Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 2 › Seite 10

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-15, Seite 10

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— 10—

ſein. Und ſchließen alſo: Zu welchem Ende
Gott die h. Schrift durch die Apoſtel und Pro—
pheten geoffenbaret hat, zu dem Ende muß auch
des Menſchen Glaube, Lehr und Leben gerichtet
ſein, oder es iſt ein falſcher Glaube, falſche Lehr
und Leben. Es hat aber Gott der HErr die h.
Schrift durch die Propheten und Avoſtel, ja,
durch ſeinen lieben Sohn ſelbſt, gnädiglich ge⸗
offenbaret zu ſeinem und des Menſchen ſelbſt
wahrem Erkenntniß, zu ſeinen göttlichen Ehren,
zu unſerm Troſt und ewigen Heil und Seligkeit,
auch zu unſerer Beſſerung und Liebe des Näch⸗
ſten, derohalben ſo muß auch unſer Glaube,
Lehr und Leben zu dieſem End und Ziel gerichtet
ſein. Und demnach muß alle Lehre falſch ſein,

die nicht zum wahrenErkenntniß Gottes und ſein

ſelbſt führet, zu Gottes Ehren, zu unſerem Troſt,
zu unſerer Seligkeit, zur Beſſerung und zur
Liebe des Nächſten. Und folget auch das dar⸗
aus, daß eine ſolche Lehre wider die h. Schrift
ſtreitet, wider Gott und ſeine Ehre, wider den
wahrbaftigen Troſt, wider die Seligkeit, wider
die Beſſerung und wider die Liebe des Nächſten,
nach der Regel Chriſti, unſeres HErrn: „Wer
nicht mit mir iſt, der iſt wider mich, und wer nicht
mit mir ſammelt, der zerſtreuet.“ Luc. 11, 23.

„Aus dieſem Grunde iſt ſo lange gebeten und
geflehet worden, daß man alle Lehre nach Got⸗
tes Wort urtheilen und richten wolle, denn das⸗
ſelbe kann uns ja nicht betrügen noch verführen,
weil dasſelbe die ewige Wahrheit iſt. Unſer
OErr ſpricht: „Wer mich verachtet und nimmt

meine Worte nicht auf, der hat ſchon, der ihn

richtet, das Wort, welches ich geredet habe, das
wird ihn richten am jüngſten Tage“; und der
b. Apoſtel Paulus ſagt zu den Römern 2, 16:
„Daß Gott das Verborgene der Menſchen durch
IEſum Chriſtum richten werde, laut ſeines
Evangelii“, das iſt, nach dem Inhalt und
Richtſchnur des Evangelii, ſo er verkündigt hat.
Weil denn Gottes Wort am letzten Gericht wird
Richter ſein, warum will mans denn in dieſem
Leben nicht laſſen Richter ſein? Dieſelbe hat
erſtlich in Glaubensartikeln helle, klare, unzwei⸗
felbafte, deutliche, wichtige und kräftige Worte,
welche nicht Menſchen-Worte, ſondern Gottes⸗
Worte ſind, und nicht daran zu zweifeln, viel⸗

weniger will ſich gebühren, dawider zu disputi⸗

ren. Zum andern hat die h. Schrift einen gleich—
mäßigen, einbelligen, deutlichen, unzweifelhaf⸗
ten, gewiſſen Verſtand in Glaubensartikeln,
daraus mit gutem Grunde durch unleugbare
Schlußrede die Wahrbeit kann beſtätigt werden,
denn es reden die getreuen und wahrhaftigen
Zeugen Gottes durch den h. Getſt aus Einem
Munde in Glaubensſachen, ſintemal ein einiger
Geiſt iſt, durch welchen ſie geredet haben, und iſt
ein Geiſt der Wahrhbeit. Darum ſagt der 19.
Pialm V. 8. 9. 10: „Das Zcugniß des Errn
iſt gewiß, die Befehle des HErrn ſind richtig;
die Rechte des HErrn ſind wahrhaftig, alleſammt
gerecht.“ Zum dritten bezeuget die Cohärenz
(ter Zuſanunenhang), was vorher gehet und
nachfolget, was der Scopus und Ziel ſei, davon
die Schrift redet, und wie die Sprüche, ſo etwa
auf andere Meinung gezogen werden möchten,

zu verſtehen ſeien. Zum vierten das Zeugniß der
ganzen h. Schrift in allen Glaubensartikeln hat
dieſen Finem, dies Ende und Ziel, nemlich
Gottes und des Menſchen Erkenntniß, Gottes
Ehre, wahrhaftigen Troſt, unſere Seligkeit,
Beſſerung und Liebe. Zum Fünften ſo über⸗
zeuget uns unſer Gewiſſen in Anfechtung, in
Kreuz und Todesnoth, daß unſer Herz allein
darauf ruhet und ſich verläſſet, was Gottes
Wort mit deutlichen klaren Worten, auch mit
einhelligem Verſtande und Zeugniß der Schrift
vom Erkenntniß Gottes, ſeiner göttlichen Ehre,
zu unſerm Troſt und ewigen Heil und Selig⸗
keit offenbaret hat.“

„Wenn man nun nach dieſen wahrhaften un⸗
widerleglichen Gründen die widerwärtigen ſtrei—
tigen Lehren richtet und urtheilet, ſo kanns nicht
fehlen, es muß die Wahrheit offenbar und die
Falſchheit entdecket werden, und dasſelbe wird
ſich leicht finden, wenn man die Päpſtiſche und
Calviniſche Lehr gegen obgedachte Gründe und
Regeln halten wird.“

In dem Nächſtfolgenden zählt nun Arndt die
Irrthümer der römiſch-katholiſchen Kirche auf
und fährt dann folgendermaßen fort:

„Schließen demnach, daß dieſes alles und
was des Schlages mehr iſt, falſche Lehre iſt,
weil ſie nicht allein dem deutlichen hellen Wort
Gottes, ſondern auch dem Ziel und Ende der
ganzen h. Schrift zuwider läuft. Solches
befindet ſich auch in der Calviniſchen
Lehre, wenn man ſie gegen dieſe unwidertreib⸗
lichen Gründe und gewiſſe Richtſchnur der Wahr⸗
heit halten wird.

Erſtlich lehren ſie, wie Petrus Martyr
und Beza ſchreiben, es ſei der Allmacht Got—
tes unmöglich, zu verſchaffen, daß ein wahrer
menſchlicher Leib an vielen Orten ſein könne. —
Dies iſt nicht allein wider das helle klare Wort
Gottes Jer. 32, 17. 27. Sach. 8, 6., wider
das wahre Erkenntniß Gottes, wider Gottes
Ehre, wider allen Troſt, wider den erſten Arti⸗
kel unſeres chriſtlichen Glaubens, ſondern iſt
auch eine Gottesläſterung und fleuſſet aus der
Pfütze des Unglaubens. Denn ehe ſie glauben
wollen, daß Chriſti Leib und Blut im Abend⸗
mahl ſei, verleugnen ſie ehe die Allmacht Got⸗
tes, denn es kann nicht anders ſein, es muß da
hinauslaufen: wenn man dem Wort Gottes
nicht glanben will, ſo muß man Gottes Kraft
verleugnen, wie der HErr dieſe zwei Stück zu⸗
ſammen ſetzet Matth. 22, 29. „Ihrirret
und wiſſet die Schrift nicht, noch
die Kraft Gottes.“ So muß es endlich
gehen, wenn man dem heiligen Leibe Chriſti, ſo
mit der ewigen unendlichen Gottheit vereiniget
und Eine Perſon iſt, nichts mehr zuſchreiben
will, als unſern natürlichen, ſündlichen und
tödtlichen Leibern.“

*) Petrus Martyr, dieſes thätige Werkzeug zur
Bauung der reſormirten Rirche Deutſchlands, Englands
und der Schweiz, geſtorben zu Zürich im Jahre 1562,
ſchreibt dial. P. 5. et contra Gardinerum obj. 11: „daß
Gett mit aller ſeiner Macht nicht bewirken könne, daß
Cbriſti veib zugleich in einer und derſelben Zeit an mehre⸗

ren Orten weſentlich gegenwärtitz ſei, oder jetzt anders wo
ſei, als im Himmel.“ Dasſelbe beſtätigt wörtlich in thes.

in Colloq. Mompelg. p. 33. Th. Beza (geſt. 1605 als
Profeſſor der Theologie zu Genf); dieſer College und in⸗
nige Freund Calvins, deſſen Werk er fortſührte. Da eine
ganze Schaar reſormirter Theologen obigen, Gottes Allmacht
verleugnenden Grundſatz aufgeſtellt hatie, um die bibliſche
Lehre von der Gegenwarti des Leibes und Blutes Chriſti im
h. Abendmahl beſtreiten zu können, ſo iſt auch die lutheri⸗
ſche Kirche genöthigt worden, in einem ihrer öfentlichen

Bekenntniſſe ſich von dieſer Gottesläſterung loszuſagen. Es

wird nehmlich in der Concordienformel unter den „wider⸗
wärtigen verdammten Lehren der Sacramentirer“ (Reſor⸗
mirten) auch dieſe auſgeführt: „daß Gott nach aller ſeiner

Allmächtigkeit (welches erſchrecklich zu hören) nicht vermöge

zu verſchaſſen, daß ſein Leib auf eine Zeit mehr dann an
(Summar. Be⸗

tinem Ort weſentlich gegenwärtig ſei.“
griff. Art. 7.)

„Zum andern ſchreibet Zwingli, daß
Gott den Eſau dazu erſchaffen habe, daß er
gottlos leben ſollte.“) Zanchius ſchreibet,
daß Adam durch Gottes Verordnung in die
Sünde gefallen. Item, Gott habe dem Adam
zu ſündigen Urſach gegeben. Item, Gott habe
den Pharao erweckt, alles das Böſe zu thun, was
er gethan hat. *) Calvinus ſchreibet, der
Menſch iſt gefallen, dieweil Gott ſolches durch
ſeine Vorſehung verordnet hat. ) Beza
ſagt, Gott bewegt, muntert auf, machet kräftig
und wirklich die Bosheit, ſo er im Satan und
Menſchen findet, und will alſo, daß ſie thun,
was ſie thun. 4) Heißet das nicht der Schrift
widerſprochen: „Du biſt nicht ein Gott, dem
gottlos Weſen gefällt, wer böſe iſt, bleibet nicht
vor dir?“ Heißet das nicht das wahre Erkennt—
niß Gottes verfinſtert, Gottes Ehre geſchändet?“

*) So ſchreibt nehmlich Zwingli in ſeinem Elenchus
contra Catabaptistarum strophas: „Wenn wir daher aus
dem wilden Sinne Eſau's lernen, daß dieſer Menſch von
Gott verworſen geweſen ſei, ſo werden wir vergeblich aus⸗
rufen: O daß er als Kind geſtorben wäre! denn der
konnte nicht ſterben, welchen die göttliche Vorſehung dazu
geſchaffen hat (in hoc creavit), damit er lebe und zwar
gottlos lebe.“ (Opp. lat. Tom. III. P. I. p. 429.)
Jerner in Sermone de provid. e. 5. „Goit ſelbſt iſt der
Urheber deſſen, was uns Ungerechtigkeit iſt, ihm aber kei⸗
nesweges.“

**) Hieronymus Zanchi, von 1568 an Proſeſſor
zu Heidelberg, ſpäter zu Neuſtadt, einer der angeſehenſten
Theologen der reform. Kirche, ſchreibt in ſeinen Miscell.
theol. p. 252: „Die Sünde auch als Sün de betrach—
tet, ſoſern ſie, nicht ihrer Natur, ſondern der Gine Gottes
nach zur Offenbarung der Ehre Gottes beiträgt, dieſe Sünde
und dieſes Böſe der Schuld iſt in ſo ſern von Gott vorher
beſtimmt.“ Ferner in ep. ad Pezeliun: „„Gott läßt
die Sünden, ſo fern ſie Sünden ſind, mit
ſeinem Willen zu.“

*x*) Calvin ſchreibt in ſeinen Instit. III. 23, 4.
„Ich bekenne, daß alle Adams Söhne durch Gottes
Willen in den elenden Zuſtand gefallen ſind, worin ſie
nun verwickelt.“ Ebendaſelbſt heißt es: „Der Menſch
fällt, weil es Gottes Vorſehung ſo geordnet hat;“ damit
will freilich Calvin die Menſchen nicht entſchuldigen, er ſetzt
daher hinzu: „aber er ſällt durch eigene Schuld.“ Gott
und Menſch theilen ſich alſo nach Calvin in die Schuld.

4) Beza ſchreibt in tractation. th. vol. I. P. 4c17. „Daß
du behaupteſt, Gott habe, welcht er wolle, nicht nur zur Ver⸗
dammniß, ſondern auch zu den Urſachen der Verdammniß“
(alſo zur Sünde) „vorher beſtimmt, das erkennen wir als
wahr an mit Paulo.“ Ferner in Collog. Mompelg.:
„Der Menſch iſt nicht ohne Urſache, ſondern nach Gottts
Vorſehung gefallen; weil geſchehen muhte, was Gott
beſchloſſen hatte.“ Dieſelben Worte, welche oben Arndt
dem Beza in den Mund legt, finden wir nur in den Schrif⸗
ten Zwingli's und Petrus Martyr's, welcher
auch ausdrücklich zum 1. Cap. an die Röm. ſchreibt: „Wir
können nicht in Abrede ſein, daß, es ſei nun, wie ihm
wolle (duoquo modo), Gott Urſache der Sünde ſei.“ Ja,
Zwingli ſchreibt in Sermon. de prov. anamnn.: „Nirmand

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