Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 2, Nummer 3 › Seite 11

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1845-09-29, Seite 11

9 10 11 12

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Abendmahl—Spendeformel 38 · Abſolution 14 · Synoden

⤓ Download .txt · copy text

11

nen Gottes würdigste Geheimnisse offenbart, die zwar, aus dem unsichtbaren Schooß der Gottheit hervorgegangen, sich dem forschenden Menschengeiste hinter der Hülle der Ewigkeit entziehen, und nur auf Zeugniß geglaubt werden können zur eigenen Seligkeit, aber doch in der Schrift uns nie als widersprechend und mit unleugbaren Wahrheiten dargestellt werden,*) und somit die Hoffnung nähren und beleben, daß unser Blick einst in der unsichtbaren Welt nicht mehr in den Spiegel eines räthselhaften Wortes sehen, sondern von Angesicht zu Angesicht erkennen werde.

Der christliche Leser wird mir nicht zürnen, daß ich hier nicht einfältig genug rede. Wie soll man es aber anders machen, um dem Rationalismus gerade zu zeigen, das, worauf er so groß thue, fehle ihm ganz und gar, nehmlich wahre, vernünftige Wissenschaft?

(Fortsetzung folgt.)

Ueber die Austheilungsformel: „Christus spricht: das ist mein Leib" ꝛc.

Zugleich als Fortsetzung der „Antwort auf die neueste Vertheidigung der Union."

Es ist, wie die Leser des ersten Jahrgangs unseres „Lutheraner" wissen, gegen denselben ein Schriftchen herausgekommen, dessen ersten Theil wir bereits beleuchtet haben. Gehen wir nun weiter, so finden wir, wie Hr. Nollau, der Verfasser des Schriftchens, sich über das beschwert, was wir in unserm Blatte tadelnd über die in der Evangelischen Kirche bei Verwaltung des heil. Abendmahls gebräuchliche Austheilungsformel ausgesprochen hatten. Herr N. beschuldigt uns hierbei einer „Sylbenstecherei;" aber leider aus keinem andern Grunde, als weil uns der gute Mann auch hier nicht verstanden hat. Wir haben nehmlich die Spendeformel: „Christus spricht: Das ist mein Leib" ꝛc. nicht für an sich unbiblisch erklärt. Wir haben nur dieses behauptet: Da viele Evangelische die lutherische Spendeformel: „Das ist der wahre Leib" ꝛc., für unbiblisch und für einen menschlichen Zusatz erklären, so verurtheilen sie sich damit selbst. Denn wäre nur das biblisch, was mit denselben Buchstaben und in derselben Form des Satzes in der Bibel steht, und wäre das hingegen unbiblisch, was zwar mit andern Worten wiedergegeben, wodurch aber der wahre eigentliche Sinn der Schrift ausgedrückt wird, so wäre nicht nur die Formel der Lutheraner: „Das ist der wahre Leib" ꝛc., sondern noch viel mehr die Formel der Evangelischen: „Christus spricht: Das ist" ꝛc. unbiblisch, denn nicht nur das Wort „wahre," sondern auch die Worte „Christus spricht," stehen nicht in solcher Verbindung und mit diesen Buchstaben in der Schrift. Die Schuld der „Sylbenstecherei" fällt daher nicht auf den Herausgeber des Lutheraner, sondern auf die Evangelischen. Wir haben die Letzteren eben nur mit der Münze, die sie ausgegeben hatten, bezahlen und mit ihren eigenen Waffen schlagen wollen und sie so auch wirklich, wie Hr. N. durch seine Entgegnung wider sein Wissen eingestanden hat, durch ihre eigenen Behauptungen ad absurdum geführt, d. h. der Ungereimtheit überführt.

*) Die Denkbarkeit der Dreiheit in der Einheit zeigt sich selbst in der Analogie des Lichts, unter dessen Bild sie Gott der irdischen Schwachheit verklärt; und große Kirchenlehrer machen auf die Unterscheidung des unsichtbaren Elements von dem eigentlichen Flammenstrahl und der sich mittheilenden Wärme aufmerksam. Die Herablassung des großen Gottes in menschliche Niedrigkeit, sollte sie widersinnig sein, weil unsere schwache Vernunft sie nicht begreifen kann? Was ist unvernünftiger, als den Ocean nach seinen Tropfen, den Sand des Meeres nach seinen Körnlein, die unendliche Allmachtsfülle nach endlichen Begriffen messen wollen! Durchglüht das Feuer nicht das Eisen? Um wie viel mehr die göttliche Natur des ewigen Worts die Menschheit und „füllet sie ganz mit göttlichem Licht und Leben."

„Suche nicht mit stolzem Vorwitz Grund von Allem insgesammt, Was Propheten und Apostel, von des Himmels Trieb entflammt, Voll von Wahrheit, voll von Gott, in den heil'gen Büchern sprechen; Such' auch nicht mit Frevelmuth in die Sachen einzubrechen, Die ein heilig Schweigen decke; gehe nur mit blöder Scheu Und mit ehrerbiet'gen Schritten an dergleichen Ort vorbei. Das ist weiser Unverstand, wenn wir nicht verstehen wollen, Was der beste Lehrer will, daß wir es nicht wissen sollen."

(Von Jos. Scaliger lateinisch verfaßt, in's Deutsche übersetzt von Gottsched, bei Leibnitz Discours von der Uebereinstimmung des Glaubens ꝛc. ꝛc. § 56.)

Auch wir halten zwar die Worte der Austheilung, wie sie in der ev.-luth. Kirche im Gebrauch sind, für die angemessensten, besonders in dieser Zeit, wo so viele selbst lutherisch sich Nennende die wesentliche Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im heil. Abendmahl leugnen; auch wir halten ferner unsere Formel für herrlich dazu ausgewählt, den Glauben des Communicanten bei dem Empfang der gesegneten Elemente zu erwecken und zu stärken, doch sind wir weit entfernt, gerade diese unsere Weise für die allein richtige zu erklären. Auch in der rechtgläubigen Kirche hat in dieser freien Sache von jeher eine große Verschiedenheit statt gefunden. Nach den sogenannten apostolischen Constitutionen theilte man in den ersten Zeiten mit den einfachen Worten aus: „Der Leib Christi — das Blut Christi, der Kelch des Lebens." Erst im sechsten Jahrhundert ward diese Formel dahin erweitert: „Der Leib, das Blut unseres HErren JEsu Christi bewahre Dich (deine Seele) zum ewigen Leben." Diese letztere Formel hat auch Luther noch 1523 behalten wissen wollen, wie wir dies aus seiner Schrift ersehen: „Formula missae," welche Luther auch noch 1526 in einer andern Schrift: „Deutsche Messe" ꝛc., bestätigt. In der Agende, die Herzog Heinrich von Sachsen 1536 für sein Ländchen entwerfen ließ, lauteten die Worte: „Der Leib unseres HErrn JEsu Christi, der für Dich in den Tod gegeben, stärke und bewahre Dich im Glauben zum ewigen Leben. Amen. Das Blut unseres lieben HErrn JEsu Christi, für Deine Sünde vergossen, stärke und" ꝛc. Die Worte: „Nimm hin und iß — nimm hin und trinke," finden wir zuerst hinzugesetzt in der Nürnbergischen Agende Veit Dietrichs vom Jahre 1543. Erst zu Ende des 16. Jahrhunderts aber, also lange nach Luthers Tode, ward in den meisten lutherischen Gemeinden mit den Worten ausgespendet: „Der wahre Leib — das wahre Blut." Es geschah dies darum, weil in dieser Zeit mitten im Schooße der luth. Kirche Crypto-(heimliche) Calvinisten entdeckt worden waren.

Da nun hiernach selbst in der rechtgläubigen Kirche nicht immer dieselbige Formel beibehalten worden ist, man sich vielmehr auch da seiner christlichen Freiheit in dieser Sache bedient hat, so können wir es freilich nicht als unbedingt wider Gottes Wort streitend verwerfen, wenn in der Evang. Kirche mit den Worten ausgetheilt wird: „Christus spricht: Das ist" ꝛc. Eine andere Frage aber ist, ob diese Formel eine angemessene und ob sie nicht wegen der Umstände, unter welchen sie eingeführt worden ist, eine höchst verdächtige Formel sei, die ein rechtgläubiger Christ jetzt nicht brauchen könne, ohne mit den Falschgläubigen zu heucheln, und sein Glaubensbekenntniß zu schwächen. Diese Frage aber haben wir bejaht, und müssen sie noch jetzt bejahen.

Es ist offenbar höchst unangemessen, wenn der Prediger bei der Verwaltung des heiligen Abendmahls, wo nicht eine bloße Erinnerung an die erste Feier desselben, sondern eine Wiederholung derselben Feier statt finden soll, bei der Austheilung der gesegneten Elemente erzählt, was Christus gesprochen hat, anstatt jetzt als Haushalter des Geheimnisses (1 Cor. 4, 1.) die Ueberreichungs- und Aneignungsworte zu sprechen. Unwidersprechlich ist, was Dr. Rudelbach in seiner Schrift: „Die Sacramentsworte", erinnert: „So wenig man die Taufe in eine Recitation des Taufens (in einen Bericht davon) verwandeln dürfte, mit den Worten: „Unser HErr JEsus Christus spricht: Gehet hin in alle Welt" ꝛc., ebenso wenig sei man berechtigt, den Vollgehalt der Distributions- (Austheilungs-) Worte im Abendmahl durch eine ähnliche Umschreibung zu entnerven.

Bedenken wir uns ferner, auf welche Veranlassung die Formel gewählt worden ist: „Christus spricht" ꝛc., so muß sie einem auch nicht argwöhnischen Lutheraner in hohem Grade verdächtig sein. Dieses Einschiebsel kommt nehmlich zuerst in einigen wenigen reformirtem und rationalistischen Kirchenbüchern vor und ist sodann auf Dr. Marheinecke's Vorschlag in die neue Preußische Agende aufgenommen worden, zu dem Behufe, sowohl von Reformirten als Lutheranern gebraucht werden zu können und so einer kirchlichen Union bei fortdauernder Lehrverschiedenheit Vorschub zu leisten. Wie kann nun ein ehrlicher Lutheraner eine Formel mit gutem Gewissen annehmen, die man darum gewählt hat, damit man dabei glauben könne, was ein jeder für seine Person für recht hält! Nirgends soll ein Christ seinen Glauben mit solchen Worten bekennen, die geflissentlich so ausgewählt sind, daß sie eine doppelte Deutung zulassen: Zweizüngigkeit aber am Altare des HErrn muß vollends als ein verabscheuungswürdiger Gräuel erscheinen. Wäre die genannte Formel von einer Kirche eingeführt worden, die sonst entschieden die wahre Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Sacramente bekennete, so würden wir sie allein als unangemessen zurück-

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

God — mysteries which, though they proceed from the invisible bosom of the Godhead and withdraw from the inquiring human spirit behind the veil of eternity, and can be believed only on testimony for the sake of one's own salvation, are nevertheless never presented to us in Scripture as contradicting undeniable truths,*) and thus nourish and quicken the hope that our gaze, one day in the unseen world, will no longer look into the mirror of an enigmatic word, but will know face to face.

The Christian reader will not be angry with me for not speaking simply enough here. But how else is one to do it, in order to show rationalism, precisely at the point on which it prides itself so greatly, that it is entirely and utterly lacking in the very thing it claims, namely true, rational scholarship?

(To be continued.)

*) The conceivability of the Three-in-One shows itself even in the analogy of light, under whose image God transfigures Himself to earthly weakness; and great teachers of the Church call attention to the distinction between the invisible element and the actual ray of flame and the warmth it communicates. Should the condescension of the great God into human lowliness be thought absurd, merely because our weak reason cannot grasp it? What is more unreasonable than wishing to measure the ocean by its drops, the sand of the sea by its grains, the infinite fullness of omnipotence by finite concepts? Does not fire glow through iron? How much more does the divine nature of the eternal Word glow through humanity, and "fill it wholly with divine light and life."

"Seek not, with proud presumption, the ground of all things together
That prophets and apostles, kindled by heaven's own impulse,
Full of truth, full of God, speak forth in the holy books;
Seek not either, with reckless daring, to break into those matters
Which a holy silence covers; but pass by such places only
With timid awe, and with reverent steps —
That is wise unwisdom, when we refuse to understand
What the best of Teachers wills that we should not know."
(Composed in Latin by Jos. Scaliger, translated into German by Gottsched, in Leibniz's Discourse on the Agreement of Faith, etc., § 56.)

On the Distribution Formula: "Christ says: This is my body," etc.
At the same time, a continuation of the "Answer to the Most Recent Defense of the Union."

As the readers of the first volume of our Lutheraner know, a small pamphlet appeared against it, whose first part we have already examined. Proceeding further, we now find that Mr. Nollau, the author of the pamphlet, complains about what we had said, disapprovingly, in our paper concerning the distribution formula customary in the Evangelical Church for the administration of the Holy Supper. Mr. N. accuses us here of "hairsplitting"; but unfortunately for no reason other than that the good man has once again failed to understand us. For we did not declare the distribution formula "Christ says: This is my body," etc., to be unbiblical in itself. We asserted only this: since many Evangelicals declare the Lutheran distribution formula, "This is the true body," etc., to be unbiblical and a human addition, they thereby condemn themselves. For if only that were biblical which stands in the Bible in the very same letters and in the very same form of sentence, and if, on the other hand, that were unbiblical which is rendered in other words but nonetheless expresses the true, proper sense of Scripture — then not only the Lutheran formula, "This is the true body," etc., but far more the Evangelical formula, "Christ says: This is," etc., would be unbiblical; for not only the word "true," but also the words "Christ says," do not stand in such a combination and in these very letters in Scripture. The blame for "hairsplitting" therefore falls not on the editor of the Lutheraner, but on the Evangelicals. We wished only to pay the latter back in the coin they themselves had issued, and to strike them with their own weapons — and we have in fact done so, as Mr. N., through his own reply, has unwittingly confessed, by leading them, through their own assertions, ad absurdum, that is, by convicting them of absurdity.

We too, indeed, hold the words of distribution as they are used in the Evangelical Lutheran Church to be the most fitting, especially in this age, when so many who even call themselves Lutheran deny the essential presence of the body and blood of Christ in the Holy Supper; we further hold our formula to have been splendidly chosen for awakening and strengthening the faith of the communicant upon receiving the blessed elements — yet we are far from declaring precisely this manner of ours to be the only correct one. Even within the orthodox Church, great variety has always existed in this free matter. According to the so-called Apostolic Constitutions, in the earliest times distribution was made with the simple words: "The body of Christ — the blood of Christ, the cup of life." Not until the sixth century was this formula expanded to: "The body, the blood of our Lord Jesus Christ, preserve you (your soul) unto eternal life." Luther still wished to retain this latter formula as late as 1523, as we see from his work Formula Missae, which Luther confirmed again in 1526 in another writing, the Deutsche Messe (German Mass), etc. In the Agenda that Duke Heinrich of Saxony had drawn up for his small territory in 1536, the words read: "The body of our Lord Jesus Christ, given for you unto death, strengthen and preserve you in faith unto eternal life. Amen. The blood of our dear Lord Jesus Christ, shed for your sin, strengthen and" etc. The words "Take and eat — take and drink" we find first added in Veit Dietrich's Nuremberg Agenda of the year 1543. Only at the end of the sixteenth century, however — that is, long after Luther's death — did most Lutheran congregations distribute with the words: "The true body — the true blood." This came about because, at that time, Crypto- (secret) Calvinists had been discovered in the very midst of the Lutheran Church.

Now since, accordingly, even in the orthodox Church the very same formula has not always been retained, but rather Christian liberty has been exercised there too in this matter, we cannot, of course, reject as absolutely contrary to God's Word the practice, in the Evangelical Church, of distributing with the words "Christ says: This is," etc. But it is another question whether this formula is a fitting one, and whether, on account of the circumstances under which it was introduced, it is not a highly suspect formula which an orthodox Christian can no longer use today without playing the hypocrite alongside the false believers and weakening his confession of faith. This question we have answered in the affirmative, and must still affirm it today.

It is plainly most unfitting when the preacher, in administering the Holy Supper — where not a mere recollection of its first celebration, but a repetition of that same celebration, is to take place — narrates, at the distribution of the blessed elements, what Christ once said, instead of now speaking, as a steward of the mystery (1 Cor. 4:1), the words of presentation and appropriation. What Dr. Rudelbach observes in his work The Words of the Sacrament is beyond dispute: "Just as little as one may be permitted to turn Baptism into a recitation of, or a report about, the act of baptizing, with the words, 'Our Lord Jesus Christ says: Go into all the world,' etc., just as little is one entitled to enervate the full content of the distribution words in the Supper through a similar circumlocution."

If we further consider on what occasion the formula "Christ says," etc., was chosen, it must appear highly suspect even to a Lutheran who is not otherwise inclined to suspicion. This interpolation first appears, namely, in a few Reformed and rationalist church books, and was then, on Dr. Marheineke's proposal, taken up into the new Prussian Agenda, for the purpose of being usable by Reformed and Lutherans alike, and thus of furthering an ecclesiastical union while doctrinal differences persisted. How, then, can an honest Lutheran adopt with a good conscience a formula that was chosen for the very purpose that each person might believe by it whatever he personally holds to be right! Nowhere should a Christian confess his faith with words that have been deliberately chosen so as to admit a double meaning; and double-tonguedness at the altar of the Lord must appear as nothing less than an abominable outrage. Had the formula in question been introduced by a church that otherwise decidedly confessed the true presence of the body and blood of Christ in the Sacrament, we would reject it merely as unfitting; but since it has been favored and chosen as a shibboleth by a church seeking thereby to achieve its