Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 23 › Seite 183

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-07-17, Seite 183

179 180 181 182 183 184 185 186

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

Es kam endlich dahin, daſt es ſchien, als habe
Golt die Kirche nur darum geſtiftet, damit die
Prieſter und Biſchöfe ein Reich hätten, in wel⸗
dem ſie angebetet werden, und hier alle Herr⸗—
lichkeit der Erde und dort alle Herrlichkeit des
Himmels genießen könnten. Es kam endlich
dahin, daß ſelbſt Verehrer des Pabſtes erklärten,
wo Luther nicht gekommen wäre, ſo würden end⸗
lich die Pfaffen alles Gut der Welt an ſich ge—
tracht und alle Chriſten zu ihren Lehensleuten
und Leibeigenen gemacht haben.“) Es kam
endlich dahin, daß ſelbſt das der römiſchen Kir—
che treu ergebene Volk, wie der papiſtiſche Ge—
ſchichtsſchreiber Surius erzählt, das Sprüch—
wort im Munde führte: „Was iſt nun für ein
Weſen? Wir mögen nicht vor den Pfaffen gene—
ſen;“ ja, daß ſelbſt ein Erzbiſchof, Matthäus
Lange, noch zu Augsburg im Jahre 1530 Me⸗
lanchthon auf ſeine Vorſchläge erwiederte: „Ach
was wollt ihr doch an uns Pfaffen reformiren!
Die Pfaffen ſind nie gut geweſen.“

Ach, meine Theuren, wer ſich daher davon
überzengen will, wohin Prieſterherrſchaft endlich
führt, der leſe die Geſchichte des Pabſtthums;
und er wird mit Entſetzen ſehen, daß nichts ſo
gräulichen Schaden gethan, nichts mehr die
Kirche der Gnade und des Lebens in eine Mör—
derzrube verwandelt, nichts mehr der Chriſten—
beit die Früchte der Erlöſung geraubt, nichts
mehr Chriſtum ausgerottet und Millionen mit
ſich in den Abgrund der Hölle geriſſen hat, die
Cbriſus mit ſeinem Gottesblute erkauft und ge—
tauft hat, als die, aller Flüche Gottes und der
Menſchen würdige Herrſchaft der Priec⸗
ſter.

3.

Doch, meine Theuren, wir wenden uns nun
binweg von dieſem grauenhaften Bilde und thun
nun zum Beſchluß noch einen Blick auch auf die
Hülfe, welche Gott vor 300 Jahren den geknech⸗
teten, gequälten, unter den Schlägen ihrer geiſt⸗
lichen Tyrannen an Leib und Seele blutenden
und ſeufzenden Chriſten verſchafft hat, indem ich
noch mit Wenigem euch darſtelle: wie durch die
Reformation dieſes ungöttliche, tyranniſche Kir—
chenregiment wieder geſtürzt, den Chriſten ihre
Freiheit wie der errungen und dieſelbe nun ein
theures Kleinod unſerer Kirche geworden iſt.

Es hat, meine Lieben, nie eine Zeit gegeben,
in welcher das Pabſtthum nicht angefochten wor—
den wäre. Viele Kaiſer, Könige und Fürſten,
viele Lehrer in Kirchen und Schulen und andere
Zeugen der Wahrheit, ja, ganze allgemeine Kir—
chenverſammlungen unternahmen es, die immer
furchtbarer werdende Macht der römiſchen Hie—
rarchie zu erſchüttern und zu brechen. Aber im—
mer waren alle Angriffe auf dieſen tauſendjäh⸗
rigen Bau vergeblich geweſen. Unter allen An⸗
läufen und Beſtürmungen, die ſie erfahren hatte,

) Der ſelige Spener ſchreibt in ſeinem Glaubenstroſt:
„Mir iſt von vornehmen Papiſten bekannt, die ſelbſt in Ge⸗
geuwart vornehmer ihrer Geiſtlichen bekannt, ſie hätten eben⸗
ſowohl dem Luther virl zu danken; denn ſo der nicht gekom⸗
men wäre, würden die Geiſtlichen den Adel, die Bürger und
Bauern endlich genöthigt haben, Haberroh
zueſen!“ (Theil 2, Seite 522.)

— 181—

war ſie, wie ein Giftbaum, nur von Jahrhun—
dert zu Jahrbundert immer tiefere Wurzeln
ſchlagend, gewachſen und endlich zu einem mil—
lionenarmigen und tauſendköpfigen Ungeheuer
geworden, welches jeden, der ſich ihm angreifend
naͤhte, zermalmte und verſchlang, während Mil—
lionen, aus Sorge, wider Gott, wider die heili—
ge Kirche und das göttliche Amt zu ſtreiten und
des ewigen Heils verluſtig zu gehen, auch kein
Wörtlein wider ihre geiſtlichen Dränger zu reden
ſich erkühnten.

Was that nun Luther, der arme, elende, wehr—
loſe Mönch? In bitteren Nöthen ſeiner mit Ver—
zweiflung ringenden Seele hatte er endlich ſeine
Zuflucht allein in dem Verdienſte IEſu Chriſti
geſucht und darin Troſt, Gewißheit, Ruhe, Frie⸗
de und Freude im heiligen Geiſt gefunden. Und
das predigte er nun in den Jammer ſeiner Zeit
hinem mit lauter, unerſchrockener Stimme. „Es
iſt Alles euer,“ rief er, durch eigene ſelige
Erfahrung gelehrt, mit Paulo allen Gläubigen
zu. Schon im 37. Satze jener bekannten 95
Sätze bezeugte er der Chriſtenheit: „Ein jeder
wahrhaftiger Chriſt, er ſei lebendig oder todt, iſt
theilhaftig aller Güter Chriſti und der Kirche
aus Gottes Geſchenk, auch ohne Ablaßbriefe.“
Und dieſe Lehre von der Gerechtigkeit und Se—
ligkeit allein durch den Glauben legte er nun al—
len anderen Lehren zu Grundez an dieſer Lehre
prüfte er nun alles; bei dieſer Lehre blieb er
und er predigte ſie mit jedem Jahre immer kla⸗
rer, immer deutlicher, immer mächtiger und ge—
waltiger. Und ſiehe! er hatte ſelbſt nicht ge—
ahnt, welch' ein lebendig machendes und zugleich
alles Ungötttiche verzehrendes Feuer er damit an⸗
gezündet hatte. Mit dem Worte: „Es iſt Al—
les euer,“ die ihr glaubet! hatte er nicht nur
das rechte Brod des Lebens, die rechte Freuden—
botſchaft gefunden, die alsbald in Millionen be—
trübte, gequälte, ſeufzende und ſchmachtende
Herzen drang, den allmächtigen Gottes ruf, der
alsbald Milllonen Todte ins Leben rief, Millio⸗
nen Schwache ſtärkte, Millionen Zweifelnde ge—
wiß machte und Millionen am Rande der Ver—
zweiflung Stehende mit Troſt und Hoffnung des
ewigen Lebeus erfüllte: der Artikel, „Es iſt
Alles ener,“ die ihr glauben! war zugleich der
goldene Ring, an welchem Luther die ganze gro—
ße Kette der reinen evangeliſchen Lehre wieder
hervorzogz; das Wort, „Es iſt Alles euer,“
die ihr glaubet! war das Licht, in deſſen Strah—
len das, lange Jahrhundert verborgen geweſene,
Geheimmiß der Bosheit vor den Augen Aller, die
nur ſehen wollten, nun blos und entdeckt lag;
dieſes Wort war der Stein aus der Davids-⸗
ſchleuder des Wortes Gottes, der den Rieſen,
welcher dem chriſtlichen Iſracl ſo lange Hohn ge—
ſprochen, traf und wie mit Einem Schlag ſein
tyranniſches Regiment über die Herzen, Seelen
und Gewiſſen der Chriſten ſtürzte und den Chri⸗
ſten ihre ſelige Chriſtenfreiheit wiedergab. „Es
iſt Alles euer,“ die ihr glaubet! dies war
der Donner Gottes, vor welchem die Prieſter, die
bisher mit ihren Amtsprivilegien wie ein Che—
rub mit hauendem Schwert vor der Pforte des
Varadieſes der Gnade geſtanden und ſich zwi⸗

ſchen Chriſtum und die Chriſten gedrängt hat—
ten, erſchrocken fliehen mußten. Und ſiehe, ſo iſt
denn das Wort: „Es iſt Alles Euer,“ die
ihr glaubetl die kurze Summa unſeres Kirchen⸗
bekenntniſſes geworden; mit ſtrahlender Schrift
leuchtet es auf der Flagge unſeres evangeliſchen
Kirchenſchiffes. ö

Wohlan, meine theuren Brüder im Amte, dies
Wort ſei und bleibe denn auch unſere Loſung.
Nichts bewege uns, dieſes Kleinod unſerer Kir—
che wieder hinzugeben und dieſes Banner unſe⸗
rer Väter zu verlaſſen. Mögen immerhin Tau—
ſende und aber Tauſende die hiermit gepredigte
Chriſtenfreiheit in muthwilligem Mißverſtand
mißbrauchen zu ihrem eigenen Verderben; das
bewege uns nicht, ſo wenig als den heiligen
Paulus, den wahren Chriſten zu verſchübeigen,
was ſie in Chriſto beſitzen. Und mögen unſere
Gegner uns beſchuldigen, daß wir damit dem
hieſigen Freiheitsſchwindel Vorſchub leiſten; wir
thun dies damit ſo wenig, ſo wenig ein Paulus
die Heiden in ihrem Sündenleben beſtärkte, in⸗
dem er ihnen die freie Gnade Gottes in Chriſto
verkündete, und nun von Ruchloſen hören muß⸗

e: Alſo laſſet uns Böſes thun, auf daß Gutes

daraus komme!

Euch aber, ihr theuren Brüder und Schwe—
ſtern im Glauben, rufe ich zu, erkennet, was ihr
in Chriſto habet; und wäre es möglich, daß wir,
eure Prediger, dieſes Kleinod veruntreuen könn⸗
ten, ſo machet getroſt Gebrauch von den euch theuer
erworbenen Rechten; denn, und ob die Welt
darob berſten und die Hierarchen darob Zeter
ſchreien wollten, es iſt und bleibt ewig wahr und
wird und muß allen wahrhaft Gläubigen ge—
predigt werden zu Chriſti Ehren: „Es iſt Al⸗
les euer; ihr aber ſeid Chriſti!“ Dar⸗
um beſtehet denn. in der Freiheit, damit euch
Chriſtus befreiet hat und laßt euch nicht wieder
in das knechtiſche Joch fangen. Amen.

Wahre Geſchichten aus der evangeliſch—
lutheriſchen Kirche Preußens.
(Liegnit er Kirchenblatt ꝛc. 1851. No. 6.)

Je ſeltener in unſerer ſchwächlichen Zeit das

Alles verläugnende Hinopfern ſeiner ſelbſt, um

des Herrn und Seines heiligen Wortes willen,

geworden, deſto erfreulicher iſt es, bei biswei⸗
len ganz ſchwachen und gebrechlichen Werkzeu⸗
gen der Gnade Gottes einen Glaubensmuth mit

Löwenkraft gepaart zu finden, den man in ih⸗

nen nicht geahnt hätte, und der uns mit der

freudigen Hoffnung erfüllt, daß der Herr, der

Seinen Gliedern in der erſten Zeit Kraft zur

muthigen Ertragung der entſetzlichſten Martern

gegeben, auch die Kirche jetziger Zeit wiederum
ſtärken werde, mit glaubensſreudigem Muthe
und mit glaubensmuthiger Freude ihren lttzten

Weg nach Golgatha anzutreten.

Eine in dieſer Weiſe erbauliche Geſchichte aus
meiner jüngſtrn Amtserfahrung möchte ich mei⸗
nen lieben Glaubensbrüdern nah und fern zur

Stärkung des Herzens mittheilen.

In der Nacht vom 14. Sonnt. n. Trinit.

English translation

Not yet translated.