Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 16 › Seite 140

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-03-30, Seite 140

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dürfniß tlef, eine Cenſur auszuüben, die ihres
Gleichen nicht hat in der ganzen übrigen Ge⸗
ſchichte der Menſchheit. Die Prieſter verſam⸗
melten ſich von Zeit zu Zeit — und faßten auch
Beſchluß darüber, welche der eireulirenden Evan⸗
gelien ächt — ſeien, welche nicht. Nur unſere
vier neuteſtamentlichen Evangelien fanden Gna⸗
de ꝛ.“ Hier ſehen wir, wie bei Th. Paine, den
gänzlichen Mangel an Kenntniß des Unterſchie⸗
des der Homologoumena und der Antilegomena
und des Herganges bei der Feſtſtellung des Ca⸗
nons. Von geſchichtlichen Vorgängen ſcheint
Herr Schmidt auch keinen Begriff zu haben,
und daß es Ereigniſſe in der Geſchichte gebe,
mit denen ſich jenes wenigſtens ein igermaßen
vergleichen läßt, ihm nicht in den Sinn gekom⸗
men zu ſein, wie z. B. die Aufſtellung einer
Sammlung von Bekenntnißſchriften: indem z. B.
in der lutheriſchen Kirche von den im Concor⸗
dienbuch enthaltenen Bekenntnißſchriften einige
von Allen (z. B. die Augsb. Confeſſion), a n⸗
dere dagegen (3. B. die Concordienformel)
nur von Vielen als Bekenntnißſchriften aner⸗
kannt werden, das Anſehen letzterer aber im
Laufe der Zeit geſtiegen iſt, und wol noch ein⸗
mal alle von der ganzen luther. Kir he als
Bekenntnißſchriften können anerkannt werden.
Gegen die Annahme irgend einer der Bekennt⸗
nißſchriften würde kein aufrichtiger Lutheraner
oder lutheriſche Gemeine, um des Inhalts jener
Schriften willen etwas haben, hätte er oder ſie
eine ſolche auch einmal nicht mit zu den Bekennt⸗
nißſchriften gerechnet (ſei es aus Mangel an
Kenntniß, ſei es aus irgend welchem andern zu⸗
fälligen Grunde); aber wenn auch die glänzendſte
Kirchenverfammlung die veränderte Augsb. Eon⸗
feſſton oder das Leipziger Interim oder das Glau⸗
bensbekenntniß des Churfürſten Johann Sigis⸗
mund für eine Bekenntnißſchrift erklären wollte,
ſo würde ein luther. Chriſt oder Gemeine das
nuimmermehr annehmen, wie dies ja auch zum
Theil geſchichtlich bereits beſtätigt iſt.

H. Schmidt meint ferner, daß „wenn apokry⸗
phiſche Evangelien ſich bis in unſer Jahrhun⸗
dert erhalten hätten, ſo ſei das gar ſehr gegen
den Sinn und Willen der Prieſterkaſte geſchehn“.
Falls er unter Prieſterkaſte gläubige Gottesge⸗
lehrte mitbegreift, was nach der Ausdrucksweiſe
von Leuten ſeiner Claſſe wohl ſo iſt; ſo iſt dieſe
ſeine Behauptung ebenfalls ein Zeichen ſeiner
Unwiſſenheit. Den gläubigen Theologen — wie
vas mehrfach aus ihren Schriften hervorgeht —
iſt die Aufündung auch ſolcher Sachen wie die
apokryphiſchen Evangelia erwünſcht; nicht etwa
well ſie dieſelben nach ihrem Inhalt für anderes
als Dreck achteten, ſondern weil dieſelben einmal
durch ihren Abſtich von den heiligen Schriften,
vaß tetztere nicht mit erſteren gleichen, das iſt:

menſchlichen, Urſprungs ſein können, noch mehr
erhärten; dann auch weil ſie nützliche Materia⸗
llen für andere Wiſſenſchaften, als Sprachen, Al⸗
terthümer, Geſchichte ꝛc. liefern, die dann, eine
jede in ihrer Wriſe, wieder dem Einen, was noth
iſt, dienen. *
Ferner: Herr Schmidt ſagt, ſolcher „von der
Prieſterkaſte verworfenen“ Evangelien wären

ſechs wieder aufgefunden. Er, der denſelben

ſo viel Werth beilegt, der ſo begierig nach ihrer

Auffindung iſt, der ſeine Leſer vor allem daimit
bekannt machen will, und ihnen bereits eins,
das des Thomas, mittheilt, weiß alſo nicht
einmal, daß man deren ſieben hat: Das Ev.
Jakobi, die Geſchichte Joſephs des Zimmer⸗
mann's, das Ev. von der Geburt der heiligen
Maria, das Ev. der Kindheit des Erlöſers, das
Ev Thomä, die Hiſtorie von der Geburt der
Maria und der Kindheit des Erlöſers und das
Eo. Nikodemi.

Mit der, ſo in wenig Worten ſeinem Motto
getreu von Herrn Schmidt an den Tag gelegten,
Unwiſſenheit geht denn auch deren Schweſter
Hand in Hand.

Er theilt das ſogenannte Evangelium Thomä
mit, welches eins von den ſchlechteſten der apo⸗
kryphiſchen Evangelien iſt. Man ſchreibt es wol
am richtigſten einem gnoſtiſchen Ketzer zu, der
ſeinem Werke den Namen des Thomas voran⸗
ſtellte. Als den Großvater der Gnoſtiker kann
man den Simon Magus anſehen, von dem St.
Lucas in der Apoſtelgeſchichte erzählt, daß er ein
Zauberer in Samarien war, der ſich ſpäter tau⸗
fen ließ, und nachher die Macht, den heiligen
Geiſt durch Händeauflegen mitzutheilen, von den
Apoſteln um Geld kaͤufen wollte. Das Evan⸗
gelium Thomä berichtet nun über Jeſu Kindheit
von ſeinem fünften bis zu ſeinem zwölften Jahre
ſolche Dinge und in einer ſolchen Weiſe, wie ſie
etwa jener Simon Magus berichtet haben, oder
wie heutiges Tages etwa ein altes Zigeu ner⸗
weib ſie erzählen würde, wovon ſich ein Jeder

überzeugen kann, dem jenes ſogenannte Evan

gelium Thoma zu Geſicht kommt. Dieſe Schrift
nun nennt Herr Schmidt einen „Schatz“, den
er ſeinen Leſern vor allen Dingen vorlegen muß.
O, welche Weisheit! Doch es kommt noch
beſſer.

Er ſagt: er ſei der Meinung, daß das heutige

Publikum durch Nichts ſo ſehr in den Stand ge⸗
ſetzt wird, ſich ein richtiges Urtheil über die vier

Evangelien zu bilden, wie durch die Kenntniß⸗
nahme der übrigen Erzeugniſſe der Literatur je⸗
ner Zeit“ z. B. des Evangeliums Thomä. Das
iſt vortrefflich! Wem fällt da nicht ein aus Gel⸗
lert's Fabeln „Für Jürgen iſt mir gar nicht
bange, der kommt durch ſeine Dummheit fort!“
Wenn Herr Schmidt ſo fortfährt, dann wird er

dem heiligen Evangelio, deß Feind er iſt, nur

förderlich ſein, grade indem er ihm ſchaden will,
denn daß die vier kanoniſchen Evangelien aus
einem andern Geiſt geſchrieben ſind, als das apo⸗
kryphiſche Evangelium des Thomas, wird auch
ein Heide erkennen, und der Geiſt Gottes aus
den 4 Evangelien nur um ſo heller hervorleuch⸗
ten, wenn man das ſogenannte des Thomas und
ähnliche damit vergleicht. Dies iſt auch eben ein
Grund, weßhalb gläubigen Theologen, wie oben
angedeutet, die Auffindung ſolcher apokryphi⸗
ſchen Schriften keineswegs unerwünſcht iſt; ſie
dienen dazu, die Wahrheit noch mehr ins Licht
zu ſetzen. 7

Endlich fragt Herr Schmidt: „Möglich, daß

mancher unſerer Leſer verwundert fragen wird,

warum denn aber das Evangelium Thomä nicht
aufgenommen wurde in die zu bildende Reihe
göttlich inſpirirter Schriften ?“ Das iſt wieder
ächt Painiſch, und ganz würdig dieſes hehen Vor⸗
bildes. Th. Paine ſchließt: Ich weiß Nichts von
der Sache, alſo wiſſen auch Andere Nichts davon;
Herr Schmidt ich wundre mich darüber, daß 2
mal 2 vier iſt, alſo werden auch Andere Augen
und Munbd darüber aufreißen.

Wenn es denn aber Herrn Schmidt offenbar
an Kenntniß der Geſchichte überhaupt und ins⸗
beſondere des N. T. Kanons ſowie an Verſtand
dazu fehlt, wie kann er dennoch davon reden, dar⸗
über unterrichten wollen und gar verſprechen,
„die rein⸗geſchichtlichen Lebensadern nachzuwei⸗
ſen, durch welche jedes dieſer Bücher mit den
Anſichten, Hoffnungen u. ſ. w. irgend einerPartei
zuſammen hängt“? Nach eben dieſen Worten
und dem, wie Herr Schmidt ſich ſonſt ausläßt,
huldigt er den Anſichten der neuſten, Beſtreiter
des Kanono, die zwar in ſehr gottloſer und un⸗
verſtändiger Weiſe, aber mit großem Aufwand
von Gelehrſamkeit und Witz die Leute haben
wollen glauben machen, die heil. Schriften wären
unächt, und erſt zu einer Zeit und auf eine ſolche
Weiſe entſtanren, wie es ihnen beliebt anzuneh⸗
men. Da es nun Herrn Schmidt, nach der gege⸗
benen Probe zu urtheilen, an aller eigenen Fähig⸗
keit fehlt, ſo liegt der Schluß nahe, daß er ſich
mit einigen ſolchen für ihn ſehr werthvollen
Schriften jener Menſchen verſehen hat, um da⸗
raus hier im fernen Weſten, in Deutſchland be⸗
reits zu Schanden gewordne Weisheit auszukra⸗
men, und das „dumme Volk“, (denn dafür muß
er die Leute halten) damit zu blenden, damit er
Geld und Ehre von ihnen nehme, obgleich, falls
ſie ſich blenden laſſen, ihre ewige Wohlfahrt da⸗
rüber zu Grunde ginge. Und wenn Hr. Schmidt
aus der angedeuteten Quelle ſchöpft, ſo darf es
Niemanden wundern, wenn er in den folgenden
Nummern, ſollten deren noch welche erſcheinen,
die Leſer glauben machen will, vaß die 3 erſten
Evangelien etwa „ein Gebilde des formenden
Selbſtbewußtſeins der Gemeine im 2ten Jahr⸗
hundert“ nach Bruno Bauer, und das Evan⸗
gellum Johannis eine „freie, vage Compoſitlon
der Gemeine“ nach demſelben, oder „von einem
Samaritaner gegen die Mitte des Lten Jahrhun⸗
derts geſchrieben“ nach Lützelberger „oder ein mit⸗
telbares Erzeugniß des Montanismus im Lien
Jahrhundert“ nach Schwegler, ſeien, und was
der gottloſen Albernheiten mehr ſind.

Uebrigens wird es nicht überflüſſig ſein, zu
bemerken, daß auch andere Artikel in der Num⸗
mer, in welcher der beſprochene Aufſatz „von der
Bibel“ ſich findet, was von Herrn Schmidt's
Fähigkeiten aus demſelben geſchloſſen iſt, nur
vollends beſtätigen. Ein anderer Artikel 3. B. iſt
überſchrieben „Wirkliche hiſtoriſche Enthüllun⸗
gen über die wirkliche Todesart Jeſu“. Herr
Schmidt erzählt in dem ſelben, daß zu Alerandria
in Agypten eine Pergamentrolle gefunden, und
eine Abſchrift davon auf maureriſchem Wege nach
Deutſchland gelommen ſei. Dieſelbe ſei von ei⸗
nem Zeitgenoſſen Jeſu beſchrieben, und ſie ent⸗
halte Uber das Leben und die Todeoarſ Jeſu an⸗

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