Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 24 › Seite 192
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-27, Seite 192
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Waſſer zu gehen. So lange uns aber noch der
Muth oder der Ernſt fehlt, ſelber das Wort
Chriſti zu thun und ſo an uns unmitteibar ſeine
Kraft zu erfahren, ſo lauge iſt der beſte Rath für
Seele, die Kraft des Wortes an andern Seelen
anzuſhauen, um ſo allmälig den Ernſt und
den Muth zu gewinnen, des Wortes Heilkraft
an der eigenen Krankheit zu erproben. Das Zei⸗
chen der Heidenmiſſion kann in dir zwar noch
nicht ohne Weiteres den eigentlich ſeligmachen⸗
den Glauben wirken, aber ſie kann und ſoll dich
einladen, anfeuern, drängen, den letzten entſchei⸗
denden Schritt zu thun, nämlich, anſtatt des Zei⸗
chens, das Wort vom Kreuz ſelbſt unmittelbar
auf dich wirken zu laſſen. Dann wird der Geiſt
ſelbſt zeugen, daß Geiſt Wahrheit iſt und du wirſt
anſtimmen können: „Ich habe nun den Grund
gefunden, der meinen Anker ewig hält.“ Und
anſtatt andere Zeichen und Wunder zu vermiſſen
oder zu begehren, oder dir vom Teufel, dem alten
Affen Gottes, unterſchieben zu laſſen, wirſt du um
dir und um dich herum täglich mehr Wunder und
Zeichen entdecken, als dein armes Herz zu faſſen
und deine ſchwere Zunge wurdig zu loben im
Stande iſt.
Es gibt aber die Heidenmiſſion nicht nur dem
Worte Zeugniß, das unter die Heiden getragen
wird, daß es nämlich eine Kraft Gottes ſei, ſelig
zu machen alle die daran glauben, ſondern zwei⸗
tens anch dem Träger dieſes Wortes, nämlich
dem Volke, von welchem die Miſſion aus⸗
geht. Aber ganz ein Anderes zeugt die Miſſion
von dem hinaustragenden Volke, als von dem
hinausgetragenen Worte. Gottes Wort und
Sohn erſcheinen in dem Licht und Zeichen der
Heidenmiſſion im Glanze der Verklärung. Aber
das miſſionirende Volk hat eben in der Miſſion,
die es treibt, ein mahnendes Zeichen, daß inner⸗
halb ſeines Gebietes der Tag des Heils ſich neigt
und es Abend werden will, wo bekanntlich von
Minute zu Minute die Schatten länger werden
und das Licht eutweicht. In der von der Hei⸗
denmiſſion ausgehenden Erleuchtung ſcheint uns
Jeſus wie ein Held Gottes, das Haupt in Son⸗
nenſtrahlen, den tragenden Fuß, die miſſioniren⸗
den Völker in Ungewittern, im Schatten der ein⸗
brechenden Gerichte Gottes. Wohl weiß ich,
daß die Meinung, als ſei das Erwachen einer re⸗
gen und geſegneten Miſſionsthätigkeit ein günſti⸗
ges Omen fur die miſſionirenden Völker, nämlich
auch für ſie ſelbſt das Zeichen des Anbrechens ei⸗
nes neuen Tages, ſich eines ziemlich allgemeinen
Beifalls erfreut. Aber vor Gottes Wort beſteht
dieſe Meinung nicht. Welches iſt doch das erſte
Miſſionsvolk geweſen? Offenbar die Juden. Wie
geſchrieben ſteht: „Von Zion geht aus der ſchöne
Glanz Gottes“ —dund abermals: „Das Heil komt
von den Juden.“ Und wie geſchrieben ſteht, ſo
iſt's geſchehen. Von Zion ging aus der ſchöne
Glanz Gottes, aber er giugeaus von Zion in
einem doppelten Sinne, nämlich auch in deem
Siune, daß Zion ſelbſt ihn daruber verloren hat.
Und das Hell kam wirklich von den Juden, aber
in doppeltem Sinne, nämlich auch in dem Sinne,
daß die Juden ſelbſt es darüber verloren. Es iſt
unverkennbar, daß häufig im alten Teſtament
die ſchen dort gegebenen Verheißungen an die Hei⸗
denlausdrucklich zugleich auch Drohungen furdie
Kn ſind. Wie geſchrieben ſteht: „Ich werde
ſucht von denen, die nicht nach mir frageten;
ich werde funden von denen, die mich nicht ſuch⸗
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ten; und zu den Heiden, die meinen Namen nicht
anriefen, ſage ich: Hie bin ich, hie bin ich.“ —
Und warum das? —„Denn ich recke meine Hände
aus den ganzen Tag zu einem ungehorſamen
Volk, das ſeinen Gedanken nachwandelt, auf ei⸗
nem Wege, der nicht gut iſt.“ —Es iſt unver⸗
kennbar, daß das Wort Johannis des Täufers:
„Gott kaun dem Abraham aus dieſen Steinen
Kinder erwecken „beides iſt, eine Verheißung
fuür die Heiden und eine Drohung fur die Juden.
Es iſt unverkennbar, daß ſo oft der Herr Jeſus
ſelbſt von der Berufung der Heiden ſpricht, er al⸗
lemal die Verwerfung der Juden damit in Ver⸗
bindung bringt. Er ſpricht: „Es werden kom⸗
men vom Morgen und vom Abend, von Mitter⸗
nacht und vom Mittage, und werden zu Tiſche
ſitzen mit Abraham, Iſaak und Jakob, aber die
Kinder des Reichs werden hinausgeſtoßen wer⸗
den in die äußerſte Finſterniß.“ Er ſpricht:
„Das Reich Gottes wird von euch Inden genom⸗
men und den Heiden gegeben werden, die ſeine
Früchte bringen.“ Noch deutlicher entwickelt
der Herr das Geſetz der Heidenmiſſion in dem
Gleichniß vom großen Abendmahle. Nach die⸗
ſem Gleichniß geht die Einladung der Heiden
ausdrücklich erſt aus dem Zorne Gottes über die
urſprünglich eingeladenen Juden hervor. Nach
dieſem Geſetz predigen Paulus und Barnabas in
Antiochiga zuerſt den Juden, und als die Juden
darauf läſterten, anſtatt zu glauben, ſprachen
Paulus und Barnabas frei öffentlich: „Euch
mußte zuerſt das Wort Gottes geſagt werden;
nun ihr es aber von euch ſtoößet und achtet euch
ſelbſt nicht werth des ewigen Lebens, ſiehe, ſo
wenden wir uns zu den Heiden.“ Aus allen
dieſen Gründen und Sprüchen ſchließt dann auch
St. Paulus in der Epiſtel an die Römer mit
überraſchender Sicherheit, danß der Reſich⸗
thum der Heidender Fall Iſraels
ſeſi, daß die geſegneten Erfolge der Heidenmiſ⸗
ſion ein Kennzeichen ſeien, daß es mit Iſraels
Wahl und Berufung auf die Neige gehe. Ich
ſage mit überraſchender Sicherheit, denn bloße
Menſchenweisheit würde in dieſem Falle anders
geſchloſſen haben. „Paule, du raſeſt,“ wurde
die Weisheit dieſer Welt gerufen haben, „du
ſiehſt und urtheilſt zu ſchwarz und zu ſawer.
Gewiß haſt du Urſache zu einer heiligen Entrü⸗
ſtung uüber das alte Bundesvolk, aber nicht Urſa⸗
che zu ſolcher Hoffnungsloſigkeit. Bedenke,
Iſrael hat nie größere Zeichen und Zeiten und
Männer gehabt, als dieſe letzten dreißig Jahre.
Auch ſind die bisherigen Erfolge durchaus nicht
ſo gering, daß man an der Wiedergeburt des
Volkes im Ganzen zweifeln dürfte. Denke an
die erſten drei Tauſend am Tage der Pfingſten,
denke an die weiteren fünf Tauſend, und wie
ſelbſt viele von den Phariſäern und Prieſtern ſind
glänbig geworden! Denke an dich ſelbſt! War
nicht in dir deines Volkes Blindheit und Wuth
perſönlich zuſammengefaßt? Und iſt es dir nicht
auch wie Schuppen von den Augen gefallen?
Was redeſt du alſo ſchon ſo beſtimmt und ſicher
von einem Fall, von einem lang andanernden
Fall, wo noch alles mitten in der Gährung, im
lebendigſten Entwickelungskampfe begriffen iſt
und zu den beſten Hoffuungen berechtigt So
ungefähr würde Menſchenweisheit geredet und
geſchloſſeu haben. Aber Paulus hält ſich an das
ihm gegebene Zeichen der Heidenmiſſion. Er
verſteht die Zeichenfprache dieſes Werkes. Er
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ſpricht: „Gottes Reich wird den Heiden gege⸗
ben.“ — „So muß es den Juden genommen wer⸗
den,“ ſchließt er, „weil Chriſtus ſelber Beidrs
verbunden hat.“
Wie aber Paulus das blühende Miſſionswerk
ſeiner Zeit merkwürdiger Weiſe nicht anſieht als
ein Zeichen des Auferſtehens desjenigen Volkes,
aus deſſen Schooß das Werk ausging und von“
deſſen edelſten Söhnen es gepflanzt wurde, ſon⸗
dern als ein Zeichen ſeines Falles, ſo durften
wir auch einen Fehlſchluß thun, wollten wir aus
dem unter uns aufgebluͤhten Miſſionswerk auf
ein neues Aufblühen der Kirche in unſerm Vater
lande ſchließen.
Es iſt nicht von Ungefähr, daß der neue Auf⸗
ſchwung des Miſſionsweſens ſich gerade von
1795 datirt, alſo aus einer Zeit ſtammt, wo das
Chriſtenthum in Europa einem abgelebten Grei⸗
ſe glich, und kurz zuvor in Frankreich das Chri⸗
ſtenthum, ja läſterlich genug die Exiſtenz des le⸗
bendigen Gottes ſelbſt wegdeeredirt worden war.
Das iſt geſchehen, anf daß abermals erfüllt wür⸗
de das Wort: „Nun ihr es von euch ſteßet, und
achtet euch ſelbſt nicht werth des ewigen Lebens,
ſiehe ſo wenden wir uns zu den Heiden.“ Es iſt
nicht von ungefähr, daß unſere Evangeliſch⸗zu⸗
theriſche Kirche gerade un Jahre 1836 ſich zu ei⸗
ner ſelbſtſtändigen Heidenmiſſion ermannte,
derſelben Zeit, wo man in einem Nachbarlande
die ſelbſtſtändige Exiſtenz dieſer Kirche durch
ſchwere Verfolgungen zu vernichten ſuchte. Es
iſt nicht von ungefähr, daß unſere im Ganzen
glaubensarme, kirchenflüchtige, bibel⸗ und kreü⸗
zesſcheue, der Welt und ihrer Luſt verkaufte Zeit
Dinge ausfuhrt, die eine fruhere, geiſtlich reiche⸗
re Zeit kaum in den Sinn nahm, eme Zeit, von
deren Liedern und Melodieen, Gebeten, Formu⸗
laren, Symbolen, Katechismen und Dogmatiken
wir zehren muſſen, wie die Aegypter in den ſieben
magern Jahren zehrten und ſich nährten von den
ſieben fetten. Damit daß wir ſagen: Unſere!
Väter haben hierin ihre Schuldigkeit nicht ge⸗
than, iſt wenig, ja ſo gut wie nichts geſagt zur
Erklärung dieſer merkwürdigen Erſcheinung.
Nein! dieſe Erſcheinnug iſt weſentlich und genu⸗
gend nur erklärt durch das Geſetz, das Chriſtus
ein⸗ für allemal aufgeſtellt hat, daß die Einla⸗
dung zum großen Abendmahl nach Gottes vor⸗
bedachtem Rath erſt dann auf andere Gaſte über⸗
geht, wenn die früher Geladenen nicht kommen!
oder nicht mehr kommen wollen; daß erſt dann
der Weinberg andern Weingärtnern ausgethan
wird, wenn die urſprünglichen den Zins verwei⸗—
gern und den Sohn und Erben zum Weinberge
hinansſtoßen. Darum ſowenig die Erſcheinung
des Sohnes Gottes im Fleiſch, ſeiue gewaltigen
Thaten, ſeine mächtigen Worte, ſeine Auferſte⸗
hung, die Ausgießung des heiligen Geiſtes, und
all die anderen großen, großen Thaten Gottes in
der apoſtoliſchen Zeit den bald darauf erfolgen⸗
den Fall Iſraels haben verhindern können, eben⸗
ſowenig werdeu die großen Thaten Gottes zu un⸗
ſerer Zeit, das unläugbar an den verſchiedenſten
Punkten erwachte Leben verhindern können, daß
ſtatt der gegenwärtigen innerlich ſchon hohl ge⸗
wordenen Träger des Chriſtenthums andere wer⸗
den beſtellt werden. Und daß der Herr derglei—
chen im Sinne hat, daß dergleichen uns ganz na⸗
he gerückt iſt, das ſoll uns eben das Zeichen der
Heidenmiſſion laut bezeugen. Freilich bleibt es
immer noch möglich, daß die Gefahr für uns vor ⸗
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