Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 9 › Seite 71
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-12-22, Seite 71
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dieſe Perſon zertrennet wird, ſo ſind wir verlo⸗
ren, ꝛc. ö
Indem er ſpricht: „Das Wort ward Fleiſch,“ w
ſchleußt er den Vater und Heiligen Geiſt aus,
und behält allein den Sohn; ſpricht: Das
Wort, ſo im Anfang war, iſt Fleiſch worden,
nicht der Vater, noch Heilige Geiſt. Der Va⸗
ter iſt nicht Mariä Sohn, der Heilige Geiſt auch
nicht. Dieſe Worte haben wir nicht geſetzt noch
in das Evangelium getragen; ſondern ſie ſind
alſo geblieben von Anbeginn der Kirche Chriſti.
Frageſt du nun die Vernunft: warum der Sohn
und nicht der Vater ſei Menſch worden? die
wird dich's freilich nicht berichten können, ja,
wird zur Närrin darüber. Darum höre, was
dir der Heilige Geiſt durch St. Johannem ſaget:
Das Wort ſei Menſch worden, und habe gelit—
ten, und nicht der Vater, ꝛe. Wie das zugeht,
ſollſt du gläuben, und nicht wiſſen noch verſtehn,
ſondern ſparen bis an jenen ſeligen Tag unſerer
Erlöſung.
Die Vernunft ſtößet ſich an dieſen Artitel
wenn ſie ihn meſſen und faſſen will mit ihrer
Klugheit, gedenket: In der Gottheit iſt ein ei⸗
nig unzertrennlich Weſen; wie kann denn die
mittlere Perſon allein Menſch werden, und nicht
alle drei? Ich wollte wol ſo klug ſein, als ir—
gend ein Ketzer, wenn ich dieſe Worte: „Das
Wort ward Fleiſch,“ meines Gefallens wollte
meiſtern. Es heißt gegläubet; nicht geſehen,
gemeſſen, oder gegriffen.
drei Perſonen: der Sohn iſt das Wort, das im
Anfange war: daſſelbige Wort oder Spruch,
nicht der Sprecher, iſt Menſch worden; darum
laſſen wir die andern zwo Perſonen nicht in die
Menſchheit mengen.
Und wohnete unter uns.
Dieſelbige Perſon, nemlich, GOttes Spruch,
oder GOttes Sohn, da er Menſch worden, iſt
nicht bald gen Himmel gefahren, oder ſich in
eine Einöde verkrochen; ſondern hat unter
uns gewohnet. Das heißt nicht eine geiſt—
liche Beiwohuung, wie Chriſtus Joh. 14, 23.
ſpricht: „Wir werden zu ihm kommen, und
Wohnuny bei ihm machen;“ ſondern eine nach⸗
barliche, bürgerliche Beiwohnung. Will ſagen:
Er hat eine Wohnung gehabt, wie ein andrer
Menſch, iſt ein⸗ und ausgangen, daß man ihn
auf den Straßen und Gaſſen het ſehen gehen,
ſitzen, mit den Leuten reden, auf dem Waſſer
fahren; nicht heimlicher, geiſtlicher Weiſe, ſon—
dern ſichtbarlich unter uns geweſen. Gleich
als wenn ich im Hauſe bin, ſo habe ich etwas
vor, leſe, ſchreibe, bete, eſſe, trinke, wache, ſchla—
fe, gehe aus und ein, wie mein Nachbar. Eben
alſo hat er auch gebaret, iſt zu Nazareth erzo⸗
gen unter Joſeph und Maria, hat dem Vater
belfen arbeiten, da er erwachſen iſt: nachmals,
im dreißigſten Jahre ſeines Alters, hat er ange—
fangen zu predigen, und Wunderzeichen gethan—
12 Apoſtel und andere 70 Jünger erwählet,
und zu predigen ausgeſandt. Das meinet der
Evangeliſt, da er ſpricht: „Und wohnete unter
uns.
Habe wohl acht auf des Evangeliſten Wort.
In der Gottheit ſind
—68—
Er will die Naturen in der Perſon, ſo wahrer
GOtt und Menſch iſt, nicht laſſen trennen, von
welcher er geſaget hat: „Im Anfang war das
Wort.“ Und 1 Joh. 1, 1: „Das Wort des
Lebens, das von Anfang war.“ Und bald her—
nach ſpricht er: „Das Wort war Fleiſch. Das—
ſelbige Wort (ſpricht er), haben wir nicht allein
geſehen, ſondern mit unſern leiblichen Augen im
Kopfe nur ſehr wohl beſchauet, auch mit unſern
Händen betaſtet.“ Iſt doch dasſelbe Wort ge—
weſen (wie du ſageſt), ehe kein Auge geſchaffen
iſt, wie ſprichſt du denn, du habeſt ihn geſehen?
Höreſt du nicht, er will die Perſonen unzertren—
net haben; alſo, daß Maria nicht allein einen
pur lautern Menſchen, ſondern auch zugleich den
wahren, natürlichen Sohn GOttes geboren habe.
Wenn ſie ihren leiblichen Sohn geſehen, ſo hat
ſie den wahren Sohn Gottes, den Herrn über
Alles, auch geſehen. Obwohl ihre Augen nicht
reichen an die Gottheit; ſo reichen ſie doch an
die Perſon, in welcher zwei Naturen, göttliche
und menſchliche, unzertrennlich vereiniget ſind.
Als, wenn ich einen Menſchen ſehe mit einem
Kleide verdecket oder verhüllet, da ſehe ich nichts,
denn das Kleid; gleichwohl iſt der Menſch we—
ſentlich und gegenwärtig da. Item, du giebeſt
einem andern einen Beutel voll Gülden; den
Beutel ſieheſt du allein, und nicht die Gülden,
und ſind doch die Gülden gleichwol darinnen.
Vielmehr gehts hier alſo zu, da GOtt und
Menſch eine Perſon ſind.
Origenes vergleichet dieſe Vereinigung gött—
licher und menſchlicher Natur einem glühenden
Eiſen. Wie Feuer das Eiſen durchhitzet zů brau⸗
chen, und ſich in das ganze Eiſen miſchet: alſo
hat das ewige Wort menſchliche Natur angenom—
men, und dieſelbige ganz mit göttlichem Licht
und Leben gefüllet, und menſchliche Natur iſt
alſo ganz vereiniget mit dem Wort, wie ein
Eiſen mit Hitze und Hammern durchfeuert wird.
Und wohnete unter uns.
Das iſt, er iſt unſer Bruder worden, hat ge—
than wie ein andrer Menſch. Darum, wer ihn
angerühret hat, als St. Johannes im Abend—
mahl, der hat GOttes Sohn angerühret. Alſo
iſt St. Johannes in GOttes Armen gelegen: die
Apoſtel und andere, ſo ihn predigen gehöret, die
haben Gottes Stimme gehöret. Dieſe und an—
dere Terte ſind zur Stärkung unſers Glaubens
geſchrieben, daß die zwo Naturen in Chriſto nicht
ſollen getrennet werden. Der Menſch IEſus
iſt nicht allein, ſondern er iſt auch das Wort oder
der Sohn GOttes, welcher iſt Menſch wor—
den, und hat unter uns gewohnet. Daß du
alſo recht und wahrhaftig kannſt ſagen: Der
Sohn Gottes liegt in der Wiegen, und lieget
der Mutter im Schooß, lieget im Bette, gehet
auf der Erden, holet der Mutter Waſſer, Späne,
Brod, Fiſch u. ſ. w. Darnach, da er erwachſen
iſt, und ein Knabe geweſen, hat er Joſeph die
Art nachgetragen. Das rede ich mit ſo viel
Worten, euch dadurch zu ermahnen, daß ihr ja
dieſen Artikel wohl faſſet und einbildet, um de—
rer willen, ſo dieſe Perſon zertrennen. Die Ju-
den haben nicht allein den Menſchen Chriſtum,
ſondern den wahren GOtt und Menſchen ge⸗
kreuziget; denn er iſt eine Perſon in zweien Na⸗
turen.
Da Philippus, der Apoſtel, vom HErrn be—
gehrte, er ſollte ihm und den andern Apoſtelng
den Vater zeigen (hatte vielleicht Gedanken von
Vater, daß er ein alter Mann wäre, einen eis⸗
grauen Bart hätte, wie Daniels 7. v. 9.), da
antwortete der HErr Chriſtus drauf und ſpricht
Joh. 14, 9.: „So lange bin ich bei euch geweſen,
und du kenneſt mich nicht. Philippe, wer mich
ſiehet, der ſiehet deu Vater.“ Alſo ſpricht hin
St. Johannes: Der Herr hat nicht allein unter
uns gewohnet, ſondern ſo nahe iſt er uns wor—
den, daß wir gar eben im Angeſicht beſchauet ha⸗
ben. Er, wie geſchrieben ſtehet, hat einen ſchwar“
zen, bräunlichen Bart, braune Augen gehalt, ö
haben ihn auch mit unſern Händen angetaſtti
iſt derohalben kein Geſpenſt geweſen.
Wenn dieſer Artikel rein und unverkehnt
bleibet, können wir veſte darauf bauen, und er⸗
kennen, was für einen herrlichen, unausſprech⸗
lichen Schatz uns der Vater geſchenket hat; ſonſ
ſtehen wir eben in der Gefahr, darinnen Arius,
der Ketzer, der Chriſto die Gottheit entzogen,
und Manichäus, der ihn der Menſchheit berau⸗
bete, geſtanden. Wo es nun dahin kömmet, da
iſt dieſer Schatz ſchon verloren; ob man denn
lange ſchreiet: „Ein Kind iſt uns geboren, ein X
Sohn iſt uns gegeben ꝛc.“ Eſ. 9, 6. Iten:
„Er hat ſich ſelſt für unſere Sünde gegeben ..“
Gal. 1, 4. ſo ſinds doch leidige Hülſen odtt.!
Schalen: das Gewicht iſt dabin, wo man dit
Gottheit verleuret in der Perſon Chriſti, und
denn wird allein eine Creatur für unſre Sün⸗
den gegeben: und alsdenn ſo iſt der Teufel un⸗
ſer mächtig, und wir müſſen in unſern Sünden
ſterben und ewiglich verderben. Wenn aber dit
Hülſe voll iſt, und dieſer Kern in der Schalen
noch iſt, daß GOttes Sohn ſich ſelber für un⸗
ſere Sünde gegeben hat; item, ſein Leben zur
Bezahlung für uns gelaſſen, und ſein Blut, das
GOttes Blut iſt, für uns vergoſſen, ſo iſt das
Gewicht ſo ſtark, das es der Schlangen den
Kopf zertritt und zerknirſchet, die Sünde vertis
get, den Tod erwürget, die Hölle aufreißet und
zubricht. Bleibet aber allein die Hülſe, ſo ſid
wir weder ſeines Todes noch Auferſtehung ge⸗
beſſert: ja, wenn alle Engel für uns ſtürben, ſo
wäre uns doch nichts dam it geholfen. Das Won
(das iſt der wahre Sohn GOttes), das im An⸗
fang war, muß es ſelbſt thun; der iſt das Gu
wicht, das Sünde und Tod niedertritt und ve⸗
ſchlinget ewiglich, dem Teufel und Hölle eint
Gift und Peſtilenz iſt.
Darum iſt er alſo Menſch worden. Vun
nicht bald verſchwunden, oder in den Himmel
geflogen iſt: ſondern hat unter uns, wie ein
andrer Menſch, gewohnet, hat Hände, Fingit
und allerlei Gliedmaßen, wie ich und du,
babt. „In des Blinden Augen ſpützte er, leglt
ſeine Hand auf ihn, auch auf ſeine Augen, und
machte ihn ſehend“ Marc. 8. 23. Item Joh.
am 9. Cap. v. 6. „ſpützete er auf die Erden,
machte einen Koth aus dem Speichel, und
ſchmierte den Koth auf deß Auge, der blind ge⸗
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