Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 16 › Seite 139
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-03-30, Seite 139
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Für den „Lutheraner“.
Man hört von der jetzigen Zeit oft rühmen,
ſie ſei eine gar aufgeklärte. Daß dies aber nur
nit Cinſchränkung gelten könne, davon hat man
leider nur zu oft Gelegenheit ſich zu überzeugen,
und dazu liefert auch ein neuerdings in St.
douis erſchienenes Blatt betitelt „Freie Blätter.
Ein Organ für religiöſe Aufklärung. Heraus⸗
geben und redigirt von Franz Schmidt“ wie⸗
der einen auffälligen Beweis. Dies iſt nament⸗
lih der Fall in einem, in jenem Blatte enthal⸗
tnen und „Von der Bibel“ überſchriebenen Ar⸗
tel. Derſelbe hat zum Motto: „Sie entſchie⸗
den durch Abſtimmung, welche Bücher das Wort
Gottes ſein ſollten, und welche nicht. Solche
Bücher, welche eine Mehrheit von Stimmen für
ſch hatten, wurden für das Wort Gottes er⸗
lli. Hätten ſie anders geſtimmt, ſo würden
alle Leute, welche ſich ſeither Chriſten nannten,
anders geglaubt haben, — denn der Glaube der
atzteren rührt von den Stimmen der Erſterern
her. Wer die Leute waren, welche dies thaten,
niſſn wir nicht; ſie legten ſich den allgemeinen
Namen „die Kirche“ bei, und dies iſt Alles, was
wir von der Sache wiſſen.“ Vorſtehende Worte
ſid dem Thomas Paine, einem Engliſchen Frei⸗
geiſt, der aber auch unter den Deutſchen, wenig⸗
ſuns den hieſigen, viel Leſer gefunden hat, als
Motto entlehnt, und zeigen zur Genüge, weß
Geiſtes Kind der iſt, von dem ſie ausgehen.
Es iſt eine bekannte Sache, daß die Bücher,
die ich im Neuen Teſtamente finden, aus der
weiten Hälfte des erſten Jahrhunderts herrüͤh⸗
un, und daß ſie urſprünglich vereinzelt waren.
Denn die heiligen Männer ſchrieben zu verſ⸗ ie⸗
denen Zeiten, an verſchiedenen Orten, und zum
Theil auch, zunächſt wenigſtens, für verſchiedene
perſonen. Z. B. der erſte Brief an die Theſſa⸗
lznicher iſt wahrſcheinlich im Jahre 52, das
Cpangelium Johannis in den 80ger Jahren;
das Cvangelium Matthäi in Paläſtina, der
Brief an die Coloſſer zu Rom verfaßt; der Brief
an die Philipper nach dem Norden, der an den
Titus in Creta nach dem Süden, der an die Rö⸗
ner nach dem Weſten, der an die Hebräer nach
dem Oſten des damaligen römiſchen Reichs und
der chriſtlichen Kirche geſandt, die bald jenes
und Clemens Alerandrinus in Agppten; aus
der erſten Hälfte des dritten Jahrhunderts der
gelehrte Origines zu Alexandria; aus der erſten
Hälfte des vierten Jahrhunderts der Kirchenhi⸗
ſtoriker Euſebius. Es lag nun in der Natur
der Sache, daß die Chriſtenheit zu einer Ent⸗
ſcheidung über die Antilegomena zu kommen be⸗
gehrte, und noch vor Ende des vierten Jahr⸗
hunderts ſehen wir Particularkirchen ſich damit
beſchäftigen; zuerſt eine morgenländiſche, die in
Laodicea um das Jahr 362 eine Verſammlung
hielt, und erkannte, daß auch der Brief an die
Hebräer, der zweite Petri, der zweite und dritte
Johannis, der Brief Jakobi und Judä den
Homologoumena als ächt hinzuzuzählen ſeien;
dann eine abendländiſche, die 393 in der Stadt
Hippo Regius (wo der Zeit der nachmals ſo
berühmte Auguſtinus Presbyter war) unter dem
Biſchof Aurelius von Carthago ein Concil hielt,
und zu der Uberzeugung kam, daß alle ſieben
Antilegomena zu den Homologoumena als ächt
hinzuzurechnen ſeien. Dieſer Überzeugung pflich⸗
teten allmälig Andere bei; zuerſt ein Concil zu
Carthago 397, dann der Biſchof Gelaſius I.
von Rom zu Anfang des fünften Jahrhunderts,
und gegen Ende desſelben ein römiſches Concil,
endlich jeglicher Theil der Kirche. Die That—
ſache, die die ganze Kirche ſo einmüthig zu dem⸗
ſelben Reſultat über den Canon kommen ließ,
war inſonderheit die, daß die Schriften, welche
eine Zeitlang Antilegomena geweſen waren, nach
eingezogenen nöthigen Erkundigungen offenbar
das unverwerfliche Zeugniß Vieler hatten, daß
ſie apoſtoliſchen Urſprungs ſeien, und daß alſo,
da ja die Antilegomena mit der erkannten gött⸗
lichen Wahrheit und mit den Homologoumena
übereinſtimmten, der Widerſpruch, den Einige
dagegen erhoben, aus keinen andern, als zu⸗
fälligen Urſachen hervorgegangen, und ſomit
unbegründet war. Dazu kam noch der merk⸗
würdige Umſtand, daß, während im Laufe der
Zeit die Antilegomena immer allgemeiner aner⸗
kannt wurden, die Zahl Solcher, die andere
Schriften, die damals auch im Umlauf waren
(g. B. die Geſchichte des Paulus, den Hirten des
Hermas, die Apokalypſe Petri ꝛc.) für ächt hiel⸗
ten, immer mehr abnahm.
Dies iſt eine einfache Darlegung der That⸗
Khanze Reich durchzog. Wie zerſtreut dieſe
Schriften nun aber auch anfänglich waren, ſo
wurden ſie doch bald in der Chriſtenheit bekannt
und in Abſchriften geſammelt. Bei weitem die
meiſten hielten Alle für apoſtoliſch und von Gott
eingegeben; nur dem wurde von Einigen wider⸗
ſprochen, daß dies auch von folgenden ſieben
gelte: dem Brief an die Hebräer, dem zweiten
petri, dein zweiten und dritten Johannis, dem
HBriefe Jacobi, Judä und der Offenbarung
Phannis. Jene Bücher, wozu alſo nament⸗
zich auch die vier Evangelien gehören, wurden
Homologoumena genannt, anzudeuten, daß alle
über ſie einer Meinung ſeien, die übrigen: Anti⸗
legomen a. anzudeuten, daß Einige an ihrer Acht⸗
heit zwelfelten. Dies berichten uns namentlich
aus dem zweiten Jahrhundert die Kirchenväter
Nenäus in Gallien, Tertulian in Nord⸗Afrika
ſachen, die in jedem dahin einſchlagenden Werk
zu finden, und allgemein bekannt ſind. Thomas
Paine nun ſagt: „Sie entſchieden durch Abſtim⸗
mung, welche Bücher das Wort Gottes ſein
ſollten und welche nicht. Wer die Leute waren,
welche dieſes thaten, wiſſen wir nicht; ſie legten
ſich den allgemeinenRamen „die Kirche“ bei, und
dies iſt Alles, was wir von der Sache wiſſen.“
Das muß doch eine Unwiſſenheit, und bei
einem, der von der Sache reden will, eine grobe
Unwiſſenheit heißen. Was er wol mit dem
Wörtchen „wir“ meinen mag? Sind's ſeine
Genoſſen, die Bibelfeinde, ſo muß man ihm
vollkommen recht geben, denn die ſind meiſt in
ligen Schrift befangen. Verſteht er aber unter
„wir“ die in dieſer Zeit lebenden Menſchen über⸗
grober Unwiſſenheit über den Urſprung der hei⸗
Strauß erinnern, der, wenn er, vom Jäger ver⸗
folgt, nicht mehr entfliehen kann, ſeinen Kopf
verbirgt, der Meinung, daß wenn er Nichts ſieht,
hört und weiß, es mit Andern eben ſo beſtellt
ſei. Unwiſſenheit hat zur Zwillingsſchweſter die
Dummheit; beide gehen denn auch in Paine's
Worten Hand in Hand. Denn er ſagt auch:
„Hätten ſie anders geſtimmt, ſo würden alle
Leute, welche ſich ſeither Chriſten nannten, an⸗
ders geglaubt haben, denn der Glaube der Letz⸗
teren rührt von den Stimmen der Erſteren her.“
Wenn alſo eine Zahl Leute, von denen man
Nichts weiß, außer daß ſie ſich die Kirche nen⸗
nen, beſchließen, Dies ſoll man glauben, Jenes
ſoll man nicht glauben, ſo machen es nun alſo
auch andere Leute ſo. Ich möchte wiſſen, woher
Thomas Paine das hat! Aus der Erfahrung
und dem geſunden Menſchenverſtande gewiß
nicht. Wenn z. B. jetzt eine Anzahl Prediger
zuſammen kämen und beſchloͤſſen, ihre Gemeinen
ſollten Dies glauben, und Jenes nicht glauben,
würden die Gemeinen es darum thun, beſonders
wenn es wider den Glauben der Gemeinen
wäre? Oder, wenn die im Congreß verſammel⸗
ten Repräſentanten beſchließen wollten, welche
Werke über Poͤlitik man für ſolche halten ſollte,
die richtige Grundſätze vortrügen, und welche
nicht, würde das ganze Volk nun darum die ei⸗
nen annehmen und die andern verwerfen? Th.
Paine muß wol glauben, daß das geſchehen
würde. Läßt ſich aber ſchon Niemand eine po⸗
litiſche Überzeugung aufdringen, wie viel weni⸗
ger eine religibſe, wenigſtens wenn Jemand ei⸗
nigermaßen den Unterſchied zwiſchen Leib und
Seele, Zeit und Ewigkeit und zeitlicher und
ewiger Wohlfahrt faſſen kann und gefaßt hat.
Und nur wer ganz unwiſſend iſt in der Geſchich te
der Kirche zu der Zeit, in welcher der Canon
des N. T's. entſtand, kann meinen, daß man
die Menſchen damals leichter hätte lenken oder
ſie, was immer einem beliebte, glauben machen
können. Im Gegentheil, ſchwerer war's da⸗
mals, wenigſtens in Sachen des chriſtlichen
Glaubens, weil diejenigen, welche ſich Chriſten
nannten, im Allgemeinen weit beſſer unterrich⸗
tet, und weit mehr um das Heil ihrer Seele be⸗
kümmert waren, als es die Maſſe derer iſt, die
ſich heut zu Tage Chriſten nennen. An Bei⸗
ſpielen von Selb ſtſtändigkeit der Gemeinen in
damaliger Zeit fehlt es keinesweges.
Die erwogenen Worte von Th. Paine nun hat
Herr Schmidt zum Motto ſeines Aufſatzes, oder
vielmehr ſeiner Aufſätze (denn jenem erſten ver⸗
ſpricht er noch andere folgen zu laſſen) gemacht.
Motto heißt bekanntlich Wahlſpruch. Da nun
in jenen Worten von Th. Paine offenbar Un⸗
wiſſenheit und Dummheit Arm in Arm geſchlun⸗
gen als ein Schweſterpaar daſtehen, ſo hat Herr
Schmidt jene zu ſeinen Leitſternen erwählt; und
man muß wirklich beiden Theilen die Ehre laſſen,
daß ſie: ſein Leitſtern ihn treulich geführt, und
er ſeinem Leitſterne eben ſo treulich gefolgt iſt,
wie ſich aus Herrn Schmidt's Eigenem genug⸗
ſam ergiebt. 2 *
um Einiges hervorzuheben, ſo ſagt er in ſei⸗
haupt, ſo kann einen das nur an die Fabel vom
4*
nem Aufſatze: „Die Prieſterkaſt fuͤhlte das Be⸗
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