# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 07 27_S192 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Waſſer zu gehen. So lange uns aber noch der Muth oder der Ernſt fehlt, ſelber das Wort Chriſti zu thun und ſo an uns unmitteibar ſeine Kraft zu erfahren, ſo lauge iſt der beſte Rath für Seele, die Kraft des Wortes an andern Seelen anzuſhauen, um ſo allmälig den Ernſt und den Muth zu gewinnen, des Wortes Heilkraft an der eigenen Krankheit zu erproben. Das Zei⸗ chen der Heidenmiſſion kann in dir zwar noch nicht ohne Weiteres den eigentlich ſeligmachen⸗ den Glauben wirken, aber ſie kann und ſoll dich einladen, anfeuern, drängen, den letzten entſchei⸗ denden Schritt zu thun, nämlich, anſtatt des Zei⸗ chens, das Wort vom Kreuz ſelbſt unmittelbar auf dich wirken zu laſſen. Dann wird der Geiſt ſelbſt zeugen, daß Geiſt Wahrheit iſt und du wirſt anſtimmen können: „Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält.“ Und anſtatt andere Zeichen und Wunder zu vermiſſen oder zu begehren, oder dir vom Teufel, dem alten Affen Gottes, unterſchieben zu laſſen, wirſt du um dir und um dich herum täglich mehr Wunder und Zeichen entdecken, als dein armes Herz zu faſſen und deine ſchwere Zunge wurdig zu loben im Stande iſt. Es gibt aber die Heidenmiſſion nicht nur dem Worte Zeugniß, das unter die Heiden getragen wird, daß es nämlich eine Kraft Gottes ſei, ſelig zu machen alle die daran glauben, ſondern zwei⸗ tens anch dem Träger dieſes Wortes, nämlich dem Volke, von welchem die Miſſion aus⸗ geht. Aber ganz ein Anderes zeugt die Miſſion von dem hinaustragenden Volke, als von dem hinausgetragenen Worte. Gottes Wort und Sohn erſcheinen in dem Licht und Zeichen der Heidenmiſſion im Glanze der Verklärung. Aber das miſſionirende Volk hat eben in der Miſſion, die es treibt, ein mahnendes Zeichen, daß inner⸗ halb ſeines Gebietes der Tag des Heils ſich neigt und es Abend werden will, wo bekanntlich von Minute zu Minute die Schatten länger werden und das Licht eutweicht. In der von der Hei⸗ denmiſſion ausgehenden Erleuchtung ſcheint uns Jeſus wie ein Held Gottes, das Haupt in Son⸗ nenſtrahlen, den tragenden Fuß, die miſſioniren⸗ den Völker in Ungewittern, im Schatten der ein⸗ brechenden Gerichte Gottes. Wohl weiß ich, daß die Meinung, als ſei das Erwachen einer re⸗ gen und geſegneten Miſſionsthätigkeit ein günſti⸗ ges Omen fur die miſſionirenden Völker, nämlich auch für ſie ſelbſt das Zeichen des Anbrechens ei⸗ nes neuen Tages, ſich eines ziemlich allgemeinen Beifalls erfreut. Aber vor Gottes Wort beſteht dieſe Meinung nicht. Welches iſt doch das erſte Miſſionsvolk geweſen? Offenbar die Juden. Wie geſchrieben ſteht: „Von Zion geht aus der ſchöne Glanz Gottes“ —dund abermals: „Das Heil komt von den Juden.“ Und wie geſchrieben ſteht, ſo iſt's geſchehen. Von Zion ging aus der ſchöne Glanz Gottes, aber er giugeaus von Zion in einem doppelten Sinne, nämlich auch in deem Siune, daß Zion ſelbſt ihn daruber verloren hat. Und das Hell kam wirklich von den Juden, aber in doppeltem Sinne, nämlich auch in dem Sinne, daß die Juden ſelbſt es darüber verloren. Es iſt unverkennbar, daß häufig im alten Teſtament die ſchen dort gegebenen Verheißungen an die Hei⸗ denlausdrucklich zugleich auch Drohungen furdie Kn ſind. Wie geſchrieben ſteht: „Ich werde ſucht von denen, die nicht nach mir frageten; ich werde funden von denen, die mich nicht ſuch⸗ — 190 ten; und zu den Heiden, die meinen Namen nicht anriefen, ſage ich: Hie bin ich, hie bin ich.“ — Und warum das? —„Denn ich recke meine Hände aus den ganzen Tag zu einem ungehorſamen Volk, das ſeinen Gedanken nachwandelt, auf ei⸗ nem Wege, der nicht gut iſt.“ —Es iſt unver⸗ kennbar, daß das Wort Johannis des Täufers: „Gott kaun dem Abraham aus dieſen Steinen Kinder erwecken „beides iſt, eine Verheißung fuür die Heiden und eine Drohung fur die Juden. Es iſt unverkennbar, daß ſo oft der Herr Jeſus ſelbſt von der Berufung der Heiden ſpricht, er al⸗ lemal die Verwerfung der Juden damit in Ver⸗ bindung bringt. Er ſpricht: „Es werden kom⸗ men vom Morgen und vom Abend, von Mitter⸗ nacht und vom Mittage, und werden zu Tiſche ſitzen mit Abraham, Iſaak und Jakob, aber die Kinder des Reichs werden hinausgeſtoßen wer⸗ den in die äußerſte Finſterniß.“ Er ſpricht: „Das Reich Gottes wird von euch Inden genom⸗ men und den Heiden gegeben werden, die ſeine Früchte bringen.“ Noch deutlicher entwickelt der Herr das Geſetz der Heidenmiſſion in dem Gleichniß vom großen Abendmahle. Nach die⸗ ſem Gleichniß geht die Einladung der Heiden ausdrücklich erſt aus dem Zorne Gottes über die urſprünglich eingeladenen Juden hervor. Nach dieſem Geſetz predigen Paulus und Barnabas in Antiochiga zuerſt den Juden, und als die Juden darauf läſterten, anſtatt zu glauben, ſprachen Paulus und Barnabas frei öffentlich: „Euch mußte zuerſt das Wort Gottes geſagt werden; nun ihr es aber von euch ſtoößet und achtet euch ſelbſt nicht werth des ewigen Lebens, ſiehe, ſo wenden wir uns zu den Heiden.“ Aus allen dieſen Gründen und Sprüchen ſchließt dann auch St. Paulus in der Epiſtel an die Römer mit überraſchender Sicherheit, danß der Reſich⸗ thum der Heidender Fall Iſraels ſeſi, daß die geſegneten Erfolge der Heidenmiſ⸗ ſion ein Kennzeichen ſeien, daß es mit Iſraels Wahl und Berufung auf die Neige gehe. Ich ſage mit überraſchender Sicherheit, denn bloße Menſchenweisheit würde in dieſem Falle anders geſchloſſen haben. „Paule, du raſeſt,“ wurde die Weisheit dieſer Welt gerufen haben, „du ſiehſt und urtheilſt zu ſchwarz und zu ſawer. Gewiß haſt du Urſache zu einer heiligen Entrü⸗ ſtung uüber das alte Bundesvolk, aber nicht Urſa⸗ che zu ſolcher Hoffnungsloſigkeit. Bedenke, Iſrael hat nie größere Zeichen und Zeiten und Männer gehabt, als dieſe letzten dreißig Jahre. Auch ſind die bisherigen Erfolge durchaus nicht ſo gering, daß man an der Wiedergeburt des Volkes im Ganzen zweifeln dürfte. Denke an die erſten drei Tauſend am Tage der Pfingſten, denke an die weiteren fünf Tauſend, und wie ſelbſt viele von den Phariſäern und Prieſtern ſind glänbig geworden! Denke an dich ſelbſt! War nicht in dir deines Volkes Blindheit und Wuth perſönlich zuſammengefaßt? Und iſt es dir nicht auch wie Schuppen von den Augen gefallen? Was redeſt du alſo ſchon ſo beſtimmt und ſicher von einem Fall, von einem lang andanernden Fall, wo noch alles mitten in der Gährung, im lebendigſten Entwickelungskampfe begriffen iſt und zu den beſten Hoffuungen berechtigt So ungefähr würde Menſchenweisheit geredet und geſchloſſeu haben. Aber Paulus hält ſich an das ihm gegebene Zeichen der Heidenmiſſion. Er verſteht die Zeichenfprache dieſes Werkes. Er 1 ſpricht: „Gottes Reich wird den Heiden gege⸗ ben.“ — „So muß es den Juden genommen wer⸗ den,“ ſchließt er, „weil Chriſtus ſelber Beidrs verbunden hat.“ Wie aber Paulus das blühende Miſſionswerk ſeiner Zeit merkwürdiger Weiſe nicht anſieht als ein Zeichen des Auferſtehens desjenigen Volkes, aus deſſen Schooß das Werk ausging und von“ deſſen edelſten Söhnen es gepflanzt wurde, ſon⸗ dern als ein Zeichen ſeines Falles, ſo durften wir auch einen Fehlſchluß thun, wollten wir aus dem unter uns aufgebluͤhten Miſſionswerk auf ein neues Aufblühen der Kirche in unſerm Vater lande ſchließen. Es iſt nicht von Ungefähr, daß der neue Auf⸗ ſchwung des Miſſionsweſens ſich gerade von 1795 datirt, alſo aus einer Zeit ſtammt, wo das Chriſtenthum in Europa einem abgelebten Grei⸗ ſe glich, und kurz zuvor in Frankreich das Chri⸗ ſtenthum, ja läſterlich genug die Exiſtenz des le⸗ bendigen Gottes ſelbſt wegdeeredirt worden war. Das iſt geſchehen, anf daß abermals erfüllt wür⸗ de das Wort: „Nun ihr es von euch ſteßet, und achtet euch ſelbſt nicht werth des ewigen Lebens, ſiehe ſo wenden wir uns zu den Heiden.“ Es iſt nicht von ungefähr, daß unſere Evangeliſch⸗zu⸗ theriſche Kirche gerade un Jahre 1836 ſich zu ei⸗ ner ſelbſtſtändigen Heidenmiſſion ermannte, derſelben Zeit, wo man in einem Nachbarlande die ſelbſtſtändige Exiſtenz dieſer Kirche durch ſchwere Verfolgungen zu vernichten ſuchte. Es iſt nicht von ungefähr, daß unſere im Ganzen glaubensarme, kirchenflüchtige, bibel⸗ und kreü⸗ zesſcheue, der Welt und ihrer Luſt verkaufte Zeit Dinge ausfuhrt, die eine fruhere, geiſtlich reiche⸗ re Zeit kaum in den Sinn nahm, eme Zeit, von deren Liedern und Melodieen, Gebeten, Formu⸗ laren, Symbolen, Katechismen und Dogmatiken wir zehren muſſen, wie die Aegypter in den ſieben magern Jahren zehrten und ſich nährten von den ſieben fetten. Damit daß wir ſagen: Unſere! Väter haben hierin ihre Schuldigkeit nicht ge⸗ than, iſt wenig, ja ſo gut wie nichts geſagt zur Erklärung dieſer merkwürdigen Erſcheinung. Nein! dieſe Erſcheinnug iſt weſentlich und genu⸗ gend nur erklärt durch das Geſetz, das Chriſtus ein⸗ für allemal aufgeſtellt hat, daß die Einla⸗ dung zum großen Abendmahl nach Gottes vor⸗ bedachtem Rath erſt dann auf andere Gaſte über⸗ geht, wenn die früher Geladenen nicht kommen! oder nicht mehr kommen wollen; daß erſt dann der Weinberg andern Weingärtnern ausgethan wird, wenn die urſprünglichen den Zins verwei⸗— gern und den Sohn und Erben zum Weinberge hinansſtoßen. Darum ſowenig die Erſcheinung des Sohnes Gottes im Fleiſch, ſeiue gewaltigen Thaten, ſeine mächtigen Worte, ſeine Auferſte⸗ hung, die Ausgießung des heiligen Geiſtes, und all die anderen großen, großen Thaten Gottes in der apoſtoliſchen Zeit den bald darauf erfolgen⸗ den Fall Iſraels haben verhindern können, eben⸗ ſowenig werdeu die großen Thaten Gottes zu un⸗ ſerer Zeit, das unläugbar an den verſchiedenſten Punkten erwachte Leben verhindern können, daß ſtatt der gegenwärtigen innerlich ſchon hohl ge⸗ wordenen Träger des Chriſtenthums andere wer⸗ den beſtellt werden. Und daß der Herr derglei— chen im Sinne hat, daß dergleichen uns ganz na⸗ he gerückt iſt, das ſoll uns eben das Zeichen der Heidenmiſſion laut bezeugen. Freilich bleibt es immer noch möglich, daß die Gefahr für uns vor ⸗ 1