Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 10 › Seite 74

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-01-07, Seite 74

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leibliche Auferſtehung anerkenne, an einer
wirklichen und wahrhaften Auferſtehung
aber nie gezweifelt habe. Ahnlich mögen die De⸗
monſtrationen derer geweſen ſein, die ſchon zu der
Apoſtel Zeiten die Auferſtehung für „bereits ge—
ſchehen“ ausgaben (2 Tim. 2, 18.).. Calvin
wußte ſich in Kurzem bei den Schweizern ſo in
Anſehen zu ſetzen, daß, ſo zu ſagen, Alles durch
ſeine Hand ging. Damit noch nicht zufrieden,
verſuchte er auch, ſeinen Einfluß auf die evang.
(uth.) Kirchen auszudehnen, indem er ſich den
Schein gab, als ſuche er Frieden und Einigkeit
unter den Proteſtirenden beiderConfeſſionen her⸗
zuſtellen. Er ſchrieb an einige angeſehene Theo⸗
logen Deutſchlands, ſie möchten ſich doch des Ta⸗
dels und der Vorwürfe gegen die Anhänger
Zwingli's enthalten, ja an Veit Dietrich in
Nürnberg ſtellte er die Zumuthung, bei der Her—
ausgabe von Luther's Werken die gegen Zwingli
gerichteten Stellen wegzulaſſen. Da es ihm hier
nicht glückte, ſo wandte er ſeine ganze Aufmerk⸗
ſamkeit auf Melanchthon und nahm auch
wirklich den friedfertigen, nach Luther's Tode
ſchwach und wankelmüthig gewordenen Mann
dergeſtalt ein, daß er zuletzt rühmen durfte:
„Wenn ich Philipp's Namen nicht recht für
mich gebrauche, ſo will ich jede Schmach leiden.
Ich habe es geſagt und ſage es noch Ind will es
hundertmal bekräftigen, daß Philipp (Melanch⸗
thon) in der Sache vom Abendmahle nicht weiter
von mir iſt, als von ſeinem eigenen Herzen, ob
er gleich nicht allezeit frei und rund heraus, wie
ichs wohl gewünſcht, ſeine Meinung offenbart
und ſich vor Luthern hat fürchten müſſen! Ein
ſchönes Lob—)“. Zur Zeit, als noch Luther
lebte, habe ich mit Philipp von dieſer Lehre des
Sacrament's geredet und brauchte nicht ein Wort
mit ihm zu wechſeln, denn wir ſind allezeit Einer
Meinung geweſen“. — Unbekümmert darüber,
in welche Verlegenheit er den armen, än gſtlichen
Mann durch ſolche rückſichtsloſe Veröffentlichun⸗
gen bringen könne, tadelte er ihn ſogar noch, daß
er ſich nicht laut genug gegen ſeinen verſtorbenen
Freund Luther erhebe. Später wurdeCalvin noch
weit zudringlicher, verfiel in ſeinen gewohnten
ſchulmeiſterlichen Ton und fuhr Melanchthon bis—
weilen ſo an: „Du haſt wohl zu überlegen,
was Du Chriſto ſchuldig biſt, daß Du nicht, das
aufrichtige Bekenntniß der Wahrheit unter⸗
drückend, gottloſen Leuten ſtillſchweigend zur Un⸗
terdrückung der Wahrheit ſelbſt Vorſchub lei⸗
ſteſt. Du haſt Dich in Zeiten vorzuſehen, daß
Dir Deine zu große Schweigſamkeit nicht bei den
Nachkommen zur Unehre gereiche. Wie? wenn
Dich nun der Tod übereilte? wird man dann
nicht ſchreien, Dn ſeieſt knechtiſch furchtſam ge⸗
weſen, ſo daß Du alles Anſehen verlöreſt und al⸗
les Vertrauen zu Dir ſchwände? Es iſt nicht nö⸗
thig, Dich mit vielen Worten zu ermahnen, daß
Du eileſt, dieſe Schande (infamiam) von Dir
abzuwälzen.“ Bei dem großen Anſehen, in wel⸗
chem Melanchthon unter den Evangeliſchen ſtand,
von denen ein ige ihn ſogar, nach Luthers Ableben,
für den Leiter der Kirche betrachteten, mußte die⸗
ſer calviniſche Einfluß von wichtigen
Folgen ſein. Als die erſte derſelben kann

—7.—

man die allmälig entſtehende Meinung anſehen,
daß zu einer Vereinigung zwiſchen den ſächſiſchen
und ſchweizeriſchen Kirchen nichts weiter nöthig
ſei, als eine zweideutige Lehrformel.. Eine an⸗
dere Folge jenes Einfluſſes war die überhand⸗
nehmende Dreiſtigkeit, mit der Calvins Anhänger
ſich in die evangel. (luth.) Kirchen einzudrängen
und die lutheriſch geſinnten Geiſtlichen zu vertrei⸗
ben, oder, wenn dies nicht gelang, wenigſtens
den Frieden der Gemeinen zu ſtören ſuchten. So
kam 1553 der polniſche Edelmann Johann Las⸗
ko, von der Königin Maria aus England ver⸗
trieben, mit einer beträchtlichen Anzahl Gleichge—
ſinnter, die ſich die ecelesia peregrinorum (Pil⸗
grimskirche) nannten, nach Dänemark und
fanden, als angebliche evangeliſche Blaubensge—
noſſen, die freundlichſte Aufnahme. Doch bald
fingen ſie an, auf die däniſchen Prediger und
Gemeinen zu ſchimpfen, nannten Luther'n einen
armſeligen Menſchen, den Abendmahlsſtreit ein
bloſes Wortgezänk um Brod und Wein, worüber
man gar nicht uneinig ſein ſollte, und verlangten
eine beſondere Kirchenverfaſſung, weil ſie mit den
Bekennern der augsb. Conf., die ſie nicht für
Glieder der chriſtlichen Kirche anſehen könnten,
keine Gemeinſchaft haben wollten. König Chri—
ſtian ließ ihnen Herberge, Schutz und Unterſtü—
tzung anbieten, wenn ſie keine Neuerungen in den
Ceremonien, noch irgend ein anderes Argerniß
oder Zerrüttung anrichten, ſondern ſich der Kir⸗
chenordnung des Königreichs unterwerfen woll⸗
ten; umſonſt, ſie beſtanden auf ihrem Begehren,
ſo unbeſonnen auch dasſelbe war, da ja der Zwie—
ſpalt zwiſchen ihnen und der evangeliſchen (luth.)
Kirche nur auf einen, keines Zweckes würdigen
Wortſtreit hinauslaufen ſollte. Da keine Vor⸗
ſtellungen fruchteten, ſo ließ der König ihre im
Lande gemachten Schulden bezahlen, ihnen noch
überdieß ein Geldgeſchenk, zugleich aber auch die
Weiſung zukommen, ſeine Staaten zu verlaſſen,
was ſie denn auch, unter den heftigſten Schmä—
hungen auf den König und ſeine Räthe thaten
und ſich nach Roſtock, Wismar und in die Han⸗
ſeſtädte begaben, wo ſie aber in Kurzem ebenfalls
als Ruheſtörer vertrieben wurden und nun unſtät
umherſchweiften, bis ihnen die Gräfin Anna den
Aufenthalt in Oſtfriesland verſtattete. Einer aus
ihrer Mitte, Joh. Utenchovius, gab ſpäter eine
Geſchichte ihrer Irrfahrten heraus, von der ſelbſt
ſtrenge Calviniſten urtheilten, ſie hätte lieber un⸗
bekannt bleiben ſollen. Im J. 1556 kam Las ko
nach Würtemberg und nahm nun den Schein
an, als ſtimme er und die Seinigen mit der
augsb. Conf. überein, welches ungegründete Vor⸗
geben beſonders Brenz mißfiel, der auf des Her⸗
zogs Befehl ein Colloquium mit ihm hielt, wobei
Lasko durch die Bemerkung: Chriſti Leib ſitze zur
Rechten Gottes, welche auch im Brode ſei — ſo
in Verwirrung gerieth, daß alle Zuhörer erſtaun⸗
ten, wie er ſo unvorbereitet zu einer von ihm ſelbſt
erbetenen Disputation habe kommen können. —
Anders, als Lasko in Däncmark, traten ſeine
Glaubensgenoſſen in der Schweiz und anderwärts
gegen die augsb. Confeſſionsverwandten auf, frei⸗
lich immer mit dem nämlichen Zwecke. Sie ſtell⸗
ten ſich, als wären ſie den Evangel. (Lutheri⸗

ſchen) gewogen, zeigten ſich gegen ſie ehrerbietig,
brüderlich, gaſtfrei, gaben vor, keine Mittel und
Wege ausſchlagen zu wollen, die zu einer Verei⸗
nigung führen könnten, fingen auch an, in Pre⸗
digten Luthern hoch zu rühmen und Jedermann
zum fleißigen Leſen ſeiner Bücher zu ermahnen.
In einer anonymen Schrift (d. i. in welcher ſich
der Verfaſſer nicht genannt hatte): „Diallaktikon“
(Verſöhnungsmittel) ſchlugen ſie auch eine Aus⸗
gleichung des Abendmahlsſtreites durch Annahme

zweier Leiber Chriſti vor, deren einer der ei—
gentliche Leib des Sohnes Gottes ſei, der andere!
aber ein ſacramentlicher: ein Vorwitz menſchlicher

Vernunft, der von ſich ſelbſt fallen mußte. Be za
äußerte ſich darüber gegen einen Freund: „Was
Du von dem doppelten Leibe erwähnt haſt, hat

mir vormals mißfallen, aber hernach habe ich ge—

merkt, daß uns dies ſehr zu Nutzen komme. Denn

ein ſacramentlicher Leib kann nichts ande⸗
res ſein, als der Name des Leibes, nach der
ſacramentlich bildlichen Redeweiſe verſtanden.“
Darauf laufen zuletzt alle reformirte Unionsvor⸗
ſchläge hinaus! — Wie wenig überhaupt den
Worten und Verſicherungen der genferiſch (cal⸗
viniſch) Reformirten zu trauen ſei, zeigt ein Vor⸗
fall, der ſich damals zutrug und der wohl das
non plus ultra (der höchſte Gipfel) calviniſtiſcher
Unredlichkeit ſein dürfte.

Als nehmlich der franzöſiſche König 1557 die
Niederlage bei St. Quentin erlitten hatte, tra⸗
ten die Hugenotten (Reformirten in Frankreich)
in Paris freier hervor und fiengen auch in an⸗
dern Städten an, nächtliche Verſammlungen zu
halten. Hiervon benachrichtigt ließ der König
viele gefänglich einziehen, und da für deren Le—
ben, ſowie für die Sicherheit der Übrigen, Alles
zu fürchten war, ſo wurden Wilhelm Farel,
Theodor Beza, Caspar Carmelus, Prediger
in Paris, und Johann Budäus aus Genf,
nach Worms abgeſchickt, wo eines Colloquiums

wegen die angeſehenſten evangel. (luth.) Theolo—

gen verſammelt waren. Dieſen ſtellten ſich die
Abgeſandten als Brüder dar, die gekommen
wären, um für ihre verfolgten Glaubensgenoſſen
die Verwendung der proteſtantiſchen Reichsfür—
ſten bei dem Könige von Frankreich nachzuſuchen,
wobei ſie baten, die deutſchen Theologen möchten
ihr Geſuch durch eine Fürbitte bei den Fürſten
unterſtützen. Auf Verlangen gaben ſie ein mit⸗
gebrachtes Glaubensbekenntniß, daß ſie ſchon
auf der Reiſe überall bekannt gemacht hatten, um
die Herzen der Evangeliſchen für ſich zu gewinnen.
Dieſes Glaubensbekenntniß, welches Farel, Beza
und die andern Abgeſandten mit der Bemerkung
unterſchrieben hatten: alſo werde vom Abend⸗
mahl des HErrn in der Schweiz und Savoyen
gelehrt und geglaubt, ſpricht ſich über das Sa—
crament des Altars in folgender Weiſe aus:
Wir bekennen, daß im Abendmahl des HErrn
uicht allein alle Wohlthaten Chriſti, ſondern auch
die Subſtanz oder das Weſen ſelbſt des
Menſchenſohnes, das iſt, das wahre Fleiſch
(welches das Wort in ewige Ewigkeit ſeiner Per⸗
ſon angenommen, und in welchem Fleiſche er ge⸗
boren iſt, gelitten hat und auferſtanden und gen
Himmel gefahren iſt) uud das wahre Blut.

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