Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 3 › Seite 25

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-09-30, Seite 25

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— —8. 44 7

Von den Engeln.

—

*

Roſine. (ruft) O komm ein wenig herein,
Regine, daß ich mit Dir grein' und frohlocke.

Regine. (kommt) Was jetzt, Roſine? Du
ſiehſt ja aus wie der Tod von Forchem.

Roſine. Schau' nur her! Vor einer Weil'
leg' ich meinen Buben in unſer Bett' und geh'
in die Küche naus. Auf einmal hör' ich einen
Kracher und Plumpſer. Mein Herz zittert mir
im Leib. Und wie ich hereinſpring', iſt der Bett⸗
ſtatthimmel einbrochen und alles drauf liegt im
Bett' drin.

Regine. Da ſag' ein Menſch!—Es iſt halt
ein alter morſcher Kerl geweſen.

Roſine. Denk dir nur, der ſchwere Seelen⸗
ſchatz allein hätt' ja meinem Kind ſein Hirn ein⸗
ſchlagen konnen!

Regine. Tauſend Welt, der Burſch muß
ſchon feſte Knochen haben, daß es ihm nichts ge⸗
ſchadet hat. Es ſchmeckt ihm ja ſeine Nudel
prächtig, wie ich merk'.

Roſine. Gelobet ſei der Herr und geprei⸗
ſet ſei ſein heiliger Name immer und ewiglich!
Mein Büblein iſt nicht im Bett' drin geweſen,
ſondern unter der Bettſtatt drunten. Da hat
der Balg noch einen Guckuck gemacht!

Regine. (lacht) Ja ich bitt' Dich um Al⸗
les! Wie kommt er denn unter die Bettſtatt
'nunter?

Noſine. (Weint milde Mutterthränen) Ein
beiliger Engel muß die Gefahr gemerkt und mein
Kind herausgehoben haben. Denn er hat ge⸗
ſchlafen und iſt auch noch keinmal alleinig her⸗
herausgeſtiegen.

Regine. (ſchüttelt den Kopf) Ein Engel—2
Das wär' mir doch ſeltſam.

Roſine. Ich laß mir's nicht nehmen. Ich
hab' noch gar ſehnlich gebetet, wie ich von ihm
weg bin:

Gott laß dich friedlich ſcafen
Stell' Dir die güldnen Waffen
Um's Bett und ſeiner Helden Schaar.

Regine. Mein, iſt's Dir ein Ernſt? Sollt'
es denn wahrlich Engel geben? 2

Roſine. (ſieht ſie betroffen an) Regine,
zu wem biſt Du in die Schul gegangen?

Regine. Wir haben halt noch feinen ge⸗
ſehen.
Noſine. Wie? das iſt Dein Schluß? O

Weiblein, wie kommſt mir für? Deine Seel' haſt
ja auch nicht geſehen; darum (gleichwohl) gilt's,
daß Du eine haſt. Es iſt nicht Alles nichts, was
man nicht ſieht. Wie der ſelige Seriver in ſei⸗
ner „Haushaltung“ ſagt: wenn man ein Bal⸗
ſambüchslein aufmacht, ſieht man mit allen
Brillen nichis herausgeben; daß aber ein Geiſt
und Kraft aufſteigt, ſpürt die Naſe mit Ergötzung.
(Roſine ſcheint noch mehr aus dieſer Haushal⸗
tung gemerkt zu haben.)

Regine. So bin ich freilich auf's Maul
geſchlagen. Dennoch aber — mit den Engeln
wär's doch gar zu wunderlich.

Roſine. Bedenk nur die Erfahrung. Wie
viel tauſend Gefahren hat ſo ein gebrechliches
junges Blut, und wie unverſtändig tappens erſt

— 22—

Inoch in allen Bettel nein! Und wenn ſie ein

wen ig größer werden, was für Waghäls ſind's
nicht! Da muß auf alles nauf und über alles
nüber, daß Einem Hören und Sehen vergeht.
Man ſorgt und wacht, man ſchreit und ſchlägt;
aber mit hundert Augen und hundert Stecken
wär auch nichts ausgerichtet. Wenn nicht die
lieben Engel hälfen, ich glaub' nicht, daß man
ein Einziges in die Höhe brächt'.—So laß Dich
doch bedeuten und ſei nicht ungläubig, ſondern
gläubig.

Regine. Schau mich nur nicht ſo falſch an;
ich bin ja kein Heide nicht. Freilich bedürfens
eine beſſere Hut als die unſrige; aber da brauchts
die Engel nicht, das kann der liebe Gott ſelber
thun.

Roſine. Ei wie fürnehm, Weiblein! Und
iſt doch nicht bedächtig gered't. So dürft' man

auch ſagen: Es braucht's nicht, daß ein Menſch.

dem andern hilft: das kann der liebe Gott alles
ſelber thun. Ja, wer möcht's bezweifeln? Er
koͤnnt' den armen Leutlen die Brodlaibe aus der
Tiſchladen herauswachſen laſſen. Aber er will,
daß ſich eins des andern annimmt. Der liebe
Gott thut freilich alles, aber viel durch ſeine Die⸗
ner. Und die Engel ſind ſeine heiligen Diener.

Regine. Mit Dir will mir einmal gar
nichts gelingen. Meinethalben. Aber ſoviel ſag
ich, und dabei bleib ich, daß man halt doch keinen
gewiſſen Grund hat.

Roſine, Du böſe Zunge! Keinen gewiſſen
Grund!—Steht's nicht in der heiligen Schrift?
Und iſt die Faant nicht Gottes Wort? Horcht
nur, Leut ulld Kinder, —keinen gewiſſen Grund!

Regine. (erſchrickt) Thu nur nicht ſo hef⸗
tig! Sollt' es denn förmlich in der heiligen
Schrift ſtehen?

Roſine. Ja, gutes Herz, es ſteht förmlich
drin. Haſt denn die ſchönen Sprüche vergeſſen,
wie der liebe Heiland vermahnt: „Sehet zu, daß
ihr nicht jemand von dieſen Kleinen verach⸗
tet; denn ich ſage euch, ihre Engel im Himmel
ſehen allezeit das Angeſicht meines Vaters im
Himmel?“ (Matth. 18, 10.) und wie der Apo⸗
ſtel von ihnen anmerkt: „Sind ſie nicht allzumal
dienſtbare Geiſter, a us geſandt zum Dienſt
und derer willen, die ererben ſollen
die Seligkeit.“ (Ebr. 1, 14.)

Regine. Jetzt kann ich Dir nimmer Wi⸗
derpart halten. Nein, kein Schriftverächter will
ich nicht ſein; davor behüt' mich der treue Gott.
Schau, es freut mich ja ſelber recht, wenn's
wahr iſt.

Roſine. Verlaß Dich drauf, es iſt alles
richtig mit ihnen. O ich könnt' Dir manches
Erempel anführen, daß Dir ſollten die Augen
übergehn. Wie iſt mir's mit meinem Stopheln
gangen, wo Du noch nicht im Dorf geweſen biſt.
Einmal laß ich ihn mit ſeinem Bett auf dem
Tiſch liegen und ſchaff' am Bronnen draußen.
Hab' ich doch gemeint, der Kerl könn' ſich nicht
einen Daumen weit vom Fleck rühren, wie ein
umgewendter Schildkrott. Plöͤtzlich ſchreit er
hellauf, und wie ich hereinſtürze, liegt das arme
Würmlein auf'm Boden und ſtreckt alle Viere
von ſich. „ Aber, Gott ſei Lob und Dank—nicht

ein Gliedlein hat er verrenkt.

Ein andermal

ſpielt er auf der Gaſſen; ſo rennt eine wilde Kuh
gegen ihn, und wirft ihn an ihren Hörnern eine
ganze Mannesläng über ſich. Mir bleibt der
Angſtſchrei im Hals ſtecken: aber mein Büblein
fällt glücklich wieder auf die Kuh und rutſcht an
ihrer Seiten wie über ein Kanaper herunter, daß

ihm kein Fingerlein weh thut. O liebe Seelt,

wer hat da geholfen? Der Herr durch ſeine hei⸗
ligen Engel. Die müſſen tauſendmal ihre wei⸗
chen Hände unterlegen, oder den rechten Druck
und Wendung geben, daß es ohne Jammer ab⸗
lauft.

Regine. Ich hör' Dir gern zu, wenn Du
von Deinen chriſtlichen Erfahrungen redeſt: es
iſt ein Troſt für jedes Mutterherz. Alſo nehmen
ſich die heiligen Engel hauptſächlich um die
Kinder an? x

Roſine. Auch um die Großen, wenn ſie
fromm ſind. Sie gehen auch wohl, glaub' ich,
noch mit den Gottloſen, aber unter heimlichen
Seufzen und bis auf eine Zeitlang. Will der
Menſch ſich nicht bekehren, ſo iſt ihres Bleibens
nicht lang. Aber da bleiben ſie und jubiliren,
wo der Menſch ſich bekehrt; denn „es iſt Freude
vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der
Buße thut.“ Ach, ja, Regine, wenn wir in der
Furcht des Herrn wandeln, dann ſind ſie bei unsz
denn es heißt: „der Engel des Herrn lagert ſich
um die her, ſo ihn fürchten, und hilft ihnen
aus.“ Liegen wir im Bett, ſo ſetzen ſie ſich um's
Lager; ſtehen wir auf, ſo poſtiren ſie ſich ums
Haus her; wandeln wir draußen, ſo ſchreiten ſit
vorn und hinten und neben weg, und halten
überall ihre güldenen Waffen, ihre Schilder und
Spieße.

Regine. Aber nimm's halt nicht in übel—
da ſollt man meinen, daß den frommen Leuten
wenig Unglück begegnen könnt'.

Roſine. Schwätz doch nicht ſo närriſch.
Der Herr weiß, was uns gut iſt, und muß uns
durch mancherlei Züchtigung, durch mancherlei
Trübſal in's Reich Gottes einführen. Allen
Unfall dürfen ſie nicht aufhalten, aber viel thun
ſie verwenden.

Regine. s iſt was Liebliches um die hei⸗
ligen Engel, — ſo ſtill und freundlich und nur
auf Gutes bedacht!

Roſine. Und werden nicht müd' mit Wa⸗
chen und Schützen bis an unſer Ende. Und beim
Sterben ſtellen ſie ſich noch erſt feſt um's Beu
herum, wie die Starken Salomonis, und treiben
die hölliſchen Drachen weg. Nach geleiten i
die frommen Seelen in's Paradies.

Regine. Der Herr geb' uns immer ſeine
himmliſchen Wächter zu!

Roſine. Amen, in Jeſu Namen. Geh !
her, Büble, laß dich an's Herz drücken.

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