Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 1, Nummer 4 › Seite 16
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1844-10-13, Seite 16
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Heiligung 10 · Unglaube 6
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er sei noch kein Christ, sondern er suche es noch dahin zu bringen, daß er ein Christ werde; daß er mit Paulo Phil. 3, 12. 15. 16. rühmen könne: Ich bin es nicht, sondern suche es zu sein; „nicht daß ich es schon ergriffen habe, oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo JEsu ergriffen bin. Und wie viel unser vollkommen sind, lasset uns bei dieser Regel bleiben.“ Denn ein Christ ist im Werden, nicht im Wordensein. Denn es wird zu ihm gesagt: „Bittet, suchet, klopfet an;“ es heißt nicht: Ihr habt es bereits, ihr habt es gefunden, ihr seid schon eingegangen; sondern: „Bittet, suchet ꝛc.“ Wer derohalben ein Christ ist, der ist nicht ein Christ; das ist, wer sich dünken läßt, er sei schon ein Christ worden, da er nur ein Christ werden soll, der ist nichts. Denn wir strecken uns nach dem Himmel, wir sind aber noch nicht im Himmel. Und gleichwie derjenige nimmermehr in den Himmel kommen wird, der sich einbildet, er sei schon im Himmel; also ist derjenige bereits im Himmel, der sich nach dem Himmel strecket, und da hinein zu kommen sucht. Denn Gott hält ihn dafür, als der schon im Himmel sei. In Summa: Man muß immer weiter fortgehen und zunehmen, und nicht still stehen, noch sicher schnarchen. „Unser alter Mensch muß,“ wie Paulus sagt, „verwesen, und der innerliche von Tage zu Tage erneuert werden.“ 2 Cor. 4, 16.
Wehe demjenigen, der schon ganz erneuert ist, das ist, der sich einbildet, er sei schon erneuert. Selbiger hat ohne Zweifel noch nicht angefangen erneuert zu werden, und noch niemals geschmeckt, was da sei, ein Christ sein. Denn wer da angefangen hat, ein Christ zu sein, der hält sich nicht dafür, daß er ein Christ sei, sondern er verlanget sehr, ein Christ zu werden; und je mehr er wächst und zunimmt, desto mehr suchet er es zu werden, und desto weniger hält er sich dafür, daß er's sei. So gar wunderbar sind die Werke des Reiches Christi. „Wer stehet,“ sagt Paulus, „der sehe wohl zu, daß er nicht falle.“ 1 Cor. 10, 12. Und abermal: „So sich jemand läßt dünken, er sei etwas, so er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.“ Gal. 6,3. (Luther in seiner Erklärung der Parabel vom Suchen der guten Perle, nach Matth. 13, 45. 46.)
Das feige Herz eines Ungläubigen.
Als Nikolaus Lange im Jahre 1693 in der Eigenschaft eines Legationspredigers in Wien lebte und daher hier täglich an der Tafel seines (des schwedischen) Gesandten speiste, machte es sich besonders Einer der täglich gegenwärtigen Tischgäste zum Geschäfte, dem frommen Lange zum Trotz, über Gott und sein Wort höchst verwegene Reden zu führen und insonderheit über Hölle und Teufel sein Possenspiel zu treiben. Doch was geschah? Dieser große Held logirte zu dieser Zeit mit seinem Kammerdiener, der ein alter, gottesfürchtiger Mann war, in einem Gartenhause, vor welchem eine alte morsche Eiche stand, die schon längst mit Umsturz gedroht hatte. In einer stürmischen Nacht brach endlich diese Eiche zusammen und schlug unter furchtbarem Geprassel die ganzen Fenster im Schlafzimmer jenes Goliaths in tausend Stücken. Mit Schrecken erwachte derselbe in dem Augenblicke des entstehenden Aufruhrs und rief nun in seiner Todesangst, so laut als er konnte, aus dem Bette springend, seinem Kammerdiener zu: „Johann! Johann! bete! bete! der Teufel will mich holen!“ Der Kammerdiener erscheint und findet den Herrn am ganzen Leibe zitternd. Ersterer holt nun ein Licht und zeigt Letzterm den natürlichen Grund des gräulichen Rumors, worauf derselbe sich wieder beruhigt zu Bett legt.
Der christlichgesinnte Kammerdiener konnte es jedoch nicht unterlassen, sogleich am folgenden Morgen Langen diesen Vorfall zu hinterbringen; er meinte damit dem Seelsorger einen nöthigen Wink geben zu können, nach welchem derselbe vielleicht seine Ermahnung einrichten könnte. Der Mittag kam, und der Herr erschien wieder an der Tafel des Gesandten, fing aber mit der größten Zügellosigkeit seine ärgerlichen Reden von neuem an. Lange brachte hierauf das Gespräch auf die Majestät, Allgegenwart und Gerechtigkeit Gottes, und erinnerte dabei, wie Gott so heilig wäre, daß er die Verächter seiner Majestät auch oft gleichsam verächtlich bestrafe, so daß nach der heil. Schrift ein rauschend Blatt sie jagen könne (3 Mos. 26, 36). Zuletzt fügte er hinzu, daß mancher Eisenfresser und manches Großmaul sehr viel wider Gott reden könne; hernach geschähe es wohl, daß ihm Gott bei Zerbrechung eines dürren Baumes ein so feiges Herz mache, daß er meinte, der Teufel würde ihn holen, und liefe, da ihn niemand jagte. (3 Mos. 26, 36.) Bei diesen Worten entfärbte sich jener, und wurde nach der Zeit ganz stille. Niemand aber wußte damals, worauf jene Rede zielte.
Christlicher Muth.
Als der ehemalige Superintendent zu Brandenburg, Nikolaus Lange, noch Hausprediger bei dem Grafen von Horn auf seinen Gütern bei Demmin in Pommern war, hatte er die täglichen Betstunden im Hause des Grafen zu halten, welche er unter andern anch dazu sorgfältig benutzte, das unwissende Gesinde, so viel als möglich, im Christenthum zu unterrichten. Bei diesen Bemühungen sah sich der eifrige Mann von Gott sichtbar gesegnet. Nur einem einzigen frechen und wollüstigen Menschen waren die Betstunden die größte Last, und gleichwohl durfte er aus Furcht, die Ungnade des Grafen sich zuzuziehen, dieselben nicht versäumen. Gleichwie nun Lange auf alle Hausgenossen genau achtete, damit sie sich an Gott nicht muthwillig versündigen möchten, also merkte er auch bald die bösen Wege des erwähnten Menschen. Daher sprach er bei jeder vorfallenden Gelegenheit wider die Sünden gegen das sechste Gebot. Weil nun jener dadurch beständig in seinem Gewissen gestraft wurde, fragte er einst nach der Betstunde in Gegenwart der Uebrigen mit grimmiger Miene den Prediger: Er rede immer von Hurerei, wen er denn damit meine? Worauf ihn dieser auf die Prüfung seines Gewissens führte.
Als Lange am folgenden Tage mit einigen Gliedern der Familie des Grafen nach Stettin fuhr und rückwärts im Wagen saß, sah er den, welchen er gestern zur Buße aufgefordert hatte, in vollem Galopp nachgeritten kommen; und da er sehr gut in die Ferne sehen konnte, bemerkte er schon die grimmigen Geberden des Reiters, und vermuthete sogleich, daß dieser etwas Böses im Sinne habe. Er ließ deshalb den Wagen still halten, sprang herunter und redete den erbitterten Menschen, ohne die mindeste Furcht oder Verlegenheit an sich blicken zu lassen, also an: „Du Kind des Zorns, halt! Wie hat Dich der Mordgeist hieher geführt? Siehe, hier stehe ich im Namen JEsu, thue, was Du nicht lassen kannst! Doch Trotz sei Dir geboten, daß Du nur eine Pistole heraus ziehest!“ Ueber diesen Muth gerieth der Mensch, der auf dem Pferde schäumte, in solche Verwirrung, daß er zwar immer nach der Pistole greifen wollte, sie aber nicht herausbringen konnte, weil er zu sehr betroffen war. Darauf ging Lange zu ihm, ergriff mit der einen Hand das Pferd beim Zaume, mit der andern griff er die Rechte des Reiters und sprach: „Du elender Mensch, steig herab vom Pferde, wir wollen mit einander zwischen das Korn gehen.“ Der Tiger wurde jetzt wie ein Lamm, und stieg herab. Lange band darauf das Pferd an den Wagen, bat seine Begleiter, daß sie ein wenig verziehen möchten, und ging darauf mit jenem in das Korn. Hier setzten sie sich beide nieder und Lange redete nun dem armen Menschen beweglich zu, zeigte ihm nicht nur, wie groß seine Sünden seien wider Gottes heiliges Gebot, sondern wies ihn auch auf die große Gnade und Freundlichkeit des Heilandes aller Sünder hin, die er verachte und an deren Statt er einer Lust nachgehe, die ewige Unlust nach sich ziehe. Und siehe, das harte Herz zerschmolz; der Sünder fing an bitterlich zu weinen, und bekannte, daß jene Bestrafungen ihm bisher unerträglich gewesen wären. Indessen sei es doch die Wahrheit gewesen; er habe sich sehr versündigt, und es reue ihn nun von Herzen. Hierauf zeigte er zwei Pistolen, welche er im Rocke noch außer den zweien in dem Halfter verborgen hatte, und 500 Rthlr. Geld, weil er sich vorgenommen habe, seinen Seelsorger zu erschießen, und dann in die weite Welt zu reiten. Er preise aber nun Gott, der ihn daran gehindert und ihm entgegen gewandelt sei. Er versprach, von seinen Sündenwegen hinführo umzukehren. Sie knieten darauf beide nieder, und Lange betete herzlich zu Gott. Hierauf gingen sie wieder zurück, und jener ritt nach vielen Liebeserweisungen nach Hause, änderte seinen bisherigen Lebenswandel und wurde von nun an Langen von Herzen zugethan.
Der „Lutheraner“ ist stets zu haben in der Wohnung des Herumträgers, Hrn. Gräber's, (südliche fünfte Straße, der Oelmühle gegenüber) ferner bei Hrn. Quast (Olive-Straße, zwischen der zweiten und dritten, unterhalb des Theaters) und bei dem Herausgeber.
Gedruckt bei Weber und Olshausen.
English translation AI translation
he is not yet a Christian, but rather seeks still to bring it about that he become a Christian; that he may boast with Paul, Phil. 3:12, 15, 16: "I am not, but I seek to be"; "not as though I had already attained, either were already perfect: but I follow after, if that I may apprehend that for which also I am apprehended of Christ Jesus. Let us therefore, as many as be perfect, be thus minded." For a Christian is in the process of becoming, not in a state of having become. For it is said to him: "Ask, seek, knock"; it does not say: you already have it, you have already found it, you have already entered in; but rather: "Ask, seek," etc. Whoever, therefore, thinks himself a Christian is not a Christian; that is, whoever imagines that he has already become a Christian, when he ought only to be becoming one, is nothing. For we stretch out toward heaven, but we are not yet in heaven. And just as the one who imagines that he is already in heaven will never come into heaven, so the one who stretches out toward heaven and seeks to enter it is already in heaven — for God reckons him as one already in heaven. In sum: one must continually go forward and grow, and not stand still, nor snore in false security. "Our old man," as Paul says, "must decay, and the inward man be renewed day by day." 2 Cor. 4:16.
Woe to him who is already wholly renewed — that is, who imagines that he is already renewed. Such a one has without doubt not yet even begun to be renewed, and has never yet tasted what it is to be a Christian. For whoever has begun to be a Christian does not consider himself to be a Christian, but earnestly desires to become one; and the more he grows and increases, the more he seeks to become one, and the less he considers himself to already be one. So altogether wonderful are the workings of the kingdom of Christ. "Let him that thinketh he standeth," says Paul, "take heed lest he fall." 1 Cor. 10:12. And again: "For if a man think himself to be something, when he is nothing, he deceiveth himself." Gal. 6:3. (Luther, in his exposition of the parable of the seeking of the goodly pearl, on Matt. 13:45–46.)
The Cowardly Heart of an Unbeliever.
When Nikolaus Lange, in the year 1693, was living in Vienna in the capacity of a legation preacher, and therefore dined there daily at the table of his ambassador (the Swedish ambassador), one of the dinner guests present each day made it his particular business, in defiance of the pious Lange, to hold the most audacious speeches about God and his Word, and especially to carry on his mockery of hell and the devil. But what happened? At this time, this great hero was lodging, together with his valet — an old, God-fearing man — in a garden house, in front of which stood an old, decayed oak that had long threatened to fall. On a stormy
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night, this oak finally came crashing down and, with a terrible crash, smashed to a thousand pieces every window in that Goliath's bedroom. He awoke in terror at the moment the commotion began, and, springing from his bed, cried out to his valet as loudly as he could in his mortal fear: "Johann! Johann! Pray! Pray! The devil is coming for me!" The valet appears and finds his master trembling in his whole body. The former now fetches a light and shows the latter the natural cause of the dreadful uproar, whereupon the master calms down again and goes back to bed.
The Christian-minded valet, however, could not refrain from reporting this incident to Lange the very next morning; he thought by this to give the pastor a necessary hint, according to which the latter might perhaps arrange his admonition. Noon came, and the gentleman again appeared at the ambassador's table, but began his offensive speeches anew with the greatest lack of restraint. Lange thereupon brought the conversation around to the majesty, omnipresence, and justice of God, and reminded [the company] how holy God is, in that he often punishes the despisers of his majesty, as it were, contemptuously, so that, according to Holy Scripture, the sound of a driven leaf can put them to flight (Lev. 26:36). Finally he added that many a swaggering braggart and blusterer can talk a great deal against God; but that afterward it may well happen that God, at the mere breaking of a dry tree, gives him so cowardly a heart that he thinks the devil is coming for him, and runs, though no one is chasing him. (Lev. 26:36.) At these words the man turned pale, and from that time on became quite quiet. But no one at the time knew what that speech had been aimed at.
Christian Courage.
When the former superintendent at Brandenburg, Nikolaus Lange, was still serving as house-preacher to the Count von Horn on his estates near Demmin in Pomerania, he had to hold the daily hours of prayer in the count's house, which he also carefully used, among other things, to instruct the ignorant household servants in Christianity as much as possible. In these endeavors the zealous man was visibly blessed by God. Only to a single insolent and lustful person were the prayer hours the greatest burden, and yet, for fear of incurring the count's displeasure, he dared not miss them. Now, just as Lange watched closely over all the members of the household, so that they might not willfully sin against God, so too he soon noticed the wicked ways of the aforementioned person. He therefore spoke, at every opportunity that arose, against sins against the sixth commandment. Because this constantly convicted the man in his conscience, he once asked the preacher, after the prayer hour, in the presence of the others, with a grim expression, whom he meant by always speaking of fornication. To which the preacher responded by directing him to examine his own conscience.
The next day, as Lange was riding to Stettin with some members of the count's family, sitting with his back to the horses in the carriage, he saw the man whom he had called to repentance the day before come riding after them at full gallop; and since he could see very well into the distance, he already noticed the rider's grim gestures, and suspected at once that the man had something evil in mind. He therefore had the carriage stopped, jumped down, and, without letting the slightest fear or embarrassment show, addressed the embittered man thus: "You child of wrath, halt! How has the spirit of murder led you here? Behold, here I stand in the name of Jesus — do what you cannot help but do! Yet I defy you even to draw a single pistol!" At this display of courage, the man, foaming on his horse, fell into such confusion that, although he kept reaching for his pistol, he could not draw it out, because he was too taken aback. Lange then went up to him, seized the horse by the bridle with one hand, and with the other took hold of the rider's right hand, saying: "You wretched man, get down from your horse; let us go together in among the grain." The tiger now became like a lamb, and got down. Lange then tied the horse to the carriage, asked his companions to wait a little while, and went with the man into the grain field. There they both sat down, and Lange spoke movingly to the poor man, showing him not only how great his sins were against God's holy commandment, but also pointing him to the great grace and kindness of the Savior of all sinners, whom he was despising, choosing instead to pursue a pleasure that would bring eternal displeasure upon him. And behold, the hard heart melted; the sinner began to weep bitterly, and confessed that those rebukes had until now been unbearable to him. Nevertheless, he said, they had been the truth; he had sinned greatly, and now repented of it from his heart. He then showed two pistols, which he had hidden in his coat in addition to the two in the holster, and 500 reichsthalers in money, because he had resolved to shoot his pastor and then ride out into the wide world. But he now praised God, who had prevented him from this and had come to meet him instead. He promised henceforth to turn away from his sinful ways. They both then knelt down, and Lange prayed fervently to God. After this they went back again, and the man, after many expressions of affection, rode home, changed his former way of life, and from then on became devoted to Lange with all his heart.
The "Lutheraner" can always be obtained at the residence of the distributor, Mr. Gräber, (South Fifth Street, opposite the oil mill), further at Mr. Quast's (Olive Street, between Second and Third, below the theater), and from the publisher.
Printed by Weber and Olshausen.