# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 07 17_S182 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) aber nach deſſen Tode der Irrthum wie in ein verlaſſenes Haus eingedrungen. Die Aus⸗ drücke von der Hoheit des Biſchofsthums und deſſen Würde, die wir jetzt hie und da in den Schriften ſonſt guter, wohlmeinender Kirchen⸗ lehrer finden, werden immer bedenklicher. Doch hören wir zu Ende des zweiten und in der er— ſten Hälfte des dritten Jahrhunderts Männer wie Tertullian und Cyprian noch zimmer mit großem Ernſte für die Rechte des prleſterlichen Chriſtenvolkes zeugen. Nachdem aber mit der Bekehrung Conſtantin's des Großen, des er⸗ ſten chriſtlichen Kaiſers, die Verfolgungen ſich gelegt und inſonderheit an das biſchöfliche Amt irdiſche Vortheile der Ehre, des Einkommens und Einfluſſes ſich geknüpft hatten, ſo nahm nun auch Weltſinn, Geiz und Ehrſucht gerade unter den Lehrern mehr und mehr überhand. Unter anderem bezeugt nicht lange darnach ein alter treuer Kirchenlehrer in einer Schrift, die unter Ambroſius' Namen auf uns gekommen iſt: daß die Ordnung der Laienälteſten, ohne deren Rath man früher nichts in der Kirche vorgenommen, aus Hochmuth der Prieſter ab⸗ geſchafft worden ſei, indem die Prieſter nun al⸗— lein etwas in der Kirche hätten gelten wollen.1) Vor allen waren es die Biſchöfe zu Rom, welche ſich bald als Herrn der Kirche geberdeten und nur zu frühzeitig ſich nicht undeutlich mer— ken ließen, daß ihr Biſchofsſtuhl der Thron des Antichriſts im Tempel Gottes werden werde. Schon zu Ende des 2. Jahrh. that der römiſche Biſchof Viktor mehrere kleinaſiatiſche Gemein— den in den Bann, weil ſie ſeiner Anſicht über die Zeit der Oſterfeier nicht beiſtimmen wollten. Anderes zu übergeben, ſo machten hernach im 5. Jahrhundert wieder drei auf einander fol⸗ gende römiſche Biſchöfe, Zoſimus, Bonifacius J. und Cöleſtinus I., den Verſuch, die Ober— hoheit auch über die afrikaniſchen Gemeinden zu erlangen, zu welchem Zwecke ſie ſelbſt die Beſchlüſſe des nicäniſchen Coneiliums verfälſch— ten. Da war es aber Auguſtinus und andere afrikaniſche Biſchöfe auf dem 6. Carthaginen— ſiſchen Concilinm, welche ſich den Anmaßungen der römiſchen Herrſchſucht noch kräftig und er⸗ felgreich entgegen ſetzten. Je wichtiger aber die Stadt Rom für die ganze Welt war, und 1) Charakteriſtiſch iſt, daß man auf dem zu Magon im Jahre 585 gehaltenen Concilium in dem 15. Canon Fol⸗ gendes feſtſetzte: „So ein Wentlicher auf der Reiſe einem Geiſllichen begegnet, ſoll er bis zum unterſten Grad der Ehrerbietung ſich dem ſelben unterwerfen. Sitzt der Welt⸗ liche zu Pferde und der Geiſtliche auch, ſo ſoll der Weitliche alobald mit Abziehung ſeines Hutes den Geiſtlichen begrüßen; gehet der Geiſtliche zu Fuße, und der andere reitet, ſo ſoll der Weltliche ungeſäumt und gleichſam über Hals und Kopf vom Pferd herabſpringen und dem Geiſtlichen ſeine Ehre zeben. Wer das übertritt, ſoll vom Bifchof, ſo lange es ihm gefällt, von der Gemeine abgeſondert (in den Bann gethan) werden.“ — Siehe das Buch: „Die böſen Prie⸗ gerfeinde, welche Gott bekehre ꝛc. Dresden 1700,“ Seite 255, wo der Verſaſſer hinzuſetzt: „Aber dieſer Eifer vor die Ehre und Acſtim der Geiſtlichen iſt ſehr gefallen!“ — Wir ſetzen dies nicht hieher, um damit reu groben unfläthigen Verächtern des helligen Predigtamtes und ſeiner treuen Vertwalter vas Wort zu reden; aber Schande urd Schm ach über die ehrſüchtigen Pfaffen, die um ihres Amtes willen, das ſie doch ſchänden, von den Lapen, als ihren Creoturen, angebetet ſein wollen! — 180— man gerade der Stimme der römiſchen Biſchöfe und ihrer Kirche ein großes Gewicht beigelegt und ihr in vielen Fällen den Vorrang und ſchiedsrichterliche Gewalt freiwillig zugeſtanden hatte: deſto kühner und kühner trat gerade hier das antichriſtiſche Sicherheben über die Kirche der Gläubigen hervor. Zwar erklärte noch zu Ende des 6. Jahrhunderts der römiſche Biſchof Gregor der Große: „Wer ſich den allgemeinen Biſchof der ganzen Chriſtenheit nennet oder alſo genennet zu werden verlangt, der iſt in ſeinem Hochmuth ein Vorläufer des Antichriſts,“ weil ſich nehmlich ſo der conſtantinopolitaniſche Bi— ſchof hatte nennen wollen. Doch ſchon Gre— gor's nächſter Nachfolger, Bonifacius III., nahm dieſen Titel, welchen ihm Kaiſer Pho— cas, der Mörder ſeines Vorgängers, beſtätigt hatte, ohne Zögern an. Von nun an began— nen die römiſchen Biſchöſe ihre Dekrete mit den Worten: „Wir wollen und befehlen.“ So ſehen wir denn bereits zu Anſange des ſiebenten Jahrhunderts die apoſtoliſche Weiſſa— gung von dem Aufkommen eines Antichriſts mit— ten in dem Tempel Gottes vollkommen erfüllt, erfüllt nehmlich in der nunmehr durchgeſetzten Aufrichtung des römiſchen Pabſtthums. Jetzt ſtand der Gräuel der Verwüſtung an heiliger Stätle. Wie wäre ich aber im Stande, nun in weni⸗ gen Augenblicken ein auch nur einigermaßen vollſtändiges Bild des ganzen toͤranniſchen Prie⸗ ſterregimentes mit ſeinen Gräueln an euren Au— gen vorüberzuführen, welches von dieſer Zeit an bis zur Zeit der Reformation die Chriſten ſchmählich und verderblich gedrückt hat! Im Lichte der wieder an den Tag gekommenen evan⸗ geliſchen Lehre ſehen wir jetzt: wie einſt Satan nach der Erſchaffung der Menſchen nach Gottes Ebenbilde die Menſchheit verführte und ſo das erſte Werk der göttlichen Liebe an uns Menſchen zu nichte zu machen verſuchte: ſo hat das Pabſtthum nun nach vollbrachter Erhö— ſung der Menſchheit dieſelbe nun auch um die Frucht dieſes zweiten Werkes der gött— lichen Liebe, um das wirdererworbene Heil, zu bringen verſucht. Durch das Pabſtthum wurde die Kirche in einen Prieſterſtaat ver— wandelt, in welchem der römiſche Biſchof mit ſeinen unermeßlichen Heeren von Biſchöfen, Prieſtern und Mönchen die ganze Chriſten— heit als ihr unumſchränkter Gebieter be— berrſchte, Pabſt, Biſchof und Prieſter zu be— fehlen, der Lape nur zu gehorchen, der Prieſter die Gewalt der Himmelsſchlüſſel als ſein aus— ſchließliches Privilegium zu verwalten und der Laye die Seligkeit als eine Gnade der Geiſtlich⸗ keit zu erwarten und von ihr zu erkaufen hatte. Petrus ſpricht zu den Chriſten: „Ihr ſeid das königliche Prieſterthum;“ nun aber wurde die Prieſterwürde ihnen genommen und allein die Ge⸗ weihten des Pabſtes für Prieſter erklärt. Pau⸗ lus ruft den Chriſten zu: „Die ihr geiſtlich ſeid;“ nun aber wurde der gemeine Chriſten⸗ ſtand für einen unreinen, weltlichen erklärt, und nur die Pfaffen hießen die Geiſtlichen und nur der Pfaffen⸗ und Mönchsſtand geiſtlich und gött⸗ lich. Paulus fordert die Chriſten anut: „Nichtet ihr, was ich ſage,“ und im erſten apo— ſtoliſchen Concilium zu Jeruſalem hatten Laien Sitz und Stimme; nun aber wurde dieſes Recht, über die Lehre zu urtheilen und in den Conci⸗ lien mit zu reden, ihnen geraubt und nur den Biſchöfen geſtattet; ja, das Chriſtenvolk wurde. für das Volk erklärt, das verflucht iſt und nichts vom Geſetz weiß, während der Pabſt brüllte?? „Wenn er auch die Chriſten zu ganzen Schaa“! ren mit ſich in den Abgrund der Hölle riſſe, dürfte doch niemand ihn darob zur Rede ſetzen und ſagen: „Was machſt du?“ Chriſtus ſpricht zu den Juden, wie viel mehr zu ſeinen gläubi⸗ „ gen Chriſten: „Forſchet in der Schrift;“ nun aber wurde das Leſen des Wortes Gottes unter Androhung großer Strafe verboten, die Erfüllung dieſer theuren Pflicht für ein Verbr⸗! chen und die Layenchriſten ausdrücklich für die H Säue und Hunde erklärt, denen man das Hei ligthum und die Perle nicht vorwerfen dürfe⸗ Als zur Zeit der Apoſtel ein Apoſtel an deoͤ ö Verräthers Stelle, und in der Gemeine zu Jeru⸗ ſalem die Diakonen gewählt werden ſollten, da forderten die Apoſtel die Brüder oder das Chri— ſtenvolk zur Wahl auf; nun aber wurden die Kirchendiener nur von Pabſt und Biſchöſen! gewählt, der Lave mußte ſchweigen und den ibin Vorgeſetzten als ſeinen Herrn erkennen und an⸗ nehmen. Chriſtus ſpricht zu ſeinen Chriſten: „Einer iſt euer Meiſter, Einer iſt euer Vater;“ nun ſprach der Pabſt: Ich bin euer Meiſter und ener Pabſt, d. i. der Vater aller Chriſten. Pau⸗ lus ſpricht zu den Chriſten: „Nicht daß wit Herren ſeien über euren Glauben; nicht ſage ich, daß ich etwas gebiete;“ und Petrus ruft daber' den Kirchendienern zu: „Nicht als die über das Volk berrſchen;“ nun aber rief Pabſt, Biſchöſtz und Prieſter den Chriſten zu: wir wollen, befebs len und gebieten, und was wir zu thun und zu glauben euch vorſchreiben, das müßt ihr thun und glauben, oder im Bann ſterben als Ver⸗ ſluchte Gottes und Ketzer. Chriſtus gibt das letzte Gericht ſeinen Chriſten und ſprichtk! „Sage es der Gemeine; bört er die Gemeim nicht, ſo halte ihn für einen Heiden und Zol. ner;“ nun riefen die Kirchentorannen: Dite Kirche ſind wir; der Bann iſt in unſerer Hand; weruns nicht hört, iſt ein Heide und Zöllner⸗ Chriſtus ſpricht zu allen Communicanten: „Trinket alle daraus;“ nun aber wurde der Laye des heiligen Kelches für unwürdig erklätt und dieſer allein den geweihten Dienern des Pabſtes gereicht. Paulus ſagt von der Gemein⸗ de der Chriſten: „Das iſt die Freie, die iſ unſer aller Mutter;“ nun aber wurde ſie eine dienſtbare Magd des Pabſtes und eine Sclavin ſeiner Prieſter. Paulus raft endlich den Chri⸗ ſten zu: „Es iſt Alles euer; ihr aber ſeid Chriſti;“ nun aber ſchrie Pabſt, Biſchö⸗ fe, Prieſter und Mönche: Es iſt Alles un ſer und ihr uns gegeben; nun galt die Kirche für ein Schiff, in welchem nur Geiſtliche und Mön⸗ che ſich befänden, durch deren Amtsherrlichleit und Verdienſte allein der Laye noch mit in den Himmel genommen werden könne.