Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 16 › Seite 141

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-03-30, Seite 141

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dere Nachrichten, als uns die Evangelten erzäh⸗
AInm, und dieſe Nachrichten ſeien wahr. Nun war⸗
um? „Ja,“ ſagt Herr Schmidt,„der Verfaſſer
iner Nachrichten iſt ein Eſſäer. Und daß ein
Eſſer immer die ſtrengſte Wahrheit ſprach und
ſchrieb, iſt eine Gewißheit, die aus den Ordens⸗
ugeln der Eſſäer von ſelbſt hervorgeht, und die
Achtheit jenes alten, wieder aufgefundenen Brie⸗
ſs über allen Zweifel ſetzt'. Man hörel Ob
em, was Herr Schmidt über das Daſein, Auf⸗
ſudung und Inhalt jener Pergamentrolle ſagt
wirllich ſo iſt, laſſen wir dahin geſtellt ſein, es
vire ja wol möglich; aber wenn die Art, wie er
einen Schluß auf die Wahrheit des Inhalts
nacht, nicht ein Zeichen von Verſtandesſchwäche
f, ſo wiſſen wir's nicht. Er nimmt an, der
Verfaſſer jener Schrift war ein Eſſäer. Weil
Fiber den Eſſäern ihre Ordensregeln vorſchrieben,
inmer die Wahrheit zu ſagen, ſo redete nun auch
Fieer Eſäer immer die ſtrengſte Wahrheit; folg⸗
lich enthält jener Bericht die ſtrengſte Wahrheit. —
demnach braucht Jemand nur Glied irgend ei⸗
ner Gemeinſchaft zu ſein,‚ die ihren Gliedern
Wahrhaftigkeit zur Pflicht macht, oder ſich auch
nur dafür auszugeben, und Herr Schmidt wird
hm glauben. Es braucht Jemand nur zu ſa⸗
gen „Ich bin ein Chriſt und das Chriſtenthum
vordert ja die ſtrengſte Wahrhaftigkeit von ſeinen
Biennern“ oder „Ich bin ein Jude, und das
Geſetz fordert ja die ſtrengſte Wahrhaftigkeit“
oder „Ich bin ein Muhamedaner, und der Ko⸗
Uun macht mir Wahrhaftigkeit zur Pflicht“ oder
3 bin ein heidniſcher Philoſoph, und die Lehr⸗
ſize meiner Schule machen mir Wahrhaftigkeit
kur Pflicht“, und Herr Schmidt wird nicht zwei⸗
ſin, würde ihm auch geſagt, das Waſſer flöſſe
itt bergan. Das wäre eine goldene Zeit für
Nörder und Diebe, Meineidige und Lügner,
henn ſie Herrn Schmidt zum Nichter hätten.

„Der eine würde ſagen „Ich gehöre zu dieſer“

der andere „Ich zu jener Gemeinſchaft, die ihren
Gliedern Wahrhaftigkeit vorſchreibt, alſo ſage ich
die Wabrheit“, und der weiſe Nichter, der ſeine
Gtundſätze ſchon zum voraus dargelegt hätte,
rüwe beifällig nicken und ſagen: „Ja daß du
de Wahrheit ſagſt, und nicht gemordet, nicht
Pſohlen, nicht gelogen, nicht getrogen haſt, iſt
une Gewißheit, die aus den Regeln der Gemein⸗
Iſhaft, der du angehörſt, von ſelbſt hervorgeht

Ind die Achtheit deiner Ausſage über allen Zwei⸗
Vſcht“

Igh denke, wir haben genug.

Schließlich bittet Schreiber Dieſes die lieben
eſer des Lutheraners, nicht etwa unwillig zu
rvenden, falls ihnen in dieſem Artikel gebrauchte e
* Ausdrück zu hart vorkommen ſollten. Schrei⸗
Un Dieſes hat ſie nicht gebraucht, weil er etwa
Ofallen daran hätte, ſondern weil er es nicht
fuders zu machen wußte. Was würdeſt Du
thun, lieber Leſer, wenn Dir Jemand, der doch
pnſt alle die Zeichen eines erwachſenen und der⸗
lündigen-Menſchen an ſich trüge, alles Ernſtes
Ruricherte, Brod und Waſſer ſeien die allerſchäd⸗
lchten Speiſen, die es gäbe, oder in Californien
Eugne es Gold u. ſ. w. Würdeſt Du ihm in
aler Lindigkeit aus der Erfahrung, Naturge⸗

— 1—

ſchichte, Phyſik und Metaphyſik und woher es
uoch geſchehen könnte, beweiſen, daß das doch
wol nicht möglich ſei; oder würdeſt Du ihn we⸗
gen ſeiner Frechheit oder Dummheit hart anlaſ⸗
ſen, ob Du etwa ſo ſeinen aus den Fugen ge⸗
gangenen Verſtand wieder zurecht brächteſt?

Luther auf ſeiner Reiſe von der Wartburg
nach Wittenberg.
(Aus einer alten Chronik von F. Kehler.)

Erſtes Kapitel.
Aus was Urſach fürnemlich D. Mart. Luther
aus ſeiner Verborgenhert Anno 92 perfür⸗
gekommen iſt.

In der Zeit, als Martinus zu Wurmbs und
in ſeiner Gefängnus von Wittenberg abweſend
war, hat das Predigtamt an ſin ſtatt verſehen
Andres Carlſtadt, und dem Volk den Prophe⸗
ten Malachiam erklärt, welche Auslegung her⸗
nach durch den Druck iſt gemein worden. Diſer
hat aber ſeine Predig und Fürnemmen wider
die päpſtlichen Cerimonien, Götzen und Bilder
ſo hitzig geſtellt, daß man mit etwas Unbeſchei⸗
denheit die Cerimonien abgeſtellt, die Götzen
und die Pfaffenſtühl aus den Kirchen geworffen,
alſo daß zwiſchen den Götzendienern und Götzen⸗
ſtürmern ein Zerwürfniß und ein ſo burgerlicher
Zweytracht entſtanden, daß Blutvergießen zu
beſorgen war. Diſer⸗Handel wollt Ph. Me⸗
lanchthon, Juſto Jodoco Jonä, und Joh. Bu⸗
hagen Pommerano nit gefallen; empfingen Kum⸗
mer und Leyd, der Aergernuß halben; trachte.
ten nach dem Martino (der ihnen allein, wo er
war, offen war) zu ſchicken, mit Bitt, er wolle
ja nit underlaſſen, eilend zu kommen, damit das
Volk, ſo zum Theil der Wahrheit underricht, nit
durch Empöͤrung und Unordnung zerſtört werd.
Auf ſolches iſt Martinus am Freitag vor dem
erſten Sonntag in der Faſten widerum, wie ich
am Samſtag darnach, gen Wittenberg kommen.

ö Zweites Kapitel.
Wie Doctor Martinus Luther mir Johannes
Keßler aufder Reis nach Wittenberg
begegnei.

Hie kann ich nit unterlaſſen (ob es vieleicht
kleinfüg und gar kindiſch ſcheinet), wie mir
Johannes Keßler und meinem Mitgeſellen Jo—
hannes Neutiner, Martinus Luther, als er aus
ſeiner Gefängnuß erlediget wiederum gen Wit⸗
tenberg reiten wollt, begegnet iſt, hie zu ver⸗
zeichnen. Alsdann wir von Studirens wegen
H. Schrifft gen Wittenberg reistend, gen Jena
im Land Türingen (wüß Gott in einem wüſten

in der Stadt um Herberg, da wir können über⸗
nacht bleiben; haben wir keine erhaſchen noch
erfinden können.
berg abgeſchlagen; dann es war Faßnacht, ſo
man alsdann und ſonſten nit vil Sorg für die
Bilger tregt. Sind wir aus der Stadt wieder⸗

ten, da man uns beherbergen wollt. Indem ſo
begegnet uns unter dem Thor im Herausgehen
ein ehrbar Mann, ſpricht uns freundlich zu; fragt,

wo wir doch ſo ſpaht hinwollten? Dann wir in

gab er ihm ſelbſt Antwort:

Gewitter) kommen ſind und nach vil Umfragens

Allenthalben war uns Her⸗

kehrt, weiter zu ghon, bis wir in ein Dorf lang⸗

keiner Nähe weder Haus noch Hof, da man uns
behielt, vor finſtrer Nacht erlangen möchten, zu⸗
dem ſo ſeye es fähliger irriger Weg; derohal⸗
ben er uns rathe, allhier zu bleiben. Antwor⸗
ten wir: „Lieber Vatter, wir ſind bel allen
Wirtshäuſern gſeyn, da dann man uns hin und

ſagt und abgewieſen; müſſen alſo Noth halben
fürbas ziehen“. Sprach er: ob wir auch im
Wirtshaus zum ſchwarzen Bären einkert und
gfragt hettend? Sprachen wir: „Es iſt uns
nit begegnet. Lieber ſagend, wo finden wir
dis?“ Da zeigt ers uns ein wenig vor der
Stadt. Und wie wir den ſchwarzen Bären ſa⸗
chend, ſihe! wie uns vor ) alle Wirth Herberg
abgeſchlagen, alſo kam der Wirth unter die Thur
huob uns auf und empot ſich ſelbs uns zu her⸗
bergen gutwillig; führt uns in die Stuben.
Da fundend wir einen Mann bei dem Tiſch al⸗
lein ſitzend und ein Büchlein vor ihm ligende

der grüßt uns früntlich, hieß uns herfür zu ihm
an den Tiſch ſitzen. (Dann unſere Schuoh wa⸗
ren, mit Urlaub zu ſchreiben, ſo vol Kot und
Wuſt, daß wir vor Knäten nit dörften fröhlich,
Schamhalb, hinfür in die Stuben tretten;
ſchmucktend **) uns heimlich bei der Thür auf
ein Benkli nider). Da bot er uns zu trinken,
daß wir ihm nit abſchlagen konnten.

Drittes Kapitel.

Was darauf in der Herberg zum ſchworzen
Bären vorgefallen.

Demnach wir ſeine Fründlichkeit und Holdſe⸗
ligkeit vernommen, ſetzten wir uns zu ihm (wie
er geheißen) an ſeinen Tiſch, beſtellten auch ein
Maß Wein aufzutragen, damit wir von Ehren
wegen ihm wiederum trinken buten, vermeinten
aber nit anderſt, dann er war ein Reuter, ſo
nach Lands⸗Gewohnheit da ſaß in einem rothen
Schläpli (Schöpli) in bloßen Hoſen und Wam⸗
mes, ein Schwerdt an der Sciten, mit der rech⸗
ten Hand des Schwerdtes Knopf, mit der an⸗
dern das Hefti umfangend. Bald fing er an
zu fragei, wannen wir bürtig wären? Doch
„ihr ſeyt Schweitzer.
Wannen ſint ihr aus dem Schweitzerland?“
Antworten wir: „von St. Gallen“. Sprach
er: „wenn ihr dann, wie ich verſtan, gen Wit⸗
tenberg, ſo findend ihr gut Landlüt, namlich
Doctor Hieronymum Schürpfen und ſeinen Bru⸗
der Doctor Auguſtin“. Sagtend: „wir hand
Brieff an ſie“. Da fragten wir ihn wieder:
„Mein Herr, wüßtet ihr uns nit zu beſcheiden,
ob Martin Luther jezmalen zu Wittenberg oder
am welchem Ort er doch ſeyge?“ Anwurter
er: „ich hab gewüßen Bericht, daß der Luther
jezzumalen nit zu Wittenberg; er ſoll aber bald
dahin kommen. Philippus Melanchton aber iſt
da; er lehret die Griechiſche Sprach, ſo auch
andere die Hebräiſche lehren, welche beide ich
euch in Treuen rathen wolt zu ſtudiren; denn
die, Heilige Schrifften zu verſtohn, bevor not⸗
wendig ſind“. Sprachend wir: „Gott ſey ge⸗
lobt, dann wir (ſo Gott unſer Leben friſten wiri)

*) zuvor.
**) ſchmiegten.

her gewieſen hat, allenthalben hat man uns ver⸗

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