Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 25 › Seite 195
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-07-20, Seite 195
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tung ſich nicht erweiſen läßt, daß das Thomas⸗
Cvangelium jünger d. i. ſpäter geſchrieben ſei,
als die für Gottes Wort ausgegebenen Evange⸗
lien“. Wir ſtellten einen Beweis für die Un⸗
wahrheit dieſes Satzes auf, indem wir ſagten,
Papias erwähne des Evangeliums Matthäi
und Marci, Theophilus von Antiochien des
Edangeliums St Johannis, Irenäus, Clemens
Alerandrinus und Tertullian aller vier Cvan⸗—
ſelien, und erſt Origines, nach allen genann⸗
ten Kirchenlehrern, des ſogenannten Thomas⸗
Cvangeliums. Herr S. wendet dagegen ein,
Papias erwähne des Ev. Matthäi nicht, und
dts ſogenaunten Thomas⸗Evangeliums werde
ſchon von Irenäus erwähnt. Angenom⸗
nen nun auch, ſeine Einwendungen wären
ggültig, ſo bliebe unſer, für die Unwahrheit
ines obigen Satzes aufgeſtellteBeweis gleich—
pohl ſtehen, indem dann noch immer Papias
„das Evangelium Marci und Theophilus das
Cvangelium Johannis erwähnt hätte, ehe des
ſegenannten Thomas-Evangelium Erwähnung
geſchhen wäre. Herr S. iſt alſo jeden⸗
falls der Unwiſſenheit überführt,
da wir annehmen, daß er Unwahrheit aus Un⸗
wiſenheit geſagt hat. Statt nun aber das ein⸗
zugeſthn, übergeht's der ehrliſchee Mann
nit Stillſchweigen, wahrſcheinlich indem er,
wie ſchon zuvor, ſeine großen Blößen, die
ſech auf keinerlei Weiſe bemänteln laſſen mit ei⸗
ſerner Stirne unter die nicht „„auptpunete“
zhlt —
Dagegen macht er einen gewaltigen Lärmen
über die Puncte in unſerem Beweiſe, gegen die
Einwendungen erhoben hat, um die Aufmerk⸗
lemkeit der Leſer von jener Blöße abzuwenden;
ein Kniff, der doch gar zu ſimpel iſt, als daß
nan den, der ihn gebraucht, von Ehrlichkeit
genz zu geſchweigen, auch nur für einen Mann
von mittelmäßigem Verſtande halten könnte.
R Alem Anſchein nach bildet Herr S. ſich ein,
din dem, was er über jene von ihm verworfenen
punkte in unſerm Beweiſe ſagt, Wunder was
gtzeigt zu haben; indeß der liebe Leſer wird
gleich ſehen, daß Herr S., freilich wol ohne es
loch ſelber gewahr geworden zu ſein, nur neue
proben von ſeinen ſchon öfter berührten übeln
„Onalitäten gegeben hat.
„Der gelehrte Herr „muß“ uns „bedeuten“ —
als wäre uns dies etwas Neues — „daß ſchon
IArnäus im zweiten Jahrhundert in ſeinem
Buche „gegen Ketzereien“ (Bch.1 Cap.17) Zeug⸗
niß giebt vom Daſein des ſogenannten Thomas⸗
E, indem „fügt der große Denker hinzu“
it einige Anekdoten mittheilt, die nur in dieſer
Schrift ſich finden, und zugleich angiebt, daß er
ditſe Geſchichten einer „von Gnoſtikern ver⸗
ſaßten Schrift“ entnommen habe, welchen Ur⸗
ſprungs — nach dem Urtheil aller Sachverſtän⸗
digen — unſer Thomas⸗Ev. denn auch wirklich
it. — Doch wol Beweiſes genug, daß die be—
neffende Evangelien⸗Schrift älter als Origines
und ſchon vor Origines in den kirchenväterli⸗
chen Heiligthümern“ ſo ſchließt der ehrliche
Nann „erwähnt worden iſt.“
Es wird dem aufmerkſamen Leſer nicht ent⸗
‚ — 195—
gehen, wie Herr S. in ſeinem angeblichen Be⸗
weiſe an die Stelle von „erwähnen“ was bei
denen, die ſich noch nicht vom allgemeinenSprach⸗
gebrauche „frei“ gemacht haben, bedeutet: na⸗
mentlich anführen, und ſicherlich auch anfäng⸗
lich von Herrn S. ſo verſtanden war, die Worte
„Zeugniß vom Daſein des Buches geben“ un⸗
tergeſchoben hat. Wieder ein Schlich, der
aber, ſelbſt wenn wir Herrn S. den Vortheil zu—
geſtehen, den er dadurch zu gewinnen ſucht, ihm
doch nichts hilft.
Das 17. Capitel des erſten Buches „gegen
ketzeriſche Parteien“ oder „Secten“ beginnt etwa
folgendermaßen. „Überdies bringen ſie (die
Valentinianer, eine gnoſtiſche Secte) eine un⸗
ſägliche Menge Apokryphen und unächter Schrif—
ten, die ſie ſelber verfertigt haben, und die von
Solchen herrühren, die das Wort der Wahrheit
nicht kennen, bei, um Unverſtändige damit zu
überrumpeln. Dabei gebrauchen ſie nun auch
die Erdichtung, daß der Herr, da er Lin Knabe
war und die Buchſtaben lernte, als ſein Lehrer,
wie es üblich iſt, ſprach „Sag a“ „a“ ſagte.
Als ſein Lehrer ihm aber weiter gebot, b zu ſa—
gen, hätte der Herr geantwortet, „Sag du mir
erſt, was a iſt, dann will ich dir auch ſagen,
was b iſt.“ Hierauf folgt nun der Bericht des
Irenäus wie ſie (die Valentinianer) jene erdich—
tete Erzählung auslegten, womit das Capitel
ſchließt.
Da wird nur eine Anekdote erwähnt; und
da ſtehen weder die Worte, die Herr S. als
eigene Worte des Irenäus anführt „eine von
Gnoſtikern verfaßte Schrift“ noch kommen ſolche
in dem von Herrn S. angebenenen Zuſammen⸗
hange vor „Irenäus habe dieſe Geſchichten
„einer von Gnoſtikern verfaßten Schrift „ent—
nommen.“ Da nun wol in allen im Druck er⸗
ſchienenen Ausgaben des Irenäus das 17. Cap.
des erſten Buches eben ſo lautet, wie in der uns
zur Hand befindlichen, ſo ſollte man, wenn man
Herrn S. nicht Unwiſſenheit vorwerfen will, faſt
auf die Vermuthung gerathen, die Fundgrube,
aus der ſchon „des alten Eſſäers Enthüllungen“
gekommen, habe ſich abermals aufgethan, und
da Herr S. nicht mehr mit dem alten Irenäus
zufrieden iſt, ihn mit einem neuen, gefälligern
beſchenkt.
Endlich, wenn Herr S. ſagt, um ſeinen Be⸗
weis recht bündig zu machen, daß das ſogen.
Thomas⸗Ev. nach dem Urtheil aller Sachver⸗
ſtändigen gnoſtiſchen Urſprungs ſei; ſo iſt das
wieder eine Enthüllung ſeiner Unwiſſenheit.
Denn obwohl man das ſogen. Thomas-Ev. wol
am richtigſten einem gnoſtiſchen Verfaſſer zu—
ſchreibt; ſo halten es dennoch mehrere Ge⸗
lehrte nach Vorgang des Cyrillus von Jeruſa⸗
lem (um das Jahr 350) für manichäiſchen Ur⸗
ſprungs, wie denn auch jenes Apokryphon bei
den Manichäern in großem Anſehen ſtand.
Da nun die Sätze, aus denen Herr S. ſeinen
Schluß zieht, nicht richtig ſind, ſo gilt auch ſein
Schluß nichts, indem ſich aus einer taubenNuß
kein Kern herausſchlagen läßt.
Aber angenommen auch, ſie wären richtig,
ſo könnte doch nur Jemand, deſſen Verſtand ge⸗
wöhnt iſt, fünf eine grade Zahl ſein zu laſſen,
mit Herrn S. in Bezug auf dieſelben ſagen „Doch
wol Beweiſes genug, daß' die betreffende Evan⸗
gelienſchrift ſchon vor Origines in den kirchen⸗
väterlichen Heiligthümern erwähnt iſt“. Denn
ſelbſt bei jenen erdichteten Vorderſätzen läßt es
ſich als leicht möglich denken, daß „dieſelben
Anekdoten“, die Irenäus aus „einer von Gno⸗
ſtikern verfaſſten Schrift entnommen habe“, aus
eben der Schrift in das ſpäter geſchriebene
ſogen. Tbomas⸗Ev. übergegangen ſeien.
Bedenkt man nun aber, wie ſich die Sache
wirklich verhält, nämlich daß Irenäus
nur eine Erzählung anführt (die oben mitge⸗
theilte), ferner daß er von derſelben nicht ſagt,
daß er ſie einer von Gnoſtikern verfaßten Schrift
entlehnt habe, ſondern daß dieſelbe bei den Va⸗
lentinianern im Schwange gehe, um ihre Irr—⸗
lehre von dem höchſten Weſen, Bythos, auch
Ron genannt, auf Chriſtum zurückzuführen, um
ſo Unverſtändige zu bethören; dann, daß die
Irrlehrer von denen er redet, in Hervorbringung
von Apokryphen ſehr fruchtbar waren: ſo iſt
große Wahrſcheinlichkeit, daß jene Er⸗
zählung ſich in vielen gnoſtiſchen Schriften, und
zwar nicht blos ſolchen, die ſchon zu Irenäus
Zeit geſchrieben waren, ſondern auch in ſpätetn,
fand. Die Stelle bei Irenäus „gegen Ketzer“
1. B. 17. Cap. läßt es alſo ganz ungewiß,
ob man unter den Apokryphen der Gnoſtiker,
die Irenäus nennt, ſich das ſogen. Thomas⸗Ev.
zu denken habe, oder nicht. Nimmt man nun
noch dazu, daß es auch nicht einmal gewiß
iſt, ob das ſogenannte Thomas-Evangelium
von den Gnoſtikern herrührt, indem es auch
von einem Manichäer herrühren mag; ſo iſt,
wenn man's genau nehmen will, mehr da ge⸗
gen, daß jenes Apokryphon unter den Schrif—
ten der Gnoſtiker, auf die Irenäus hindeutet,
befindlich war, als dafür iſt.
In der Stelle bei Irenäus alſo haben wir
keine Erwähnung des ſogen. Thomas-Ev. ſehen
können, und wird auch keiner, der ſich nicht etwa
von den Geſetzen des geſunden Menſchenver⸗
ſtandes „frei“ gemacht hat, eine ſolche ſehen
können; wohl aber wird ein Jeder in dem, was
Herr S. über jene Stelle ſagt, leicht Proben von
des letztern ſchon öfter bewährten übeln Quali⸗
täten wahrnehmen.
In Verbindung mit dieſem Punkte macht ſich
die Unwiſſenheit des Herrn S. noch nach einer
andern Seite hin ſo bemerklich, daß wir mit ein
paar Worten'darauf aufmerkſam machen müſſen.
Wenn es nämlich Herr S. bei Entſcheidung ſei⸗
nes Satzes, ob das ſogen. Thomas⸗Ev. in den
Schriften der alten Kirchenväter ſo früh erwähnt
werde, wie irgend eins der im N. T. enthalte⸗
nen ꝛc. auf einen Wahrſcheinlichkeits-—
Beweis ankam; und er ſolche Umſtände, als er
dafür anführt, daß das ſogen. Thomas⸗Ev.
ſchon von Irenäus gekannt ſei, als Beweis
wollte gelten laſſen — wie denn allerdings die⸗
ſelben in der entſtellten Form, die Herr S. ihnen
gegeben, eine ſolche Behauptung wahrſchein⸗
lich machen würden: — woher rührt ſeine freche
Stirn, auch nur den Schein der Richtigkeit obi⸗
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