Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 12 › Seite 94
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-02-02, Seite 94
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ſammt ihrem Reichthum, Ehre und Luſt auffrißt
und zu Staub und Aſche verwandelt; da gäbe
6 für einen Menſchen kein größeres Unglück, als
eben zum Menſchen geboren zu ſein; denn nach
einem immer nur kurzen und flüchtigen Schat⸗
tenleben voll Mühe und Arbeit, voll Angſt und
Sorge, voll Plage und Strafe, voll Kämpfe
undergerniſſe, voll verbitterter Genüſſe und ver⸗
itelter Hoffnungen käme dann der Tod und
machte dieſem Schattenſpiel ein Ende.
Aber, was noch ſchrecklicher iſt — da Gottes
Geſetz und des Menſchen Gewiſſen, einmüthig
bezeugen: „es iſt dem Menſchen geſetzt, zu ſter⸗
ben und darnach das Gericht,“ ſo müßten al⸗
ledings alle Eltern, ohne Erkenntniß und Troſt
aus dem zweiten und dritten Glaubensartikel,
bei der Geburt jedes neuen Kindes jammern und
wehklagen; denn da in Folge von Adams Fall
tin jeglich Kind aus ſündlichem Samen gezeuget
iſt und von ſeiner Mutter in Sünden empfangen
und geboren wird, ſo iſt auch ein jedes durch ſolche
ſündliche Empfängniß und Geburt vor den Augen
des heiligen und gerechten Gottes, der das gött⸗
liche Ebenbild in jedem Kindlein wiederfordert,
luchwürdig und verdammlich; und darum wä⸗
ten, ohne Gottes Gnade in Chriſto, alle neu⸗
gebornen Kinder endlich nur eine Mäſtung des
gefräßigen Nimmerſatt, des leiblichen Todes, der
ſe zugleich zum ſteten Hohnlachen und Schaden—
fteude des Satans, als wachſende Bevölkerung
der Hölle in den ewigen Tod hinabſtieße.
Aber nein! Gott ſei gelobet und gebenedeiet,
um ſeiner unergründlichen und unausſprechlichen
Erbarmung, um ſeiner freien und unverdienten
Gnade in Chriſto willen! — denn er hat keinen
Gefallen an dem ewigen Tod des Sünders,
ſondern daß ſich derſelbe bekehre und lebe; und
damit dieſer es könne und zur Vergebung der
Sünden, zu Leben und Seligkeit durch den Glau⸗
ben an Chriſtum gelange, ſo hat Gott lieber den
einigen und ewigen Sohn zu unſerm Geſetzes—
Erfüller verordnet, und als unſern Sündentil⸗
ger, Schuldbezahler und Fluchträger am Stamm
des Kreuzes daran geſetzet, als daß auch nur
ein eben gebornes Menſchenkindlein ſollte ver—
loren werden.
Denn damit die unreine und befleckteEmpfäng⸗
niß aller Menſchenkinder gereinigt und gehei⸗
ligt ſei, iſt er vom heiligen Geiſt in Maria, der
Jungfrau empfangen worden; und zum Troſte
aller Mütter und Kinder, welche letztere vor der
Geburt in Mutterleibe ſterben, hat Er, der le⸗
bendige Gottesſohn, unter ſeiner Mutter Herzen
gelegen. Damit alen in Sünden gebornen
Kindlein Gott verſöhnet und ihre Sündenſchuld
erſtattet und bezahlet würde, iſt der liebe HErr
Chriſtus von der Jungfrau Maria, als der Hei⸗
lige, Unſchuldige und Unbefleckte geboren und für
alle ein Menſchenkind geworden, unter das Ge⸗
ſetz und deſſen Fluch gethan, auf daß ſie durch
Ihn Gottes Kinder würden und nach der zeit—
lichen Geburt das ewige Leben erlangten.
So dürfet und ſollet Ihr chriſtliche Eltern
Euch ja nun freilich herzlich freuen, nach dem
zweiten Artikel, daß alle Eure Kinder mit Euch
durch den HErrn Chriſtum thatſächlich erlöst
ſind von der Schuld der Sünde, von dem Zorn
Gottes, von dem Fluche des Geſetzes, von der
Anklage des Gewiſſens, von der Furcht des
Todes, von der Gewalt des Teufels und von
der ewigen Pein der Hölle; daß auch ihnen der
HErr für Sünde Gerechtigkeit, für Schuld Ver⸗
dienſt, für Strafe Gnadenlohn, für Iluch Segen,
für Tod und Verdammniß das ewige ſelige Le⸗
ben erworben hat. Und das iſt nun eben das
gnädige endliche Abſehen Gottes, darum Er
durch Euch Kinder ins Leben rufet, daß ſie durch
den HErrn Chriſtum das ewige Leben erlangen
mögen und auch durch ſie der Himmel mit Heili⸗
gen und Seligen bevölkert werde.
So oft du alſo, du chriſtliche Mutter, wenn
gleich unter heftigen Schmerzen und mit großer
Arbeit der Seelen und des Leibes ein Kindlein
zur Welt gebierſt, ſo ſollſt du, und wenn dir
über ſolchem Kampfe auch die Seele ausführe,
es doch nimmer wie Rahel Benoni d. i. Sohn
meiner Schmerzen, ſondern vielmehr Angeſichts
des HErrn Chriſti, der auch dieſes Knäblein
bereits erlöſet hat, wie Jakob, Benjamin d. i.
Sohn der Rechten nennen, dieweil ihm durch
den HErrn Chriſtum, den weſentlichen Sohn der
Rechten, die Kindſchaft Gottes und die ewige
Seligkeit und Herrlichkeit bereits erworben iſt.
Denn wie durch Eines d. i. Adams Sünde die
Verdammniß über alle Menſchen gekommen iſt,
ſo iſt auch durch Eines d. i. Chriſti Gerechtigkeit,
die Rechtfertigung des Lebens über alle Men⸗
ſchen gekommen.
Wie aber werden nun Eure Kinder der Gnade
des himmliſchen Vaters, des Verdienſtes des
Sohnes, der gnadenreichen Einwohnung des
heil. Geiſtes, der Vergebung der Sünde, der
Kindſchaft Gottes und des ewigen Lebens theil⸗
haftig? Autwort: durch die Gnadenwirkung
des heil. Geiſtes mittelſt des Evangelii und der
heil. Taufe und mittelſt des dadurch in den See⸗
len der Kinder erweckten Glaubens, durch wel⸗
chen ſie Chriſtum ergreifen und ſich aneignen
und Kinder des Vaters, Brüder und Schwe⸗
ſtern des Sohnes, Wohn⸗ und Werkſtätten des
heilig. Geiſtes werden. Das iſt nun die geiſt⸗
liche Wiedergeburt Eurer Kindlein, da allerdings
ohne Euer Zuthun und Mitwirken — nur daß
Ihr ſie zum Waſſerbad im Wort herzubringet —
Gott der geiſtliche Vater und die Kirche. Chriſti
die geiſtliche Mutter Eurer Kindlein iſt und ſol⸗
che Geburt in der Ahnlichkeit der Geburt des
HErrn Chriſti erfolgt, der eben damit auch geiſt⸗
lich in den Herzen der Kinder empfangen wird.
Nachdem aber dieſes große und unaus⸗
ſprechliche Gnadenwunder, das in der That viel
größer und herrlicher iſt, als das der leiblichen
Geburt, in Euren Kindern geſchehen iſt: ſo wi⸗
derfährt Euch, liebe Eltern, nun die größte
Ehre von Gott — und darin beſteht nach dem
dritten Artikel die erhabenſte Würde und Herr⸗
lichkeit Eures elterlichen Berufes — daß Ihr
nun auch Mithelfer und Mitarbeiter des heil.
Geiſtes an den durch die heil. Taufe und den
Glauben wiedergeborenen und geheiligten See⸗
len Eurer Kinder ſein ſollet.
Ihr habet ſie von nun an zu betrachten, nicht
blos als euer Fleiſch und Blut, darin Ihr ei⸗
gentlich nur Euch ſelbſt in Euren Kindern lie⸗
ben würdet — wie denn in der That ſolse blos
natürliche und fleiſchliche Liebe, der Geßimung
nach, nichis anderes iſt, als eine erweiterte
Selbſtſucht — ſondern Ihr habet ſie zu betrach⸗
ten, als vom Vaier erſchaffen, vom Sohne erlö ſet
und vom heiligen Geiſte wiedergeboren und ge⸗
heiligt, als ein dreifaches Wunder⸗ und Liebes⸗
werk des dreieinigen Goues, als die edelſte und
ſüßeſte Erdengabe deſſelben, Euch als Haushal⸗
tern und Pflegern anvertraut, damit Ihr in recht⸗
ſchaffener Gottesfurcht, lebendigem Glauben an
den HErrn Chriſtum und in geheiligter Liebe
zu Euren Kindern allen Fleiß daran ſetzet, durch
Beten und Fürbitten, durch Zucht und Gewöh⸗
nung, durch Beſchränken und Freilaſſen, durch
Lehre und Beiſpiel in Euren Kindern die Erb⸗
ſünde und den alten Menſchen ſchwächen und
die Taufgnade und den neuen Menſchen ſtärken
zu helfen, damit aus ſolchen Pflänzlein des
HErrn Bäume der Gerechtigfeit werden, gepflanzt
an den Waſſerbächen, die da unter ſich wurzeln
und über ſich Frucht tragen, Gott dem HErrn
zum Preiſe und zum Lobe ſeines heiligen Na⸗
mens. Denn obwohl Gott, der heilige Geiſt,
auch ohne Euer Zuthun und Mitwirken ſolch
großes Ding ausrichten könnte, ſo hat es ihm
doch beliebet, nach dem Wohlgefallen ſeines Wil⸗
lens, Euch in dieſem Reinigen, Beſchneiden und
Begießen ſeiner Pflanzung, in dieſem heiligen,
ihm wohlgefälligen, Werke, zu ſeinen Mithelfern
und Mitarbeitern anzunehmen, theils um gegen
die Kinder ſein Bild und Ehre an Euch leuch⸗
ten zu laſſen und in dieſen eine ehrerbietige
Scheu und kindliche Liebe zugleich gegen Euch
zu erwecken, theils um Euch ſelber durch die
Ausrichtung dieſes ſchweren und ſüßen Werks
in der chriſtlichen Heiligung zu fördern und zum
Himmel zu erziehen; denn indem Ihr nach Got⸗
tes Wort und Willen Eure Kinder auferziehet in
der Zucht und Vermahnung zum HErrn, werdet
Ihr zugleich von dieſem ſelber erzogen und ge⸗
fördert in der rechtſch affenen Buße
zu Gott, wenn Ihr Euer ſündliches Eben⸗
bild in Euren Kindern, als in einem lebendigen
Bußſpiegel, vor Cuch erblicket; in ungeheu⸗
chelter Gottes furcht, wenn Ihr, wie bil⸗
lig. Sorge tragt, durch dieſes oder jenes ſünd⸗
liche Wort, Werk und Geberde daſſelbe in Eu⸗
ren Kindern zu erwecken; im wahren Glau⸗
ben an den HErrn Chriſtum, wenr
Euer Lehren und Wehren, Eure Mühe und Ar⸗
beit an dieſem und jenem Kinde lange wie ver⸗
loren erſcheintz in der Liebe Chri ſti, wenn
Ihr die Trägheit, Stoörrigkeit, Bosheit und
Selbſtſucht Eurer Kinder zu überwinden habet:
in der Geduld Chriſti, wenn Ihr, bei
allem väterlichen Ernſt und Eifer wider die aus⸗
brechende Sünde und das Aufkommen ſündlicher
Gewöhnungen, doch das innere erbſündliche
Verderben Eurer Kinder tragen, ja es leiden
müſſet, wenn der Teufel dieſe glimmenden Koh⸗
len zuweilen zur hölliſchen Flamme anbläſet,
bis auf Euer gläubiges Schreien zum HErrn
ſeine Gnade ſie wieder dämpfet; in der ch riſt,
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