# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 10 13_S16 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 16 er sei noch kein Christ, sondern er suche es noch dahin zu bringen, daß er ein Christ werde; daß er mit Paulo Phil. 3, 12. 15. 16. rühmen könne: Ich bin es nicht, sondern suche es zu sein; „nicht daß ich es schon ergriffen habe, oder schon vollkommen sei, ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich von Christo JEsu ergriffen bin. Und wie viel unser vollkommen sind, lasset uns bei dieser Regel bleiben.“ Denn ein Christ ist im Werden, nicht im Wordensein. Denn es wird zu ihm gesagt: „Bittet, suchet, klopfet an;“ es heißt nicht: Ihr habt es bereits, ihr habt es gefunden, ihr seid schon eingegangen; sondern: „Bittet, suchet ꝛc.“ Wer derohalben ein Christ ist, der ist nicht ein Christ; das ist, wer sich dünken läßt, er sei schon ein Christ worden, da er nur ein Christ werden soll, der ist nichts. Denn wir strecken uns nach dem Himmel, wir sind aber noch nicht im Himmel. Und gleichwie derjenige nimmermehr in den Himmel kommen wird, der sich einbildet, er sei schon im Himmel; also ist derjenige bereits im Himmel, der sich nach dem Himmel strecket, und da hinein zu kommen sucht. Denn Gott hält ihn dafür, als der schon im Himmel sei. In Summa: Man muß immer weiter fortgehen und zunehmen, und nicht still stehen, noch sicher schnarchen. „Unser alter Mensch muß,“ wie Paulus sagt, „verwesen, und der innerliche von Tage zu Tage erneuert werden.“ 2 Cor. 4, 16. Wehe demjenigen, der schon ganz erneuert ist, das ist, der sich einbildet, er sei schon erneuert. Selbiger hat ohne Zweifel noch nicht angefangen erneuert zu werden, und noch niemals geschmeckt, was da sei, ein Christ sein. Denn wer da angefangen hat, ein Christ zu sein, der hält sich nicht dafür, daß er ein Christ sei, sondern er verlanget sehr, ein Christ zu werden; und je mehr er wächst und zunimmt, desto mehr suchet er es zu werden, und desto weniger hält er sich dafür, daß er's sei. So gar wunderbar sind die Werke des Reiches Christi. „Wer stehet,“ sagt Paulus, „der sehe wohl zu, daß er nicht falle.“ 1 Cor. 10, 12. Und abermal: „So sich jemand läßt dünken, er sei etwas, so er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.“ Gal. 6,3. (Luther in seiner Erklärung der Parabel vom Suchen der guten Perle, nach Matth. 13, 45. 46.) Das feige Herz eines Ungläubigen. Als Nikolaus Lange im Jahre 1693 in der Eigenschaft eines Legationspredigers in Wien lebte und daher hier täglich an der Tafel seines (des schwedischen) Gesandten speiste, machte es sich besonders Einer der täglich gegenwärtigen Tischgäste zum Geschäfte, dem frommen Lange zum Trotz, über Gott und sein Wort höchst verwegene Reden zu führen und insonderheit über Hölle und Teufel sein Possenspiel zu treiben. Doch was geschah? Dieser große Held logirte zu dieser Zeit mit seinem Kammerdiener, der ein alter, gottesfürchtiger Mann war, in einem Gartenhause, vor welchem eine alte morsche Eiche stand, die schon längst mit Umsturz gedroht hatte. In einer stürmischen Nacht brach endlich diese Eiche zusammen und schlug unter furchtbarem Geprassel die ganzen Fenster im Schlafzimmer jenes Goliaths in tausend Stücken. Mit Schrecken erwachte derselbe in dem Augenblicke des entstehenden Aufruhrs und rief nun in seiner Todesangst, so laut als er konnte, aus dem Bette springend, seinem Kammerdiener zu: „Johann! Johann! bete! bete! der Teufel will mich holen!“ Der Kammerdiener erscheint und findet den Herrn am ganzen Leibe zitternd. Ersterer holt nun ein Licht und zeigt Letzterm den natürlichen Grund des gräulichen Rumors, worauf derselbe sich wieder beruhigt zu Bett legt. Der christlichgesinnte Kammerdiener konnte es jedoch nicht unterlassen, sogleich am folgenden Morgen Langen diesen Vorfall zu hinterbringen; er meinte damit dem Seelsorger einen nöthigen Wink geben zu können, nach welchem derselbe vielleicht seine Ermahnung einrichten könnte. Der Mittag kam, und der Herr erschien wieder an der Tafel des Gesandten, fing aber mit der größten Zügellosigkeit seine ärgerlichen Reden von neuem an. Lange brachte hierauf das Gespräch auf die Majestät, Allgegenwart und Gerechtigkeit Gottes, und erinnerte dabei, wie Gott so heilig wäre, daß er die Verächter seiner Majestät auch oft gleichsam verächtlich bestrafe, so daß nach der heil. Schrift ein rauschend Blatt sie jagen könne (3 Mos. 26, 36). Zuletzt fügte er hinzu, daß mancher Eisenfresser und manches Großmaul sehr viel wider Gott reden könne; hernach geschähe es wohl, daß ihm Gott bei Zerbrechung eines dürren Baumes ein so feiges Herz mache, daß er meinte, der Teufel würde ihn holen, und liefe, da ihn niemand jagte. (3 Mos. 26, 36.) Bei diesen Worten entfärbte sich jener, und wurde nach der Zeit ganz stille. Niemand aber wußte damals, worauf jene Rede zielte. Christlicher Muth. Als der ehemalige Superintendent zu Brandenburg, Nikolaus Lange, noch Hausprediger bei dem Grafen von Horn auf seinen Gütern bei Demmin in Pommern war, hatte er die täglichen Betstunden im Hause des Grafen zu halten, welche er unter andern anch dazu sorgfältig benutzte, das unwissende Gesinde, so viel als möglich, im Christenthum zu unterrichten. Bei diesen Bemühungen sah sich der eifrige Mann von Gott sichtbar gesegnet. Nur einem einzigen frechen und wollüstigen Menschen waren die Betstunden die größte Last, und gleichwohl durfte er aus Furcht, die Ungnade des Grafen sich zuzuziehen, dieselben nicht versäumen. Gleichwie nun Lange auf alle Hausgenossen genau achtete, damit sie sich an Gott nicht muthwillig versündigen möchten, also merkte er auch bald die bösen Wege des erwähnten Menschen. Daher sprach er bei jeder vorfallenden Gelegenheit wider die Sünden gegen das sechste Gebot. Weil nun jener dadurch beständig in seinem Gewissen gestraft wurde, fragte er einst nach der Betstunde in Gegenwart der Uebrigen mit grimmiger Miene den Prediger: Er rede immer von Hurerei, wen er denn damit meine? Worauf ihn dieser auf die Prüfung seines Gewissens führte. Als Lange am folgenden Tage mit einigen Gliedern der Familie des Grafen nach Stettin fuhr und rückwärts im Wagen saß, sah er den, welchen er gestern zur Buße aufgefordert hatte, in vollem Galopp nachgeritten kommen; und da er sehr gut in die Ferne sehen konnte, bemerkte er schon die grimmigen Geberden des Reiters, und vermuthete sogleich, daß dieser etwas Böses im Sinne habe. Er ließ deshalb den Wagen still halten, sprang herunter und redete den erbitterten Menschen, ohne die mindeste Furcht oder Verlegenheit an sich blicken zu lassen, also an: „Du Kind des Zorns, halt! Wie hat Dich der Mordgeist hieher geführt? Siehe, hier stehe ich im Namen JEsu, thue, was Du nicht lassen kannst! Doch Trotz sei Dir geboten, daß Du nur eine Pistole heraus ziehest!“ Ueber diesen Muth gerieth der Mensch, der auf dem Pferde schäumte, in solche Verwirrung, daß er zwar immer nach der Pistole greifen wollte, sie aber nicht herausbringen konnte, weil er zu sehr betroffen war. Darauf ging Lange zu ihm, ergriff mit der einen Hand das Pferd beim Zaume, mit der andern griff er die Rechte des Reiters und sprach: „Du elender Mensch, steig herab vom Pferde, wir wollen mit einander zwischen das Korn gehen.“ Der Tiger wurde jetzt wie ein Lamm, und stieg herab. Lange band darauf das Pferd an den Wagen, bat seine Begleiter, daß sie ein wenig verziehen möchten, und ging darauf mit jenem in das Korn. Hier setzten sie sich beide nieder und Lange redete nun dem armen Menschen beweglich zu, zeigte ihm nicht nur, wie groß seine Sünden seien wider Gottes heiliges Gebot, sondern wies ihn auch auf die große Gnade und Freundlichkeit des Heilandes aller Sünder hin, die er verachte und an deren Statt er einer Lust nachgehe, die ewige Unlust nach sich ziehe. Und siehe, das harte Herz zerschmolz; der Sünder fing an bitterlich zu weinen, und bekannte, daß jene Bestrafungen ihm bisher unerträglich gewesen wären. Indessen sei es doch die Wahrheit gewesen; er habe sich sehr versündigt, und es reue ihn nun von Herzen. Hierauf zeigte er zwei Pistolen, welche er im Rocke noch außer den zweien in dem Halfter verborgen hatte, und 500 Rthlr. Geld, weil er sich vorgenommen habe, seinen Seelsorger zu erschießen, und dann in die weite Welt zu reiten. Er preise aber nun Gott, der ihn daran gehindert und ihm entgegen gewandelt sei. Er versprach, von seinen Sündenwegen hinführo umzukehren. Sie knieten darauf beide nieder, und Lange betete herzlich zu Gott. Hierauf gingen sie wieder zurück, und jener ritt nach vielen Liebeserweisungen nach Hause, änderte seinen bisherigen Lebenswandel und wurde von nun an Langen von Herzen zugethan. Der „Lutheraner“ ist stets zu haben in der Wohnung des Herumträgers, Hrn. Gräber's, (südliche fünfte Straße, der Oelmühle gegenüber) ferner bei Hrn. Quast (Olive-Straße, zwischen der zweiten und dritten, unterhalb des Theaters) und bei dem Herausgeber. Gedruckt bei Weber und Olshausen.