Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 1 › Seite 5
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-01, Seite 5
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Zeremonien 4
diges und freundliches Gotteshaus hatten, ſon⸗
Edern beſonders auch darum, weil uns in dem⸗
ſelben wieder erſetzt war, was wir zwei Jahre
zuvor durch einen Unfall verloren hatten. Das
erſte Kirchlein nämlich, das dieſe im Jahre 1842
aniſtandene Gemeinde erbaut hatte, brannte am
Iten Dezember des Jahres 1846 ab, nachdem ſie
ſich nur zwei Jahre ſeines Beſitzes erfreut hatte.
4JDie Ausſichten für eine neue Kirche waren
damals ſehr trübe, denn die Gemeinde war
ſchwach und klein; ſie hatte bald im Anfang
durch den Austritt der Unirt⸗Evangeliſchen mehr
denn die Hälfte ihrer Glieder verloren und be⸗
ſtand zur Zeit des erſten Kirchenbaues nur aus
neun Familien.
So ſchwer demnach die Prüfung war, da ſie
üihre erſte Kirche verlor, ſo groß iſt nun ihre Freude,
daß ſie wieder erlangt hat, was erſt bei der Ar⸗
muth und bei der geringen Anzahl ihrer Glieder
ſo ſcͤhwierig ſchien. Inzwiſchen mehrte ſie Gott,
4. und ſo ward es ihr durch ſeine Hülfe möglich,
daß ſie das neue Kirchhaus ohne alle fremde Un⸗
teſtützung erbauen konnte. Es iſt ein ſchönes
Framehaus, 30 Fuß lang und 18 breit, mit einer
Kanzel und Altar. Die Einweihung ſelbſt wurde
mit dreimaligem Gottesdienſte, zweimal am erſten,
und einmal am andern Tage bei zahlreicher Ver⸗
ſammlung gefeiert. Außer den beiden mitwir⸗
kenden lieben Brüdern, nämlich Herrn P. C.
Straſen von der Horſe Prairie, welcher am
Sonntag⸗Nachmittag predigte, und Herrn Cand.
Rud. Lange, von St. Louis, welcher am Mon⸗
tag predigte, waren noch mehrere auswärtige
Freunde und Glaubensgenoſſen gekommen, um
an der Feier Theil zu nehmen. Gott laſſe dieſes
Kirchlein ſeiner gnädigen Obhut befohlen ſein
und ſeines Namens Ehre darin wohnen.
G. A. Schieferdecker, P.
—— Anfruf.
Wir theilen hierdurch den in letzter Nummer
verſprochenen Aufruf des Herrn Dr. Guericke in
Halle an die Lutheraner in Deutſchland, inſonder⸗
heit in Preußen, mit. Er lautet wie folgt:
„Die Ungerechtigkeit gegen die lutheriſche Kirche,
deren Recht unter frommen Phraſen zertreten wor⸗
den iſt, war ein Bann auf dem Gewiſſen des
preußiſchen Staates, der nichts anders ausge⸗
bären konnte als ein Gericht. Das hat Unterzeich⸗
neter ſeit Jahren privatim höchſten Orts und
öffentlich ausgeſprochen; und das Gericht iſt ein⸗
getreten. Preußen erſcheint in dem verhängniß⸗
vollen Moment der Gegenwart ungleich grauen⸗
voller getroffen, als irgend ein anderes Land.
Nicht als hätte dies die Kirche herbeigeführt,
welche Gehorſam gegen die Obrigkeit lehrt; wohl
aber hat die Revolution in der Kirche, welche die
höchſte Gewalt des Staates gemacht hat, ſich
durch eine Revolution im Staate geſtraft, welche
der entfeſſelte Zeitgeiſt gemacht hat, denn jede Re⸗
volution von oben hat eine von unten zur Folge.
Die Revolution iſt jetzt eine Thatſache, und an
uns, an uns Chriſten und Theologen iſt es, uns
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in die Zeit zu ſchicken. Der Staat hat im Prin⸗
zip aufgehört, ein confeſſioneller, ein chriſtlicher
zu ſein. Darum kann auch von Staatskirche dem
Prinzip nach nicht mehr die Rede ſein. Treibt
ſchon das zeitliche Intereſſe der Geiſtlichkeit in
ihrer Mehrzahl ſie jetzt noch zum Lecken wider
dieſen Stachel; endliche und vielleicht baldige
gänzliche auch factiſche Trennung der Kirche und
des Staates iſt die unvermeidliche und jedenfalls
immer noch die heilſamſte Folge dieſer Staats⸗
umwandlung. — Die Staatskirche wird das
Aas ſein, um welches ſich die Adler ſammeln.
Eine Anzahl preußiſcher Pfarrer und Gemeinden
hat ſchon ſeit Jahren und vorzüglich noch im
letztvergangenen die Staatskirche verlaſſen, um
den kargen Biſſen einer Conceſſion zu nehmen,
welcher der lutheriſchen Kirche gewährt worden
war. Ich meines Theils möchte lieber verhun⸗
gern, als von den Brocken mich nähren, die von
unrechtmäßigem Tiſche fallen. Das gute Recht
der lutheriſchen Kirche in Preußen und in Deutſch⸗
land, auf alle nur denkbare Weiſe garantirt, war
unverjährt; ich möchte lieber unter ſeinen Trüm⸗
mern begraben ſein, als durch ſein Aufgeben es
mit verſchulden, daß die vollberechtigtſte und gei⸗
ſtig freieſte und mächtigſte Kirche herabgedrückt
und herabgeſtimmt werde zur Secte. Doch jetzt
kann ja hiervon die Rede nicht mehr ſein. Der
Staat iſt auf eine andere Baſis getreten, welche,
wenn auch leider nicht an die Stelle der Will⸗
kühr das Recht, doch an die Stelle der Gebunden⸗
heit die Freiheit ſetzt. Laſſet uns, Glaubens⸗
genoſſen in Preußen, dieſe Freiheit ausbeuten, ehe
es zu ſpät iſt! Ausbeuten, natürlich nicht auf
ungeſetzlichem, ſondern auf völlig geſetzlichem
Wege. Trauen wir unſerm Volke und ſeiner
Vertretung die Gerechtigkeit und Billigkeit zu,
daß, wenn jetzt das Begehren und Beſtreben derer
volle Gewährung finden muß, welche leider an
dem chriſtlichen Glauben überhaupt irre geworden
ſind, und wenn auch diejenigen volle Freiheit des
Beſtandes und der Entwickelung haben müſſen,
die in der bisherigen ſtaatskirchlichen Union oder
ähnlichen kirchlichen Gedanken⸗, Gefühls⸗ und
Phantaſie⸗Gebilden, obſchon dieſe leicht bald als
eine auf einen ſchmutzigen Tropfen reduc irte Sei⸗
fenblaſe erſcheinen dürften, auch ferner ihr volles
Genüge finden wollen (ſie werden's ja fürder nicht
in Herrſchſucht verwirklichen wollen), — trauen
wir unſerm Volke die Gerechtigkeit zu, daß auch
dann uns, uns Wenigen unſer Weg nicht ver⸗
kümmert werden wird, die wir mit der Kraft
innigſter Ueberzeugung auf Grund des göttlichen
Wortes an der alten Kirche Luthers feſthalten
wollen, an der Kirche, welche einen feſten Boden
hat in der Geſchichte und im Volke, welche in
Feuer und in Blut bewährt worden iſt, und deren
Recht einſt gerade das Jahr 1648 ſo weit hin
leuchtend beurkundet hat! So laſſet uns denn,
theure lutheriſche Glaubensgenoſſen in Preußen,
Alle, wie wir auch Färbung und Namen haben
mögen, abthun von uns Alles, was, ſei es mit
ſtaatskirchlicher Union, ſei es mit ſectiriſcher Eng⸗
und Kleinherzigkeit, uns amalgamirt; laſſet uns,
Geiſtliche und Gemeinen, um das alte ehrwür⸗
dige deutſche Banner der unveränderten Augs⸗
burgiſchen Confeſſion uns ſchaaren, und gemein⸗
ſam uns bauen auf unſern allerheiligſten Glau⸗
ben in aller geiſtlichen Nüchternheit und wiſſen⸗
ſchaftlichen Macht; laſſet uns, einzeln und
gemeinſam, offenes und ehrerbietiges Zeugniß
ablegen dieſes Sinnes vor unſerer hohen, der
Volksvertretung verantwortlichen Behörde; und
laſſet uns ſo rechtzeitig uns wappnen gegen die
Noth⸗ und Leidensſtröme, die eine ſicher kommende
Zeit noch ſchwererer Gerichte über uns einbrechen
laſſen wird! Wohl dem, der in ſo grenzenloſer
Verwirrung, in ſo unentwirrbarem Knäuel des
Elends dann ein feſtes Herz, und ſein und ſeiner
Kinder Haus auf einem Felſen gebaut hat! Ich
habe dieſe anſpruchsloſen Worte geſprochen, weil
ich um Gewiſſenswillen nicht ſchweigen durfte.
Ich wartete lange und warte nun zumal immer⸗
fort darauf, daß Beſſere und Tüchtigere die
Sache in ihre Hand nehmen, und ſtelle mich ihr
als einen der geringſten Mithelfer zum Dienſt.
Halle, den 9. April 1848.
Prof. Dr. Guericke.“
Der Weyl'ſche Kirchenbote
theilt in ſeiner letzten Nummer unter der Ueber⸗
ſchrift: „Zurück in die alte Nacht des Pabſtthums“,
die Nachricht mit, „daß die Lutheraner in Detroit,
Ann Arbor, Monroe und andern Orten ein großes
hölzernes Kreuz, ein Crucifir und Lichter auf den
Altären aufgeſtellt haben“, und macht dabei die
Bemerkung: „Es wundert uns, daß es in dieſem
gewiſſenszwangloſen Amerika noch Lutheraner gibt,
welche ſich durch ſolche papiſtiſche Pfaffen
wieder zurück in die alte Nacht des Pabſtthums
führen laſſen.“
Wir wiſſen in der That nicht, ob wir mehr die
Albernheit bemitleiden, oder mehr über die Bos⸗
heit uns entſetzen ſollen, welche Herr Weyl hier
wieder einmal an den Tag gelegt hat. Was für
einen Begriff muß dieſer Mann von dem Pabſt⸗
thum haben, da er glaubt, das Weſen des ſelben,
alſo das Antichriſtiſche, das „Geheimniß der Bos⸗
heit“, vor welchem die Schrift ſchon im voraus
warnt, ſtecke in der Aufſtellung eines hölzernen
Kreuzes, eines Crucifixes und einiger Lichter auf
den Altartiſchen! Gott, wohin iſt es gekommen,
daß ein Menſch, der ein lutheriſcher Prediger, und
zwar ein aufgeklärter und liberaler unter ihnen, ja
ein Stimmführer in der amerikaniſch-⸗lutheriſchen
Kirche ſein will, ſolche Urtheile in die Welt hinaus
ſchreiben kann? Wer daraus nicht erkennt, daß ein
großer Theil dieſer Kirche in die ſtupideſte
Schwarmgeiſterei hinabgeſunken iſt, der muß ſicher
der Jünger eines ſolchen Meiſters ſein, wie Herr
Weyl iſt. Doch, offenbarte derſelbe hierbei nur
wieder ſeine Unwiſſenheit mit jener unübertroffe⸗
nen Dreiſtigkeit, die der gründlichen Unwiſſenheit
immer ſo eigen iſt, ſo könnte man ihn fleilich eben
nur bemitleiden. Aber wir fragen: welch' ein
Grad von Bosheit gehört dazu, evangeliſch⸗
lutheriſche Prediger, die Herr Weyl, zum Theil
wenigſtens, ſelbſt nicht kennt, deswegen ſogleich
als „papiſtiſche Pfaffen“ vor aller Welt zu brand⸗
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