so-called Friends of Light, come forward with ever greater boldness. In almost all the notable cities of Saxony they hold assemblies. Fiery speeches are delivered, whose theme is: light, freedom, reform, progress, the symbolical books — a paper pope, and so forth. To what unbelievable degree doctrinal license and impudence have reached among the preachers of Saxony is proven by the public, though fruitless, complaint of a member of the First Chamber: a clergyman is said to have baptized a child in the name of the world-spirit, the living spirit, and the hovering spirit; and when the child's father complained to the superintendent about it, he was turned away. Another clergyman has baptized a child in the name of the great spirit. Similar things, says the Pilgrim, could still be enumerated. The great hypocrite, Chief Court Preacher von Ammon, who in his Development of Christianity into a World Religion undermines every article of the Augsburg Confession and represents the faith of the fathers as a narrowness of their time, expressed, in the First Chamber, over this outrage — brought forward and confirmed by three members of the Chamber — nothing but his utmost surprise, and that was all. The present Diet of Saxony is being deluged with floods of petitions from the party of upheaval, to which many preachers belong, which in part openly and directly move for a sifting of the articles of faith and for the abolition of the oath of office of preachers and teachers, and in part for the introduction of a presbyterial constitution with the power to make changes even in the articles of faith. This party has especially zealous representatives in the Second Chamber of the Assembly of the Estates. The Saxon government has thus far offered measured resistance to the violent pressure of those who work toward the overthrow not merely of the Church's constitution but also of the Church's doctrine. But it is doubted whether it will continue to be able, or resolved, to do so. Since December of last year the rumor has circulated that the government intends to propose that clergymen appointed in the future be obligated to God's Word and to the principles of our Church as they are contained and attested in the symbolical books — an ambiguous formula, which would indeed grant preachers the greatest liberty of doctrine, but would deliver the congregation entirely up to the preachers' arbitrary will.
A significant event in the midst of this fateful time is the resignation from office of the consistorial councilor and superintendent at Glaucha, Dr. Rudelbach, coming precisely at the close of the past church year. He himself explains, in his printed farewell sermon, what in particular determined him to take this step. Not only are abuses crying to heaven tolerated here in our Church (what evangelical teacher's heart would not have bled to see before his eyes such unbridled licentiousness, laying hands even on the Word and the Sacraments!), but public measures are being proposed, and have in part already been pushed through, to open our Church to an antichristian party. My hand, he says, would have had to wither had I signed even the smallest letter of such measures, which will unfold with lightning speed, and by virtue of my position I would have been called upon to carry them into execution. I was bound by a holy, inviolable oath to protect the confession of our Church with word and deed, with body and life, goods and blood. Only one course remained open to me: protest; my resignation from office is that protest.
Another preacher has likewise laid down his office. Among the writings recently published in Leipzig is a "Lament of a Departing Preacher, or a Scripture- and Experience-Based Consideration of Whether an Evangelical Teacher in the Kingdom of Saxony Can at Present Undertake and Administer a Spiritual Office Without Violating His Conscience."
Such a dreadful picture did the above two papers sketch; yet they also furnish traces of a zeal for the old faith reawakening here and there in Saxony. The gruesome shape of unbelief helps many a man to open his eyes. In Saxon Lusatia, 5,000 peasants have brought a petition to the Assembly of the Estates, asking it to see to it that the swearing-in of the clergy and the binding of schoolteachers to the biblical doctrine, as it is contained in the Augsburg Confession, the Small Catechism, and the other symbolical books, continue henceforth as now, and that not the least thing be changed in the wording of the oath as it now stands. These peasant petitions are said to have caused a tremendous stir. Among the preachers, too, a not inconsiderable number are said to be rallying anew around the banner of the Lutheran confessions and to be willing and resolved to enter a struggle of suffering for its sake. Testimony to this are two sermons, the one: "Why It Behooves Us to Hold Fast to the General Confession of Our Evangelical Lutheran Church," by Wildenhahn, pastor at Bautzen; the other: "Our Confessional Writings, Precious Jewels of the Evangelical Lutheran Church," by Apelt, pastor at Cunewalde near Bautzen. The Pilgrim from Saxony, too, seems to have adopted a more decided direction. Its editor, Pastor Meurer, writes: as soon as the confessions of the Church are publicly and formally attacked, so that the official oath of the preachers is set aside and rendered null, then a great separation must take place; the faithful will stand firm with the Lord's help; the Lutheran Church will indeed cease to be an established territorial church, but that will prove a blessing, for it will then become free, and the truth will win the victory precisely where it seems to be going down to defeat.
We Saxons in America are indeed likewise convinced that such a separation must take place there, and indeed should long since have taken place; for although the swearing-in of preachers upon the symbolical books has hitherto still occurred in Saxony, and the symbolical books still held legal validity, yet — not to speak of countless other abuses — false doctrines flatly contradicting the Lutheran confession had long since been introduced into the Church, particularly through the liturgical agendas and the hymnal, which a preacher, upon entering his office, had to approve by accepting the agenda and the hymnal, or at least tacitly countenance, and only on this condition could he enter upon his office. What else did he do, then, but violate his oath to the symbolical books at the very outset of his ministry, perhaps unwittingly? It is hard to understand how this has not been recognized by the preachers now returning to Lutheranism. Far be it from us to charge them with a knowing unfaithfulness; but it seems as though their eyes were, as it were, held shut, so that they do not yet clearly perceive this contradiction in which they stand with themselves. Yet let us not be anxious; God can soon do great things. Nicodemus did not remain fearful forever, but became a hero at the very moment when all the disciples fled.
It befits us, however, not to be indifferent onlookers, but to help our brothers fight through prayer. How negligent and lukewarm this intercession for our fellow believers scattered over there may often be! Must we not all blush? May these reports be an encouragement to us all.
Th. Brohm.
(Communicated.)
Dedication of an Evangelical Lutheran Church.
On June 14 of this year, the first Sunday after Trinity, the German Evangelical Lutheran congregation on Bonhomme Road in St. Louis County, Central Township, 12 miles northwest of St. Louis, had the joy of most solemnly dedicating its newly built, though not yet fully completed, little church. For two years the congregation, which had separated from a united, so-called Evangelical congregation for the sake of its confession, had been obliged to hold its worship gatherings here and there in private houses amid manifold disturbances. On the appointed