Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 20 › Seite 155

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-05-28, Seite 155

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Staatsſchule

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geworden ſein. Er gebrauchte aber dieſe Gabe,
um damit den innern Frieden der Kirche zu
fördern, Mißverſtändniſſe zu beſeitigen, Getrennte
wieder herbeizuführen, Zerwürfniſſe zu heilen.
Aber auch ſonſt bewies er ſich in ſeinem Amt als
ein Bote und Kind des Friedens. Schon nach
ſeinem Naturell war er von den Zornaufwallun⸗
gen des choleriſchen Temperaments frei, und
durch die Gnade Chriſti konnte er die Böſen mit
Sanftmuth tragen. Um ſtreitende Partheien zu
verſöhnen, konnte er faſt ganze Tage lang ſeine
Kraft in ermahnender und vermittelnder Rede
verzehren, und es war ihm eine große Freude,
wenn es ihm endlich gelang, Friede zu ſtiften.
Selig ſind die Friedfertigen (die Friedeſtifter),
denn ſie werden Gottes Kinder heißen! das wird
auch an unſerm Löber erfüllt werden. Eben ſo
wußte er auch der abgeirrten Schafe ſich anzu⸗
nehmen und ſie durch wiederholte freundliche Er⸗
mahnung zur Heerde zurückzuführen. Dabei
hatte er wohl Acht auf die Lehre und widerſtand
den falſchen Geiſtern aller Art, die in die Ge⸗
meinden Chriſti einzubrechen ſuchen; nach Got⸗
tes Gebot ſchied er ſich von allem vertraulichen
Umgang mit ihnen, obwohl er die allgemeine
Liebe zu üben nie unterließ und in ſeinem Haus⸗
gottesdienſt täglich für alle Menſchen betete.
Dagegen hielt er fleißig und treulich Gemein—
ſchaft mit allen, die den HErrn anrufen aus rei⸗
nem Herzen, 2 Tim. 2, 22. Den ältern Amts⸗
brüdern war er ein treuer, aufrichtiger Freund,
den jüngern dazu ein väterlicher Berather. Sein
gaſtfreies Haus ſtand ihnen zu jeder Zeit offen
ſo wie allen, die Herberge bedurften. Dem Geiz
war er heftig feind. Ein verſtorbener Freund
ſagte einſt ſcherzend von ihm: Löbern darf man
kein Geld anvertrauen, denn er weiß nicht damit
umzugehen, er gibt Alles wieder weg. Wie viel
er an den Armen ſeiner Gemeinden in Deutſch⸗
land gethan, wie er der Kinder ärmerer Freunde,
inſonderheit ſeiner Pathen, ſich angenommen, das
wird vor Gott und Menſchen unvergeſſen bleiben.
Und als er ſelbſt nach ſeiner Ankunft in Amerika
faſt verarmt war, theilte er doch mit treuem Her⸗
zen (Tob. 4, 9.) von dem Wenigen mit, was er
hatte, und fing bald wieder an reichlicher mitzu⸗
theilen, ſo wie ſeine Einkünfte wieder zunahmen.
Eine Tochter ſeines mit ihm aus Eichenberg aus⸗
gewanderten Amtsrichters, des wenige Tage vor
ihm ſelig verſtorbenen Wunderlich, nahm er an
Kindes Statt in ſein Haus und pflegte das an⸗
fangs ſehr ſchwächliche Kind wie ſein eigenes.
Auch in die Ferne ließ er ſeine Bächlein aus⸗
fließen, ſammelte für Miſſionen und dürftige
Glaubensgenoſſen und hielt auch ſeine Haus⸗
und Kirchgemeinde zu ſolchen Liebeswerken an.
Daß er hart und eigennützig bei der Einnahme
ſeiner Beſoldung ſich bewieſen, deſſen wird wohl
auch kein Feind ihn zu beſchuldigen wagen. In
jeder Hinſicht hielt er ſich mäßig, war gelinde
und nachgebend, ſo lange er mit gutem Gewiſſen
konnte, wußte aber auch zu rechter Zeit Strenge
zu gebrauchen. Die Erziehung und der Unter⸗
richt ſeiner drei Kinder, die er zärtlich liebte, lag

ihm als eine Hauptſorge immer auf dem Herzen.

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Er wußte dabei den rechten Mittelweg zwiſchen
ſcheumachender Strenge und ſchlaffer Nachſich⸗
tigkeit wohl zu treffen, ſuchte ſie vor gefährlichem
Umgang möglichſt zu verwahren und zu allen
chriſtlichen Tugenden anzuleiten. Mit ſeinen
Kirchkindern ging er nach der Anweiſung
St. Pauli 1 Tim. 5., deren Alter und Geſchlecht
berückſichtigend, liebreich und vorſichtig um. Es
war ihm eine Freude, bei den Beichtanmeldungen
ganze Tage mit Berathung, Ermahnung. Trö⸗
ſtung und Unterweiſung der einzelnen Seelen hin⸗
zubringen. Von Kindheit an zu feinen, an⸗
ſtändigen Sitten gewöhnt, die durch die Gnade
dann geheiligt waren, wußte er Jedem mit
freundlichen, beſcheidenen Worten ans Herz zu
reden. Er that nichts nach Gunſt, ſuchte keine
Partei für ſich in der Gemeinde zu werben, ſon⸗
dern ſah ſich als Schuldner und Diener aller an,
daher er auch bei ſeinen ſo lehrhaftigen und ge⸗
ſegneten Hausbeſuchen keine Familie hintanſetzte.
Des Gebetes und der Fürbitte für alle ſeine
Schafe wartete er fleißig in ſeinem Kämmerlein
und in dem täglichen Hausgottesdienſt. Wer von
allen, die in ſeinem Hauſe aus- und eingingen,
denkt nicht an die wohlausgewählten Feſtpredigten
und Schrifterklärungen, die er vorlas, an die
ſtete Wiederholung des Katechismus auch mit
ſeinen erwachſenen Kindern, an die ſchönen Lie⸗
der, die er anſtimmen ließ, an die flehenden, alle
gegenwärtige Noth der Einzelnen und der gan⸗
zen Kirche dem HErrn vortragenden Gebete in
dieſem patriarchaliſchen Hausgottesdienſte mit
wehmüthig angenehmer Erinnerung zurück? Wer
von allen, die ſein häusliches Leben näher ge⸗
kannt, gedenkt nicht an die Geduld in ſeinen
Leibesſchwachheiten, an die Anſpruchloſigkeit bei
ſeinen leiblichen Bedürfniſſen, an die Demuth in
ſeinen Aeußerungen über ſich ſelbſt? Wem
ſchwebt das ganze Bild ſeines ſittigen, liebreichen,
gottſeligen, von Morgens bis in die Nacht uner⸗
müdlich thätigen Lebens nicht noch vor Augen?
Vergleichen wir das Bild eines chriſtlichen Bi⸗
ſchofs, wie es unſer Erzhirte Chriſtus ſelbſt
Luc. 12. und St. Paulus 1 Tim. 3., Tit. 1.
und St. Petrus 1 Petri 5. uns vorgezeichnet,
mit dem Bild des ſeligen Löber in ſeinem Wandel
und Amtsführung, ſo werden wir keinen Zug an⸗
treffen, den nicht dieſer treue und kluge Knecht in

ſeinem Leben und Weben darzuſtellen bemüht ge⸗

weſen wäre.

Doch iſt in dieſer verſuchten Zeichnung ſeines
Bildes noch ein Zug übrig, ohne welchen dieſe
Zeichnung keine nur einigermaßen vollſtändige,
ja ohne welchen ſie eher einer römiſchen Legende
oder heidniſchem Panegyrikus ähnlich ſchiene, es
iſt — der Streit des Geiſtes gegen das Fleiſch.
Alle, die Chriſto angehören, müſſen ja davon zu
ſagen wiſſen, wie viel mehr die Lehrer, die in
jevem Streit an der Spitze ſtehen ſollen! Auch
ſie haben dieſen Feind, das ſündliche Fleiſch, hier
noch nicht völlig überwunden. Scheint auch der
Dornbuſch der Selbſtſucht über der Erde ganz

abgehauen und verbrannt, ſo bleiben doch in dem
unterſten Boden des Herzens neutreibende, wu⸗
chernde Wurzeln zurück. Je nach ſeiner Her⸗

kunft, Erziehung, Temperament und äußern Lage
hat auch jeder Prediger ſeine beſondern innern
Verſuchungen und Neigungen zur Sünde, die
auch äüßerlich in Uebereilungs- und Schwach⸗
heitsſünden bisweilen zu ſpüren ſind. Ein Pre⸗
diger von choleriſchem Temperament wird oft
verſucht werden, gebieteriſch zu herrſchen, zornig
und eigenſinnig zu ſein; ein Prediger ſanguini⸗
ſchen Temperaments wird verſucht werden, durch
natürliche oder gefärbte Sanftmuth und Demuth
die Seelen an ſich zu ziehen und ſich einen An⸗
hang zu machen; ein Prediger, mehr durch An⸗
regung des Ehrgefühls als ſtrenge Zucht erzogen,

wird mit viel Empfindlichkeit bei Beleidigungen

und geringſchätziger Behandlung zu kämpfen ha⸗
ben; ein Prediger aus einem alten Stamm hoch⸗
geſtellter, berühmter Kirchendiener, gleichſam aus
prieſterlichem Adel entſproſſen, wird viel wider
die Neigung zu ſtreiten haben, ſeines Amtes
Gewalt zu weit auszudehnen, über die Gewiſſen
zu herrſchen, durch äußerliche Dinge, Kleider,
Ceremonien und dergleichen imponiren zu wol⸗
len, ſtatt in Einfalt des Herzens das allezeit
kräftige Wort Gottes vorzuhalten. Auch unſer
Löber hatte ſolche innere Kämpfe zu beſtehen.
Beſonders machte die durch Temperament und
Erziehung bewirkte Empfindlichkeit ihm viel zu
ſchaffen, wie er ſelbſt oft klagte. Aber er klagte
und bekannte nicht blos ſeine Sünde, er wachte
auch, betete, kämpfte, nahm brüderliche Zurecht⸗
weiſung an, und ſuchte Gerechtigkeit und Stärke
in dem heiligen Worte Gottes, in der heiligen
aus dieſem Wort geſchöpften Abſolution, und bei
dem gnadenreichen Tiſch des HErrn, der uns
wider alle innere und äußere Feinde bereitet iſt.
Fern ſei es daher von uns, an dem nun Vollen⸗
deten irre zu werden, wenn uns die an ihm bis⸗
weilen bemerkten ſündlichen Gebrechen ins Ge⸗
dächtniß kämen! Noch ferner aber ſei es, mit
vermeſſenem Urtheil, der argen Welt gleich, ihn
der Heuchelei im Grabe noch zu beſchuldigen!
Nein, er war abgewaſchen, er war geheiligt, er
war gerecht geworden durch den Namen des HErm
IEſu und durch den Geiſt unſers Gottes.
Darum bedurfte er nur noch, „daß er die Füße
waſche“. Und das hat er auch ſelbſt gethan an
ſich, und hat ſolchen Dienſt angenommen von
den Händen der Brüder und darum hat er
auch die Treue und Gerechtigkeit ſeines Gottes
erfahren, der ihm die Sünde vergeben und ihn
als eine fruchtbringende Rebe an dem Weinſtock
ſeines Sohnes gereinigt hat von aller Untugend.
Und wie er getragen das Bild des irdiſchen
Adam, ſo wird er auch tragen das Bild des
himmliſchen.

Dieſes Bild des irdiſchen Adam, das unſer
Löber unter uns und mit uns trug, ließ ihn uns
erblicken als einen Mann von mehr als mittler
Größe, ſchmächtigem doch feſtem Körperbau;
ſein Geſicht war länglich, früher von röthlicher,
ſpäter blaßgelblicher Farbe, ſein Auge hellbiau,
ſein Haar dunkelbraun. In ſeinen gewöhnlichen
Zügen lag ruhige Bedachtſamkeit und freundliche
Milde; ſie konnten ſich aber ſchnell in ſtrafenden,
faſt ſchreckenden Ernſt und trauernde Wehmuth

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