# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 05 28_S155 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) geworden ſein. Er gebrauchte aber dieſe Gabe, um damit den innern Frieden der Kirche zu fördern, Mißverſtändniſſe zu beſeitigen, Getrennte wieder herbeizuführen, Zerwürfniſſe zu heilen. Aber auch ſonſt bewies er ſich in ſeinem Amt als ein Bote und Kind des Friedens. Schon nach ſeinem Naturell war er von den Zornaufwallun⸗ gen des choleriſchen Temperaments frei, und durch die Gnade Chriſti konnte er die Böſen mit Sanftmuth tragen. Um ſtreitende Partheien zu verſöhnen, konnte er faſt ganze Tage lang ſeine Kraft in ermahnender und vermittelnder Rede verzehren, und es war ihm eine große Freude, wenn es ihm endlich gelang, Friede zu ſtiften. Selig ſind die Friedfertigen (die Friedeſtifter), denn ſie werden Gottes Kinder heißen! das wird auch an unſerm Löber erfüllt werden. Eben ſo wußte er auch der abgeirrten Schafe ſich anzu⸗ nehmen und ſie durch wiederholte freundliche Er⸗ mahnung zur Heerde zurückzuführen. Dabei hatte er wohl Acht auf die Lehre und widerſtand den falſchen Geiſtern aller Art, die in die Ge⸗ meinden Chriſti einzubrechen ſuchen; nach Got⸗ tes Gebot ſchied er ſich von allem vertraulichen Umgang mit ihnen, obwohl er die allgemeine Liebe zu üben nie unterließ und in ſeinem Haus⸗ gottesdienſt täglich für alle Menſchen betete. Dagegen hielt er fleißig und treulich Gemein— ſchaft mit allen, die den HErrn anrufen aus rei⸗ nem Herzen, 2 Tim. 2, 22. Den ältern Amts⸗ brüdern war er ein treuer, aufrichtiger Freund, den jüngern dazu ein väterlicher Berather. Sein gaſtfreies Haus ſtand ihnen zu jeder Zeit offen ſo wie allen, die Herberge bedurften. Dem Geiz war er heftig feind. Ein verſtorbener Freund ſagte einſt ſcherzend von ihm: Löbern darf man kein Geld anvertrauen, denn er weiß nicht damit umzugehen, er gibt Alles wieder weg. Wie viel er an den Armen ſeiner Gemeinden in Deutſch⸗ land gethan, wie er der Kinder ärmerer Freunde, inſonderheit ſeiner Pathen, ſich angenommen, das wird vor Gott und Menſchen unvergeſſen bleiben. Und als er ſelbſt nach ſeiner Ankunft in Amerika faſt verarmt war, theilte er doch mit treuem Her⸗ zen (Tob. 4, 9.) von dem Wenigen mit, was er hatte, und fing bald wieder an reichlicher mitzu⸗ theilen, ſo wie ſeine Einkünfte wieder zunahmen. Eine Tochter ſeines mit ihm aus Eichenberg aus⸗ gewanderten Amtsrichters, des wenige Tage vor ihm ſelig verſtorbenen Wunderlich, nahm er an Kindes Statt in ſein Haus und pflegte das an⸗ fangs ſehr ſchwächliche Kind wie ſein eigenes. Auch in die Ferne ließ er ſeine Bächlein aus⸗ fließen, ſammelte für Miſſionen und dürftige Glaubensgenoſſen und hielt auch ſeine Haus⸗ und Kirchgemeinde zu ſolchen Liebeswerken an. Daß er hart und eigennützig bei der Einnahme ſeiner Beſoldung ſich bewieſen, deſſen wird wohl auch kein Feind ihn zu beſchuldigen wagen. In jeder Hinſicht hielt er ſich mäßig, war gelinde und nachgebend, ſo lange er mit gutem Gewiſſen konnte, wußte aber auch zu rechter Zeit Strenge zu gebrauchen. Die Erziehung und der Unter⸗ richt ſeiner drei Kinder, die er zärtlich liebte, lag ihm als eine Hauptſorge immer auf dem Herzen. 1⁵⁴ Er wußte dabei den rechten Mittelweg zwiſchen ſcheumachender Strenge und ſchlaffer Nachſich⸗ tigkeit wohl zu treffen, ſuchte ſie vor gefährlichem Umgang möglichſt zu verwahren und zu allen chriſtlichen Tugenden anzuleiten. Mit ſeinen Kirchkindern ging er nach der Anweiſung St. Pauli 1 Tim. 5., deren Alter und Geſchlecht berückſichtigend, liebreich und vorſichtig um. Es war ihm eine Freude, bei den Beichtanmeldungen ganze Tage mit Berathung, Ermahnung. Trö⸗ ſtung und Unterweiſung der einzelnen Seelen hin⸗ zubringen. Von Kindheit an zu feinen, an⸗ ſtändigen Sitten gewöhnt, die durch die Gnade dann geheiligt waren, wußte er Jedem mit freundlichen, beſcheidenen Worten ans Herz zu reden. Er that nichts nach Gunſt, ſuchte keine Partei für ſich in der Gemeinde zu werben, ſon⸗ dern ſah ſich als Schuldner und Diener aller an, daher er auch bei ſeinen ſo lehrhaftigen und ge⸗ ſegneten Hausbeſuchen keine Familie hintanſetzte. Des Gebetes und der Fürbitte für alle ſeine Schafe wartete er fleißig in ſeinem Kämmerlein und in dem täglichen Hausgottesdienſt. Wer von allen, die in ſeinem Hauſe aus- und eingingen, denkt nicht an die wohlausgewählten Feſtpredigten und Schrifterklärungen, die er vorlas, an die ſtete Wiederholung des Katechismus auch mit ſeinen erwachſenen Kindern, an die ſchönen Lie⸗ der, die er anſtimmen ließ, an die flehenden, alle gegenwärtige Noth der Einzelnen und der gan⸗ zen Kirche dem HErrn vortragenden Gebete in dieſem patriarchaliſchen Hausgottesdienſte mit wehmüthig angenehmer Erinnerung zurück? Wer von allen, die ſein häusliches Leben näher ge⸗ kannt, gedenkt nicht an die Geduld in ſeinen Leibesſchwachheiten, an die Anſpruchloſigkeit bei ſeinen leiblichen Bedürfniſſen, an die Demuth in ſeinen Aeußerungen über ſich ſelbſt? Wem ſchwebt das ganze Bild ſeines ſittigen, liebreichen, gottſeligen, von Morgens bis in die Nacht uner⸗ müdlich thätigen Lebens nicht noch vor Augen? Vergleichen wir das Bild eines chriſtlichen Bi⸗ ſchofs, wie es unſer Erzhirte Chriſtus ſelbſt Luc. 12. und St. Paulus 1 Tim. 3., Tit. 1. und St. Petrus 1 Petri 5. uns vorgezeichnet, mit dem Bild des ſeligen Löber in ſeinem Wandel und Amtsführung, ſo werden wir keinen Zug an⸗ treffen, den nicht dieſer treue und kluge Knecht in ſeinem Leben und Weben darzuſtellen bemüht ge⸗ weſen wäre. Doch iſt in dieſer verſuchten Zeichnung ſeines Bildes noch ein Zug übrig, ohne welchen dieſe Zeichnung keine nur einigermaßen vollſtändige, ja ohne welchen ſie eher einer römiſchen Legende oder heidniſchem Panegyrikus ähnlich ſchiene, es iſt — der Streit des Geiſtes gegen das Fleiſch. Alle, die Chriſto angehören, müſſen ja davon zu ſagen wiſſen, wie viel mehr die Lehrer, die in jevem Streit an der Spitze ſtehen ſollen! Auch ſie haben dieſen Feind, das ſündliche Fleiſch, hier noch nicht völlig überwunden. Scheint auch der Dornbuſch der Selbſtſucht über der Erde ganz abgehauen und verbrannt, ſo bleiben doch in dem unterſten Boden des Herzens neutreibende, wu⸗ chernde Wurzeln zurück. Je nach ſeiner Her⸗ kunft, Erziehung, Temperament und äußern Lage hat auch jeder Prediger ſeine beſondern innern Verſuchungen und Neigungen zur Sünde, die auch äüßerlich in Uebereilungs- und Schwach⸗ heitsſünden bisweilen zu ſpüren ſind. Ein Pre⸗ diger von choleriſchem Temperament wird oft verſucht werden, gebieteriſch zu herrſchen, zornig und eigenſinnig zu ſein; ein Prediger ſanguini⸗ ſchen Temperaments wird verſucht werden, durch natürliche oder gefärbte Sanftmuth und Demuth die Seelen an ſich zu ziehen und ſich einen An⸗ hang zu machen; ein Prediger, mehr durch An⸗ regung des Ehrgefühls als ſtrenge Zucht erzogen, wird mit viel Empfindlichkeit bei Beleidigungen und geringſchätziger Behandlung zu kämpfen ha⸗ ben; ein Prediger aus einem alten Stamm hoch⸗ geſtellter, berühmter Kirchendiener, gleichſam aus prieſterlichem Adel entſproſſen, wird viel wider die Neigung zu ſtreiten haben, ſeines Amtes Gewalt zu weit auszudehnen, über die Gewiſſen zu herrſchen, durch äußerliche Dinge, Kleider, Ceremonien und dergleichen imponiren zu wol⸗ len, ſtatt in Einfalt des Herzens das allezeit kräftige Wort Gottes vorzuhalten. Auch unſer Löber hatte ſolche innere Kämpfe zu beſtehen. Beſonders machte die durch Temperament und Erziehung bewirkte Empfindlichkeit ihm viel zu ſchaffen, wie er ſelbſt oft klagte. Aber er klagte und bekannte nicht blos ſeine Sünde, er wachte auch, betete, kämpfte, nahm brüderliche Zurecht⸗ weiſung an, und ſuchte Gerechtigkeit und Stärke in dem heiligen Worte Gottes, in der heiligen aus dieſem Wort geſchöpften Abſolution, und bei dem gnadenreichen Tiſch des HErrn, der uns wider alle innere und äußere Feinde bereitet iſt. Fern ſei es daher von uns, an dem nun Vollen⸗ deten irre zu werden, wenn uns die an ihm bis⸗ weilen bemerkten ſündlichen Gebrechen ins Ge⸗ dächtniß kämen! Noch ferner aber ſei es, mit vermeſſenem Urtheil, der argen Welt gleich, ihn der Heuchelei im Grabe noch zu beſchuldigen! Nein, er war abgewaſchen, er war geheiligt, er war gerecht geworden durch den Namen des HErm IEſu und durch den Geiſt unſers Gottes. Darum bedurfte er nur noch, „daß er die Füße waſche“. Und das hat er auch ſelbſt gethan an ſich, und hat ſolchen Dienſt angenommen von den Händen der Brüder und darum hat er auch die Treue und Gerechtigkeit ſeines Gottes erfahren, der ihm die Sünde vergeben und ihn als eine fruchtbringende Rebe an dem Weinſtock ſeines Sohnes gereinigt hat von aller Untugend. Und wie er getragen das Bild des irdiſchen Adam, ſo wird er auch tragen das Bild des himmliſchen. Dieſes Bild des irdiſchen Adam, das unſer Löber unter uns und mit uns trug, ließ ihn uns erblicken als einen Mann von mehr als mittler Größe, ſchmächtigem doch feſtem Körperbau; ſein Geſicht war länglich, früher von röthlicher, ſpäter blaßgelblicher Farbe, ſein Auge hellbiau, ſein Haar dunkelbraun. In ſeinen gewöhnlichen Zügen lag ruhige Bedachtſamkeit und freundliche Milde; ſie konnten ſich aber ſchnell in ſtrafenden, faſt ſchreckenden Ernſt und trauernde Wehmuth