Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 1 › Seite 4

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-09-01, Seite 4

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—4—j

S. Das wiſſen wir freilich nicht; eben dar⸗
um ſorgen wir für den Fall, daß wir früher als
ſie ſterben möchten und ſie dann ganz verlaſſen
wären. Wir nehmen das Gewiſſe fürs Unge⸗
wiſſe.

Ich. Was iſt das Ungewiſſe?

S. Ob wir die Unſrigen überleben werden.

Ich. Und das Gewiſſe?

S. Das Gewiſſe iſt ihre Unterſtützung, im

Fall, daß wir ſtürben.

Ich. Ihr könnet alſo ruhig euer Haupt nie—
derlegen und ſterben, weil ihr die Eurigen ver⸗
ſorgt wiſſet, nicht wahr? Und worauf trauet

ihr dabei?

S. Auf die Geſellſchaften, auf was ſonſt?

Ich. Wiſſet ihr nicht das erſte Gebot? Wir
ſollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und
vertrauen? Warum vertrauet ihr Gott
nicht?

S. Man muß ſich auf Gott und auf Men⸗
ſchen verlaſſen.

. Wo ſteht das geſchrieben?

S. Ich weiß nicht, aber es wird wohl irgend⸗
wo ſiehen.

Ich. Ja, es ſtehet irgendwo, nur nicht in
Gottes Wort; denn Gottes Wort ſpricht deut⸗
lich und ſchrecklich: Verflucht iſt der
Mann, der ſich auf Menſchen ver⸗
läßt. Jer. 17, 5. Verflucht, verflucht — der
ſich auf Menſchen verläßt und hält Fleiſch für
ſeinen Arm! Ihr werdet euren Weibern und
Kindern alſo den Fluch ſtatt des Segens ver⸗
erben.

S. Wenn Sie wüßten, wie jammervoll arme
verlaſſene Wittwen und Waiſen in dieſem Lande
umhergehen. Ich habs geſehen, ich habe das
Schrecklichſte geſehen, ich habe mich überzeugt.

Ich. Waren es vielleicht eben ſolche, die von
ihren verſtorbenen Bätern und Gatten den Fluch
ſtatt des Segens erbten? Gott ſucht die Kin⸗
der um die Miſſethat der Väter heim bis ins
dritte und vierte Glied, wenn ſowohl Väter als
Kinder ihn haſſen. Dagegen ſpricht Gottes
Wort: Des gerechten Same ſoll nicht nach Brod
gehen (dürfen). Pſ. 37, 25.

S. Kurz, ich hab's geſehen; vor ſolchem na⸗
menloſen Elend meine Familie zu ſchützen, iſt
meine heiligſte Pflicht.

Ich. Auf gottwohlgefällige Weiſe ja, aber
nicht ſo, daß man mit Juden und Chriſtusver⸗
ächtern einen geheimen Bruderbund eingeht, ei⸗
nen heidniſchen Gott anbetet, ſeinen Gott ver⸗
läugnet, und auf Geld und Menſchenhülfe mehr
vertraut als auf Gott. Glaubt ihr nicht, daß
eure Wittwen und Waiſen von Gott ebenſo
reichlich und tauſendmal reichlicher verſorgt wer⸗
den als von euren Geſellſchaften?

S. Nein, das glauben wir nicht.

Ich. Wie? Was: Wiſſet ihr, wie die heil.

Schrift eine ſolche Geſinnung nennt? Unglau⸗

ben. Und was darauf ſteht? die Verdammniß.

Wer nicht glaubt wird verdammt werden. Mare.
16, 16.
S. Was? Sie dürfen mich noch nicht ver—

dammen:
Ich. Nicht ich, Gottes Wort verdammt dich!

mit ſolchem offenbaren, ausgeſprochenen heidni⸗
ſchen Unglauben!

S. In der Schrift ſteht auch manches, was
nicht wahr iſt.

O. Ja, Vieles, was nicht wahr iſt.

Ich. Nun, meine Freunde, jetzt bin ich fertig
mit euch. Ich dachte, euch läge daran, daß eure
geheimen Geſellſchaften nicht gegen Gottes Wort
wären. Jetzt ſehe ich, daß dieſes Alles eine
Lüge war, daß ihr gar nichts nach Gottes Wort
fragt und es nicht für Gottes Wort, ſondern
für Lügen haltet. Warum habt ihr mich denn
zu einem Prediger des göttlichen Wortes berufen.
Da ihr einmal in bodenloſem Unglauben er⸗
ſoffen ſeid? Wo wollt ihr im Tode mit euren
armen Seelen hin?

O. Wo die Andern hinkommen will ich auch
hin. Komme ich nicht in den Himmel, ſo will
ich nicht einmal hinein.

Ich. Gut, ich habe es euch heſag, ich habe,
Gemeinden ein großer Mangel an Erkenntniß

meine Seele gerettet.

Die vier Abgeordneten ſtehen auf und ſprechen
lächelnd: „Wir gedenken die Unſrigen auch zu
retten“; und gehen weg.

„Die Kirche mag nächſten Sonntag geſchloſ⸗

ſen bleiben! —“ das waren gegenſeitig die letz

ten Worte.

Lleber Leſer!

Wenn dir noch nicht gegraut hat vor dem
finſteren Übel der geheimen Geſellſchaften, lies
dieſes und laß dir grauen. Dieſe vier Männer
waren unter den beſten, d. i. äußerlich theilneh—
mendſten Gliedern der ganzen Gemeinde; welch
einen Blick laſſen ihre Reden thun in jene Werke
der Finſterniß, und in die geheime Macht des
Satans, welche er als König und Fürſt über
eine ſolche Rotte ausübt. Mir bangt für jede
Seele, die in dieſen Netzen wandelt. Der barm⸗
herzige Gott erkenne die Seinen und rette ſeine
Auserwählten. Denn was verloren gehen will,
muß doch einmal in den Höllengrund.

G. Schaller, Pf.

N

(Eingeſandt von P Keyl.)
Die alten bewährten Maßregeln der
luth. Kirche a reichlichen Ubung des
Wortes Gottes.

Die nächſte Veranlaſſung dieſen Gegenſtand
für den „Lutheraner“ zu bearbeiten, gab ein
Aufſatz des Herrn Superintend. Dr. Kliefoth
im Mecklenburg. Kirchenb. v. J. 1846 über
Predigt und Katecheſe in der Vergangenheit und
Gegenwart der luther. Kirche. Der reiche In⸗
halt dieſes Aufſatzes, die faſt durchgängige Gleich⸗
heit der kirchlichen lebelſtände ſo wie der kirchli—
chen Heilmittel im alten und neuen Vaterlande,
die ſo nahe liegende Verpflichtung, daß beides
auch unſere Prediger und Gemeinden ernſilicher
und erfolgreicher zu Herzen nehmen möchten, ferner
der genaue Zuſammenhang dieſes Gegenſtandes
mit der alten bewährten Gottesdienſtordnung,

wovon im fünften Jabrgange des „Lutheraners“
die Rer de war, endlich der Wunſch, ſolche und
ähnliche Schriſten auf unſern amerikaniſchen
Boden verpflanzt zu ſehen — dieſes alles hat
mich bewöogen, den genannten Aufſatz in einen
möglichſt kurzen und unſern Verhältniſſen ange⸗
meſſenen Auszug zu bringen, wobei ich mir je⸗
doch erlaubt habe, hier und da eigene Bemer⸗
kungen einzuſtreuen. Der Umfang des Origi⸗
nalaufſatzes, der 130 Seiten beträgt, wird es
erklärlich machen, daß der Auszug daraus mehr

als eine Nummer dieſes Blattes einnimmt.

Hoffentlich werden ſich dadurch die Leſer nicht
abſchrecken laſſen und die Mühe des Schreibens
doch wenigſtens der Mühe des Leſens nicht für
unwerth achten“ Doch nun zur Sache!

Wenn wir mit Freuden wahrnehmen, wie ſich
an ſo manchen Orten ein Verlangen nach dem
Worte Gottes kund thut, ſo dürfen wir uns doch
auch nicht verhehlen, daß noch in den meiſten

des Wortes Gottes und inſonderheit der rechen
Laienbibel, nämlich des Catechismus wahrzu⸗
nehmen ſei, denn die meiſten der hier Eingewan⸗
derten kommen aus ſolchen Ländern, in denen
ſolche Erkenntniß planmäßig verhindert wurde,
wie da geſchah, wo der Rationalismus und
die falſche Union feſten Fuß gefaßt hatten;
andere, in deren früherer Heimath ſich noch der
Gebrauch alter Agenden, Geſang- und anderer
Erbauungsbücher erhalten hat, bringen wenig—
ſtens noch einen Reſt einer freilich ſehr ungenü⸗
genden Erkenntniß mit herüber; bei Einigen iſt
noch Gott zu danken, wie der fromme Fürſt
Georg von Anhalt in ſeinen Predigten ſagt, daß
gleichwohl die Eltern und ſonderlich die lie—

ben Mütter die vornehmſten Hauspfarrer und

Biſchöfe geblieben, durch welche die Artikel
des Glaubens und das Gebet erhalten worden;
ſonſt der Pfarrer halben wäre es faſt alles erlo⸗
ſchen. Einige hat Gott durch fromme Prediger
oder andere Freunde aus ihrem Sündenſchlafe
aufgeweckt, ſie zu dem Verlangen gebracht, an⸗
dere und neue Menſchen zu werden und deßhalb
auch fleißiger in der Bibel zu leſen. Ein nicht
geringer Theil aber fragt verächtlich: „was
Bibel, was Catechismus? das kommt alles
aus früheren finſtern Jahrhunderten; wir wiſ—
ſens jetzt beſſer und wollen mit der Zeit fort—
ſchreiten.“ Viele gehen in ſtarrer Gleichgültig⸗
keit dahin; ſie hören wohl zuweilen eine Predigt,
allein ſie halten dies eben ſchon für hinlänglich,
um ein Chriſt zu ſein; ihr Leben beſſern ſie nicht
darnach, ſondern bleiben Jahr aus Jahr ein
dieſelben Leute; „der eine ſchafft dies, der an⸗
dere das, ſeiner armen Stele er gar vergaß!“
Roch andere endlich, die einige zuſammengeraffte
Sprüche und Geſchichten der Bibel wiſſen und
raven ſchwatzen können, denken oder ſprechen
keck: was mir der Pfarrer ſagen will, das weiß
ich ſchon lange, ja, wenn er predigt, weiß ich
ſchon im Voraus, was folgt.

Abgeſehen nun von alle dem, wodurch dieſer

klägliche Zuſtand des N Richtwiſſens oder des Ver⸗

kehrtwiſſens im neuen Vaterlande verbeſſert oder

verſchlimmert worden iſt und abgeſehen von de⸗

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