Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 24 › Seite 191
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-27, Seite 191
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gabt werden, ein Werk, das die Grenzen der
Chriſtenheit mit einem Gürtel von mehr als tau⸗
ſend geiſtlichen Waffenplätzen umgürtet und al⸗
lein durch das Schert des Geiſtes in dieſer Zeit
gegen funfmal hundert tanſend Heiden von der
Obrigkeit der Finſterniß erreitet und verſetzt hat
in das Reich des Sohnes Gottes, ein Werk, das
auch anf die Erfriſchung der heimiſchen Kirche,
namentlich auf die Wiederbelebung der ſo lange
vernachläſſigten Gemeinſchaft der Heiligen fol⸗
genreich zuruckgewirkt hat. So zeigt endlich auch
der unſerer Pſteie uberwieſene Theil dieſes
Werkes, die ſelbſtſtäudige Heidenmiſſion der
Evangeliſch⸗Lutheriſchen Kirche, die deutlichen
Spuren einer wunderbaren, über menſchliche Be⸗
rechnungen erhabenen Führung von oben herab.
Die ſchon im vorigen Jahrhundert gegrundeten
Evaugeliſch⸗lutheriſchen Tochtergemeinden in
Oſtindien haiten den Verfall ihrer gemeinſamen
Mutter in Eropa getheilt. Und ſiehe! als die
letzten Reſte Lutheriſcher Miſſionswirkſamkeit ei⸗
ner fremden Kirchenmutter in den Schvoß gewor⸗
fen werden ſollten, war die Geneſung der renten
Mutier in Europa bereits ſo weit vorgeſchritien,
daß das ſäafſiſche Miſſionscommittee in Dresden
den eben ſo zeit⸗ als ſatrifigemäßen Entſchluß
faſſen konnte, die lutheriſche Kirche im Miſſions⸗
werk nicht länger als eine Magd am fremden
E ziehen, ſondern ſelbſtſtändig und auf dem
Grund ihres eigenen Bekennturſſes arbeiten zu
laſen. Die Lutheriſche Kirche, nahe darau, in
nuber Miſchung mit allen megeichen Conſeſſionen
zu zerfließen und zu verbluten, erfaßte ſich wie⸗
der in ihrer vom Herrn gewollten Beſonderheit.
Die todt geglaubte erſtand von den Todten, und
bald wehte der Mutterodem ihres beſonderen Le⸗
dens auch wieder uber die erſtorbenen und verlo⸗
renen Miſſtonsfelder Oſtindiens, und die Kinder
kemmen nun wieder zu der rechten Mutter. Wer
aber das recht erwägt, was alles in Europa erſt
vorgehen mußte und vorging, damit dieſe Felder
unſerer Kirche erhalten wurden zur Arbeir und
jur Ernte, der wird anbetend bekennen muſſen,
hier ſei ein allein von Gott vorbedachter, von uns
enſchen erſt hintennach erkannter Zuſammen⸗
gang der Dinge, alſo ein Zeichen, durch welches
der Herr zu uns redet.
„Soviel, Geliebte in dem Herrn, von der Zei⸗
hennatur der Heidenmiſſion im Allgemeinen.
kaßt mich nun
2.
Ee Zeichenſprache dieſes Werkes
deuten, d. h. deuten, was der Herr mit der
heidenmiſſion, als einem ſichtbaren Worte Got⸗
es uns ſagen und bezeugen will.
Das erſte Zeugniy, das uns die Hei⸗
denmiſſion bezeugt, iſt ein Seuguip fur die Schrift,
doß ſie wahrhaftig ſei das Wort des lebendigen
Wottes, und mithin auch fuͤr Jeſum, daß er wahr⸗
haftig ſei der Sohn des lebendigen Gottes, —ein
zugniß fur den Zweck ſeiner Sendung, fur die
grucht ſeines Leidens, fur das Heil ans ſei⸗
nen Wunden, fur die Kraft ſeiner Auferſtehung,
ir die Dauer ſeines Reichs. Die Heidenmiſſion
uſerer Tage, ihre Entſtehung, ihr Wachsthum,
re Kriege und Siege, ſind im Grunde der Sta⸗
el, wider den zu löcken den Unglänbigen am
hwerſten wird. Im Chriſtenthum treten nicht
ne auf geiſtreiche Gedanken und verwickelte
Echlüſſe gebauten Beweiſe in den Vordergrund,
adern der Beweis des Geiſtes und der Kraft.
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Gottes Reich ſtehet nicht in Worten, ſondern in
der Kraft. Es iſt von großer Bedeutung, daß
Chriſtus genannt wird ein Prophet, zuerſt mäch⸗
tig von Thaten und dann erſt mächtig von Wor⸗
ten. Als Nathangel nicht glauben will, daß Je⸗
ſus der Meſſias ſei, verſet mäht es Philippus, den
gelehrten Schulbeweis dafür zu fuühren. Er ap⸗
pellirt an den Beweis des Lebens und ſpricht:
„Komm und ſieie““ So hat uns der Herr in
der Heidenmiſſion ein Zeichen gegeben, das wir
denen, die nicht glanben wollen, daß die Schrift
Gottes Wort, und Jeſus Gottes Sohn ſei, vor⸗
halten und ihnen zurufen ſollen: „Kommet und
ſehet.“ Als Johannes Jeſum fragen läßt: Biſt
du der da kemmen ſoll ꝰ—verſchmäht es Jeſus,
den gelehrten Schulbeweis dafur zu führen. Er
appellirt an den Beweis des Lebens und ſpricht:
„Gehet hin und ſaget Johanui wieder, was ihr
ſehet und höret.“ Die Heidenmiſſion mit ihren
Fruchten vertritt in unſeren Tagen vollſtändig
die Zeichen und Wunder jener Zeit, daß die Blin⸗
den durch Jeſum ſahen, die Lahmen gingen, die
Tauben hörten, die Stummen redeten, die Aus⸗
ſätzigen rein wurden und die Todten lebten. Und
ange ſichts der großen Zeichen und Wunder in der
Heidenmiſſion iſt es eine bedanernswerthe und
zugleich höchſt ſträfliche Verirrung, daß etliche
ſtolze Geiſter der Neuzeit überſättigte Gemuther
lüſtern machen nach Wundern gerade in der
Geſtait, wie die apoſtoliſa e Zeit ſie uns aufweiſt.
Es iſt ſchon im gemeinen Leben die Unzufrieden⸗
heit mit den vermeintlich geringen Gaben Gottes
ein böſes Ding. Noch böſer und gefährlicher iſt's
aber, wenn man anf geiſtlichem Gebiete unzu⸗
frieden iſt mit den anſcheinend geringen Gaben
und Thaten Gottes, um ſo gefährlicher, weil ge⸗
meiniglich Blindheit und Undankbarkeit gegen die
reichlich vorhandenen Gaben und Thaten Gottes
die natürlichen Schweſtern jener phariſäiſchen
Unzufriedenheit ſind. Es iſt allemal gut, wenn
uns anſcheinend etwas Wichtiges fehlt,
ein möglichſt genaues Regiſter deſſen anzuferti⸗
gen, was wir haben. Ein Chriſt wird
dann finden, daß deſſen, was er hat, allemal
mehr iſt, als deſſen, was ihm fehlt. So ſcheint
uns wohl viel zu fehlen, wenn wir von den man⸗
cherlei Geiſtesgaben der apoſtoliſchen Zeit leſen
und bei mand er Gabe nus ſagen muſſen, daß
nictt nur ſie ſelbſt, ſondern ſogar ihr Verſtändniß
uns abhanden gekommen iſt. Aber wenn wir auf
die Heidenmiſſion und ihre Früchte hinblicken, ſo
muß deſſen, was wir noch gemeinſam mit den
Apoſteln beſitzen, mehr ſein, als deſſen, worin ſie
der Herr, der Macht hat zu thun mit dem Seini⸗
gen, wie er will, vor uus bevorzugt hat. Ja noch
mehr! Gerade je geringer die perſönliche Gei⸗
ſtesbegabung der heutigen Chriſten gegen damals
iſt, je ärmer die hentige Kirche an Wunderthä⸗
tern im damaligen Sinne, ja uberhaupt an apo⸗
ſtoliſchen Perſönlichkeiten iſt, als ein um ſo grö⸗
ßeres Zeichen und Wunder ſteht die hentige Hei⸗
denmiſſion da, um ſo beſtimmter und unzweiden⸗
tiger zeugt ſie, nidt von unſerer Macht und von
unſern Gaben, ſondern von der Macht, Wahr⸗
heit und Autorität des Wortes und von der Kraft
der Sacramente und von der ungeſchwächten Ge⸗
walt und dem unverkurzten Arm deſſen, dein alle
Gewalt gegeben iſt im Himmel und auf Erden
und dem gegenüber alle menſchlichen Mitarbeiter
im Reiche Gottes je länger je lieber ſich ihrer
Schwachheit rühmen und bekennen lernen: „Er
mußhwachſen, wir aber müſſenab⸗
nehmen.“
Darum die ſchlichten Miſſionsblätter ſeit fuͤnf⸗
zig Jahren ſind die kräftigſten Apologieen für das
Chriſtenthum, die ſchlagendſten Streitſchriften
wider die Philiſter unſerer Tage, die werthvoll⸗
ſten Beiträge zur Löſung der eigentlichen Preis⸗
fragen dieſer Zeit, über deren Beantwortung die
Menſchheit ſich ſpaltet vom Aufgang bis zum
Niedergang, der Fragen: „Was dünket euch um
die Schrift? Weſſen Wort iſt ſie?“und: „Was
ket euch um Chriſto? Wes Sohn iſt er?“—Auf
dieſe Fragen antworten wie Donner, ja wie
Blitze die großen Thaten Gottes auf Tahiti, das
aus einer blutgetrankten Wuſte in ein Paradies
umgewandelt wurde. Darauf geben Antwort die
großen Thaten Gottes in Weſtindien an Hams
verfluchtem Geſchlecht, das trotz hundertjähriger
Mißhandlungen durch ſogenannte Chriſten, den⸗
noch den gekreuzigten Gott dieſer Chriſten mit ei⸗
ner Innigkeit der Liebe, mit einer Glut und Be⸗
geiſterung, mit einer Kraſt des geheiligten Wil⸗
lens ergriffen hat, daß die von dort gemeldeten
Bekehrungen an die ſchönſten und blühendſten
Zeiten der Kirche erinnern. Darauf geben Ant⸗
wort die großen Thaten auf Madagascar, wo die
jungen Chriſten mit der Freudigkeit des alten
Muthes für Gottes Wort und Gottes Sohn in
den Tod gehen, waͤhrend man in Euro⸗
pa, während man in Deutſchland, welches
nun tauſend Jahre ein chriſtliches Land iſt,
Gottes Wort und Sohn frech verleugnet und mit
Füßen tritt, oder mit Laodiceiſcher Lauigkeit die
alte herzloſe Frage des Pilatus: „Was iſt Wahr⸗
heit?“ in tauſend Variationen ſorglos und oft
auch gedankenlos nauplärrt. Darauf geben
Antwort die großen Thaten Gottes in Südafri⸗
ka, in Weſtafrika, in Oſtindien und weithin bis
an die Enden der Erde. Es kann nicht die Auf⸗
gabe einer Predigt ſein, alle die großen Thaten
Gottes auf allen dieſen Feldern euch vorzufüh⸗
ren, und die tauſend und aber tauſend Stimmen
von dort euch zu dolmetſchen. Ich wollte nur
hinweiſen auf die viel tanſend Waſſerquellen,
welche das Evangelium von Jeſu Chriſto dem
Felſenboden der Heidenwelt entlockt hat. Ich
muß es nun allen, die nach Wahrheit dürſten
und die Wahrheit noch nicht gefunden, oder doch
noch nicht geſchmeckt haben, anheim geben, dieſe
Quellen aufzuſuchen, dieſe Zeichen anzuſchauen
und auf ihr Herz wirken zu laſſen. Verachten
wir dieſe Zeichen, halten wir es nicht der Muhe
werth, uns nach ihnen umzuſehen, ſo muß der
Herr mit uns reden, wie er geredet hat mit Cho⸗
razin, Bethſaida und Capernaum, und es wird
Tyro und Sidon, ja den Sodomitern am jüng⸗
ſten Tage träglicher ergehen, denn uns. Wohl
weiß ich, daß der letzte und beſte Beweis fur Got⸗
tes Wort und Sohn wo anders liegt, als in dem
Zeichen der Heidenmiſſion. Der letzte und beſte
Beweis ſur Gottes Wort und Sohn iſt nur ſo zu
finden, daß man dem Spruche Chriſti folgt: „So
jemand will des Willen thun, der mich geſandt
baͤt, der wird inne werden, ob dieſe Lehre von
Gott ſei, oder ich von mir ſelbſt rede.“ Aber ich
weiß auch aus eigener Erfahrung, wie ſchwer es
hält, ehe der Menſch dieſen Weg einſchlägt, and
daß auf keinem Gebiete, als auf dem Gebiet
praktiſchen Chriſtenthums die Thorheit verbreitt!
ter iſt, welde ſchwimmen lernen will, ohne ins
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