Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 6 › Seite 42

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-11-14, Seite 42

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Leutheriſce airhe · Papſttum 6

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welche gegenwärtig die Wahrheit erkennen und
bekennen, ob ſie auch bis an das Ende ſtandhaft
darinnen beharren werden, und deßwegen betet er
nicht allein für ſie Alle, ſondern er thut auch, was
er kann, um den geliebten Glaubensgenoſſen
jeden Feind anzuzeigen, welcher ihren Seelen auf—
lauert, und ſie bei Zeiten zu warnen. Wenn
demnach der „Lutheraner“ ſeine Leſer mit den
Abſichten und Grundſätzen der Jeſuiten hin und
wieder bekannt zu machen ſucht, ſo hat dies in
nichts Anderem ſeinen Grund, als in treuer Liebe
und Sorge für ihre Seelen, denn je weniger man
einen Feind kennt, deſto größer iſt die Gefahr, von
ihm übervortheilt zu werden. Je nachdem Zeit
und Gelegenheit es geben, werden daher nach wie
vor einige Mittheilungen über die Jeſuiten und
ihre Weiſe gemacht werden, um die Leſer des
„Lutheraners“ darüber nicht in Unkenntniß zu
laſſen. Auf den Dank, welchen die katholiſche
Kirchen-Zeitung dafür verſpricht, werden wir
nachher kommen. Zunächſt müſſen wir noch einen
andern Punkt berückſichtigen.
Die katholiſche Kirchen-Zeitung ſtellt nämlich
die Forderung, man ſolle, wenn einzelne Jeſuiten
ſolche Sätze aufgeſtellt hätten, die nach Form und
Inhalt nicht zu billigen wären, darthun, daß die
römiſche Kirche ſelbſt dergleichen lehre und den
Ihrigen einpräge. Dieſe Forderung, wenn ſie
an diejenigen geſtellt wird, welche die Grundſätze
der Jeſuiten der ganzen römiſchen Kirche zuſchrei⸗
ben, iſt gerecht; aber es iſt dieſer Forderung auch
ſchon verſchiedentlich Genüge geſchehen, denn es
ſind, um nur ein Beiſpiel anzuführen, im „Lu⸗
theraner“, Jahrg. 4, 20. und 21., die Lehren und
Grundſätze der Jeſuiten aus Büchern angeführt,
welche nicht allein die biſchöfliche Beſtätigung
haben, ſondern auch in den Schulen als Lehr⸗
bücher eingeführt ſind; und überdies iſt ja der
Jeſuitenorden mit ſammt ſeinen Grundſätzen vom
Pabſte beſtätigt, hat alſo nach römiſch-katholiſchem

Begriffe die vollſtändigſte kirchliche Anerkennung,

welche er ſich nur immer wünſchen kann. Daher
fallen denn auch alle theologiſchen Lehrſchriften
der Jeſuiten der römiſchen Kirche zur Laſt, ſo
lange dieſelbe ſie nicht ausdrücklich verwirft. —
Die katholiſche Kirchen-⸗Zeitung bemüht ſich nun
zwar, die Sache ſo darzuſtellen, als wenn in der
römiſchen Kirche der Kirchenglaube die ewig un⸗
veränderliche Richtſchnur ſei, nach welcher jede
Schrift und jeder Satz, auch des gelehrteſten
Katholiken, beurtheilt werden müſſe, während die
lutheriſche Kirche einer ſolchen unveränderlichen
Richtſchnur ermangele und daher von den jedes⸗
maligen Meinungen und Anſichten einzelner her⸗
vorragender Männer abhänge. Allein die Sache
verhält ſich gerade umgekehrt. Denn in der rö⸗
miſchen Kirche ſteht die letzte und unbedingt an⸗
zunehmende Entſcheidung in Glaubensſachen nicht
bei dem gemeinſamen Kirchenglauben, ſondern

bei dem für unfehlbar gehaltenen Pabſte; dieſer

ſteht nicht allein über dem Kirchenglauben, ſon⸗
dern auch über der heiligen Schrift, denn nur
wie der Pabſt die kirchlichen Bekenntniſſe und die
heilige Schrift auslegt, ſo dürfen und müſſen
beide ausgelegt und verſtanden werden; folglich

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iſt es eigentlich der Pabſt, welcher den katholiſchen
Glauben macht, und von deſſen perſönlichen An⸗
ſichten es abhängt, was in der römiſchen Kirche
Kirchenlehre ſein ſoll oder nicht, und mindeſtens
ſo oft ein neuer Pabſt den biſchöflichen Stuhl in
Rom beſteigt, läuft der römiſche Kirchenglaube
Gefahr, irgend welche Aenderung zu erleiden, wie
man denn auf Verlangen übergenugſame Zeug⸗
niſſe beibringen könnte, daß die Päbſte ſich ein⸗
ander widerſprochen haben, und daß ſelbſt in
Glaubensſachen ſpätere Päbſte wieder aufgehoben
haben, was frühere aufgeſtellt hatten, oder auch
angeordnet und behauptet haben, was frühere ver⸗
weigert und verworfen hatten.“) Wenn freilich
jeder Pabſt durch ſeine Thronbeſteigung wirklich
unfehlbar und irrthumslos in Glaubensſachen
würde, wie die Papiſten behaupten, ſo wäre es
billig, auf ihn zu hören, aber jene Behauptung
wird weder von der katholiſchen Kirchen-Zeitung,
noch „von allen Ketzern in der ganzen Welt
ſammt dem Teufel ſelber“ jemals bewieſen wer⸗
den; und ſo lange dieſes nicht geſchieht, bleibt es
dabei, daß die römiſche Kirchenlehre von den per⸗
ſönlichen Anſichten desjenigen Menſchen, welcher
gerade den päbſtlichen Stuhl in Rom beſitzet,
mehr oder weniger abhängt, jener Menſch ſei nun
ſo klug oder ſo dumm, ſo fromm oder ſo gottlos,
als er immer ſein möge.

In unſerer lutheriſchen Kirche ſteht es aber,
Gott Lob, ganz anders; denn da iſt wirklich eine
einige unveränderliche Richtſchnur des Glaubens
und Lebens vorhanden und wird als ſolche an⸗
erkannt, das iſt das geſchriebene Wort Gottes,
und Alles, was von dieſer Richtſchnur des Glau⸗
bens und Lebens abweichet, das iſt von vornherein
von der lutheriſchen Kirche verworfen; was aber
mit derſelben übereinſtimmt, das erkennt ſie freu⸗
dig als ein Zeugniß der Wahrheit an, ſei es nun
von Dr. Luther oder von dem geringſten und un⸗
gelehiteſten Chriſten abgelegt. Weil nun Dr.
Luther mit ganz beſonderer Glaubensfülle und
Erkenntniß von Gott begnadigt war, ſo erweiſen
ſich auch ſeine Schriften, wenn ſie mit dem Worte
Gottes verglichen werden, als mit demſelben über⸗
einſtimmend, und werden um dieſer Uebereinſtim⸗
mung willen von Allen, welche das Wort Gottes
lieb haben, hoch gehalten. Daß aber eine Lehre
oder eine Behauptung darum, weil Dr. Luther
der Urheber derſelben ſei, ſchon ohne Weiteres
ſollte für wahr gelten müſſen, fällt keinem ver⸗
nünftigen Lutheraner ein, zu behaupten. Wenn
aber ſchon Luthers Lehren und Anſichten, deſſen
Dienſte doch, nächſt Gott, die Kirche ihre Erlöſung
von den Feſſeln der papiſtiſchen Finſterniß und
Tyrannei verdankt, nur ſofern Werth und Gel⸗
tung haben, als ſie mit dem Worte Gottes über—
einſtimmen, ſo gilt dies natürlich auch von jedem
Andern, der ſich zum Lehrer in der Kirche berufen
weiß oder aufwirft. Wenn daher Männer auf⸗
neten, welche den lutheriſchen Namen zum Deck—

*) Zeugniſſe und Beweiſe für dieſe Behauptung wer⸗
den wir natürlich nur in dem Falle im „Lutherauer“
veröffentlichen, wenn ſich die katholiſche Kirchen Zeitung
anheiſchig macht, dieſelben unverſtümmelt aufzunehmen,
da den Leſern des „Lutheraners“ wenig gedient ſein kann,

dergleichen Dinge in nähere Erfahrung zu bringen.

mantel machen, um darunter die Gedanken ihres

eignen Kopfes und Herzens in das Volk zu brin⸗ ö

gen, wie ja dieſes leider diesſeits und jenſeits des
Meeres mit ſchnödeſter Frechheit geſchehen iſt und

noch geſchieht; ſo haben alle ſolche, mit ſammt

denen, welche ſie verführen, von vornherein ihr
Urtheil, daß ſie von der lutheriſchen Kirche abge⸗
fallen ſind und den Namen Lutheraner fälſchlich
und angemaßter Weiſe führen. Die lutheriſcht
Kirche erkennt ſie nicht als ihre Glaubensbrüder
an, geht nicht mit ihnen zum Tiſche des HEnn

und macht überhaupt keinerlei Glaubensgemein⸗

ſchaft mit ihnen, ſondern ſtraft und verdammt ihre
Irrlehren, wenn auch der Haufe der Abtrünnigen
noch ſo groß iſt. Aber den Namen kann ſie
ihnen natürlich nicht mit Gewalt entreißen, ſon⸗
dern muß es dulden, daß die Wölfe dieſen Schafs⸗

pelz tragen, bis ein Stärkerer über ſie kommt und

ihnen denſelben abreißt. — Das Alles weiß dit
katholiſche Kirchen-Zeitung vielleicht auch, oder
ſollte es doch wenigſtens wiſſen, aber ihre elende,
bloß äußerliche Vorſtellung von der Kirche hat
ihr die Augen geblendet. Denn weil nach gre⸗
goriſcher Lehre die katholiſche Kirche ſo viel iſt als
die Summe aller der Menſchen, welche ſich katho⸗
liſch nennen und die äußerlichen Formen der
katholiſchen Kirche mitmachen, ſo wendet ſie die⸗
ſen armſeligen Begriff von Kirche auch auf die
lutheriſche Kirche an, und verſteht darunter die
Summe aller der Menſchen, welche ſich Luthe⸗
raner nennen. Es fehlt aber viel, daß dies witk⸗
lich die lutheriſche Kirche ſei; denn dieſe iſt viel⸗
mehr weſentlich nichts anders, als die eine,
heilige, chriſtliche Kirche, welche überhaupt
nur exiſtirt, d. h. ſie iſt die Verſammlung aller
wahrhaft Gläubigen und iſt kenntlich an der
reinen Predigt des Evangeliums und ſchriftgemä⸗

ßen Verwaltung der heiligen Sacramente. Sie

hat auch unter falſchgläubigen Gemeinſchaften
ihre Angehörigen, das ſind alle diejenigen, welcht
das Irrthümliche der Gemeinſchaft, der ſie dem
Namen nach angehören, nicht haben in ihr Herz
kommen laſſen, und die nur aus Mangel an kla⸗
rer Erkenntniß ihre falſchgläubige Gemeinſchaft
noch nicht verlaſſen haben. Sie trägt aber etli⸗
cher Orten gegenwärtig den Namen „Luthe⸗
riſche Kirche“, weil ihr öffentlich ausgeſprochenes
und in ihren Bekenntnißſchriften öffentlich vor⸗
liegendes Bekenntniß mit demjenigen Luthers
übereinſtimmt. Weſſen Glaube daher mit dem
Bekenntniſſe der lutheriſchen Kirche in bewußtem
Widerſpruch ſteht, der gehört weder zur lutheri⸗
ſchen, noch überhaupt zu der einen, heiligen, chriſt⸗
lichen Kirche, er mag ſich Lutheraner nennen oder
nicht; weſſen Glaube aber mit jenen öffentlichen
Bekenntnißſchriften übereinſtimmt, der gehört zu
der einen, heiligen, chriſtlichen Kirche

und daher auch zu der lutheriſchen, er mag nun

den Namen „lutheriſch“ haben oder nicht. Es
mögen daher tauſend und aber tauſend Menſchen
jenem Bekenntniſſe ihre Beiſtimmung verweigen,
ja es mögen tauſend und aber tauſend Menſchen
dasſelbe abgeworfen haben und jetzt anfeinden,
obſchon ſie vormal mit demſelben übereinſtimmten,
ſo kann dadurch die Kirche auf Erden wohl zeit⸗

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