Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 2, Nummer 2 › Seite 5
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1845-09-15, Seite 5
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Abſolution 14 · Analogie · Analogie 3 · Synoden · Paſtor 5 · Ratioualismus · Schriftauslegung 9
Der Lutheraner.
„Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“
Herausgegeben von C. F. W. Walther.
Jahrgang 2.
St. Louis, Mo., den 20. September 1845.
No. 2.
Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft.
(Eingesandt von Pastor O. Fürbringer.)
Der Rationalismus und die Bibel.
(Fortsetzung.)
Daß die heilige Schrift ebenso, wie jedes andere aus dem Alterthum hinterlassene Werk, wenigstens auf eine Erklärung nach Sprache und Geschichte Anspruch mache, versteht sich von selbst; ja die ganze Art ihrer Erscheinung, insofern sie sich als das Wort, als den Brief des Schöpfers und himmlischen Regenten an die verirrten Menschenkinder, sie zu sich, zur Seligkeit, zum Vaterhause zurückzuführen, kund gibt, fordert und gebietet um so mehr, bei der einfachen Wortauslegung stehn zu bleiben, da es sich ja nimmer erwarten läßt, auf eine andere willkührlichere Weise hinter den rechten Sinn derselben zu kommen, wenn ich den Inhalt als göttlich anerkennen soll oder nicht. Es gehört aber zu einem untadelhaften biblischen Ausleger vornehmlich viererlei: 1) daß er die Bedeutung der Wörter und Redensarten nach dem eigenthümlichen Sprachgebrauch genau kenne, und ihre Kraft und ihren Nachdruck für das menschliche Gemüth verstehe; 2) daß er auf den Zusammenhang des biblischen Buchs nicht bloß, das er liest, sondern auch auf den in's Auge springenden Zusammenhang der heiligen Schriften untereinander selbst vom 1. Buche Mosis an bis zur Offenbarung St. Johannis, wie bei einem jeden andern Werk auf der Schreiber Lehrsystem (analogia doctrinae), sorgfältige Achtung gebe; 3) auch die Umstände der Personen, der Zeit und des Orts sich bemerke: und endlich 4) daß er im Stande sei, das Falsche und Mißbräuchliche anderer verkehrter Erklärungen einzusehen. Auf diese Weise wird unzweifelhaft ein sichreres Resultat gewonnen, als wenn ich mit vorgefaßten Meinungen oft von lästerlicher gottloser Profanität an die heiligen Bücher gehe. — Freilich reden dieselben an vielen Stellen auch bildlich; daß wir sie aber dort bildlich verstehen, dazu nöthigt sie, die Schrift, uns selbst, und gibt uns die rechte Anweisung. Aus der Vergleichung der sogenannten Parallelen muß ich die Sprache des heil. Schriftstellers verstehen und dadurch bestimmen lernen, wo er eigentlich rede. Denn wenn von einerlei Sache an andern Orten verschiedene Ausdrücke gebraucht werden, so ist die Unterscheidung zwischen Eigentlichem und Bildlichem gar leicht; wenn einerlei Wort in allen Stellen von einer Sache vorkommt, so ist der Ausdruck gewiß nicht bildlich, sondern eigentlich zu nehmen; ja auch da muß man den Ausdruck eigentlich verstehen, wenn von ähnlichen Dingen, die mit einander eine nahe Verbindung haben, einerlei Wort gelesen wird. Alles Verständniß einer bildlichen oder versinnlichenden Redensart entspringt daher entweder aus der Sache selbst oder aus dem Sprachgebrauch. In allen Fällen nun, wo ich nicht durch die Schrift selbst angewiesen werde, insonderheit bei historischen Erzählungen, die sich als solche und nicht als Gleichnisse (es sind eben anmuthige Bilder, aus dem gemeinen Leben hergenommen, durch die der geheime Sinn eines Lehrgegenstandes sich verbirgt—) ankündigen, bin ich gezwungen, wenn ich nicht wider alle Regeln gesunder Auslegung verfahren will, den Wortverstand anzunehmen, wie er sich mir durch die Verfasser und ihre Sprache in dem Buchstaben kund gibt, wenn nicht auch hierbei ein einzelner Tropus und Figur vorkommt.
Demnach sind die Geschichte Hiobs, Jonas, vom Sündenfall, von der Versuchung IEsu ꝛc. keineswegs „gleichnißartige oder bildliche Erzählungen,“ (s. Herrn Münchs Schr. S. 5.,) sondern Thatsachen oder historische Facta, die nach der oben angedeuteten Analogie der Schrift*), von welcher die Analogie des Glaubens nur wie das Besondere von dem Allgemeinen unterschieden ist, aufgefaßt werden müssen. Wenn Gott Augen, Ohren, Hände, Reue beigelegt werden ꝛc.ꝛc. (s. S. 4.:) so halten ja wieder ebenso entschieden die heiligen Verfasser die raumlose Unbeschränktheit und unbegreifliche Vollkommenheit Gottes fest, und führen uns dadurch zur angemessensten Darstellung des göttlichen Wesens und seiner Eigenschaften. Wenn freilich in dem Schriftchen des Herrn M. (S. 5. oben) das Reden und die Eingebung Gottes zu den Propheten und Aposteln soll bei der Gelegenheit falsch vergeistigt und vielmehr weggeleugnet werden: so dürften wir nimmer aus dem Auge verlieren, daß doch die Worte allemal Zeichen unserer Gedanken sind, die sich nach den von außen in die Seele eingedrückten Bildern der Dinge richten. Da nun die heiligen Schriftsteller uns von Geheimnissen, die in dem unergründlichen Gott verborgen liegen, unterrichten sollten: so waren diese ihnen selbst unaussprechliche Wahrheiten. Sie mußten deßhalb, gleichwie ihren Seelen die Vorstellungen der himmlischen Dinge durch irdische Bilder gegeben wurden, also auch die Worte in den Mund gelegt bekommen, welche das Geheimnißvolle einigermaßen abschildern konnten. Diese Tiefen Gottes wurden ihnen aber geoffenbart im Zusammenhange mit andern Wahrheiten, welche die sich selbst gelassene Vernunft annoch ausfinden
*) Daß die Schrift unleugbar nicht sich selbst widerspricht (—wer die Wahrheit redlich sucht und Gott um Beistand hierzu anruft, wird auch vom Geiste Gottes in alle Wahrheit geleitet werden —), nennt man die analogia Scripturae sacrae d. i. das Verwandtschaftsverhältniß der einzelnen Theile derselben zu einander, ihre gegenseitige Harmonie; daraus folgt, daß um so weniger die der Schrift entnommenen Glaubensartikel sich untereinander und insbesondere den Grundartikeln widersprechen können, sie viel mehr sich gegenseitig erläutern und begründen — die analogia fidei d. i. das Zusammenstimmen der Glaubenssätze, der Inbegriff ihres Maßes, nach welchem sie unter sich verbunden sind. die Aehnlichkeit des Glaubens genannt, (was in der Mathematik die Proportion ist.) Die Hauptsumme der christlichen Lehre aber, eben die Hauptstücke des christlichen Glaubens, durch welche nothwendiger Weise die Analogie des Glaubens bedingt ist und die aus den deutlichsten und ausführlichsten Stellen der heil. Schrift gesammelt wird, heißt die Regel des Glaubens. und ist die Richtschnur, nach welcher geglaubt und die Schrift ausgelegt werden soll. Der dritte Haupttheolog seit der Reformation, Joh. Gerhard, schreibt daher in seinem locis theol. II, 4, 61.: „Aus den klaren Sprüchen der Schrift wird die Regel des Glaubens gesammelt, nach welcher die Erklärung der übrigen anzustellen ist; und wenn wir auch den eigentlichsten echten Sinn aller Stellen nicht erreichen können, so ist es doch hinreichend, nichts wider die Analogie des Glaubens bei der Auslegung derselben vorzubringen;“ und Dr. Luther selbst ermahnt, „nicht von den einfältigen Worten der Schrift zu weichen, es zwinge uns denn irgend ein Artikel des Glaubens, daß man es müsse anders verstehen, denn die Worte lauten.“ Aus dieser Regel des Glaubens entsteht das secundär-normative Ansehn der symbolischen Bücher; weßhalb die Verfasser der Concordienformel die Ueberschrift ihren Abhandlungen vorsetzen: „Von dem summarischen Begriff, Grund. Regel und Richtschnur, wie alle Lehre nach Gottes Wort (juxta analogiam verbi Dei) geurtheilt. und die eingefallenen Irrungen christlich erklärt und entschieden werden sollen.“ (Ed. Rechenbergs S. 256.)
Ueber die historische Richtigkeit der Erzählung von der Sündfluth. welche Herr Münch leugnet S. 6., vergl. Luther über die Genesis, Lilienthals gute Sache der Offenb. Th. V., Silberschlags Geogenie Th. 1., in den neuesten Zeiten des berühmten Naturforschers Hofrath von Schubert Schriften. Der Satan war es, welcher unsire Stammeltern zuerst von dem buchstäblichen Verstande zur willkührlichen Deutung und Behandlung des Wortes Gottes abführte, 1 B. Mosis 3. Darum können auch die Rationalisten diese Geschichte des Falls nicht leiden.
15
English translation AI translation
[illegible — page-head ornament/running number]
Der Lutheraner.
"God's Word and Luther's teaching shall not pass away, now nor ever."
Published by C. F. W. Walther.
Volume 2.
St. Louis, Mo., September 20, 1845.
No. 2.
—
Terms: Der Lutheraner appears once every two weeks, at a subscription price of one dollar for out-of-town subscribers, half of which they must pay in advance, and they are responsible for the postage. — In St. Louis, each individual issue is sold for 5 cents.
(Submitted by Pastor O. Fürbringer.)
Rationalism and the Bible.
(Continued.)
That Holy Scripture, just like any other work handed down from antiquity, is entitled at the very least to an explanation based on language and history is self-evident; indeed, the very manner of its appearance, inasmuch as it presents itself as the word, as the letter, of the Creator and heavenly Ruler to his wayward human children, meant to lead them back to himself, to blessedness, to the Father's house, demands and requires all the more that one adhere to the plain interpretation of the words, since it can never be expected that one would arrive at their true sense by some other, more arbitrary way, when the question is whether I am to acknowledge the content as divine or not. Now, four things chiefly belong to a blameless interpreter of Scripture: first, that he know exactly the meaning of the words and expressions according to their particular usage, and understand their force and emphasis for the human mind; second, that he pay careful attention not only to the context of the biblical book he is reading, but also to the context, evident at a glance, of the holy Scriptures among themselves, from the first Book of Moses all the way to the Revelation of St. John — just as, with any other work, one attends to the author's system of doctrine (analogia doctrinae); third, that he also take note of the circumstances of the persons, of the time, and of the place; and finally, fourth, that he be able to recognize the falsity and abuse in other people's perverse interpretations. In this way one undoubtedly arrives at a more reliable result than if I approach the holy books with preconceived opinions, often out of blasphemous, godless profanity. — To be sure, these books also speak figuratively in many places; but that we are to understand them figuratively there is something that compels us to do — Scripture itself, which gives us the right guidance. From the comparison of so-called parallel passages I must come to understand the language of the holy writer, and thereby learn to determine where he is speaking literally. For when different expressions are used in different places for one and the same thing, the distinction between the literal and the figurative is quite easy; when the same word occurs in every passage referring to one thing, the expression is certainly not to be taken figuratively but literally; indeed, even then one must understand the expression literally when the same word is read of similar things that are closely connected with one another. All understanding of a figurative or metaphorical turn of phrase therefore arises either from the matter itself or from the usage of language. In all cases, then, where I am not directed otherwise by Scripture itself — especially in historical narratives that present themselves as such, and not as parables (which are, after all, charming pictures drawn from ordinary life, by means of which the hidden meaning of a doctrinal subject conceals itself) — I am compelled, if I do not wish to proceed against all the rules of sound interpretation, to accept the literal sense as it presents itself to me through the authors and their language, in the letter — unless here too a particular trope or figure of speech occurs.
Accordingly, the histories of Job, of Jonah, of the Fall, of the temptation of Jesus, etc., are by no means "parable-like or figurative narratives" (see Herr Münch's tract, p. 5), but facts, or historical realities, which must be grasped according to the analogy of Scripture indicated above,*) of which the analogy of faith is distinguished from it only as the particular is from the general. When God is ascribed eyes, ears, hands, repentance, etc. (see p. 4), the holy writers again just as firmly maintain the spaceless boundlessness and incomprehensible perfection of God, and thereby lead us to the most fitting representation of the divine essence and its attributes. If, indeed, in the tract of Herr M. (p. 5, above) the speaking and inspiration of God to the prophets and apostles is, on that occasion, to be falsely spiritualized away and rather denied altogether, then we must never lose sight of the fact that words are always signs of our thoughts, which are shaped according to the images of things impressed upon the soul from without. Since, then, the holy writers were to instruct us concerning mysteries hidden in the unfathomable God, these were, for the writers themselves, truths beyond utterance. They therefore had to be given, just as their own souls were given conceptions of heavenly things through earthly images, so also words placed in their mouths that could, to some degree, depict what was full of mystery. But these depths of God were revealed to them in connection with other truths, which reason, left to itself, could still discover —
*) That Scripture undeniably does not contradict itself (— whoever honestly seeks the truth and calls upon God for help in this will also be led by the Spirit of God into all truth —) is called the analogia Scripturae sacrae, that is, the relationship of kinship between its individual parts, their mutual harmony; from this it follows that the articles of faith drawn from Scripture can all the less contradict one another, and especially the fundamental articles, but rather explain and confirm one another all the more — the analogia fidei, that is, the concord of the articles of faith, the sum of the measure according to which they are bound together, called the similarity of faith (what in mathematics is proportion). But the chief sum of Christian doctrine — namely, the chief parts of the Christian faith, on which the analogy of faith necessarily depends, and which is gathered from the clearest and fullest passages of Holy Scripture — is called the rule of faith, and it is the standard according to which one is to believe and Scripture is to be interpreted. The third great theologian since the Reformation, John Gerhard, accordingly writes in his Loci Theologici II, 4, 61: "From the clear sayings of Scripture the rule of faith is gathered, according to which the explanation of the rest is to be undertaken; and even if we cannot attain the most proper, genuine sense of every passage, it is nevertheless sufficient to bring forward nothing against the analogy of faith in interpreting it"; and Dr. Luther himself admonishes us "not to depart from the plain words of Scripture, unless some article of faith compels us to understand it otherwise than the words read." From this rule of faith arises the secondary, normative authority of the symbolical books; wherefore the authors of the Formula of Concord place this heading before their treatises: "Of the Summary Concept, Basis, Rule, and Standard According to Which All Doctrine Is to Be Judged in Accordance with God's Word (juxta analogiam verb. Dei), and the Errors That Have Arisen Are to Be Christianly Explained and Decided." (Ed. Rechenberg, p. 256.)
On the historical accuracy of the account of the Flood, which Herr Münch denies on p. 6, compare Luther on Genesis, Lilienthal's Die gute Sache der Offenbarung, vol. V, Silberschlag's Geogenie, vol. 1, and, among more recent works, the writings of the celebrated natural scientist Hofrath von Schubert. It was Satan who first led our first parents away from the literal sense to an arbitrary interpretation and handling of the Word of God, Genesis 3. That is also why the rationalists cannot abide this account of the Fall.
[p. 15]