# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 03 30_S140 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) dürfniß tlef, eine Cenſur auszuüben, die ihres Gleichen nicht hat in der ganzen übrigen Ge⸗ ſchichte der Menſchheit. Die Prieſter verſam⸗ melten ſich von Zeit zu Zeit — und faßten auch Beſchluß darüber, welche der eireulirenden Evan⸗ gelien ächt — ſeien, welche nicht. Nur unſere vier neuteſtamentlichen Evangelien fanden Gna⸗ de ꝛ.“ Hier ſehen wir, wie bei Th. Paine, den gänzlichen Mangel an Kenntniß des Unterſchie⸗ des der Homologoumena und der Antilegomena und des Herganges bei der Feſtſtellung des Ca⸗ nons. Von geſchichtlichen Vorgängen ſcheint Herr Schmidt auch keinen Begriff zu haben, und daß es Ereigniſſe in der Geſchichte gebe, mit denen ſich jenes wenigſtens ein igermaßen vergleichen läßt, ihm nicht in den Sinn gekom⸗ men zu ſein, wie z. B. die Aufſtellung einer Sammlung von Bekenntnißſchriften: indem z. B. in der lutheriſchen Kirche von den im Concor⸗ dienbuch enthaltenen Bekenntnißſchriften einige von Allen (z. B. die Augsb. Confeſſion), a n⸗ dere dagegen (3. B. die Concordienformel) nur von Vielen als Bekenntnißſchriften aner⸗ kannt werden, das Anſehen letzterer aber im Laufe der Zeit geſtiegen iſt, und wol noch ein⸗ mal alle von der ganzen luther. Kir he als Bekenntnißſchriften können anerkannt werden. Gegen die Annahme irgend einer der Bekennt⸗ nißſchriften würde kein aufrichtiger Lutheraner oder lutheriſche Gemeine, um des Inhalts jener Schriften willen etwas haben, hätte er oder ſie eine ſolche auch einmal nicht mit zu den Bekennt⸗ nißſchriften gerechnet (ſei es aus Mangel an Kenntniß, ſei es aus irgend welchem andern zu⸗ fälligen Grunde); aber wenn auch die glänzendſte Kirchenverfammlung die veränderte Augsb. Eon⸗ feſſton oder das Leipziger Interim oder das Glau⸗ bensbekenntniß des Churfürſten Johann Sigis⸗ mund für eine Bekenntnißſchrift erklären wollte, ſo würde ein luther. Chriſt oder Gemeine das nuimmermehr annehmen, wie dies ja auch zum Theil geſchichtlich bereits beſtätigt iſt. H. Schmidt meint ferner, daß „wenn apokry⸗ phiſche Evangelien ſich bis in unſer Jahrhun⸗ dert erhalten hätten, ſo ſei das gar ſehr gegen den Sinn und Willen der Prieſterkaſte geſchehn“. Falls er unter Prieſterkaſte gläubige Gottesge⸗ lehrte mitbegreift, was nach der Ausdrucksweiſe von Leuten ſeiner Claſſe wohl ſo iſt; ſo iſt dieſe ſeine Behauptung ebenfalls ein Zeichen ſeiner Unwiſſenheit. Den gläubigen Theologen — wie vas mehrfach aus ihren Schriften hervorgeht — iſt die Aufündung auch ſolcher Sachen wie die apokryphiſchen Evangelia erwünſcht; nicht etwa well ſie dieſelben nach ihrem Inhalt für anderes als Dreck achteten, ſondern weil dieſelben einmal durch ihren Abſtich von den heiligen Schriften, vaß tetztere nicht mit erſteren gleichen, das iſt: menſchlichen, Urſprungs ſein können, noch mehr erhärten; dann auch weil ſie nützliche Materia⸗ llen für andere Wiſſenſchaften, als Sprachen, Al⸗ terthümer, Geſchichte ꝛc. liefern, die dann, eine jede in ihrer Wriſe, wieder dem Einen, was noth iſt, dienen. * Ferner: Herr Schmidt ſagt, ſolcher „von der Prieſterkaſte verworfenen“ Evangelien wären ſechs wieder aufgefunden. Er, der denſelben ſo viel Werth beilegt, der ſo begierig nach ihrer Auffindung iſt, der ſeine Leſer vor allem daimit bekannt machen will, und ihnen bereits eins, das des Thomas, mittheilt, weiß alſo nicht einmal, daß man deren ſieben hat: Das Ev. Jakobi, die Geſchichte Joſephs des Zimmer⸗ mann's, das Ev. von der Geburt der heiligen Maria, das Ev. der Kindheit des Erlöſers, das Ev Thomä, die Hiſtorie von der Geburt der Maria und der Kindheit des Erlöſers und das Eo. Nikodemi. Mit der, ſo in wenig Worten ſeinem Motto getreu von Herrn Schmidt an den Tag gelegten, Unwiſſenheit geht denn auch deren Schweſter Hand in Hand. Er theilt das ſogenannte Evangelium Thomä mit, welches eins von den ſchlechteſten der apo⸗ kryphiſchen Evangelien iſt. Man ſchreibt es wol am richtigſten einem gnoſtiſchen Ketzer zu, der ſeinem Werke den Namen des Thomas voran⸗ ſtellte. Als den Großvater der Gnoſtiker kann man den Simon Magus anſehen, von dem St. Lucas in der Apoſtelgeſchichte erzählt, daß er ein Zauberer in Samarien war, der ſich ſpäter tau⸗ fen ließ, und nachher die Macht, den heiligen Geiſt durch Händeauflegen mitzutheilen, von den Apoſteln um Geld kaͤufen wollte. Das Evan⸗ gelium Thomä berichtet nun über Jeſu Kindheit von ſeinem fünften bis zu ſeinem zwölften Jahre ſolche Dinge und in einer ſolchen Weiſe, wie ſie etwa jener Simon Magus berichtet haben, oder wie heutiges Tages etwa ein altes Zigeu ner⸗ weib ſie erzählen würde, wovon ſich ein Jeder überzeugen kann, dem jenes ſogenannte Evan gelium Thoma zu Geſicht kommt. Dieſe Schrift nun nennt Herr Schmidt einen „Schatz“, den er ſeinen Leſern vor allen Dingen vorlegen muß. O, welche Weisheit! Doch es kommt noch beſſer. Er ſagt: er ſei der Meinung, daß das heutige Publikum durch Nichts ſo ſehr in den Stand ge⸗ ſetzt wird, ſich ein richtiges Urtheil über die vier Evangelien zu bilden, wie durch die Kenntniß⸗ nahme der übrigen Erzeugniſſe der Literatur je⸗ ner Zeit“ z. B. des Evangeliums Thomä. Das iſt vortrefflich! Wem fällt da nicht ein aus Gel⸗ lert's Fabeln „Für Jürgen iſt mir gar nicht bange, der kommt durch ſeine Dummheit fort!“ Wenn Herr Schmidt ſo fortfährt, dann wird er dem heiligen Evangelio, deß Feind er iſt, nur förderlich ſein, grade indem er ihm ſchaden will, denn daß die vier kanoniſchen Evangelien aus einem andern Geiſt geſchrieben ſind, als das apo⸗ kryphiſche Evangelium des Thomas, wird auch ein Heide erkennen, und der Geiſt Gottes aus den 4 Evangelien nur um ſo heller hervorleuch⸗ ten, wenn man das ſogenannte des Thomas und ähnliche damit vergleicht. Dies iſt auch eben ein Grund, weßhalb gläubigen Theologen, wie oben angedeutet, die Auffindung ſolcher apokryphi⸗ ſchen Schriften keineswegs unerwünſcht iſt; ſie dienen dazu, die Wahrheit noch mehr ins Licht zu ſetzen. 7 Endlich fragt Herr Schmidt: „Möglich, daß mancher unſerer Leſer verwundert fragen wird, warum denn aber das Evangelium Thomä nicht aufgenommen wurde in die zu bildende Reihe göttlich inſpirirter Schriften ?“ Das iſt wieder ächt Painiſch, und ganz würdig dieſes hehen Vor⸗ bildes. Th. Paine ſchließt: Ich weiß Nichts von der Sache, alſo wiſſen auch Andere Nichts davon; Herr Schmidt ich wundre mich darüber, daß 2 mal 2 vier iſt, alſo werden auch Andere Augen und Munbd darüber aufreißen. Wenn es denn aber Herrn Schmidt offenbar an Kenntniß der Geſchichte überhaupt und ins⸗ beſondere des N. T. Kanons ſowie an Verſtand dazu fehlt, wie kann er dennoch davon reden, dar⸗ über unterrichten wollen und gar verſprechen, „die rein⸗geſchichtlichen Lebensadern nachzuwei⸗ ſen, durch welche jedes dieſer Bücher mit den Anſichten, Hoffnungen u. ſ. w. irgend einerPartei zuſammen hängt“? Nach eben dieſen Worten und dem, wie Herr Schmidt ſich ſonſt ausläßt, huldigt er den Anſichten der neuſten, Beſtreiter des Kanono, die zwar in ſehr gottloſer und un⸗ verſtändiger Weiſe, aber mit großem Aufwand von Gelehrſamkeit und Witz die Leute haben wollen glauben machen, die heil. Schriften wären unächt, und erſt zu einer Zeit und auf eine ſolche Weiſe entſtanren, wie es ihnen beliebt anzuneh⸗ men. Da es nun Herrn Schmidt, nach der gege⸗ benen Probe zu urtheilen, an aller eigenen Fähig⸗ keit fehlt, ſo liegt der Schluß nahe, daß er ſich mit einigen ſolchen für ihn ſehr werthvollen Schriften jener Menſchen verſehen hat, um da⸗ raus hier im fernen Weſten, in Deutſchland be⸗ reits zu Schanden gewordne Weisheit auszukra⸗ men, und das „dumme Volk“, (denn dafür muß er die Leute halten) damit zu blenden, damit er Geld und Ehre von ihnen nehme, obgleich, falls ſie ſich blenden laſſen, ihre ewige Wohlfahrt da⸗ rüber zu Grunde ginge. Und wenn Hr. Schmidt aus der angedeuteten Quelle ſchöpft, ſo darf es Niemanden wundern, wenn er in den folgenden Nummern, ſollten deren noch welche erſcheinen, die Leſer glauben machen will, vaß die 3 erſten Evangelien etwa „ein Gebilde des formenden Selbſtbewußtſeins der Gemeine im 2ten Jahr⸗ hundert“ nach Bruno Bauer, und das Evan⸗ gellum Johannis eine „freie, vage Compoſitlon der Gemeine“ nach demſelben, oder „von einem Samaritaner gegen die Mitte des Lten Jahrhun⸗ derts geſchrieben“ nach Lützelberger „oder ein mit⸗ telbares Erzeugniß des Montanismus im Lien Jahrhundert“ nach Schwegler, ſeien, und was der gottloſen Albernheiten mehr ſind. Uebrigens wird es nicht überflüſſig ſein, zu bemerken, daß auch andere Artikel in der Num⸗ mer, in welcher der beſprochene Aufſatz „von der Bibel“ ſich findet, was von Herrn Schmidt's Fähigkeiten aus demſelben geſchloſſen iſt, nur vollends beſtätigen. Ein anderer Artikel 3. B. iſt überſchrieben „Wirkliche hiſtoriſche Enthüllun⸗ gen über die wirkliche Todesart Jeſu“. Herr Schmidt erzählt in dem ſelben, daß zu Alerandria in Agypten eine Pergamentrolle gefunden, und eine Abſchrift davon auf maureriſchem Wege nach Deutſchland gelommen ſei. Dieſelbe ſei von ei⸗ nem Zeitgenoſſen Jeſu beſchrieben, und ſie ent⸗ halte Uber das Leben und die Todeoarſ Jeſu an⸗