Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 23 › Seite 182
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-17, Seite 182
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aber nach deſſen Tode der Irrthum wie in ein
verlaſſenes Haus eingedrungen. Die Aus⸗
drücke von der Hoheit des Biſchofsthums und
deſſen Würde, die wir jetzt hie und da in den
Schriften ſonſt guter, wohlmeinender Kirchen⸗
lehrer finden, werden immer bedenklicher. Doch
hören wir zu Ende des zweiten und in der er—
ſten Hälfte des dritten Jahrhunderts Männer
wie Tertullian und Cyprian noch zimmer mit
großem Ernſte für die Rechte des prleſterlichen
Chriſtenvolkes zeugen. Nachdem aber mit der
Bekehrung Conſtantin's des Großen, des er⸗
ſten chriſtlichen Kaiſers, die Verfolgungen ſich
gelegt und inſonderheit an das biſchöfliche Amt
irdiſche Vortheile der Ehre, des Einkommens
und Einfluſſes ſich geknüpft hatten, ſo nahm
nun auch Weltſinn, Geiz und Ehrſucht gerade
unter den Lehrern mehr und mehr überhand.
Unter anderem bezeugt nicht lange darnach ein
alter treuer Kirchenlehrer in einer Schrift, die
unter Ambroſius' Namen auf uns gekommen
iſt: daß die Ordnung der Laienälteſten, ohne
deren Rath man früher nichts in der Kirche
vorgenommen, aus Hochmuth der Prieſter ab⸗
geſchafft worden ſei, indem die Prieſter nun al⸗—
lein etwas in der Kirche hätten gelten wollen.1)
Vor allen waren es die Biſchöfe zu Rom,
welche ſich bald als Herrn der Kirche geberdeten
und nur zu frühzeitig ſich nicht undeutlich mer—
ken ließen, daß ihr Biſchofsſtuhl der Thron des
Antichriſts im Tempel Gottes werden werde.
Schon zu Ende des 2. Jahrh. that der römiſche
Biſchof Viktor mehrere kleinaſiatiſche Gemein—
den in den Bann, weil ſie ſeiner Anſicht über
die Zeit der Oſterfeier nicht beiſtimmen wollten.
Anderes zu übergeben, ſo machten hernach im
5. Jahrhundert wieder drei auf einander fol⸗
gende römiſche Biſchöfe, Zoſimus, Bonifacius
J. und Cöleſtinus I., den Verſuch, die Ober—
hoheit auch über die afrikaniſchen Gemeinden
zu erlangen, zu welchem Zwecke ſie ſelbſt die
Beſchlüſſe des nicäniſchen Coneiliums verfälſch—
ten. Da war es aber Auguſtinus und andere
afrikaniſche Biſchöfe auf dem 6. Carthaginen—
ſiſchen Concilinm, welche ſich den Anmaßungen
der römiſchen Herrſchſucht noch kräftig und er⸗
felgreich entgegen ſetzten. Je wichtiger aber
die Stadt Rom für die ganze Welt war, und
1) Charakteriſtiſch iſt, daß man auf dem zu Magon im
Jahre 585 gehaltenen Concilium in dem 15. Canon Fol⸗
gendes feſtſetzte: „So ein Wentlicher auf der Reiſe einem
Geiſllichen begegnet, ſoll er bis zum unterſten Grad der
Ehrerbietung ſich dem ſelben unterwerfen. Sitzt der Welt⸗
liche zu Pferde und der Geiſtliche auch, ſo ſoll der Weitliche
alobald mit Abziehung ſeines Hutes den Geiſtlichen begrüßen;
gehet der Geiſtliche zu Fuße, und der andere reitet, ſo ſoll
der Weltliche ungeſäumt und gleichſam über Hals und Kopf
vom Pferd herabſpringen und dem Geiſtlichen ſeine Ehre
zeben. Wer das übertritt, ſoll vom Bifchof, ſo lange es
ihm gefällt, von der Gemeine abgeſondert (in den Bann
gethan) werden.“ — Siehe das Buch: „Die böſen Prie⸗
gerfeinde, welche Gott bekehre ꝛc. Dresden 1700,“ Seite
255, wo der Verſaſſer hinzuſetzt: „Aber dieſer Eifer vor die
Ehre und Acſtim der Geiſtlichen iſt ſehr gefallen!“ — Wir
ſetzen dies nicht hieher, um damit reu groben unfläthigen
Verächtern des helligen Predigtamtes und ſeiner treuen
Vertwalter vas Wort zu reden; aber Schande urd Schm ach
über die ehrſüchtigen Pfaffen, die um ihres Amtes willen,
das ſie doch ſchänden, von den Lapen, als ihren Creoturen,
angebetet ſein wollen!
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man gerade der Stimme der römiſchen Biſchöfe
und ihrer Kirche ein großes Gewicht beigelegt
und ihr in vielen Fällen den Vorrang und
ſchiedsrichterliche Gewalt freiwillig zugeſtanden
hatte: deſto kühner und kühner trat gerade hier
das antichriſtiſche Sicherheben über die Kirche
der Gläubigen hervor. Zwar erklärte noch zu
Ende des 6. Jahrhunderts der römiſche Biſchof
Gregor der Große: „Wer ſich den allgemeinen
Biſchof der ganzen Chriſtenheit nennet oder alſo
genennet zu werden verlangt, der iſt in ſeinem
Hochmuth ein Vorläufer des Antichriſts,“ weil
ſich nehmlich ſo der conſtantinopolitaniſche Bi—
ſchof hatte nennen wollen. Doch ſchon Gre—
gor's nächſter Nachfolger, Bonifacius III.,
nahm dieſen Titel, welchen ihm Kaiſer Pho—
cas, der Mörder ſeines Vorgängers, beſtätigt
hatte, ohne Zögern an. Von nun an began—
nen die römiſchen Biſchöſe ihre Dekrete mit den
Worten: „Wir wollen und befehlen.“
So ſehen wir denn bereits zu Anſange des
ſiebenten Jahrhunderts die apoſtoliſche Weiſſa—
gung von dem Aufkommen eines Antichriſts mit—
ten in dem Tempel Gottes vollkommen erfüllt,
erfüllt nehmlich in der nunmehr durchgeſetzten
Aufrichtung des römiſchen Pabſtthums. Jetzt
ſtand der Gräuel der Verwüſtung an heiliger
Stätle.
Wie wäre ich aber im Stande, nun in weni⸗
gen Augenblicken ein auch nur einigermaßen
vollſtändiges Bild des ganzen toͤranniſchen Prie⸗
ſterregimentes mit ſeinen Gräueln an euren Au—
gen vorüberzuführen, welches von dieſer Zeit
an bis zur Zeit der Reformation die Chriſten
ſchmählich und verderblich gedrückt hat! Im
Lichte der wieder an den Tag gekommenen evan⸗
geliſchen Lehre ſehen wir jetzt: wie einſt Satan
nach der Erſchaffung der Menſchen nach
Gottes Ebenbilde die Menſchheit verführte und
ſo das erſte Werk der göttlichen Liebe an uns
Menſchen zu nichte zu machen verſuchte: ſo hat
das Pabſtthum nun nach vollbrachter Erhö—
ſung der Menſchheit dieſelbe nun auch um
die Frucht dieſes zweiten Werkes der gött—
lichen Liebe, um das wirdererworbene Heil, zu
bringen verſucht. Durch das Pabſtthum
wurde die Kirche in einen Prieſterſtaat ver—
wandelt, in welchem der römiſche Biſchof mit
ſeinen unermeßlichen Heeren von Biſchöfen,
Prieſtern und Mönchen die ganze Chriſten—
heit als ihr unumſchränkter Gebieter be—
berrſchte, Pabſt, Biſchof und Prieſter zu be—
fehlen, der Lape nur zu gehorchen, der Prieſter
die Gewalt der Himmelsſchlüſſel als ſein aus—
ſchließliches Privilegium zu verwalten und der
Laye die Seligkeit als eine Gnade der Geiſtlich⸗
keit zu erwarten und von ihr zu erkaufen hatte.
Petrus ſpricht zu den Chriſten: „Ihr ſeid
das königliche Prieſterthum;“ nun aber wurde die
Prieſterwürde ihnen genommen und allein die Ge⸗
weihten des Pabſtes für Prieſter erklärt. Pau⸗
lus ruft den Chriſten zu: „Die ihr geiſtlich
ſeid;“ nun aber wurde der gemeine Chriſten⸗
ſtand für einen unreinen, weltlichen erklärt, und
nur die Pfaffen hießen die Geiſtlichen und nur
der Pfaffen⸗ und Mönchsſtand geiſtlich und gött⸗
lich. Paulus fordert die Chriſten anut:
„Nichtet ihr, was ich ſage,“ und im erſten apo—
ſtoliſchen Concilium zu Jeruſalem hatten Laien
Sitz und Stimme; nun aber wurde dieſes Recht,
über die Lehre zu urtheilen und in den Conci⸗
lien mit zu reden, ihnen geraubt und nur den
Biſchöfen geſtattet; ja, das Chriſtenvolk wurde.
für das Volk erklärt, das verflucht iſt und nichts
vom Geſetz weiß, während der Pabſt brüllte??
„Wenn er auch die Chriſten zu ganzen Schaa“!
ren mit ſich in den Abgrund der Hölle riſſe,
dürfte doch niemand ihn darob zur Rede ſetzen
und ſagen: „Was machſt du?“ Chriſtus ſpricht
zu den Juden, wie viel mehr zu ſeinen gläubi⸗ „
gen Chriſten: „Forſchet in der Schrift;“
nun aber wurde das Leſen des Wortes Gottes
unter Androhung großer Strafe verboten, die
Erfüllung dieſer theuren Pflicht für ein Verbr⸗!
chen und die Layenchriſten ausdrücklich für die H
Säue und Hunde erklärt, denen man das Hei
ligthum und die Perle nicht vorwerfen dürfe⸗
Als zur Zeit der Apoſtel ein Apoſtel an deoͤ ö
Verräthers Stelle, und in der Gemeine zu Jeru⸗
ſalem die Diakonen gewählt werden ſollten, da
forderten die Apoſtel die Brüder oder das Chri—
ſtenvolk zur Wahl auf; nun aber wurden
die Kirchendiener nur von Pabſt und Biſchöſen!
gewählt, der Lave mußte ſchweigen und den ibin
Vorgeſetzten als ſeinen Herrn erkennen und an⸗
nehmen. Chriſtus ſpricht zu ſeinen Chriſten:
„Einer iſt euer Meiſter, Einer iſt euer Vater;“
nun ſprach der Pabſt: Ich bin euer Meiſter und
ener Pabſt, d. i. der Vater aller Chriſten. Pau⸗
lus ſpricht zu den Chriſten: „Nicht daß wit
Herren ſeien über euren Glauben; nicht ſage ich,
daß ich etwas gebiete;“ und Petrus ruft daber'
den Kirchendienern zu: „Nicht als die über das
Volk berrſchen;“ nun aber rief Pabſt, Biſchöſtz
und Prieſter den Chriſten zu: wir wollen, befebs
len und gebieten, und was wir zu thun und zu
glauben euch vorſchreiben, das müßt ihr thun
und glauben, oder im Bann ſterben als Ver⸗
ſluchte Gottes und Ketzer. Chriſtus gibt das
letzte Gericht ſeinen Chriſten und ſprichtk!
„Sage es der Gemeine; bört er die Gemeim
nicht, ſo halte ihn für einen Heiden und Zol.
ner;“ nun riefen die Kirchentorannen: Dite
Kirche ſind wir; der Bann iſt in unſerer Hand;
weruns nicht hört, iſt ein Heide und Zöllner⸗
Chriſtus ſpricht zu allen Communicanten:
„Trinket alle daraus;“ nun aber wurde der
Laye des heiligen Kelches für unwürdig erklätt
und dieſer allein den geweihten Dienern des
Pabſtes gereicht. Paulus ſagt von der Gemein⸗
de der Chriſten: „Das iſt die Freie, die iſ
unſer aller Mutter;“ nun aber wurde ſie eine
dienſtbare Magd des Pabſtes und eine Sclavin
ſeiner Prieſter. Paulus raft endlich den Chri⸗
ſten zu: „Es iſt Alles euer; ihr aber
ſeid Chriſti;“ nun aber ſchrie Pabſt, Biſchö⸗
fe, Prieſter und Mönche: Es iſt Alles un ſer
und ihr uns gegeben; nun galt die Kirche für
ein Schiff, in welchem nur Geiſtliche und Mön⸗
che ſich befänden, durch deren Amtsherrlichleit
und Verdienſte allein der Laye noch mit in den
Himmel genommen werden könne.
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